Gesellschaft

Drei junge Kabuler über ihre Kindheit, die Situation an der Schule und die Sicherheitslage in Afghanistan


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Basheer (19), lernt deutsch am Goethe-Institut und studiert in der Literaturfakultät an der Universität Kabul. Basir (17) und Shamsullah (18) gehen beide in die 11. Klasse an der Amani-Oberrealschule, eine Schule mit Deutschschwerpunkt im Zentrum Kabuls. Ich führe ein halbstündiges Interview mit den drei jungen Kabulis über ihre Kindheit in einem Vorort Kabuls und in Pakistan und die Situation an der Schule. An diesem Tag gab es einen Anschlag in der Nähe der Wohnung von Basir bei dem er viele Tote sah und so ist auch die allgemeine Situation in Afghanistan und Sicherheitslage Thema des Gesprächs.

Mit 5 Jahren lebte Basir außerhalb Kabuls. Damals gab es oft Kämpfe und in der Gegend, wo Basir lebte, kämpfte Massud gegen Sayyaf. Ein einschneidendes Erlebnis damals war als nach einer Explosion eine menschliche Hand vom Himmel geflogen kam. Der Vater Basirs grub die Hand daraufhin ein.

Kabuler Alltag vor meiner Abreise

In den letzten Wochen hat es immer wieder geregnet, zum Teil richtig heftig. Toll für Afghanistan nach diesen Jahren der Dürre. Der Kabulfluss ist wieder ein richtiger Fluss. Da der Strom von Kabul (unter anderem) aus drei Wasserkraftwerken kommt, gibt es inzwischen auch wieder fast 24 Stunden Strom. Die Straßen sind allerdings nach einem Regen eine Katastrophe. Selbst die geteerten Straßen haben als Bürgersteige rechts und links nur Lehm und sind dann völlig aufgeweicht. Erstaunlich aber, wie viele Straßen dann doch geteert sind in Kabul, und immer wieder kommen welche dazu. Im Straßenbau, der oft von Deutschland mitfinanziert wird, gibt es auch regelrechte Frauenbrigaden. Auch die Straßenbeleuchtung wird von Woche zu Woche vollständiger, inzwischen sind so gut wie alle HauptStraßen beleuchtet und in einigen Vierteln auch die kleineren Straßen.

Letzte Woche habe ich einen tollen Fahrrad- und Fußgängerweg entdeckt, als kleine ParallelStraße neben der grossen Straße nach Taimani heraus und mit sehr wenig Schlaglöchern. Die große Straße ist meistens mit Autos, Fahrrädern und Lastkarren zu und natürlich auch völlig verpestet. Überhaupt hat mensch eigentlich immer die Wahl, entweder holprige Nebenstraßen ohne Verkehr zu fahren oder auf den asphaltierten und chaotischen Hauptstraßen.

Nachts hören wir öfter die Raketeneinschläge, die dem ISAF- Camp gelten, aber im Grunde fast nie Schaden anrichten. Vor drei Tagen war die Explosion so laut, dass wir dachten, das muss in unserem Viertel eingeschlagen haben. Hatte es aber nicht, sondern wie üblich in dem gut fünf Kilometer entfernten ISAF- Camp. Der Explosionskrater ist dafür meist erstaunlich klein, einen Meter oder so.

Allgemein wird das damit erklärt, dass Al Qaida- Leute nur zeigen wollen, dass sie noch da sind. Ich halte das für Unfug: Die würden doch versuchen, zu treffen und nicht nur sich der Gefahr aussetzen, entdeckt zu werden.

Für viel wahrscheinlicher halte ich, dass Regierungstruppen zeigen wollen, dass Taliban und Al Qaida noch da sind, um Gelder für die eigene Aufrüstung zu bekommen. Das würde erklären, warum tatsächlich fast nie jemand verletzt wird bei diesen Anschlägen. Einmal ist es auch aufgedeckt worden: Eine bestimmte Regierungseinheit wollte eine Lohnerhöhung und versuchte mit einem fingierten Anschlag zu zeigen, wie wichtig sie für die Sicherheit sind. Klarer kann mensch eigentlich nicht demonstrieren, dass der Frieden grundsätzlich von jeder Art bewaffneter Truppen bedroht ist.

Letzte Woche konnte ich am helllichten Tag eines der knapp über die Hausdächer donnernden Flugzeuge sehen, dass von mehreren Leuchtraketen beschossen wurde. Außer mir hatte das auf der Straße weiter keinen beeindruckt. Später erfuhr ich, dass es eine Art Übung für den bevorstehenden ‚Freedom Day’ war. Am selben Tag gab es auch eine große Übungsparade auf dem Paradeplatz im südlichen Teil der Stadt.

Erstaunlich, wie viele Afghanen Englisch sprechen können. Nur zum Teil sind es die Pakistan-Rückkehrer, die in der ehemaligen britischen Kolonie Englisch gelernt haben. Englisch gilt als Schlüssel für gute Jobs und so werden es täglich mehr, die Englisch lernen. Die Kinder rufen gerne schon von weitem “how are you”, was sich manchmal allerdings mehr nach dem Geschrei der allgegenwärtigen Maultiere (in Jallalabad waren es mehr Esel) anhört.

Letzte Woche bin ich einmal in eines der großen und über die ganze Stadt verteilten Postoffice gegangen. Das ganze Gebäude war bestimmt 8 mal 15 Meter groß und in einem kleinen Raum saß ein Postangestellter hinter einem Resopal-Schreibtisch, sonst gab es nichts. In dem kleinen Raum war wirklich nichts weiter als der Angestellte, zwei Stühle und dieser Schreibtisch. Auch der Rest des Gebäudes war, bis auf Postfächer, leer. Auf meine Nachfrage kramte er in einer der Schubladen, holte einen abgewetzten Briefumschlag hervor und bot mir verschiedene Briefmarken an. Zum Teil waren sie noch mit der alten Währung. Er hatte auch keine Ahnung, wie viel ein Brief denn so kosten könnte, schon gar nicht nach Europa. Ich habe mir dann einfach eine kleine Auswahl zusammengestellt und sie später auf zwei Postkarten einigermaßen gerecht verteilt.

Wie beschrieben, habe ich mich mit meiner Kleidung inzwischen schon recht angepasst, nur die kleineren Feinheiten gehen mir etwas verloren. So ‚darf’ mensch ja auch in Deutschland eigentlich nicht ein Ökooutfit mit einer Amischirmmütze mischen.

Ich musste also erst ein paar Erfahrungen sammeln. Das ‚Palästinenser-Tuch’ ist in der Stadt sehr häufig zu sehen, weil es erstens durch die aus den arabischen Staaten kommenden Gotteskrieger in Kabul üblich wurde und nun auch typisch ist für die Panjirifraktion. Außerhalb von Kabul sind diese aber oft nicht gerne gesehen und die Araber sind sowieso nicht beliebt, weil sie im Krieg häufig besonders grausam waren.

Mein weißes Käppi hingegen bestürzte die Wächter des Gästehauses: Du siehst ja jetzt aus, wie ein Mullah! Als ich in der Stadt einmal einen Container bestiegen habe, um von dort ein Bild zu machen, bin ich ein bisschen ängstlich gefragt worden, ob ich vielleicht ein Al Qaida sei. Weil eben meine Kleidung so kunterbunt zusammengestoppelt war.

Ein anderes Mal wollte ich unbedingt einen sehr malerischen Bettler fotografieren. Leider war er nicht nur malerisch, sondern auch verwirrt und irrte eine Straße mehrfach hoch und wieder runter, verschwand in Läden, kam wieder raus. Und ich, im Begehren ein super Foto zu machen, immer hinter ihm her.

Mit meinem Fotoapparat, ansonsten aber dem Afghanenkleid, Sandalen mit Strümpfen und dem bunten Käppi erregte ich das Aufsehen eines Geheimdienstmannes, dem klar war, dass da irgendetwas nicht stimmen konnte. Er ließ sich auch nicht davon überzeugen, dass ich ein Deutscher bin. Ich meinerseits hatte nicht die geringste Lust, ihm meinen Pass zu zeigen, sondern war richtig sauer.

Wenn er mir nicht glauben würde, solle er mir bitte folgen, meinte ich zu ihm und brav folgte der Security- Mann mir zum in der Nähe liegenden Entwicklungsdienst- Büro. Dort konnte ihn sehr schnell einer der Fahrer von der Wahrheit überzeugen. Er hat sich sogar entschuldigt.

Ein anderes Mal war mir mulmiger. Auf der Straße war eine riesige Pfütze, die ich umfahren wollte. Allerdings kam mir eines dieser Autos mit getönten Scheiben entgegen. Voller Verwunderung bemerkte ich, dass es langsamer fuhr, so dass ich um die Pfütze noch herum kam. Bedankt habe ich mich dafür mit der erhobenen Hand.

Das wurde allerdings missverstanden, zum Glück war ich schon ein bisschen weiter. Das Auto hielt vollends und der Fahrer rief mir hinterher: ‚Ich komme dich gleich holen!’ Erfreulicherweise tat er es nicht, ich weiß nicht, ob ich ihm hätte so schnell verständlich machen können, dass ich kein Araber bin.

Wann Afghanen sich gegenseitig helfen und wann nicht, habe ich nie verstehen können. Manchmal habe ich kleine Jungen mit umgekippter Schubkarre gesehen, die sich verzweifelt abmühten, diese wieder aufzurichten. Einer weinte sogar, aber niemand half. An anderer Stelle konnte ich aber viele helfen sehen, als zum Beispiel ein Motorrad ins Wasser gerutscht war. Oder wenn ein alter Mann über die Straße wollte.

Vielleicht liegt es an der Art der Arbeit, die die Hilfe erfordert. Unsere Wächter sind zum Beispiel noch immer der festen Überzeugung, alles Auf- und Abladen der Autos sei ihre Arbeit. Und auch in Hezarak sah ich, dass die Ingenieure für viele Arbeiten keinen Finger krümmten. Niemals wären sie auf die Idee gekommen, ihr Essen selbst auf- und abzutragen. Und als ich mich anbot, mitzufahren, um Wasser zu holen, waren die Wächter schwer empört.

Ich habe auch von einem Fahrer erzählt bekommen, der sich zwar ohne zu Zögern unter das Auto legte, um es zu reparieren, aber als seine Windschutzscheibe beim besten Willen nicht mehr durchsichtig war, einfach nur anhielt und nicht mehr weiter fahren konnte. Das war nun eindeutig nicht seine Arbeit. Öfter wird es auch einfach davon abhängen, wie hilfsbereit die Leute sind, die gerade so etwas beobachten. Das ist in Deutschland auch nicht anders.

25. April

Letzter Ärger und Abschied aus Hezarak

Komisch, hier nun zu sitzen, zweieinhalb Wochen nach meiner letzten Nacht im Container, mir kommt das alles schon meilenweit weg vor. In der letzten Woche dort hat mich tatsächlich noch ein Magenvirus erwischt. Ich denke mal, der Koch hat mir das Wasser nicht abgekocht. Ist ja auch wenig einsichtig: Alle trinken das Wasser pur, es ist sauber und nur diese Weißnase will’s immer abgekocht haben. Eher ein Wunder, dass er’s die ganze Zeit für mich abgekocht hat.

Oh, das war ein böser Tag, ich wirklich völlig erledigt und bis mein Stuhl wieder normal war, das hat über eine Woche gedauert. Als ich da so über dem berühmten Loch hing, habe ich auch gedacht, jetzt lass ich wirklich alles los. Ich war ja so froh, dass meine Zeit zu Ende geht und dachte gar nicht daran, richtig Abschied zu nehmen. Aber ich habe eben doch Orte und Menschen lieb gewonnen, da hat halt mein Körper für mich losgelassen.

Und es wurde grüner, es wurde wärmer! Nebenbei hat mir das einen Haufen Fliegen im Container beschert und ich wusste dann auch plötzlich, warum mir ganz am Anfang einer der Wächter gesagt hatte: Es fehlt nur noch das Gitter vor dem Fenster. Ich war ganz entsetzt gewesen: Gitter vorm Fenster, ich bin doch kein Gefangener! Jetzt, mit den vielen Fliegen, wusste ich: Er meinte nur ein Fliegengitter.

Ich glaube, wir haben uns alle gefreut, das Grün zu sehen. Nicht nur die vielen Obstbäume, nicht nur die Bewässerungskulturen (von weitem konnte ich ein paar Tage einen richtigen Wasserfall hören, der aber auch künstlich war und Wasser auf bestimmte Felder brachte), auch die ganze höher gelegene Ebene von Hezarak bekam einen grünen Schleier. Sogar an den Bergen krallten sich ein paar Pflanzen fest.

Geärgert habe ich mich auch auf meine letzten Tage. Nasim, der Chef der Wächter und Lagerverwalter, betont penibel nach außen und gerne für sich am Abzweigen, drohte meinen Lehrlingen, dass das Lotterleben bald vorbei sei. Dann sei dieser Fremde endlich weg und dann sei er wieder ihr Chef. Irgendwie hat mich das mehr beschäftigt und gekränkt, als ich zuerst gedacht hatte. Eigentlich wusste ich, dass er mich nicht leiden kann.

Er ist ein ehemaliger Militär und ist aus dem Hassen noch nicht so richtig raus. Er versuchte noch zu verhindern, dass die Lehrlinge ihre selbstgebauten kleinen Schränke mit nach Hause nehmen durften. Dass ich ihnen das ermöglicht hatte, fanden alle NGE- Leute richtig doof. Ich hatte aber vorher Said Machmat danach gefragt, er hat es wohl nur nicht so richtig verstanden und als er es verhindern wollte, war es wirklich schon zu spät dazu, die Schränke waren schon gebaut.

Ich musste auch ein paar Zeilen schreiben und drei Leute informieren, um sicher zu stellen, dass er Ali Mohammad, einen meiner Leute, auch wirklich die versprochene und von mir bezahlte Werkbank mitnehmen ließ. Vor lauter Sorge, alle von uns gebauten Sachen könnten so langsam verschwinden, sobald ich weg bin, habe ich meinem Abschlussbericht eine ausführliche Inventarliste angehängt.

Zum Beispiel durfte ich die in der Abschlussprüfung gebauten kleinen Bänkchen nicht zum Materalpreis an meine Lehrlinge geben (die sie gerne genommen hätten), an die NGE- Leute aber schon. Die wollten auch alle gerne eines, waren aber nicht bereit, für das Holz zu zahlen. Ich denke, sie haben alle auf den Tag meiner Abreise gewartet und dann die Beute unter sich aufgeteilt.

Diese Regel, dass zwar etwas für den privaten Bedarf aller Leute gebaut werden
kann (solange es der Ausbildungsablauf zulässt), aber dass Holz dafür bezahlt werden müsse, scheint sehr unafghanisch gewesen zu sein.

Dabei kam sie nicht einmal von mir, sondern Ing. Mir Shah hatte sie im Gespräch mit den NGE- Kollegen, die gerade auf dem Hof waren, auf meine Nachfrage hin gemacht.
Ich habe mich dann daran gehalten, mir aber nur Feinde damit gemacht. Bestenfalls auf völliges Unverständnis bin ich gestoßen. Als Freund hätte ich ganz selbstverständlich das Holz, was zwar nicht mir gehört, aber über das ich verfügen kann, verschenkt. Eher noch als Sachen aus meinem tatsächlichen Besitz. So habe ich also beständig demonstriert, dass ich an Freundschaft kein Interesse habe.

Ich habe dann NGE am Ende des Workshops zwar Geld für Sachen, die wir für andere gebaut haben, übergeben, aber es war ausschließlich mein Geld, wie zum Beispiel das Geld für die Werkbank von Ali Mohammad. Lediglich der arme Co-Teacher Einnullah hat auf mehrfache Nachfrage für einen kleinen Stuhl für seine Tochter das Geld bezahlt und war deshalb total sauer auf mich.

Er hat übrigens bis zum Schluss sich die Namen der Lehrlinge kaum merken können (erstaunlich für einen Afghanen) und gegen Ende der Ausbildung zu meinem Entsetzen gerne bei ‚Leutnant’ Nasim übernachtet, wenn er in Kabul war. Was wohl auch bedeutet, dass er dessen Aktionen mitdeckt.

Für meine theoretische Abschlussprüfung brauchte ich in der letzten Woche die beiden Räume der Ingenieure für etwa zwei Stunden. Was an sich kein Problem war, weil Ing. Mir Shah als einziger der NGE- Ingenieure auf dem Hof war. Als ich ihn fragte, ob ich denn diese Räume haben könne, fragte er mich anstelle einer Antwort, was denn mit den beiden Klassenräumen wäre, die wir beantragt hatten.

Wir beide wussten, dass es gemein ist, mich für die damalige Ablehnung verantwortlich zu machen. Außerdem war es ja wohl unverhältnismäßig für zwei Stunden den Bau zweier Klassenräume zu verlangen. Mich hat das richtig getroffen, auch nachdem er die Benutzung nach dieser rhetorischen Frage erlaubt hatte. Ing. Mir Shah, der immer sehr höflich redete und immer lachte, wenn er mich sah, konnte mich in Wirklichkeit nicht ausstehen. Aber immer wieder hatte er wohl die Hoffnung, durch mich nach Deutschland zu kommen oder sonst welche Vorteile zu haben. Anfangs hat er mich wohl den anderen gegenüber als Kommunisten bezeichnet, ein Attribut, das mir in Hezarak richtig gefährlich hätte werden können. Ich hatte einmal gegen die ganz Reichen gelästert, dass solcher Reichtum verboten gehört.

In der Folgezeit habe ich dann nach allen Seiten ausgiebig über die Sowjets hergezogen, um das wieder hinzubiegen. Endgültig krumm hat er mir dann aber wohl genommen, als ich über den üblen Fundamentalisten Sayyaf eine Bemerkung verloren habe. Der hatte zum Beispiel die Wahnvorstellung gehabt, Kabul als Sündenpfuhl völlig ausrotten zu müssen und erst auf den ausgebleichten Knochen und planierten Ruinen nach einer Zeit der Grabesruhe ein neues, wahrhaft moslemisches Kabul wiederaufbauen zu können.

Said Machmat sagte zu mir in meiner letzten Woche: Es wäre nicht gut für ein Land, wenn eine ganze Gruppe von Menschen vom Wiederaufbau ausgegrenzt würden. Er meinte damit weniger die Taliban, als vielmehr Hektmatyar und seine Anhänger. Aber wie einen Konsens mit Leuten finden, denen alles andere als ihre spezielle Ideologie einen neuen Krieg wert ist?

Qiam, einer meiner Lehrlinge, wollte denn auch nicht abseits stehen bei dem Spiel ‚Burkhard ärgern’. Er erzählte mir nicht ohne Stolz, dass er drei Fenster an einem Tag bauen könne. Er ist derjenige gewesen, der am Saubersten arbeiten konnte, sauberer noch als Einnullah. Und war immer als einer der letzten fertig. Für sein erstes Fenster mit mir (das auf Zeit und nicht auf Stück bezahlt wurde) hatte er drei Wochen gebraucht. Na toll.

An die Esskultur hatte ich mich in diesen Monaten so gewöhnt, dass ich mich bei einem Besuch vom Bundesarbeitsamt (einer der Geldgeber von ZIM) in Hezarak nur schwer auf alle Einzelheiten deutscher Esskultur besinnen konnte. Ich hatte zwar daran gedacht, dass wir da nicht auf dem Boden sitzen können, jeder einen eigenen Becher braucht und Besteck anstelle der Finger zum Essen nimmt. Ganz vergessen hatte ich aber dafür zu sorgen, dass auch jeder einen eigenen Teller bekommt. Wenn es nicht etwas peinlich gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich laut gelacht.

Heute war mein Übersetzer Sadat zum letzten Mal mich besuchen. Er berichtete, dass ’alle’ nach mir fragen würden: „Did you see Burkhard? A really good guy! He’s no normal German!“ Ich hatte Sadat das letzte Mal noch ein paar Afghani mitgegeben, weil ich mich beim Umrechnen des Lohnes bei vier Leuten verrechnet hatte. Es hat sie wohl tief beeindruckt, dass ich eine Woche später dieses Geld noch schickte. Und dass ich das versprochene zweite Zertifikat noch habe bringen lassen, fanden sie toll. Sogar einer der Milizionäre hätte nach mir gefragt, meinte Sadat.  Das hat mir gut getan zu hören, auch wenn ich mir nach wie vor sicher bin, dass ich in Hezarak mehr Leute geärgert habe, als Freunde gewonnen. Aber das ist vielleicht auch nicht meine primäre Aufgabe gewesen.

Das Kapitel ‚Hezarak’ ist für mich jetzt beendet. Die Leute werden bleiben, aber meine Welt sieht nun wieder ganz anders aus. Worauf ich jetzt noch scharf bin ist, eine Ausgabe der Wuluswali- Zeitung in die Hand zu bekommen, in der ein Interview mit mir abgedruckt ist.

19. April

Reinhard Schlagintweit über seine Liebe zu Afghanistan, Fehler gegenüber den Taliban und den Einsatz deutscher Soldaten

Saghar Chopan im Gespräch mit Reinhard Schlagintweit. Bereits 1958 war er in Kabul an der Botschaft tätig: Ein Interview über sein Leben als Botschaftsangestellter und seine Reise als Vorsitzender von UNICEF nach Afghanistan kurz nach der Eroberung durch die Taliban. Weitere Themen sind die Sicherheitslage im Land und mögliche Fehler der Vergangenheit gegenüber dem Talibanregime. Zum Einsatz von deutschen Soldaten insbesondere im Süden hat Schlagintweit eine gespaltene Meinung: „... auf der einen Seite ... dürfen wir nicht sagen für diese schwierigen Aufgaben sind wir uns zu gut. Auf der anderen Seite an einer Aktion mitzuwirken, wo wir nicht die politischen Bedingungen selbst ... gestalten können ... ist zuviel verlangt.

Spaziergänge mit Sher Patscha

Auf einer meiner Taxifahrten hatte ich ein längeres Gespräch mit dem Fahrer. Wir unterhielten uns über Krieg und Frieden, scheiterten dann aber an meinen doch noch immer ungenügenden Sprachkenntnissen. „Sie müssen mich unbedingt besuchen kommen,“ meinte er zum Ende des Gespräches und wechselte dabei die Anrede: „Am Besten, Du kommst jetzt gleich mit mir zu einem Tee. Mein Schwager spricht Englisch!“

Normalerweise habe ich solche Einladungen nicht mehr sehr ernst genommen, weil ich gelernt hatte, dass sie oft auch nur als nette Geste gemeint waren. Einmal lud mich Said Machmat zu sich zu einem Tee ein, als wir an seinem Haus vorbei fuhren. Ich glaubte, das sei ernst gemeint und war auch neugierig, sein Haus zu sehen. Als ich einwilligen wollte, schritten zum Glück meine Mitfahrer mit Entschiedenheit ein: „ Nein, wir haben keine Zeit!“ Ich konnte an Said Machmat’s Gesicht erkennen, dass er froh war, als ich mich dann auch erinnerte, wie knapp unsere Zeit war.

Diesmal aber war die Einladung deutlich ernst gemeint; ich hatte auch Zeit und willigte ein. Ich konnte nicht ahnen, dass daraus eine meiner schönsten Begegnungen in Afghanistan würde. Der Schwager des Taxifahrers hieß Sher Patscha und arbeitete bei einer der vielen ausländischen Hilfsorganisationen. Er hatte das Glück, dass er dort eine relativ sichere Position hatte, wie ich aus den Gesprächen entnehmen konnte.

Er gehörte zu den Intellektuellen, wie ich sie schon getroffen hatte: Gebildet, interessiert und wach; es war sehr anregend sich mit ihm zu unterhalten. Bald war mir, ähnlich wie mit meinen afghanischen Kollegen, nicht mehr bewusst, dass ich in Afghanistan war. Bei unserem ersten Tee, im Beisein seines Schwagers, war Sher Patscha erst recht kühl mir gegenüber, taute aber im Gespräch schnell auf.

„Weißt du, ich habe schon so viele Europäer kennen gelernt und halte mich meist von ihnen fern. Viele schauen auf uns herab, halten sich für besser. Das können sie gerne tun, aber ich habe dann auch keine Lust, ihnen näher zu kommen. Bei Dir fühle ich mich gleichwertig,“ sagte er mir zum Abschied und verabredete sich mit mir zu einem Spaziergang durch die Stadt für die folgende Woche.

Sechs Tage später kam Sher Patscha pünktlich zu mir nach Hause, um mich abzuholen. Er hatte sich einen westlichen Anzug angezogen, was aber den Nachteil hatte, dass wir die Blicke der Leute auf uns zogen. „Ich dachte, dass Du auch europäisch gekleidet wärst und wollte dir zeigen, dass mir Deine Kleidung nicht ungewohnt ist,“ meinte er und lachte: „Das nächste Mal komme ich auch in unauffälligen Sachen!“

In den folgenden Wochen sind wir durch einige Winkel der Stadt gelaufen, den Viehmarkt und die Gassen hinter dem Großmarkt haben wir uns angeschaut und Sher Patscha hat mir sein Land erklärt. Auf einem der Hügel zeigte er mir die Versuche der Stadtverwaltung vor über zwanzig Jahren, also noch bevor der Krieg begann, grüne Oasen in der Stadt zu schaffen. Oben auf dem Hügel war ein Betonbecken, dass Regenwasser sammeln sollte. Es war geplant, den Hügel mit Bäumen zu bepflanzen, die die Zisterne bei Trockenheit bewässern sollte. Mir wurde in den Gesprächen immer mehr bewusst, wie sehr hier jemand leiden musste, der seinen Ort und die Menschen, mit denen er lebt, liebt. Vor dem Krieg hatte er mit aufbauen wollen, Afghanistan zu einem Land machen wollen, in dem es sich für alle gut leben lässt. Und stattdessen sah er jahrzehntelang nur Zerstörung.

„Weißt Du, als die Sowjets kamen, da glaubten einige von uns, dass sie dem Land auch helfen, verstaubte Strukturen zu verändern. Aber die waren ja so verbohrt. Ich habe miterlebt, wie sie eine alte Frau zur Alphabetisierung geschleppt haben. Oder einem Vater von fünf Jungen alle fünfe zum Militär eingezogen haben. ‚Nur für ein Jahr!’ Daraus wurden zwei, drei, vier. Viele der Kommunisten waren ganz junge Leute, die alles andere als sensibel mit den alten Strukturen umgegangen sind. Mit solchen und vielen anderen Geschichten haben sie ihre guten Ideen schon im Ansatz selbst lächerlich gemacht. Na ja, und dann natürlich dieses ganze Undemokratische, die Spitzel, die Gefängnisse. So etwas kannten wir schon vorher, aber es war noch schärfer, noch dazu, weil der Krieg dann ja begann.“

„Von Massoud hatte ich lange eine hohe Meinung,“ sagte er ein anderes Mal: „ich dachte, dass er demokratischer wäre und auch, wie soll ich sagen, zivilisierter. Lange hatten wir nur diese Idioten wie Rabbani, Hektmatyar oder andere dieser in Pakistan geschulten reaktionären Mörder in der Stadt. Als Massoud hier dann auftauchte, sind Freunde von mir zu seinen Truppen in die Berge, um sich anzuschließen. Oh, denen wurde übel mitgespielt! Weil sie aus Kabul waren und angeblich verwestlicht, wurden sie von Massouds Mujaheddin schikaniert und zum Teil behandelt, wie Feinde. Ich habe zwei von ihnen nie mehr wieder gesehen. Besonders, als Massouds Truppen sich dann in der Stadt festsetzten und gegen die anderen Kriegsherren kämpften, da benahmen sie sich genauso barbarisch, wie alle übrigen. Manchmal hat sich Massoud offiziell von den schlimmsten Vergewaltigungen oder Massakern distanziert, aber er hat nichts dagegen unternommen. Was waren wir enttäuscht.“

Manchmal wurde er sehr wütend über die Afghanen, die ins Ausland geflohen sind. Besonders diejenigen, die nach Europa oder Amerika fliehen konnten, jetzt reich sind (zumindest für afghanische Verhältnisse) und auch nach Kriegsende nicht zurückkommen. Ich glaube, er war verzweifelt, weil er gerade auf deren Weltoffenheit und Liberalität in Afghanistan hoffte. „Ich bin bei meinen Leuten geblieben,“ meinte er: „Die Menschen wollte ich nicht im Stich lassen. Meine Brüder sind alle geflohen, ich hätte auch das Geld gehabt. Natürlich weiß ich nicht, ob das irgendwem geholfen hat. Aber ich weiß, was es bedeutet, wenn gerade Dein Haus beschossen wird. Ich habe in Mikroyan gewohnt, als Hektmatyar angriff. Das Haus wurde voll getroffen, während wir im Keller saßen. Was ein Wunder, dass wir überlebt haben.“

Als ich ihm über den Wuluswal von Hezarak erzählte, fing er an zu schimpfen: „Diese ungebildeten Idioten! Haben nur Stroh im Hirn, haben nie etwas anderes gelernt als Töten! So Leute können nur noch von Krieg und Töten erzählen, weil sie von nichts anderem eine Ahnung haben. Ich habe das oft genug erlebt. Und sie glauben, wenn eine Frau sich wäscht, sei sie ‚sexuell’. Nur weil sie selbst und ihre Frauen stinken. Ungebildete Idioten halt.“ Ich lachte: „Du bist ein echter Kabuler, Sher Patscha! Die Kabuler haben die Leute vom Land noch nie gemocht.“ „Na ja,“ meinte Sher Patscha, „Glaub mir, so sind die Leute von der Sayyaf- Partei: Konservativ, gefährlich und dumm. Du hast doch erzählt: Die Familie vom Wuluswal wohnt in Pakistan, weil er sie dort sicherer weiß. Er kennt halt seinesgleichen. Hier ist für ihn Manövergebiet und hier will er regieren und absahnen!“

Manchmal war ich ganz schlapp nach einem Besuch von ihm, es waren so viele bittere Geschichten, die er zu erzählen hatte. Er wollte auch anfangs nicht, dass ich ihn zu Hause besuche. Als ich ihn das erste Mal getroffen hatte, war er in dem Haus seines Schwagers gewesen. Er wollte wohl kein Aufsehen im Block, weil ihn ein Europäer besucht. Ich glaube, er hat sich in den vielen Kriegsjahren an Vorsicht und Angst gewöhnt. Seine Frau trage auch die Burka, wenn sie außer Haus gehe, meinte er.

Sher Patscha wohnte in einer der Plattenbausiedlungen, die unter den Afghanen als Wohnungen sehr beliebt sind. Warum die Wohnung beliebt sind, konnte ich nicht nachvollziehen, ich fand sie sehr hässlich und eng.

Irgendwann erlaubte er mich doch, ihn zu besuchen: „Meine Kinder wollen Dich gerne sehen“, sagte er lächelnd. Sieben Kinder hatte auch er, zwei waren schon junge Männer, studierten beide. Und alle zusammen wohnten in einer kaum möblierten Drei-Zimmer-Wohnung, die Schlafmatten wurden immer ausgerollt. Ich bekam Tee und eine Süßspeise serviert und nacheinander kamen zwei kleine Jungen ins Zimmer, blieben kurz und gingen dann wieder. Seine kleine Tochter schaute ebenfalls für ein paar Minuten zu uns herein Seine Frau bekam ich auch bei ihm nicht zu Gesicht. Bilder hingen an den Wänden. „Früher habe ich geschrieben und gemalt,“ erzählte mir Sher Patscha,“ aber das kann ich heute nicht mehr. Die Kriegszeit macht so hart.“

So gerne ich mit Sher Patscha zusammen war, bei ihm wurde mir am schmerzlichsten bewusst, wie schwer es ist, über Kulturgrenzen hinaus Freundschaften zu schließen. Manchmal mag es die Sprache gewesen sein, aber oft war es unser verschiedener kultureller Hintergrund, der ein wirkliches Verstehen so schwer machte. Besonders in den Zeiten, in denen ich durch meine kurzen Wochenenden in Kabul weniger Kontakt zu den anderen Deutschen hatte, spürte ich, wie meine Freundschaft zu Sher Patscha oder anderen Afghanen die Nähe nicht ersetzen konnte, die ich von Deutschland her kannte. Es war halt doch immer noch eher ein Bilderbuch, dass ich aufschlug, eine Betrachtung von außen und kein Verstehen von innen.

6. April

Handwerk in Afghanistan: „Es macht wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht.“

Ich denke, ein ganz wesentlicher Aspekt meiner Arbeit hier ist, dass ich völlig ohne Strom arbeite und alles, was ich lehre, sich nur auf Handarbeit bezieht. Das ist eigentlich nicht so die Stärke eines deutschen Handwerksmeisters, zum Glück aber meine. Meine Leute können sehr schnell arbeiten, im Allgemeinen schneller als ich. Aber auf dem Bazar und natürlich besonders bei meinen Lehrlingen, die zum Teil ja Anfänger sind, sehe ich sehr unsaubere Arbeiten. Maßhaltigkeit, genaue, saubere Verbindungen gibt es selten. Selbst Einnullah, mein Co-Teacher arbeitet nicht besonders sauber. Für die Zwingen werden keine Zulagen genommen, andere Druckstellen gar nicht erst beachtet, wenn Holz ausreißt, ist das auch in Ordnung.

Das Holz ist so teuer, dass eine vernünftige Holzauswahl kaum möglich ist. Ich habe versucht, zu erklären, dass der Kern eines Holzes keinesfalls genommen werden darf, aber Einnullah hat meine Lehrlinge dann hinterher doch angewiesen, auch Holz mit der Mark- (Kern) röhre zu nehmen. Das bedeutet natürlich, dass das Holz sehr reißt. Vor allem auch die Benutzung von Nägeln macht die Arbeit unsauber. Das Holz reißt auch dort oft auf, die Hammerschläge beschädigen das Holz, es bleibt der Nagelkopf sichtbar. Manchmal bricht mit dem Nagel eine ganze Ecke des Holzes weg. Das passiert oft, wenn kleinere Reparaturen am eigenen Werkstück vorgenommen werden. Da kleine Zwingen nicht üblich sind, wird eigentlich immer mit Hilfe von Nägeln geleimt, die alles noch schlimmer machen.

Die Fenster und Türen werden mit Bändern hergestellt, wie wir sie an alten Truhen haben, der Schreiner nennt sie Lappenbänder. Die sind mit Schrauben befestigt, die aber oft der Schnelligkeit halber mit dem Hammer eingetrieben werden.

Es gibt nicht, wie in Deutschland, die Einspannmöglichkeiten für ein Werkstück. So wird das, was ich bearbeite, fast immer mit dem Fuß gehalten. Oft stehen meine Leute auf dem Werktisch und sägen das mit dem Fuß gehaltene Holz von oben mit dem Fuchsschwanz. Jedes Holz wird mit der Rauhbank, mit der ich inzwischen ganz gut umgehen kann, erst glatt gehobelt. Die Rauhbank ist ein sehr langer Hobel, der das Holz eben macht. Vorausgesetzt, er ist gut geschärft und auch anderweitig in Ordnung.

Anfangs haben meine Lehrlinge von mir erwartet, dass ich ihre Werkzeuge in Ordnung halte. Sie brachten mir einen Hobel: ‚Geht nicht' und wenn ich ihn dann in die Hand nahm, wollten sie zufrieden abziehen in der Erwartung, ihn später geschärft und repariert wieder zurückzubekommen. Das hätte mir auch geholfen. Denn, selbst wenn ich es irgendwann schaffe, das Teil zu reparieren, kann ich oft noch nicht erklären, was ich da eigentlich gemacht habe. Aber Ausbildung bedeutet natürlich, ihnen beizubringen, wie sie es selbst machen müssen.

Zum Glück sind ja viele Dinge analog, so dass ich mit meinem Wissen über den normalen Hobel auch schnell erfasse, warum eine Rauhbank nicht so arbeitet, wie sie soll.
Trotzdem ist den meisten schon klar geworden, dass ich vorher noch nie mit einer Rauhbank gearbeitet habe. Aber für die vielen Sachen, die eben in Afghanistan üblich sind und nicht in Deutschland, arbeite ich ja auch mit meinem Co-Teacher Einnullah zusammen, von dem ich selbst lerne. Meine Stärken sind deshalb mein sauberes, genaues Arbeiten, vor dem sie alle ehrfürchtig staunen und mein im Vergleich doch umfangreiches, theoretisches Wissen über Verbindungen, Werkzeug und Holz.

Wenn nur Einnullah auch bereit wäre, von mir zu lernen. Obwohl er selbst wohl ganz gut erklären kann, hat er eine ausgeprägte Abneigung gegen Theorie. Soweit ich beurteilen kann, was er erklärt. Denn wenn er an der Tafel steht, fällt mein Übersetzer Sadat immer in so eine Art Lethargie, aus der ich ihn nur schwer erwecken kann. Mit viel persönlicher Energie bringe ich ihn manchmal dazu, mir einen oder zwei Sätze von Einnullah zu übersetzen. Wonach er wieder beharrlich schweigt. So sitzen wir beide während des Vortrages von Einnullah da und träumen vor uns hin.

Als wir die Werktische gebaut haben, habe ich ihnen gezeigt, wie man eine Gratleiste macht. Eine Gratleiste hält ein Vollholzbrett (wie zum Beispiel die Arbeitsfläche der Werkbänke) gerade und lässt das Holz trotzdem arbeiten, d.h. schwinden. Wenn ich ihnen etwas Neues zeige, behaupten sie oft (besonders Einnullah), das sei zu schwierig. Dabei hat der, der die Leiste dann machte, nur zwanzig Minuten dafür gebraucht.

Lange habe ich dafür gebraucht, zu erklären, dass Holz arbeitet, also sich zusammenzieht, wenn es trocknet und sich ausdehnt, wenn es Feuchtigkeit aufnimmt. In Deutschland ist das eine der wichtigsten Grundregeln fürs Schreinern. In Afghanistan wird das natürlich in vielen Verbindungen praktisch angewendet, aber sie wissen nicht unbedingt, warum. Einnullah jedenfalls ganz sicher nicht.

Die Arbeitsfläche der Werkbänke wollte er in der Fläche verleimen und dann aber auf der Unterkonstruktion festschrauben. Das muss reißen habe ich gesagt und: Gut, wir machen halt beides und schauen es uns einen Monat später noch mal an. Diese Woche haben wir es uns gemeinsam angeschaut: Die verleimten und verschraubten Tische sind entweder in der Leimfuge gerissen oder, wenn es gut und richtig geleimt war, mitten durchs Holz. Der Tisch mit der Gratleiste ist in der Breite zwei Zentimeter schmaler geworden, aber nicht gerissen. Erst schien es, als hätten sie verstanden. Aber dann verleimte Einnullah den Stuhl, den er zum Vorzeigen für die Lehrlinge gebaut hatte, wieder in genau der Art und Weise, dass die Sitzfläche mitten im Holz reißen muss. Ich habe es nur für ihn erneut erklärt und vielleicht hat er es verstanden.

Ich glaube, in unseren fachlichen Auseinandersetzungen geht es ihm oft um seine Selbstbehauptung. Ich habe deshalb anfänglich oft nachgeben, auch weil ich hoffte, von ihm zu lernen. Aber nachdem ich jetzt schon recht häufig anschaulich sehen konnte, warum ich als Schreiner irgendetwas so und nicht anders mache, bestehe ich nun regelmäßiger auf meiner Methode. Ich werde ja auch eigentlich nicht dafür bezahlt, dass ich etwas lerne, sondern dass etwas von meinen Kenntnissen und Fähigkeiten in Afghanistan bleibt.

In der direkten Konfrontation ziehe ich aber häufig den Kürzeren. Viele, einschließlich Einnullah, sind einfach sehr stur. Und wenn ich irgendetwas jetzt und hier geändert haben will, dann passiert einfach gar nichts. Zum Glück gefällt mir das grundsätzlich (nur im jeweiligen Moment halt nicht). Außerdem habe ich auch mit meinem Sohn gelernt, rechtzeitig aus einer Eskalation auszusteigen und nicht Willen brechen zu wollen. Wenn ich es unbedingt will, wird es noch lange nicht gemacht.

Oft ist es für sie sehr einfach zu erklären, warum ich sauberer als sie arbeite: Ich habe einfach das bessere Werkzeug (das sie oft ausleihen wollen). Werkzeug aus Deutschland ist immer viel besser. Vor allem besser als pakistanische Produkte, die immer schlecht sind, sagen sie. Ich habe dann zeitweilig mit ihrem Werkzeug gearbeitet, um ihnen zu zeigen. dass es eben nicht an der Badehose liegt, wenn der Bauer nicht schwimmen kann. Außerdem habe ich einigen, deren Werkzeug auch nicht scharf war, gesagt, dass sie es nicht behalten können, wenn sie gar nicht damit arbeiten.

Ein paar Sachen habe ich als Beispiel gebaut, weil es anschaulich besser zu erklären ist, als an der Tafel. Trotzdem glaube ich, dass ein guter Schreiner auch theoretische Sachen nachvollziehen können muss, sonst gibt es bald Grenzen in dem, was er lernen kann. Deshalb mache ich gleichzeitig weiter mit meinem theoretischen Unterricht. Da unterrichte ich auch Fachrechnen. Ich habe sie in zwei Gruppen eingeteilt. Es gibt eine Gruppe, in der ich die Grundrechenarten lehre, das kleine Einmaleins durchnehme (ich habe es mit arabischen Zahlen geschrieben und als Kopie an alle verteilt) oder auch nur addieren über Zehnergrenzen übe.

In der anderen Gruppe nehmen wir Dreisatz, Bruchrechnen und Kommazahlen durch. Ich wusste gar nicht, wie schwer es ist, zu erklären, warum 0,5 durch 0,0125 geteilt vierzig ergibt. Als letztes will ich mit ihnen Raumberechnung machen, um die Frage zu klären, wie viele Bretter ein Stamm ergibt. Spaß macht es mir, das Gelernte gleich im drauffolgenden Praxisunterricht abzufragen: Wie viele Schrauben brauchst Du, wenn Du hier am Fenster vier Bänder hast mit je sechs Schrauben? Na ja, oft stellt sich dann heraus, dass es nicht ganz die richtige Formulierung ist zu sagen: 'Das Gelernte abzufragen'.

Gut hat sich bewährt, mir die von ihnen gebauten Werkstücke mit jedem Lehrling einzeln genau anzugucken und zu bewerten. Ich versuche dann immer die Ecke zu finden, die gut geworden ist und zu sagen: Das ist toll geworden. Fast alle meine Lehrlinge sind mit Lob leicht zu erreichen. Der Krieg hat sie eben sehr hungrig gemacht, auch auf Lob. Auf die Art habe ich deutliche Verbesserungen ihrer Arbeit erzielen können. Obwohl ich auch viele verzierte Schreinerarbeiten gesehen habe, überwiegt in dieser Wiederaufbauzeit eindeutig die Funktion des Gebauten. Es ist oft nicht ganz so wichtig, wie es aussieht. Und das hängt im Grunde natürlich mit den Kundenwünschen zusammen. Auch in Deutschland macht es wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht. Das wird eben nicht bezahlt.

Über das hier verwendete Holz kann ich übrigens gar nichts lehren. Ich kann die verschiedenen Holzsorten weder voneinander unterscheiden, noch kenne ich ihre Eigenschaften. Ich sehe nur, dass es erstaunlich viele verschiedene Sorten gibt und eine Eichenart habe ich erkannt. Zu meinem Entsetzen als Feuerholz in größerer Menge. Plattenmaterial gibt es auch, Spanplatten, die hier espanpalat heißen, und Sperrholz in allen Stärken und meist schlechter Qualität. Vieles ist so, wie ich mir Schreinerei in Deutschland vor etwa hundert Jahren, vielleicht auch direkt nach dem 2.Weltkrieg, vorstelle.

Öfter kommt irgendjemand und will irgendetwas von mir persönlich gebaut haben. Ich bin dann schnell abgenervt, weil sie dafür auch nichts bezahlen wollen. Wildfremde Menschen behaupten, dass das Gebaute sie dann immer an mich erinnern würde, wenn ich wieder in Deutschland bin.

Obwohl ich inzwischen ein wenig den anderen kulturellen Hintergrund verstehe, aus dem heraus sie mich auf so etwas anquatschen, sind meine Emotionen noch eindeutig europäisch. Ich bin dann immer ärgerlich. Ich bin es gewohnt, dass alles bezahlt wird und dass man höflich fragt, ob jemand etwas für einen machen kann und es nicht fordert.

In unserer individualisierten Welt wird eben viel über Geld geregelt, viele Beziehungen unter den Leuten sind Warenbeziehungen. Für die Afghanen ist das völlig unverständlich, weil vieles über Freundschaft und deshalb als Geschenk läuft. Weil jemand, der über Mittel verfügt, mehr Geschenke machen kann und diese Geschenke dann ‚Seilschaften' herstellen, sprechen wir von Korruption oder Unterschlagung.

So ist die Vehemenz, mit der auch ich auf Bezahlung und Abrechnung bestehe, im Grunde nichts anderes als die Durchsetzung der Warengesellschaft, ‚Entwicklungshilfe' eben.

21. März

Nawroz – das islamische Neujahrsfest in Afghanistan

Nawroz, der ‚neue Tag’, der Anfang des Jahres. Es ist ein Dari-Wort, ein persisches Wort, und ich weiß, das es auch von den Kurden benutzt wird. Hier in Kabul gibt es hauptsächlich zwei Plätze, an denen gefeiert wird: Beide haben irgendwie mit dem vierten Kalifen zu tun. Wir, Benjamin und ich, wollten zu einer Moschee, in der die Gebeine einer Nichte oder eines Neffen des vierten Kalifen liegen.

Benjamin studiert Orientalistik, war ein Jahr im Iran und spricht die iranische Variante des Persisch. Für drei Wochen ist er im Gästehaus unter gekommen. Die Moschee liegt von uns aus hinter der Hügelkette, die mitten durch Kabul geht und nur einen schmalen Durchlass hat, wo der Kabulfluss hindurchfließt.

Wir sind also nachmittags irgendwann von Taimani, unserem Stadtteil, aus los und über einen der Hügel gelaufen. Schon auf der Straße, die den Hügel hinaufführte, fiel uns auf, wie viele Frauen an diesem Tag unterwegs waren. In einer Hoftür sah ich eine Jugendliche ohne Kopftuch, mit weitem Ausschnitt. Und mindestens mehr als die Hälfte der Frauen war ohne Burka, viele recht bunt geschminkt. Das alles ist recht beeindruckend, wenn sonst im Alltag so wenig Frauengesichter zu sehen sind. Ich habe auch das Gefühl, das seid diesem Nawroz viel mehr Frauen ohne Burka zu sehen sind.

Ein Afghane erklärte mir, das Nawroz tatsächlich auch traditionell so ein Tag sei, an dem sich wieder mehr nach außen orientiert und die Sommerkleidung hervorgeholt wird, nachdem der Winter alle in die Häuser getrieben hat.

Auf dem Weg den Hang hinauf verließen die Volksmassen bald die FahrStraße und es ging einen steilen Pfad weiter, rechts von uns lag ein kleines Tälchen. Von überall her war Musik zu hören und auf der gegenüberliegenden Seite des Tales waren ein paar Jugendliche auf einem großen Felsblock am Tanzen. Überall saßen auch Gruppen von Leuten.

Oben war eine Art Pass, rechts und links stiegen die Hügel weiter an, aber wir konnten schon die andere Seite der Stadt sehen. Hier oben standen ein paar Pommes- (die hier ‚Chips’ heißen) und andere Buden (z.B. eine Art gefüllter Reibekuchen), wo wir auch etwas aßen.
Das Gedränge war ernorm und weit unter uns konnten wir die Moschee sehen, mit einem großen Platz voller Buden und Menschen.

Wir sind einen recht steilen Weg durch die Häuser am Hang hinunter, Benjamin, der westliche Kleidung trug, hinter mir. Unterwegs kam uns eine Gruppe Jugendlicher entgegen, zuerst etwa zehn junge Männer, hinter ihnen ebenso viele junge Frauen. Irgendetwas haben sie zu uns gesagt, auch Benjamin konnte es nicht richtig verstehen. Und ehe wir uns versahen, war Benjamin von den Männern umringt und ich, der auf ihn warten wollte, unfreiwillig von den Frauen. Irgendwie war es für die Männer nicht okay, dass ich da mitten unter ihren Frauen stand. Und für mich fühlte sich das alles sehr bedrohlich an, obwohl die Stimmung noch nicht aggressiv war. Zum Glück löste es sich plötzlich wieder auf und wir konnten weiter gehen. Benjamin meinte, sie hätten irgendwie gesagt, wir sollten nicht weitergehen, das sei gefährlich.

Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wer oder was da gefährlich sein könnte, wollte aber nicht mehr weiter gehen, weil meine Stimmung auf dem Tiefpunkt war. Ich war auch abgenervt so aufzufallen, weil ich alleine in meinem Afghanenkleid immer meine Ruhe habe und ungestört überall lang laufen kann.

Zu allem Überfluss gesellten sich noch zwei kleine Jungs zu uns, die uns partout nicht verlassen wollten und von denen der eine die ganze Zeit irgendetwas von Bomben und gefährlich und nicht weitergehen schwadronierte.

Aber wir waren ja schon umgedreht und, wenn auch nicht den gleichen Weg, zurückgegangen (ich wollte nicht mehr da lang laufen, wo die Massen waren). So waren diese Jungen als Begleiter ein weiterer Punkt, der alle anderen auf uns aufmerksam machte. Ich alleine hätte diese beiden recht schnell und deutlich vertrieben, aber Benjamin war eher der Meinung, dass sie ruhig hinter und vor uns herlaufen dürften. Diese Meinungsverschiedenheit war den Jungen natürlich nicht entgangen, und so blieben sie erst mal bei uns.

Wir sind dann in ein immer ärmeres Wohngebiet geraten und, um den Jungs zu entkommen, bog ich noch mal ab in eine kleine etwa 100 mal 100 Meter große Trümmerlandschaft am Hang. Auf der anderen Seite des Berges warteten schon wieder die Jungen auf uns und diesmal wollten sie sehr direkt Geld.

Auf die nun von meiner Seite sehr aggressive Absage reagierte der eine Junge mit einem Steinwurf, aber dann waren wir sie endlich los und wieder auf der Straße Richtung Taimani. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass zwei Männer aus diesen Volksmassen ebenfalls genau an dieser Stelle am Hügel in Mienen geraten waren.

Benjamin wurde bleich: Darauf habe ich überhaupt nicht geachtet, meinte er. Ich hatte aber, ohne dass mir das ganz bewusst gewesen wäre. Ich hatte die weißen Kreuze an den Ruinen gesehen (was soviel heißt, wie: ‚geräumt’, aber eben auch: hier gab es Minen) und war daraufhin nur auf deutlichen Fußpfaden gelaufen, wo andere schon gelaufen sind. Außerdem hatte ich geguckt, dass Benjamin wirklich genau hinter mir blieb. Vielleicht hat der Minenkurs tatsächlich was genützt. Jedenfalls ist mir die Mienengefahr immer irgendwie bewusst. Und sie ist auch etwas, was es mir eher verleidet, in Afghanistan zu sein. Ich gehe einfach total gerne spazieren und das am liebsten mitten durch die Pampa.

21. März

Leben in Kabul: Auto fahren, Taxis, Einladungen zum Tee und die Faszination von Bildern

Inzwischen bin ich äußerlich so assimiliert, dass mich letzte Woche ein Junge ganz selbstverständlich auf Dari ansprach, ob er auf meinem Fahrradgepäckträger mit bis zur nächsten Straßenkreuzung fahren könne. War ich stolz. Überall in Kabul gibt es quer über die Straßen Bodenwellen, manchmal aus Panzerketten, meist aus Erde oder auch kleine Gräben, an denen die Autos langsam fahren müssen. Ganz oft sitzen dort BettlerInnen, die auf Almosen warten, manchmal liegen sie auch mitten auf der Straße, die Burka tragenden Frauen manchmal mit Kindern auf dem Arm in Auspuffhöhe oder die Kinder mit dem Kopf zur Fahrbahn vor sich liegend. Manchmal sehe ich auch Kinder am Steuer der Autos, neun, zehn Jahre alt.

Generell wird sehr regellos gefahren, aber bis auf die Geheimdienstautos oder manchmal sehr elegante, neue Wagen mit jungen Männern als Fahrer und Beifahrer, fahren alle nach meiner Beobachtung viel weniger aggressiv als in Deutschland (ich muss aber dazu sagen, dass einige Kollegen diese Einschätzung nicht teilen).

Alle rechnen mit Regelverstößen und bremsen, anstatt Gas zu geben, wenn ihnen jemand gerade die Vorfahrt nehmen will. Für mein Fahrradfahren ist das sehr angenehm zu spüren. Nur an das ewige Gehupe musste ich mich sehr gewöhnen. Es ist halt kein Zeichen der Empörung, wie bei uns, sondern nur: ‘Achtung, ich überhole dich jetzt’ oder auch: ’Pass auf, ich will abbiegen.’ Inzwischen bin ich dankbar für das Hupen, weil es eben auch bedeutet: ‚Vorsicht’ oder: ‘Ich habe dich gesehen.’

Auf den Straßen liegen viele Teppiche, immer wieder. Mir wurde erzählt, die lägen dort, um aus neuen, billigeren Teppichen, Ältere zu machen. Ich kann’s immer noch nicht so richtig glauben.

Von etwa 100 Leuten auf den Straßen in Kabul (in Hezarak sehe ich bis auf ganz seltene Ausnahmen nur Männer) sind etwa 70 Männer, darunter 5 Soldaten/ Polizisten, 25 Kinder, darunter unter 10 Mädchen, und 5 Frauen, etwa drei mit Burka.

Immer wieder habe ich natürlich mit Taxifahrern zu tun. Viele lehnen erst mal ab, dass ich überhaupt bezahle, meist als Höflichkeitsfloskel (die ich als Geste trotzdem nett finde) und manchmal auch hartnäckig, im Ernst. Ich habe mich bisher immer durchgesetzt, weil sie ja wirklich für mich gearbeitet haben, aber schade fand ich’s manchmal schon, so ein Geschenk nicht anzunehmen.

Ein paar der Taxifahrer versuchen einen auszunehmen und immer wieder ärgere ich mich richtig darüber. Komisch, dass mich das so ärgert. Wahrscheinlich wieder die alte Leier, dass ich einfach der tolle Almosenbringer sein will und nicht undankbare Leute um mich haben. Ein anderes Mal habe ich mich mit einem Taxifahrer eine ganze Weile über den Preis gezankt und das ist mir heute noch peinlich. Ich hatte mich gewundert, dass er so viel Geld wollte, weil er eigentlich ein ganz Netter war. Ich hatte mehrere Ziele nach einander mit ihm angefahren. Er gab dann auch nach und später merkte ich, dass ich mich schlicht verrechnet hatte.

Eine Fahrt kostet so zwischen 30-60 Afghani, je nach Fahrer, ein bisschen auch je nach Länge. Ich bezahle eigentlich starrköpfig immer nur 50 Afghani, frage auch inzwischen manchmal vorher gar nicht erst nach dem Preis, sondern bezahle am Ende der Fahrt einfach meinen einen Euro. Das gefällt mir schon alleine deshalb, weil die Netten sich dann freuen und die Gierhälse sich ärgern. Wenn ich mehrere Sachen zu erledigen habe, ist es oft besser, jedes Mal ein neues Taxi anzuhalten, weil die Fahrer sich auch das Warten bezahlen lassen. Schwerer fällt es mir, mit den 1 Afghani teuren Bussen zu fahren, weil ich so schlecht herausbekomme, wohin sie denn eigentlich fahren.

Oft werde ich nach einem Job gefragt, oder ob der Sohn bei mir in die Ausbildung gehen könne. Oder ich soll sie mit nach Deutschland nehmen. Ganz oft werde ich auch zu einem Tee eingeladen, viel als Floskel, manchmal im Ernst. Ich erkenne es daran, was passiert, wenn ich ”Dankeschön” als Antwort sage. Meist ist es dann okay, manchmal beharrt jemand auf seiner Einladung. Ich glaube aber, ich würde immer einen Tee bekommen, wenn ich wollte, auch auf eine eigentlich nicht ernst gemeinte Einladung. Ich habe auch schon den ganzen Monatslohn einer Person hingehalten bekommen: ‘Brauchst du?’ –auch so eine Sitte gegenüber guten Freunden (und ich glaube, hauptsächlich gegenüber jenen guten Freunden, von denen man erwartet, dass sie ‚Nein’ sagen).

Astrid erzählte, dass sie schon häufig von Männern gefragt wurde, ob sie nicht heiraten wolle. Und nicht als Spaß.

Schwierigkeiten habe ich mir selbst eingebrockt, als ich ein paar Bilder von den Kindern aus der Nachbarschaft gemacht habe, Papierbilder diesmal, und sie dann anschließend an die Kinder verteilt. Das sprach sich sehr schnell herum. Und zog immer weitere Kreise. Ich war dann doch bald überfordert. Und sie teilen diese Bilder auch nicht. Wenn drei Leute auf einem Bild sind, dann wollen sie alle drei dieses Bild und ich habe mit Sicherheit danach zwei Leute, die richtig sauer auf mich sind. Wenn ich drei Bilder von den gleichen Leuten gemacht habe, sackt alle drei der erste ein, der sie in die Hände bekommt.

Selbst die Ingenieure, die: ”lass mich doch mal alle Bilder angucken” sagten, waren schwer zu bewegen, Bilder wieder herauszurücken, auf denen auch sie zu sehen waren. Ich habe später dann die Bilder schon vorsortiert und keiner konnte alle Bilder sehen. Wenn aber einmal die Besitzverhältnisse klar waren, dann konnten sie untereinander –manchmal- sich ihre Bilder zeigen. Insgesamt war es aber erstaunlich schwer mit meinen Bildern und hat eher Unfreude gebracht.

19.März

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