Bildung

Honig aus Afghanistan: Mein Bienenprojekt

Anfang April waren meine Abschlussberichte für meine drei Organisationen und meine Zeugnisse für die Lehrlinge endlich geschrieben. Ich hatte nun Urlaub und etwa drei, vier Wochen Zeit, mich um mein privates Projekt zu kümmern: Eine Imkerinnen-Ausbildung, in Zusammenarbeit mit AFA.

Im Januar hatte ich zusammen mit einem anderen deutschen Unterstützer ein weiteres Gespräch mit Nadia gehabt. Peter, der Deutsche, war einer der Spendensammler von AFA und besonders von dem Bienenprojekt angetan. Deshalb haben wir eine Schreinerinnen-Ausbildung nicht mehr weiter verfolgt.

Abgesprochen war nun, dass ich mich die inhaltliche Vorbereitung kümmern sollte und um den Imkereibedarf, wie Bienenkästen und Honigschleuder. AFA sollte sich um den organisatorischen Rahmen kümmern, wie Ort und ausbildungswillige Frauen und außerdem um Bienenvölker. Stattfinden sollte das Ganze in Jallalabad, ab Anfang April und bis dahin wollten wir jeweils unseren Teil vorbereitet haben. Gefreut hat mich, dass ich von Karl Anders die Zusage bekam, während dieser Zeit im Gästehaus des Entwicklungsdienst in Jallalabad wohnen zu dürfen.

Von einer befreundeten Imkerin bekam ich aus Deutschland einiges Material über den Bau (und die Maße) von Bienenkästen (‚Beuten’) zugeschickt. Sie hatte auch herausgefunden, dass in Afghanistan zwar auch gelegentlich mit der europäischen Honigbiene geimkert wird, eigentlich aber eine andere Art heimisch ist. Ich war etwas entmutigt, als ich feststellen musste, dass diese Bieneart deutlich anders beimkert werden muss, als ich das in Deutschland gewohnt bin. Zum einen fliegt diese Biene nicht so weite Strecken, wie die europäische. Das bedeutet, dass sie doch nicht so gut von einem Hof aus betreut werden kann, sondern immer wieder auch zu den Orten gebracht werden muss, wo es gerade Tracht gibt (es blüht). Das wiederum macht es schwer für Frauen, Bienen zu halten. Die Völker dieser Bienenart sind kleiner, so dass auch die Beuten kleiner sein müssen, als in Europa üblich. Von dieser Freundin bekam ich auch kleinere Ausrüstungsgegenstände zugeschickt. Was noch fehlte, waren die Honigschleuder und die Beuten selbst, die zu groß waren, um sie zu schicken.

Für meinen Container hatte ich ein paar Schlosserarbeiten gebraucht und einen Schlosser gefunden, der mir die entsprechenden Teile gebaut hatte. Diesen Schlosser zu finden, war schwierig gewesen. Bei einem anderen Schlosser war ich immer nur wieder vertröstet worden, selbst eine Anzahlung hatte nichts genutzt. Nach einigem Hin und Her rückte er das Geld ein paar Tage später tatsächlich wieder heraus. Mit dem zweiten Schlosser war ich sehr zufrieden und nach ein paar Aufträgen begrüßten wir uns wie alte Bekannte. Besonders die kleinen Jungs, die vor seiner Werkstatt an irgendwelchen Metallstücken herumhämmerten, riefen mir schon von weitem zu, wenn sie mich kommen sahen.

Nur wenn meine Wünsche gar zu kompliziert waren, hatten mein Dari und meine Zeichnungen nicht ausgereicht. Einen durch die Luftzufuhr zum Ofen gekühlten Ofenrohrstutzen musste ich zum Beispiel wieder umbauen, weil er nicht so geworden war, dass ich ihn benutzen konnte.

Nach diesen Erfahrungen versuchte ich für das komplizierte Bienengeschirr jemanden zu finden, der entweder Englisch oder sogar Deutsch versteht. Die Holzarbeiten hätte ich gerne in meiner Werkstatt in Hezarak bauen lassen. Nach einigem Überlegen war mir aber klar, dass sich das aus verschiedenen Gründen verbat: Wie passen diese Bienenkästen in den Ausbildungsplan, den ich mir mit Einnullah zusammen ausgedacht hatte? Wer würde den Preis festlegen und wem müsste ich das Geld geben? Vor allem aber wollte ich den Anschein vermeiden, ich würde diese Ausbildung benutzen, um etwas für mich abzuzweigen.

Über mehrere Ecken hörte ich von einem christlichen Orden, der mit einigen Brüdern schon viele Jahre in Afghanistan arbeitet und sowohl eine Schlosserei als auch eine Schreinerei betreibt. Weinig später saß ich dann in der Nähe von Taimani bei einem Ehepaar. Andreas war ursprünglich ein Mitglied dieses Ordens gewesen, hatte dann aber Beate kennen gelernt. Beate war ebenfalls schon unter den Taliban für eine andere Hilfsorganisation nach Afghanistan gekommen.

Sie wohnten in einem kleinen Haus mit Garten mitten in Kabul, der Obstbaum blühte schon. Zu meiner Verwunderung war die Tür nicht abgeschlossen, das hatte ich bisher noch nicht erlebt. Andreas sagte nur: Früher war hier kaum eine Tür abgeschlossen. Plaudernd habe ich einen schönen Nachmittag bei ihnen verbracht. Als ich allerdings von AFA erzählte, wurde Beate ärgerlich: „Weißt du nicht mehr,“ meinte sie zu Andreas: „Das sind die Frauen, die uns alle mit ihren radikalen Aktionen während der Taliban-Zeit in Gefahr gebracht haben.“

Mit Andreas fuhr ich ganz in den Süden von Kabul, wo er unter anderem eine Schreinerei leitete. Das Gelände war enorm groß, die Schreinerei wegen Umbauarbeiten aber gerade in einem Verschlag untergebracht. Zusammen mit Andreas erklärte ich zwei sehr alten Schreinern, welche Art von Beuten ich haben wollte. Auch hier waren im Moment keine Maschinen in Betrieb, sondern alle Arbeit wurde von Hand gemacht. Als ich diesen alten Handwerkskollegen gegenüberstand, wurde ich sehr ehrfürchtig. Was diese runzeligen Hände wohl schon alles gebaut haben mögen, und was diese faltigen Gesichter schon alles gesehen?

Es stellte sich heraus, das beide auch schon Bienenbeuten gebaut hatten und so vereinbarte ich mit ihnen, dass sie zwei Kästen auf afghanische Art und drei Kästen nach meinen Zeichnungen fertigen sollten. Glücklicherweise war hier der Samstag immer Arbeitstag, so dass ich an mehreren Samstagen die fertigen Arbeiten begutachten konnte. Das war auch gut so, denn an den Beuten nach meinen Zeichnungen und den von Andreas übersetzten Erklärungen waren doch einige Fehler nach zu bessern. Selbst Andreas war manchmal erstaunt, wie wenig die beiden doch erfahrenen Schreiner verstanden hatten.

Einen dieser Samstage verbrachte ich damit, selbst den kompliziertesten Teil, das Bodenteil mit dem Einflugloch, zu bauen, damit sie für die beiden anderen Kästen eine Vorlage hatten. Wieder war ich überrascht, wie schnell das Arbeiten ohne Strom geht. Ganz stolz war ich, mitten unter diesen Kollegen zu arbeiten und mit ihnen zusammen Pause zu machen.

Wenn ich handwerklich arbeite, können sie sehen, dass ich nicht nur Aufträge oder Befehle erteilen kann. Ich bin mit ihnen auf einer Stufe, ein Schreinerkollege halt und das schafft eine andere Verbindung, eine andere Art der Verständigung. Ich genieße das sehr. Ich weiß, dass die Entwicklungshilfe mehr und mehr in die Richtung geht, möglichst weit oben an zu setzen. Nicht ausbilden, schon gar nicht selbst schreinern, sondern möglichst die Lehrer ausbilden, oder noch besser: die Lehrpläne für die Lehrerausbildung erarbeiten.

„Gibst Du einem Armen einen Fisch, so hat er einen Tag etwas zu essen. Lehre ihn fischen, so hat er ein Leben lang zu essen.“ Massiv gefördert wird dadurch aber das Herrenmenschen-Bild: Die Weißnasen wissen alles besser.

Schwieriger war es, die Honigschleuder bauen zu lassen. Thomas, der Ordensbruder, der für die Schlosserei verantwortlich war, war für einige Zeit in Deutschland und sollte erst gegen Ende April wieder zurück kommen. Andreas hat mir deshalb die private Schlosserei eines Mitarbeiters gezeigt.

Der war ein sehr fähiger Schlosser, aber die Arbeiten an der Schleuder zogen sich sehr in die Länge. Zum Glück war seine Schlosserei ganz in der Nähe des Entwicklungsdienst-Gästehauses, so dass ich oft hinfahren konnte. Das musste ich auch.

Termingerecht fertig geworden ist sie nicht. Das war auch nicht mehr nötig, denn Nadia hatte offensichtlich das Interesse an dem Bienenprojekt verloren. Ich habe mehrere Tage lang halbstündlich unter zwei Telefonnummern versucht, sie an zu rufen, aber außer zwei sehr kurzen Rückrufen („ich rufe Dich in einer halben Stunde noch einmal an“), hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihr.

Obwohl sie wusste, wo ich wohne und dass ich auf sie warte, auch das ganze Material schon hatte, schrieb sie später an Peter, es sei nicht möglich gewesen, mich zu finden. Sie sei davon ausgegangen, dass ich mit AFA nichts mehr zu tun haben wollte. Mir blieb nichts anderes übrig, als die ganzen Sachen zu einer anderen Hilfsorganisation zu bringen, von der ich gehört hatte, dass sie auch ein Bienenprojekt plante. Auch einen Imker konnte ich ihnen noch vermitteln.

Zu meiner großen Erleichterung bezahlte mir Ole van den Berg von ZIM das Bienenmaterial. Ich glaube, es war eine Anerkennung für meine Arbeit in Hezarak. Ich habe keine Ahnung, aus welchem Topf er das Geld bezahlen konnte, war ihm aber ausgesprochen dankbar.

Arnold erzählte mir, dass er unter anderem ein Tischlereiprojekt für Frauen betreut. War das also doch möglich! Eigentlich alle, die ich noch Deutschland als Afghanistan-Experten gefragt hatte, rieten mir, mir solche westlichen Spinnereien aus dem Kopf zu schlagen: „Frauen können in Afghanistan nicht als Schreiner arbeiten!“

Ich habe Arnold sofort nach seinen Erfahrungen mit den Frauen gefragt, denn darauf war ich selbst die ganze Zeit sehr neugierig gewesen. Er meinte: „Du musst mit afghanischen Frauen ganz normal umgehen, ob mit Tschadori oder ohne. Dann kannst du schnell einen ganz normalen Kontakt herstellen. Inzwischen kommen die Frauen aus diesem Projekt mit alltäglichen Problemen zu mir, um sie zu besprechen. Mich hat das selbst gewundert, wie schnell sich da eine recht offene Situation entsteht.“

Im Grunde gingen auch meine wenigen Erfahrungen in diese Richtung. Anfangs war ich doch sehr gehemmt, besonders den total verschleierten Frauen gegenüber. Inzwischen grüßen mich die Teenagerinnen hier aus der Straße schon von weitem, wenn auch meist kichernd. So wie gleich am ersten Tag, als ich ohne mir dabei etwas zu denken, die Frauen im Nachbarhof grüßte und diese zurück winkten.

Nach wie vor finde ich den Tschadori, die Burka, aber sehr bedrückend. Und es ist nicht nur die natürlich gravierende Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Frauen. Sondern die damit einhergehende Kultur suggeriert zusätzlich, dass ich als Mann in irgendeiner Form eine sexuelle Bestie bin. Das verleidet mir die ganze Freude am Mannsein. Nach wie vor fällt es mir schwer, mit einer Frau unter einer Burka ‚ganz normal’ zu reden.

Ein Nebeneffekt von meinem missratenen Versuch, für Frauen in Afghanistan etwas zu tun, ist, dass ich nun noch etwas Zeit in Afghanistan habe, bevor ich wieder nach Deutschland fliege.

So kann ich eine Reise nach Jallalabad unternehmen und mich noch etwas in Kabul umsehen. Mit einem Bekannten wollte ich weit ins Landesinnere, in das Hazarajat fahren, aber das vereitelte meine Angst, mir könne in den letzten Tagen in Afghanistan noch etwas zu stoßen: Ich bekam eine fürchterliche Darminfektion, die meinen Aktionsradius für mehrere Tag auf ein paar wenige Meter beschränkte.

19. April

Besuch im deutschen Technikum in Kabul

Für den Ausflug nach Kabul mit meinen Lehrlingen versuche ich einen Besuch in einer Gewerbe-Schule zu arrangieren. Zufällig spreche ich am Mittagstisch mit einem der afghanischen Mitarbeiter, Fahim. Der ist etwa fünfzig Jahre alt und spricht recht gut Deutsch. „Ich habe einen Kollegen, der ist Lehrer für Schreiner“, sagt er. Ich bin sofort hellhörig und frage ihn aus. „Ja“, meint er: “Ich bin selbst auch Lehrer am ‚deutschen Technikum’. Das ist von Deutschen gegründet worden, vor dem Krieg. Jetzt sind die Werkstätten nicht mehr in Ordnung, aber es gibt unter anderem eine für Metall und eine für Holz.“
 
Ich vereinbare mit ihm einen Termin eine Woche später, um gemeinsam die Schule an zu schauen und zu fragen, ob ich mit meinen Schreinern die Werkstätten besichtigen darf. Im Stillen wundere ich mich mal wieder, wie es wohl möglich ist, dass Fahim neben seinem Vollzeitjob bei ZIM noch Lehrer an der Schule ist.

Mit den Rädern fahren wir an einem Samstag quer durch die Stadt. Ich muss mich anstrengen, um mit ihm mit zu halten, immer hinter ihm her. Denn noch weiß ich nicht, wohin die Fahrt geht. Von Wazir Akbar Khan geht es erst Richtung Share nau (‚Neustadt’), dann zum Kabul-Fluss und diesen entlang zu der Stelle, wo sich der Fluss durch die Hügelkette quetscht, die Kabul in zwei Hälften teilt.

Auf der einen Seite liegt die größere Hälfte der Stadt mit der teilweise zerstörten Altstadt, der Neustadt mit vielen Geschäften, Restaurants und der Touristen-Einkaufsstraße und noch etliche andere Stadtteile, wie zum Beispiel die große Plattenbausiedlung Mikroyan, ‚mein’ Viertel Taimani und das Flughafen-Viertel.

Jenseits der Hügel liegt das Universitäts-Viertel, der Zoo und zwei von den Mujaheddin sehr zerstörte Stadtteile, weiter draußen der ebenfalls zerstörte Königspalast. Noch bevor es ganz eng wird zwischen den Hügeln und nur noch der Fluss und zwei Straßen Platz haben, hält Fahim vor einem großen Gebäude an.

Eine Gruppe von jungen Männern kommt gerade aus der großen Tordurchfahrt, die mitten durch das Gebäude in einen weiten Hof führt. Wir gehen, in der Durchfahrt noch, links in eine Tür hinein, kurz durch einen dunklen Gang und kommen dann in das Sekretariat: Ein kalter Raum mit dringend renovierungsbedürftigen Wänden, einer hohen Decke und einer alten Theke, die quer durch das Zimmer geht. Dort wimmelt es von Leuten, hauptsächlich alten Herren. Einige sprechen mich sofort auf Deutsch an, als sie erfahren, dass ich Deutscher bin. Über einige höfliche Floskeln kommen wir aber nicht hinaus. Ich habe das Gefühl, sie halten mich für einen in Deutschland aufgewachsenen Afghanen.

Nach einer Weile bittet mich Fahim, ihm zu folgen. Wir gehen ein Zimmer weiter zum Direktor der Schule. Der sitzt hinter einem großen Schreibtisch in einem ähnlich renovierfähigem Raum wie dem Sekretariat. Durch einen Vorhang hat er eine kleine Ecke mit Waschbecken abgetrennt.

Dieser Direktor erklärt mir nun, dass er meinen Besuch mit den Lehrlingen nicht alleine entscheiden könne, sondern dass ich noch den Präsidenten der Schule fragen müsse. Auch meine eigentlich als Höflichkeitsfloskel gemeinte Frage, ob ich den Gebäudekomplex fotografieren dürfe, verweist er an den Präsidenten.

Er bittet mich aber dringend, einen Kontakt mit ZIM für ihn her zu stellen. Er hätte da einige Ideen für eine Zusammenarbeit. Das verspreche ich.

Mit Fahim suchen wir also als nächstes den Präsidenten auf. Der residiert einige Häuser weiter in einem Komplex, der fast so groß ist, wie die Schule, aber mehr an eine Kaserne erinnert. Vorne ist das Hoftor mit einem bewaffneten Posten, dann ein karger Garten und etwa fünfzig Meter von der Straße entfernt das eigentliche Gebäude.

Der Posten lässt uns erst nach einer längeren Unterredung passieren und drückt uns ein abgegriffenes Pappkärtchen mit Nummer in die Hand. Über eine große Innentreppe gelangen wir in den ersten Stock und durch ein Vorzimmer in den Saal des Präsidenten. Der sitzt hinter einem wuchtigen Schreibtisch und ist ein älterer, streng aussehender Herr. Rechts neben ihm sitzt ein weiterer Mann, mit dem Fahim kurz redet. Daraufhin bekommen wir zwei der vielen Stühle zugewiesen, die links und rechts an den Wänden aufgestellt sind.

Es ist ein reges Kommen und Gehen, etliche Leute wenden sich mit Anfragen an den Präsidenten, die er kurz entscheidet, um sich dann der nächsten Person zuzuwenden. Nach einer Weile sind auch wir an der Reihe. Ja, die Schule könne ich mit den Lehrlingen besuchen, entscheidet der Präsident. Aber er könne es keinesfalls zulassen, dass ich fotografiere. Erst neulich wäre ein Deutscher da gewesen, der ebenfalls Bilder gemacht hätte. Dieser Mann habe erzählt, dass er vielleicht Hilfe für die Schule organisieren könne. Aber bis jetzt wäre keinerlei Geld gekommen.

Nur mit Mühe kann ich mir eine blöde Bemerkung (die Fahim sowieso nicht übersetzt hätte) verkneifen, schließlich bringt es der Schule auch nichts, wenn ich keine Bilder mache. Für wen er wohl das Geld wollte? Höfliche Grüße wechselnd, verlassen wir den Raum, geben dem Wachposten den Pappzettel wieder und verabschieden uns vor dem Tor. Ich bin Fahim sehr dankbar für die Mühe und Zeit, die er für mein Anliegen aufgebracht hat.

Später habe ich zusammen mit Arnold noch einen Termin in der Schule: Arnold spricht mit dem Direktor und ich mit dem Fachlehrer für Holz, um den Besuchstermin mit den Lehrlingen zu vereinbaren und die Werkstätten schon einmal zu sehen. Leider sind wir etwas zu spät und Fahim erklärt mir, der Fachlehrer für die Holzwerkstatt sei inzwischen wieder gegangen. Auch für Arnold wird im Gespräch mit dem Direktor kein klares gemeinsames Projekt sichtbar, so dass wir unverrichteter Dinge wieder fahren.

16. Februar

Unterricht mit Afghanen: In der Schreinerwerkstatt in Hezarak

Ich glaube, Einnullah kann recht gut erklären und die Azubis haben viel (fachlichen) Respekt vor ihm. Aber als praktischen Lehrer muss ich ihn immer wieder auffordern, nicht alles selbst zu machen, sondern zu zeigen und dann machen zu lassen und vor allem, dann auch dabei zu bleiben. Oft steht er nur herum und wartet, dass jemand ihn anspricht. Dabei sehe ich bei meinen Rundgängen durch die Werkstatt so vieles, was ich korrigieren, erläutern oder zeigen kann. Und er sieht ja mit Sicherheit mehr, weil er vertrauter mit dem Handwerkszeug ist.

Was ihm vor allem aber fehlt, ist Struktur und Planung. Wenn ich ihn bitte, im theoretischen Unterricht (meist so 1 - 2 Stunden am Anfang des Tages, da ist die Werkstatt eh noch sehr kalt) zum Beispiel über den Hobel zu erzählen, dann läuft er zu Höchstform auf. Die Leute hören interessiert zu und können hinterher auch gut wiederholen, was er gesagt hat. Unseren Unterricht machen wir in dem etwa 12 qm großen Raum, in dem ich zuvor geschlafen habe. Es gibt Sitzmatten und eine weiße Tafel für abwaschbare Filzstifte. Den theoretischen Unterricht finde ich übrigens das Tollste überhaupt. Weil die Schüler so wach und aktiv sind.

Es ist einfach, sie zu bitten, nach vorne (das hört sich nach Raum an, aber die vorderen müssen sich nur umdrehen, so eng sitzen wir) zu kommen und selbst etwas zu erklären. Und meinen Ausführungen lauschen sie wirklich gebannt. Ich glaube auch, dass sie viel verstehen, weil ich sie öfter wiederholen lasse und weil sie oft auch richtig gute Fragen stellen. Die wollen wirklich wissen, wie ein guter Schreiner arbeitet.

Einmal habe ich sie auch Klassenstunden machen lassen und heraus kam eine ganze Liste mit Sachen, die sie noch brauchen, z.B. eine abwaschbare Decke für das Essen oder Plastikkannen für das Waschwasser vor dem Mittagsgebet. Zwischendurch habe ich selbst etwas ausprobiert, eine eher komplizierte Rahmenverbindung für eine Kistenecke, also aus drei Richtungen. Die war zu meinem eigenen Erstaunen ohne Leim bombenfest und hat meiner (fachlichen) Autorität bestimmt auch gut getan.

Etwas vermurkst habe ich mich dagegen mit meiner Art, meine Säge zu schärfen. Meine Säge ist danach scharf, aber sie ist in 2 oder 3 Punkten entgegen dem deutschen Lehrbuch (und ich glaube, das Lehrbuch ist besser als ich) und zusätzlich glaube ich, dass die afghanische Art, die Säge zu schärfen, besser ist als das deutsche Lehrbuch. Nun habe ich aber schon einigen Lehrlingen meine Art gezeigt und auch Einnullah traut sich nicht mehr so richtig, seine Art und Weise den Lehrlingen zu zeigen. Mal sehen, wie ich da wieder rauskomme.

16. Januar

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