Kommunikation

Letzter Ärger und Abschied aus Hezarak

Komisch, hier nun zu sitzen, zweieinhalb Wochen nach meiner letzten Nacht im Container, mir kommt das alles schon meilenweit weg vor. In der letzten Woche dort hat mich tatsächlich noch ein Magenvirus erwischt. Ich denke mal, der Koch hat mir das Wasser nicht abgekocht. Ist ja auch wenig einsichtig: Alle trinken das Wasser pur, es ist sauber und nur diese Weißnase will’s immer abgekocht haben. Eher ein Wunder, dass er’s die ganze Zeit für mich abgekocht hat.

Oh, das war ein böser Tag, ich wirklich völlig erledigt und bis mein Stuhl wieder normal war, das hat über eine Woche gedauert. Als ich da so über dem berühmten Loch hing, habe ich auch gedacht, jetzt lass ich wirklich alles los. Ich war ja so froh, dass meine Zeit zu Ende geht und dachte gar nicht daran, richtig Abschied zu nehmen. Aber ich habe eben doch Orte und Menschen lieb gewonnen, da hat halt mein Körper für mich losgelassen.

Und es wurde grüner, es wurde wärmer! Nebenbei hat mir das einen Haufen Fliegen im Container beschert und ich wusste dann auch plötzlich, warum mir ganz am Anfang einer der Wächter gesagt hatte: Es fehlt nur noch das Gitter vor dem Fenster. Ich war ganz entsetzt gewesen: Gitter vorm Fenster, ich bin doch kein Gefangener! Jetzt, mit den vielen Fliegen, wusste ich: Er meinte nur ein Fliegengitter.

Ich glaube, wir haben uns alle gefreut, das Grün zu sehen. Nicht nur die vielen Obstbäume, nicht nur die Bewässerungskulturen (von weitem konnte ich ein paar Tage einen richtigen Wasserfall hören, der aber auch künstlich war und Wasser auf bestimmte Felder brachte), auch die ganze höher gelegene Ebene von Hezarak bekam einen grünen Schleier. Sogar an den Bergen krallten sich ein paar Pflanzen fest.

Geärgert habe ich mich auch auf meine letzten Tage. Nasim, der Chef der Wächter und Lagerverwalter, betont penibel nach außen und gerne für sich am Abzweigen, drohte meinen Lehrlingen, dass das Lotterleben bald vorbei sei. Dann sei dieser Fremde endlich weg und dann sei er wieder ihr Chef. Irgendwie hat mich das mehr beschäftigt und gekränkt, als ich zuerst gedacht hatte. Eigentlich wusste ich, dass er mich nicht leiden kann.

Er ist ein ehemaliger Militär und ist aus dem Hassen noch nicht so richtig raus. Er versuchte noch zu verhindern, dass die Lehrlinge ihre selbstgebauten kleinen Schränke mit nach Hause nehmen durften. Dass ich ihnen das ermöglicht hatte, fanden alle NGE- Leute richtig doof. Ich hatte aber vorher Said Machmat danach gefragt, er hat es wohl nur nicht so richtig verstanden und als er es verhindern wollte, war es wirklich schon zu spät dazu, die Schränke waren schon gebaut.

Ich musste auch ein paar Zeilen schreiben und drei Leute informieren, um sicher zu stellen, dass er Ali Mohammad, einen meiner Leute, auch wirklich die versprochene und von mir bezahlte Werkbank mitnehmen ließ. Vor lauter Sorge, alle von uns gebauten Sachen könnten so langsam verschwinden, sobald ich weg bin, habe ich meinem Abschlussbericht eine ausführliche Inventarliste angehängt.

Zum Beispiel durfte ich die in der Abschlussprüfung gebauten kleinen Bänkchen nicht zum Materalpreis an meine Lehrlinge geben (die sie gerne genommen hätten), an die NGE- Leute aber schon. Die wollten auch alle gerne eines, waren aber nicht bereit, für das Holz zu zahlen. Ich denke, sie haben alle auf den Tag meiner Abreise gewartet und dann die Beute unter sich aufgeteilt.

Diese Regel, dass zwar etwas für den privaten Bedarf aller Leute gebaut werden
kann (solange es der Ausbildungsablauf zulässt), aber dass Holz dafür bezahlt werden müsse, scheint sehr unafghanisch gewesen zu sein.

Dabei kam sie nicht einmal von mir, sondern Ing. Mir Shah hatte sie im Gespräch mit den NGE- Kollegen, die gerade auf dem Hof waren, auf meine Nachfrage hin gemacht.
Ich habe mich dann daran gehalten, mir aber nur Feinde damit gemacht. Bestenfalls auf völliges Unverständnis bin ich gestoßen. Als Freund hätte ich ganz selbstverständlich das Holz, was zwar nicht mir gehört, aber über das ich verfügen kann, verschenkt. Eher noch als Sachen aus meinem tatsächlichen Besitz. So habe ich also beständig demonstriert, dass ich an Freundschaft kein Interesse habe.

Ich habe dann NGE am Ende des Workshops zwar Geld für Sachen, die wir für andere gebaut haben, übergeben, aber es war ausschließlich mein Geld, wie zum Beispiel das Geld für die Werkbank von Ali Mohammad. Lediglich der arme Co-Teacher Einnullah hat auf mehrfache Nachfrage für einen kleinen Stuhl für seine Tochter das Geld bezahlt und war deshalb total sauer auf mich.

Er hat übrigens bis zum Schluss sich die Namen der Lehrlinge kaum merken können (erstaunlich für einen Afghanen) und gegen Ende der Ausbildung zu meinem Entsetzen gerne bei ‚Leutnant’ Nasim übernachtet, wenn er in Kabul war. Was wohl auch bedeutet, dass er dessen Aktionen mitdeckt.

Für meine theoretische Abschlussprüfung brauchte ich in der letzten Woche die beiden Räume der Ingenieure für etwa zwei Stunden. Was an sich kein Problem war, weil Ing. Mir Shah als einziger der NGE- Ingenieure auf dem Hof war. Als ich ihn fragte, ob ich denn diese Räume haben könne, fragte er mich anstelle einer Antwort, was denn mit den beiden Klassenräumen wäre, die wir beantragt hatten.

Wir beide wussten, dass es gemein ist, mich für die damalige Ablehnung verantwortlich zu machen. Außerdem war es ja wohl unverhältnismäßig für zwei Stunden den Bau zweier Klassenräume zu verlangen. Mich hat das richtig getroffen, auch nachdem er die Benutzung nach dieser rhetorischen Frage erlaubt hatte. Ing. Mir Shah, der immer sehr höflich redete und immer lachte, wenn er mich sah, konnte mich in Wirklichkeit nicht ausstehen. Aber immer wieder hatte er wohl die Hoffnung, durch mich nach Deutschland zu kommen oder sonst welche Vorteile zu haben. Anfangs hat er mich wohl den anderen gegenüber als Kommunisten bezeichnet, ein Attribut, das mir in Hezarak richtig gefährlich hätte werden können. Ich hatte einmal gegen die ganz Reichen gelästert, dass solcher Reichtum verboten gehört.

In der Folgezeit habe ich dann nach allen Seiten ausgiebig über die Sowjets hergezogen, um das wieder hinzubiegen. Endgültig krumm hat er mir dann aber wohl genommen, als ich über den üblen Fundamentalisten Sayyaf eine Bemerkung verloren habe. Der hatte zum Beispiel die Wahnvorstellung gehabt, Kabul als Sündenpfuhl völlig ausrotten zu müssen und erst auf den ausgebleichten Knochen und planierten Ruinen nach einer Zeit der Grabesruhe ein neues, wahrhaft moslemisches Kabul wiederaufbauen zu können.

Said Machmat sagte zu mir in meiner letzten Woche: Es wäre nicht gut für ein Land, wenn eine ganze Gruppe von Menschen vom Wiederaufbau ausgegrenzt würden. Er meinte damit weniger die Taliban, als vielmehr Hektmatyar und seine Anhänger. Aber wie einen Konsens mit Leuten finden, denen alles andere als ihre spezielle Ideologie einen neuen Krieg wert ist?

Qiam, einer meiner Lehrlinge, wollte denn auch nicht abseits stehen bei dem Spiel ‚Burkhard ärgern’. Er erzählte mir nicht ohne Stolz, dass er drei Fenster an einem Tag bauen könne. Er ist derjenige gewesen, der am Saubersten arbeiten konnte, sauberer noch als Einnullah. Und war immer als einer der letzten fertig. Für sein erstes Fenster mit mir (das auf Zeit und nicht auf Stück bezahlt wurde) hatte er drei Wochen gebraucht. Na toll.

An die Esskultur hatte ich mich in diesen Monaten so gewöhnt, dass ich mich bei einem Besuch vom Bundesarbeitsamt (einer der Geldgeber von ZIM) in Hezarak nur schwer auf alle Einzelheiten deutscher Esskultur besinnen konnte. Ich hatte zwar daran gedacht, dass wir da nicht auf dem Boden sitzen können, jeder einen eigenen Becher braucht und Besteck anstelle der Finger zum Essen nimmt. Ganz vergessen hatte ich aber dafür zu sorgen, dass auch jeder einen eigenen Teller bekommt. Wenn es nicht etwas peinlich gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich laut gelacht.

Heute war mein Übersetzer Sadat zum letzten Mal mich besuchen. Er berichtete, dass ’alle’ nach mir fragen würden: „Did you see Burkhard? A really good guy! He’s no normal German!“ Ich hatte Sadat das letzte Mal noch ein paar Afghani mitgegeben, weil ich mich beim Umrechnen des Lohnes bei vier Leuten verrechnet hatte. Es hat sie wohl tief beeindruckt, dass ich eine Woche später dieses Geld noch schickte. Und dass ich das versprochene zweite Zertifikat noch habe bringen lassen, fanden sie toll. Sogar einer der Milizionäre hätte nach mir gefragt, meinte Sadat.  Das hat mir gut getan zu hören, auch wenn ich mir nach wie vor sicher bin, dass ich in Hezarak mehr Leute geärgert habe, als Freunde gewonnen. Aber das ist vielleicht auch nicht meine primäre Aufgabe gewesen.

Das Kapitel ‚Hezarak’ ist für mich jetzt beendet. Die Leute werden bleiben, aber meine Welt sieht nun wieder ganz anders aus. Worauf ich jetzt noch scharf bin ist, eine Ausgabe der Wuluswali- Zeitung in die Hand zu bekommen, in der ein Interview mit mir abgedruckt ist.

19. April

Lesen lernen, ein Lehrer und Frustration über die eigene Arbeit mit den Lehrlingen

Nun ist das Ende meiner Dienstzeit immer absehbarer und ich will versuchen, noch möglichst viel aufzuschreiben, bevor ich alles vergesse. Diese Woche saß ich abends mit Ing. Mir Shah zusammen und dann kamen im Radio plötzlich die Namen meiner Lehrlinge und am Schluss auch mein Name. Hab ich mich aber gefreut! Da waren wohl an einem Tag, an dem ich noch nicht da oder schon weg war, ISAF- Soldaten im Hof erschienen und haben nach einem Musikwunsch meiner Leute gefragt.

Vor einiger Zeit hatte ich mit einem meiner Anfänger, einem lieben, schlaksigen, jungen Kerl namens Sardar, ein Einzelgespräch. Sardar ist ein ganz eifriger Lerner und auch intelligent, aber Analphabet (wie sich dass anhört, wo das hier doch ganz normal ist). Irgendwie dachte ich, ich muss ihm ein Leselernbuch oder so was beschaffen, weil ich die Schriftsprache ja selber nicht beherrsche und auch nicht unterrichten kann. Er fand die Idee toll.

Später sprach mich der ältere Machmad erneut auf Geld an und ich sann darüber nach, wie ich ihm, dem Vater von ‚acht Kindern und einem Jungen' wohl am Besten würde helfen können. Es widerstrebt mir irgendwie, den Leuten einfach nur Geld in die Hand zu drücken.

Inzwischen habe ich ihn schon oft an der Tafel unterrichten lassen (Mathe für Fortgeschrittene), ein leibhaftiger Lehrer Böckel und dann war irgendwie klar: Der soll meine Analphabeten unterrichten. Ein bisschen habe ich dabei ein schlechtes Gewissen, weil es wieder einmal ausschließlich Männer sind, die ich da unterstütze. Ich habe ihn trotzdem gefragt und er hat sich wohl ziemlich gefreut, war gleich dabei, sich die Rahmenbedingungen zu überlegen und einen Lehrplan festzulegen. Dann erzählte er mir, dass er in Pakistan schon unterrichtet hätte, ihm nur für Afghanistan irgendeine Abschlussprüfung fehlt. War ich stolz auf mich, wohl ein echter Volltreffer.

Als Bettina vom Entwicklungsdienst mich diese Woche abholen kam, hat er sie auch gleich angesprochen, ob der Entwicklungsdienst seinen Unterricht nicht vielleicht länger bezahlen könne. Bettina hat mich später danach gefragt, weil so eine Unterstützung unter bestimmten Regeln schon möglich wäre. Aber ich konnte ihr da keine Empfehlung geben, weil ich keine sinnvolle Kontrolle weiß. Und ein weiteres Problem hatte ich: Wem gebe ich das Geld für den Unterricht? Also wem kann ich so vertrauen. dass dann auch wirklich Unterricht sein wird? Ihm selbst? Den Lehrlingen? Einem von den Chefs dort?

Ich habe mich dann entschlossen, ihm den Hauptteil des Geldes zu geben und Said Machmat den anderen Teil. Said Machmat fand meine Idee toll und bot von sich aus an, das Geld treuhändlerisch zu übernehmen und später auszuzahlen. Für mich war es nicht besonders viel: 150 Euro für 50 Schulstunden. Ein Lehrer verdient normal das Einheitsgehalt aller Staatsbediensteten von 40 Dollar im Monat (soweit ich gehört habe). Das reicht eigentlich nicht für eine Familie.

Ich fragte Machmad, ob Said Machmat okay für ihn sei, ob er da sicher sei, das Geld auch zu bekommen (immerhin sind einige Lehrlinge auf NGE schlecht zu sprechen und erzählen viele böse Unterschlagungsgeschichten). Ja klar, meinte er, das ist immerhin der Sohn meiner Schwester! Oh nein, dachte ich. Erstens weiß ich jetzt auch, warum er einen Platz im Schreinerworkshop bekommen hat, obwohl er schon so alt ist und eigentlich gar nicht dazu passt. Ich dachte, dass sei eine besonders soziale Nummer von Said Machmat gewesen, weil Machmad so arm ist. Und zweitens bin ich gleich im Kopf alles durchgegangen, was ich mit meiner großen Klappe inzwischen über NGE meinen Lehrlingen erzählt habe.

Über meine eigene Arbeit war ich diese Woche etwas frustriert. Ich hatte mir doch Mühe gegeben, den Lehrlingen etwas über die Formveränderungen des Holzes beim Trocknen beizubringen. Bei der praktischen Anwendung musste ich jetzt feststellen, dass es niemand verstanden hat.  Kann natürlich sein, dass mir wieder mein lieber Kollege Einnullah dazwischengefunkt hat, der den Lehrlingen andere Anweisungen gegeben hat, als ich. Ich habe mich dann vor die Klasse gestellt und gesagt, dass ich ein schlechter Lehrer sei, weil ich es nicht geschafft hätte, ihnen dieses Wissen beizubringen. Das hat sie alle sehr beeindruckt. Und ich glaube, dass das einige jetzt wirklich behalten haben, schon alleine um mir zu beweisen, dass ich kein schlechter Lehrer bin. Vielleicht sogar Einnullah.

27.März

Meine Lehrlinge in der Schreinerwerkstatt

Ab und zu in der Woche frage ich einen meiner Azubis für ein Einzelgespräch. Das stimmt natürlich nicht ganz, denn wir sind ja immer zu dritt, mit Sadat, dem Übersetzer. Kräutertee gibt’s dann, der Ofen im Container ist angeheizt und die Afghanistan-üblichen Süßigkeiten in einer Schale mit mehreren Abteilungen. Als Besonderheit kann ich meist die Karamellbonbons aus Polen anbieten, die ich in einem Laden in Kabul gefunden habe und regelmäßig nachkaufe. Spannend schon allein zu sehen, wer hemmungslos zugreift und wer nur dann zubeißt, wenn ich ihm das Bonbon praktisch schon in den Mund geschoben habe. Sie fahren alle auf Süßes ab.

Ich frage nach den Zukunftsvorstellungen, knüpfe ein bisschen an an meine Beobachtungen, lobe ausführlich und gebe hinterher die Gelegenheit, noch frei zu erzählen, Kritik, Nöte, Anregungen. Genau genommen ist dieser Abschluss das, was mich am meisten interessiert. Da bekomme ich Geschichten erzählt vom Land und höre gespannt und stolz zu, wenn jemand erzählt. Wobei die Geschichten meist nicht sehr positiv sind.

Einer, Machmad, hat "acht Kinder und einen Jungen", also eigentlich neun Kinder, davon acht Mädchen. Er war im Unterricht und in der Werkstatt die ganze Zeit unzufrieden, nörgelte, alles war ihm nicht recht, alles zu wenig, er wollte möglichst spät kommen und früh wieder gehen. Oje, dachte ich, das kann ja heiter werden. Im Gespräch erzählte er mir, wie schwer es für ihn ist, als fast 40-Jähriger Schreiner zu lernen, die anderen Jungs seien viel schneller als er. Aber er habe überhaupt keine Wahl, weil es zu Hause an allem fehlt. Spontan gab ich ihm 500 Afghani und es scheint tatsächlich materielle Not gewesen zu sein, denn seitdem ist er ein aufmerksamer und kooperativer Schüler.

Im Unterricht beobachtete ich bald, dass Machmad auch eine gute Vorbildung hat. Für Fachrechnen habe ich die Klasse in zwei Gruppen geteilt und in der Fortgeschrittenen-Gruppe steht er an der Tafel und erklärt Bruchrechnen, Kommastellen und Dreisatz Für mich sind das echte Sternstunden. Ich sitze als Schüler mit im Klassenraum, lausche gespannt und bin stolz wie ein Schneekönig, diesen Lehr- und Lernraum schaffen zu können, der gut ist für die übrigen Lehrlinge und Machmad zu seinem Recht und der Position verhilft, die ihm zusteht.

Ein paar Wochen später fragt er mich erneut um Geld. Ich bin mir aber sehr unsicher, wofür er es braucht und verweigere es, zumal er auch nicht mit dem Übersetzer zusammen darüber reden will. Verstehen kann ich das allerdings. Sadat ist alles andere als unparteiisch und übersetzt sehr frei. Ich würde ihm auch nicht alles anvertrauen wollen. Und ich stehe dann immer wieder vor Entscheidungen: Wo sage ich ja und wo nein? Natürlich ist es leichter, Nein zu sagen, zumal es ja mein privates Geld ist.

Ein anderer fragt mich, ob ich nicht mit ihm zusammen zu einem Arzt gehen kann. Er wisse nicht, ob er Kinder bekommen könne oder nicht. Die Taliban haben ihn 14 Tage lang gefoltert: Peitschenschläge mit Stahlkabeln, Elektroschock, er sei voller Blut und Sperma gewesen. Er sei bei etlichen Ärzten gewesen und keiner habe ihm eine definitive Antwort geben können. Gefoltert haben sie ihn, weil er im Gebiet von Hezarak zu einer Minderheit der Tadjiken gehört, inmitten eines Paschtunen -Gebietes. Den Taliban, meist Paschtunen, war das suspekt. Später bekomme ich ergänzend erzählt, dass sein Schwager Waffen versteckt hatte, aber in Pakistan war. Nun versuchten die Taliban von den Verwandten das Versteck zu erfahren.

Ein Dritter, Hermidula, der aus einer etwas reicheren Familie kommt und wohl der Jüngste ist (d.h. sein Vater ist um die 70), hat Schwierigkeiten mit seiner Familie und kann aus Stolz nicht mehr nach Hause. Ob ich ihn nicht nach Hause bringen könne und mit seinem Vater reden und sagen, ich hätte ihn unter massiven Druck gesetzt, nach Hause zu gehen. Er wisse nämlich nicht, wo er schlafen könne, die letzten beiden Wochen war er teilweise in Peshavar (Pakistan), in Kabul oder hat auf dem Gelände übernachtet.

Ein paar Stunden später sitze ich also einem Greis mit langem weißem Bart gegenüber, weiß natürlich überhaupt nicht, wie weit ich mich in diese Familie einmischen darf und erzähle freundlich Geschichten von Vätern und Söhnen im allgemeinen und mir und Jakob im besonderen, während mir Tee und Bonbon gereicht werden. Der leere Raum, in dem wir sitzen, bleibt ungeheizt, wohl aus Sorge, ich könne zu lange bleiben. Ob ich etwas helfen konnte, bin ich mir sehr ungewiss. Mein Schützling hatte sich offenbar mehr Schelte für seinen alten Papa erhofft.

Am Wochenende gabeln wir Hermidula auf dem Weg nach Kabul jedenfalls wieder auf, als er unschlüssig auf einem Stein an der Straßenkreuzung zu seinem Dorf sitzt. Ich nehme ihn mit ins Gästehaus, zeige ihm einen Raum, stelle ihn den Wächtern vor, kaufe mit ihm zusammen ein und wir kochen uns etwas. Was in ihm vorgeht, bleibt mir völlig verborgen, wahrscheinlich so wie ich für ihn ebenfalls kein bisschen nachvollziehbar bin. Sein English (er hat Schulbildung, etwa 10. Klasse) und mein Dari reichen sowieso nur für eine sehr rudimentäre Unterhaltung. Am nächsten Tag will ich mit ihm Unterwäsche kaufen, damit er sich waschen und die Wäsche wechseln kann. Außerdem hatte ich kein zweites paar Hausschuhe und will auch das kaufen.

Nun, dieser Einkauf wurde zu einem Labyrinth von Missverständnissen. Zuerst kaufte Hermidula sich feste Schuhe für sich selbst anstelle der Hausschuhe. Ich wollte ihn ja aussuchen lassen, weil die Schuhe groß genug sein mussten. Außerdem wollte ich noch andere Sachen kaufen und wir sind ziemlich lange mit zwei Rädern durch die Stadt gehechtet, weil wir Ewigkeiten brauchten, um alles zu finden. Der arme Kerl hatte ein Jahr lang kein Rad mehr gefahren und ich möchte nicht wissen, ob er am nächsten Tag noch laufen konnte vor lauter Muskelkater.

In einer Art Kaufhaus wollte Hermidula sich die Unterwäsche kaufen, ich passte draußen auf die Räder auf und gab ihm 100 Afghani. Er kam etwas später wieder zu mir auf die Straße, die Wäsche war wohl viel zu teuer dort. Dass ich diese 100 Afghani nicht wiedersehen würde, dämmerte mir schon vorher. Was ich aus der Hand gebe, geliehen oder nicht, ist nicht mehr mein Eigentum.

So wollte er dann wenig später ganz selbstverständlich noch einmal Geld von mir, als er sich an einem Stand ein T-Shirt kaufte. Und eine Jacke bräuchte er, weil er so fröre. Da er sowieso nicht verstanden hatte, wofür ich mit ihm Einkaufen gefahren bin, war ihm auch nicht klar, warum denn eine Jacke nicht auch gut wäre. Nun gut, teuer war sie auch nicht, zumindest als ich den Preis nannte, den ich höchstens bereit zu zahlen war.

Wir sind darauf mit den Rädern wieder aus der Innenstadt nach Taimani zum Gästehaus gefahren und als Hermidula sich von mir verabschiedete (natürlich ohne sich zu duschen!) wurde mir vollständig bewusst, wie wenig er meine Gedanken nachvollziehen konnte. "Meine Gedanken" - das ist ja auch übertrieben formuliert gewesen. Ich wechsele halt die Unterwäsche, wenn ich mich dusche. Aber ich weiß doch weder, ob Hermidula duschen will, noch ob er die Wäsche wechselt. Ich musste sogar erst Mohammad, den Wächter, fragen, was Afghanen denn so normalerweise unter ihrem "Afghanenkleid" tragen. (Zum Teil übrigens nichts, selbst, wenn es kalt ist, habe ich herausbekommen).

Einmal habe ich einem der Fahrer von NGE auf seine Frage nach meinem besten und meinem schlechtesten Lehrling geantwortet. Das war ein saublöder Fehler. Er hat es natürlich nicht für sich behalten. Am Tag darauf war mein Sorgenkind Alisardar im Grunde nicht mehr so richtig arbeitsfähig. Ich habe mir dann Einnullah und Alisardar geschnappt und mir seine letzte Arbeit angeschaut und zusammen mit Einnullah viele Stellen gefunden, die gut geworden sind. Lange haben wir uns darüber unterhalten, um wie viel besser Alisardar inzwischen geworden ist. (Alisardar wurde in der folgenden Zeit tatsächlich viel besser)

Manchmal holt mich auch die Geschichte dieses Landes mitten im Unterricht ein. Wenn zum Beispiel Said sich entschuldigt, weil er irgendetwas nicht behalten hat. Er hält mir seinen Kopf hin, auf dem ich eine riesige Narbe ertasten soll. In den Kämpfen zwischen Hektmatyar und Massoud war er in Kabul und bekam in einem einstürzenden Haus einen Balken ins Gehirn.

Oh, gerade geht mir der Mullah von vis-a-vis kräftig auf den Zeiger. Diese Lautsprecher sind eine verdammt dämliche Erfindung. Seit nunmehr etwa 4 Stunden kräht der und kräht und hört gar nicht mehr auf. Und mit welcher Lautstärke! Hier ist ja Hazara -Gebiet, also Schiiten, die strikter in religiösen Vorschriften sind, als die sunnitische Bevölkerungsmehrheit und offenbar mit Hilfe der Lautstärke und Ausdauer ihre besondere Frömmigkeit unter Beweis stellen müssen.

Und im Hintergrund hat er noch einen ganzen Chor von Gläubigen. Die halten das nun schon seit Stunden in der Moschee aus, immerhin ist es jetzt 21,30 Uhr und an früh schlafen gehen ist nicht im Traum zu denken. Ich werde mich also in Gleichmut und Toleranz üben, wie es sich für einen Entwicklungshelfer gehört und noch ein bisschen weiter schreiben. Meine Hoffnung, es möge bald ihrem Glaubenseifer Genüge getan sein, kann ich allerdings nicht ganz aufgeben.

Sonst kann ich mich eigentlich ganz gut an ihren Glauben anpassen. Nach dem Essen machen sie immer irgendeine Art Kurzgebet mit Gesten, die ich dann mitmache. Und zu jeder passenden Gelegenheit erzähle ich auch, dass es schließlich ein- und derselbe Gott wäre, an den wir glauben. Das habe ich nun schon so oft gesagt, dass ich manchmal im Stillen darüber nachdenken muss, ob ich nun plötzlich tatsächlich an diesen Moses-Gott glaube. Die anderen Götter mögen mir verzeihen.

Manche Sachen finde ich aber ganz schön. Wenn sie den Koran vorsingen z.B. (allerdings nur, wenn diese Lautsprecher das nicht so scheußlich verzerren) oder die gemeinsam gesprochenen Worte, wenn jemand aus der Gruppe jemanden zu betrauern hat. So hatte einer der Wächter eine Tochter verloren und alle Leute vom NGE- Hof versammelten sich deshalb in einem Raum, einer sang und alle sprachen etwas zusammen. Irgendwie mag ich diese Rituale gern. Aber einen Stromausfall für vis-a-vis wünsche ich mir trotzdem.

27. Februar

Die abenteuerliche Fahrt mit dem Dieselofen von Kabul nach Hezarak

Vor einer Woche war ich im Büro in Kabul und wollte mal wieder mit dem Chef sprechen, ein wenig von Hezarak berichten und nachfragen, was er von der derzeitigen Sicherheitslage dort hält. Habe ich doch über dritte Hand gesagt bekommen, dass die Amerikaner dort irgendeine militärische Aktion planen.

Ich hatte schon am Vormittag in der deutschen Botschaft angerufen und die Nachricht erhalten, dass das wohl Blödsinn sei. Er konnte das bestätigen. Er war gut drauf und in Spendierlaune, fragte mich, ob ich noch irgendetwas bräuchte. Ich erzählte, dass ich einen Antrag auf einen Ofen für den Werkstattraum gestellt hätte, aber dass das immer so seine Zeit braucht. „Du kannst einen Ofen aus unserem Lager haben“, war die spontane Antwort, ein Entwicklungsdienst-Kollege und Heizungsbauer solle ihn vorher überprüfen. Noch abends hat er das wohl gemacht und ihn auch zum Laufen gebracht.

Am nächsten Morgen brachte ich ihn zu NGE (weil die Läden am Vortag schon zu waren, habe ich Ofenrohre und einen Dieselkanister aus dem Gästehaus mitgenommen) und beim Einladen in das Auto floss die Hälfte des Diesel aus. Das war ganz gut, wie sich hinterher herausstellte, sonst wäre der Diesel sicherlich wahrend der Fahrt übergeschwappt, uns allen, die wir dicht an dicht saßen, über die Klamotten. War so schon abenteuerlich genug mit dem Ofen im dicht besetzten Auto.

Als wir den Ofen eingeladen hatten, sah ich das zweite Auto davonfahren. Nach einer Weile fragte ich den Ingenieur Mir Shah, mit wie vielen Autos wir denn nach Hezarak fahren würden. Heute nur mit einem, war die Antwort. Er wisse doch, meinte ich, dass ich nur mit zwei Autos fahren dürfe, wegen der Entwicklungsdienst-Sicherheitsbestimmungen. Ja, aber heute würde das andere Auto in die Provinz Wardak fahren. Jemand versuchte mir noch einzureden, dass läge ja praktisch auf dem Weg nach Hezarak und dass mensch dann ja die Strecke doch zu zweit fahren kann. Allerdings war das Auto schon weg und zweitens liegt Wardak genau in der anderen Himmelsrichtung.

Ich meinte also: Dann muss ich halt hier bleiben. - Ob denn ZIM kein zweites Auto hätte. -Nein, die Absprache ist, dass NGE mich bringt und ZIM dass zweite Auto zum Abholen schickt. –Vielleicht ausnahmsweise? – Gut, meinte ich, ich kann ZIM fragen. Ich bin also zum ZIM-Büro, dass glücklicherweise direkt gegenüber liegt (noch, denn sie ziehen um, beide). Aber es war so spontan natürlich kein Auto frei. – Dann können wir nur mit einem Auto fahren. – Dann muss ich halt hier bleiben. (immer das gleiche Spiel) - Gut, also, dann fahren wir mit dem Auto der Ärzte zusammen hoch. Dafür mussten wir aber noch etwas warten, bis das „Medical-car“ soweit war. An der ersten Straßenkreuzung fuhren wir nach links, die anderen geradeaus. -Wo fahren die jetzt hin? -Nach Hezarak natürlich! – Und wir? –Erst mal etwas einkaufen. – Und das haben die anderen nicht gewusst? Nein. -Also gut. Wenn wir nicht mit zwei Autos fahren, kann ich nicht mitkommen. -Ja, klar. Wir probieren doch gerade, die anderen per Funk zu erreichen, das Funkgerät geht gerade halt nicht.

Nach einer Weile: - Wir treffen die anderen in Pul-e-tschari. - Wo ist das? - Dort hinten! - Ist dort hinten vor oder nach dem ISAF- Camp? - Es ist vor dem ISAF- Camp. Wenig später fahren wir an dem ISAF- Camp vorbei, ohne dass ein zweites Auto zu sehen gewesen wäre. Das Camp ist auch schon ziemlich weit außerhalb der Stadt. - Wo sind die anderen jetzt? - Die warten dort hinten auf uns.

Als wir dann die Straße nach Jallalabad verlassen, um rechts über den Fluss und später in die Berge zu fahren, wird mir beteuert, dass das andere Auto vor dem ehemaligen Zentralgefängnis wartet. Ich erkläre, dass sie mich aber zu der Hauptstraße zurückbringen müssen, wenn das zweite Auto dort nicht ist, damit ich ein Taxi zurücknehmen kann. Mittlerweile sind alle Beteiligten ziemlich abgenervt. Entgegen meinen Erwartungen steht tatsächlich das andere Auto in der Nähe des Gefängnisses und wartet auf uns. Über Funk, der jetzt funktioniert, erzählen sie, dass sie fast eine Stunde auf uns gewartet haben und dass ich mich jetzt wohl behütet fühlen kann, weil sie immer vor uns herfahren werden. Natürlich sind sie sauer und ich auch auf den Chef vom Entwicklungsdienst, der mir das alles eingebrockt hat. Unterwegs fängt es an zu schneien. Das ist gut für Afghanistan, aber unser schnelles Fahren erleichtert es nicht gerade. An der einzigen richtig steilen Stelle kommen wir dann auch nicht weiter, das Ärzteauto muss wieder auf uns warten, bis der Fahrer die Schneeketten angebracht hat.

Später wird mir gesagt, dass die Mediziner jetzt nur eine Stunde Zeit in Hezarak hätten und danach wieder zurückmussten. Sie fahren immer hin und her, weil sie auch Ärztinnen im Team haben, die nicht mit den Männern in Mundul übernachten können.

Dann sind wir endlich in Mundul. Meine Auszubildenden warten schon anderthalb Stunden auf uns. Einer meiner Schüler hat am nächsten Tag Hochzeit und will freibekommen. Alle gucken mich erwartungsvoll an. Klar kann er freibekommen für seine Hochzeit, sage ich, aber er weiß die Regeln. Mein Übersetzer übersetzt das aber nicht so höflich, sondern sagt gleich: Aber es gibt kein Geld. Alle sind empört. Nach einer Weile, in der ich beobachte, wie die Empörung sich so entwickelt, meine ich, okay, ich werde Said Machmat fragen, wie in diesem Fall zu entscheiden ist.

Und dann lädt uns Zainulabuddin alle zu seiner Hochzeit ein. Wieder weiß ich nicht, was ich dazu sagen soll, weil er uns (selbstverständlich!) während der Arbeitszeit einlädt. Erst mal sage ich: Chub as! (Toll!).
17. Januar

Das große Essen

In der zweiten Woche meiner Ausbildung habe ich dann ein großes Essen gegeben, für 200,- Euro. Samea und Hermid erklärten sich bereit, mir zu helfen, machten mit mir eine Vorbereitungsliste (zum Beispiel gab es nicht genug Geschirr) und eine Einkaufsliste. Gemeinsam überlegten wir, wen wir einladen könnten.

Im Grunde wollte ich nur Afghanen einladen, eine Party für Hezarak, mich den örtlichen Offiziellen vorstellen. Dann wurde mir aber klar, dass ich auch die Kabuler Chefs einladen müsse. Und dann auch ihre Frauen.. Kurz vor der Party steckte mir Samea, dass es aber nicht ginge, dass mit diesen konservativen Käuzen die beiden Frauen mitessen würden. Ob ich die nicht fragen könne, ob sie vielleicht in meinem Container essen würden. Ach du Schreck!

Sie kamen nicht. Nur Afghanen, nur Männer. Irgendwann später meinte der (selbst konservative) Said Machmat, so ein Quatsch, natürlich hätten die beiden Frauen mitessen können. Die seien Europäerinnen, da sei das kein Problem. Und Arnold meinte: „Da hättest Du eine schöne Szene erleben können, wenn du die Frau vom Chef gefragt hättest, ob sie im Container isst.“ Noch mal Glück gehabt.

So war es eine große Sache wohl. Und ich völlig aufgelöst. Statt der geladenen zehn Bezirks- und Dorf- Ältesten kamen fünfundzwanzig. Alle wohl, die etwas zu sagen hatten. Ihre Titel habe ich nicht begriffen, aber einer war ganz offensichtlich der örtliche Commander: Er zog als einziger die Schuhe nicht aus, sondern setzte sich damit auf die Tischdecke. Schon sein Gesichtsausdruck sah erstaunlich dämlich aus. Die anderen gefielen mir zumeist wesentlich besser: Alte Männer wie aus dem Bilderbuch, mit Afghanenkleid, barfuss in Badelatschen, Turban auf den wettergegerbtem Kopf und Bart bis in den Suppenteller. Und würdevoll.

Wir saßen vor dem Haus auf einer Art Terrasse, in zwei Reihen uns gegenüber. Die Azubis und die Wächter saßen etwas abseits. Toll, dass es möglich war, draußen zu essen, immerhin Mitte Januar. Aber tagsüber ist es halt doch ziemlich warm, wenn die Sonne scheint. Zu Anfang rezitierte (das heißt hier: sang) Samea eine Koransure, darauf hielt erst Mir Wais (der die Gemeinwesenarbeit macht), später Mir Rachim eine Rede, und dann war ich dran. Meine spärliche Dari- Kenntnisse begeisterten alle und ich entschuldigte mich höflich, weil ich kein Pashtu könne.

Ich ging bald ins Englische über und hielt eine Lobrede auf die alte und hochentwickelte Kultur von Afghanistan, erzählte kurz, was ich hier tue und gab ein Sprichwort zum Besten. Mittendrin schaute ich plötzlich in das völlig verblüffte Gesicht von Samea, der den englischen Teil meiner Rede übersetzte hatte: Ohne es zu merken, hatte ich plötzlich Deutsch gesprochen!

Von vielen Seiten sollte ich später hören, das sei eine tolle Party gewesen, ein "powerful Meeting"! Es war wohl das hochrangigste Treffen im Distrikt Hezarak seit dem Krieg. Ganz viele halfen, angefangen von dem Hazara- Tierarzt Dr. Haschir, der mit wundervoller Schrift die Einladungskarten schrieb, über meine beiden Logistik-Helfer Samea und Hermid, mit denen ich zusammen auch ein Großteil des Einkaufes machte (und nur mit Mühe das von Arnold versprochene Auto bekam - ohne ihn, aber mit seinem Fahrer und seinem Übersetzer) bis hin zu den Köchen und all jenen, die den Tisch deckten und abräumten, Geschirr von zu Hause mitbrachten und vieles mehr.

Samea fragte ich dann auch, wem ich Geld bezahlen solle, weil ich das - außer für die Köche, das war mir klar - nicht einschätzen konnte. Er nannte mir dann noch einen Wächter, der auch mit geholfen hatte.

Am Tag darauf steckte mir mein Übersetzer, dass der Lagerverwalter Nasim sauer gewesen wäre, dass er nichts bekommen habe. Erst verstand ich, dass Sadat für sich selbst um Geld bat und war verärgert. Ich erzählte den Ingenieuren davon, was wiederum Sadat sehr verschämte und mich zu einer öffentlichen Entschuldigung veranlasste. Nasim aber ließ nicht locker und nachdem einer der Fahrer, offensichtlich von ihm geschickt, auch irgendeine Bemerkung in dieser Richtung machte, sprach ich mit Samea darüber. Eigentlich um zu erfahren, ob er vielleicht doch jemanden vergessen habe. Einen Tag später saß ein völlig eingeschüchterter Nasim bei mir im Container, entschuldigte sich vielmals und fragte kleinlaut, ob ich wirklich mit dem Chef in Kabul darüber reden wolle, wie ihm Samea angedroht hatte.

Ich konnte ihn beruhigen, gab ihm aber nichts. Mir war es lieber, nicht noch nachträglich jemanden auf sein Verlangen hin Geld zu geben. Ich sah schon eine mehr oder weniger fordernde abendliche Schlange vor meinem Container. Was allerdings aus all den Resten dieses Festes und all jenen Sachen, die ich zwar eingekauft, aber beim Essen nicht gesehen hatte, passiert ist, das sollte mich noch etwas beschäftigen.

20. Januar

Einnullah, der Co-Teacher auf dem Schreinerhof in Hezarak

Irgendwann bekomme ich Abdul Einnullah vorgestellt: Er sei ein sehr guter Schreiner, mit ihm solle ich zusammenarbeiten. Abdul Einnullah ist etwa dreißig Jahre alt, ein kleiner, drahtiger Mann mit einer spitzen Nase, spitzbübischem Gesicht und braungebrannt. In der Zeit bevor ich kam, als ein Teil meiner Azubis und andere für das UNHCR-Programm Fenster bauten, war er mit als Ausbilder beschäftigt. Er sei ganz arm, wird mir berichtet, gerade arbeitet er in Kabul in einer anderen Werkstatt mit, hat aber eine Frau und ein kleines Kind in der südlichen Nachbarprovinz Logar. Er zeigt mir sein Zimmer in Kabul: Etwa 2,5 x 3,5 m groß und sie übernachten dort, soweit ich zählen konnte, zu sechst.

Ich frage ihn, ob er mit mir Werkzeug für die Auszubildenden einkauft und zusammen (auch Svenja ist mit dabei) ziehen wir zwei Tage später los. Das hat viel Spaß gemacht, mit ihm zusammen Hobelmesser zu begutachten, die Zähne der Sägen genau anzuschauen und mit den Fingern über Bohrerspitzen zu streichen. Schnell wurde mir aber klar, dass er nicht allzu gut verhandeln kann und auch die Preise weniger gut kannte, als ich zuerst dachte: Er ist nie zur Schule gegangen und die Worte, die er schreiben kann, hat er sich selbst beigebracht. Leider haben wir viel zu viel Zeit gebraucht und es war schon abends und ich durchfroren, als wir endlich nach Hause sind. Eingekauft hatten wir in einer so engen Gasse, dass das Auto (für einen Tag vom Entwicklungsdienst) dort nicht hinkonnte. So hatte ich zwei Leute mit einer Schubkarre als Träger (oder Fahrer?) bezahlt, die mir das Zeug zum Auto brachten. Auch ein Gewerbe: Betriebsmittel Schubkarre. Für eine Fahrt verdienen sie normal 5 - 10 Afghani, also etwa 10 - 20 Euro-Cent.

Danach bat ich ihn, mir bei der Planung (inhaltlich und zeitlich) meiner Ausbildung zu helfen, zusammen mit meinem Übersetzer. Das war sehr anstrengend, zwei Tage lang, aber hat auch viel Spaß gemacht. Halima, die Putzfrau, bat ich für ein Extrageld, für uns zu kochen, weil ich wusste, dass einfach so Brot und Butter zum Mittagessen für die Afghanen undenkbar ist.

Leider stellte sich später heraus, dass die Zeitvorgaben von Einnullah recht unrealistisch waren. So hatten wir am Ende der Ausbildung geplant, sie alle einen kleinen Schrank für sich selbst bauen zu lassen. Aber nachdem wir für das erste Fenster anstelle der veranschlagten 3 Tage 3 Wochen gebraucht hatten, war klar, dass wir das gesamte Programm zusammenstreichen mussten. Und ich war in der doofen Lage, auch gegenüber den Verantwortlichen von NGE, irgendetwas vorweisen zu müssen, was wir denn so produzieren und zwar nicht für die Auszubildenden privat. Sie bekommen ja schon Werkzeug, Geld für die Ausbildung, Essen, und wir ließen sie eine Werkzeugkiste für sich bauen.

Als ich ihnen also irgendwann erklären musste, dass das mit dem Schrank wohl nichts werde, wurde es sehr unangenehm für mich. Sie hätten ihren Eltern schon davon erzählt, das müsse jetzt auch gebaut werden. Nur mühsam konnte ich die Wogen glätten. Aber ich glaube, nun bin ich nicht mehr der so ganz tolle Fremde. Einnullah, der Schlingel, der daran ja nicht ganz unbeteiligt war, stellte sich der Einfachheit halber auf die Seite der Schüler und bat mich, den Schrank doch bauen zu lassen. Ich war begeistert. Später stellte sich diese meine Androhung, den Schrank nicht bauen zu können, als sehr gelungene Aktion heraus: die Lehrlinge arbeiteten sehr viel schneller und einen gemeinsam erarbeiteten Zeitplan konnten wir so gut einhalten, dass schließlich doch noch Zeit für den Schrank übrig war.

Am Anfang bedachte ich Einnullah noch mit kleineren Geschenken, z.B. mit einem meiner Pullover, weil er immer im dünnen Hemdchen herumlief und ganz offensichtlich fror. Dass er barfuss in Plastiksandalen im Schnee herumläuft, ist dagegen hier ganz normal. Strümpfe würden ja auch nass. Das Taxi und das Essen bezahlte ich, klar. Er mühte sich auch, mir etwas zurück zu schenken, z.B. einen bemalten Holzvogel oder einmal, als ich ihn besuchte, kaufte er mir beim vorbeifahrenden Händler eine Tüte voll Pistazien. Ich war gerührt.

Nach dem ich aber so kräftig an meinem Image des superreichen Deutschen gebastelt hatte, versiegten diese Gegengeschenke verständlicherweise und wurden eher zu Forderungen an mich. Mir passierte dann das Gleiche, wie jedem anderen Fabrikbesitzer: meine tolle Gönnermiene kann ich nur aufbehalten, wenn ich freiwillig schenke und nicht mit eingeforderten Rechten konfrontiert werde. Ich reagierte also verstockt und ließ ebenfalls deutlich nach in meinem Geschenkeifer. Besonders, nachdem mir Einnullah seine Gehaltsforderung präsentierte: 300 Dollar pro Monat. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob er wirklich weiß, wie viel das ist. Jedenfalls ist es mehr als die vergleichsweise gutverdienenden Ingenieure von NGE verdienen, nur Said Machmat und Mir Rachim verdienen mehr.

Von Anfang an war nicht klar, wer Einnullah denn nun eigentlich bezahlt. Mir Rachim von NGE meinte, das sei Sache vom Entwicklungsdienst. Für Einnullah hätten sie auch kein Geld. Was mich sehr erstaunte bei dem vielen Geld, das sie für meinen Workshop bekommen sollten. Ich rechnete nach und kam auf höchstens 6000,- Dollar, die an Kosten anfallen würden, inklusive Bezahlung von Einnullah.

Meine Berechnungen legte ich meinem Ansprechpartner Said Machmat vor, mehr zur Kenntnisnahme und ohne groß darauf herumreiten zu wollen. Ich wollte nur, dass sie wissen, dass da jemand nachrechnet. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war, dass ich damit immer mehr in ihre finanziellen Geschichten involviert wurde, z.B. in das im Vergleich zum Ergebnis zu hoch abgerechnete Essensgeld für meine Auszubildenden.

Zusätzlich fühlte ich mich aber auch verantwortlich für den Lohn von Einnullah. Irgendwie hatte ich es ja akzeptiert oder bejaht, oder gewollt, mit ihm als Co-Teacher zusammen zu arbeiten. Zeitweilig überlegte ich gar, ihn notfalls für zwei Wochen selbst zu bezahlen. Einnullah hatte auf das Versprechen der Einstellung hin inzwischen seine Untermiete bei dem anderen Schreiner in Kabul aufgegeben.

Ich fragte also beim Entwicklungsdienst nach, wie und ob eine Einstellung möglich sei. Nein, meinte Holger Balke, einstellen könnten sie ihn nicht. Aber es sei möglich, dass der Entwicklungsdienst einen u.U. hundertprozentigen Gehaltszuschuss an NGE zahle. NGE müsse dafür einen Antrag stellen. Ich ging wieder zu NGE und erzählte davon.

Aus Versehen erwischte ich die falsche Hierarchieebene: Ich sprach mit dem (Holländer) Peter Beckum und verärgerte Said Machmat, der den Antrag aber schließlich schrieb. Beim Entwicklungsdienst war Karl Anders inzwischen aus dem Urlaub zurück, der offensichtlich auf jedweden Antrag verärgert reagiert und deshalb einfach nichts tut, bis man ihn fragt. Das bemerkte ich zwei Wochen später und hatte dann ein rundherum unerfreuliches Gespräch mit ihm. Seine Entscheidung ließ er weiterhin offen, so dass ich immer noch nicht wusste, ob und wie hoch Einnullah bezahlt wird.

Während unserer theoretischen Vorbereitung des Workshops holte ich Einnullah und meinen Übersetzer Sadat auch einmal von zu Hause ab, auch um zu sehen, wie Sadat denn so wohnt. Zufällig wohnt er ganz in der Nähe von Einnullah, von meinem Gästehaus aus aber am anderen Ende der Stadt. Im Grund sind die Häuser immer ziemlich gleich. Ein von hohen Mauern umgebener Hof, drinnen Lehmbauten mit großen Fenstern nach innen zum Hof hin. Die Freifläche fast immer vertrocknet und mit mehr oder weniger viel Gerümpel. Und in einem Raum, in dem sich garantiert keine Frauen aufhalten, gibt es Tee. In dem Raum sind meistens auch keine Möbel, manchmal ein Wandschrank, meist rohe Lehmwände, an der Decke sind die schmalen Holzbalken, auf denen Schwarten liegen, durch die wiederum ein Strohlehmgemisch sichtbar ist. Auf dem Boden Teppiche, rings rum an den Wänden Sitzkissen, manchmal in einer der Ecken gestapelte Matratzen.

Auf dem Hinweg hatte ich einen dieser "Milli"- Busse gesehen (Milli ist wohl irgendein Name) und die Idee bekommen, statt mit dem Taxi, mit einem dieser Busse zum Gästehaus in Taimani zurückzufahren. Sadat war hellauf begeistert: Da kommt dieser weiße Snob, der sich alles leisten kann, auf so eine Schnapsidee und anstelle bequem im Taxi zu sitzen, müssen sich nun drei Leute in enge Busse quetschen und da es keinen zentralen Omnibusbahnhof gibt, quer durch das halbe Stadtzentrum laufen, um den Anschlussbus zu bekommen.

Ich war ebenfalls hellauf begeistert: Die Busse fand ich weniger eng besetzt, als zu meiner Schulzeit, gehalten wird überall, wo jemand aussteigen oder einsteigen will. Fahrpläne gibt es nicht, nur Stellen, wo sehr wahrscheinlich demnächst ein Bus kommt und sich deshalb Leute sammeln. Auch unser Gang durchs Zentrum war toll: Vorweg ein unglaublich schneller und wendiger Einnullah, danach ich, zwischen all den Leuten verzweifelt nach Einnullah Ausschau haltend, Wasserpfützen und Schlammloch meidend (bloß keine Frau anrempeln) und vor plötzlich auftauchenden 4-jährigen mit einem Bauchladen voll Kaugummi strauchelnd, und weit hinterdrein ein missmutiger Sadat.

Im Bus ist immer vorne der Einstieg nur für Frauen, der mittlere eigentlich nur für Frauen, im Gang eine Schnur, die die Geschlechter trennt und hinten dann nur für Männer. Weil der Bus noch nicht voll war, wartete er noch, drei Bettler(innen), zwei junge Kaugummiverkäufer und einer mit Streichhölzern klapperten alle Reihen ab mit anfänglich gutem, später abnehmendem Ergebnis - und es wurde voller.

Als ich meinen Sitzplatz einem alten Herrn anbot, war Sadat endgültig entsetzt: Der Sitte entsprechend musste nun auch er aufstehen und es mir gleich tun. Und zu allem Überfluss werde ich zwei Haltestellen später (nach dem mich alle hatten Englisch reden hören) von mehreren Seiten handgreiflich genötigt, einen freigewordenen Platz einzunehmen, während er die ganze Fahrt stehen musste.

Als der (meistens halb zur Tür raushängende Schaffner) das Geld einsammelte (der darf übrigens zu der Frauenhälfte) erfuhr ich so nebenbei den Fahrpreis (1 Afghani = 2 Eurocent) und dass Einnullah und Sadat bisher ein ganz gutes Geschäft gemacht hatten, als ich ihnen das Taxi hin und zurück bezahlte (140 Afghani) und sie mit dem Bus gefahren sind. Sage und schreibe schon anderthalb Stunden später waren wir wieder in Taimani. So richtig eilig darf mensch es auch in Deutschland schließlich nicht haben, wenn frau Bus fährt. Die Afghanen haben aber auch eine etwas schnellere und auch billige Transportmöglichkeit: Sie steigen in schon besetzte Taxis mit dazu und zahlen dann zwischen 5 oder 10 Afghani. Das sind ‚Linientaxis’, die fahren bestimmte Routen.

Auch durch die Mithilfe von Svenja konnten wir den Container fast fristgerecht fertig stellen. Er war jedenfalls so weit, dass ich darin schlafen konnte. Und am 13. Januar fingen wir mit dem eigentlichen Kurs an. Ich hatte dieses Datum Said Machmat schon zwei Wochen vorher gesagt. D.h. wir wollten den Kurs anfangen, aber unsere Lehrlinge standen noch nicht fest. Said Machmat hatte sich, wie schon zuvor mit dem Essen und anderen Dingen auch, darum nicht gekümmert. Ich war zuerst stinksauer. Es stellte sich dann als gar nicht so schlecht heraus: mit Zweien baute ich zuerst die restlichen Sachen am Container fertig. Dreie, die kamen und behaupteten, sie gehörten auf jeden Fall zu dem Kurs, gab ich die Aufgabe, unseren Werkstattraum mit Planen und Stangen gegen den Winter zu schützen (anderthalb Seiten waren ja völlig offen gewesen). Und Einnullah gab ich mit zwei anderen die Aufgabe, für den Vorratsraum zwei Regale zu bauen, um unsere Materialien (und auch das Werkzeug, das ich noch verteilen wollte) zu lagern.

Dieses simple Kellerregal war eine echte Herausforderung für Einnullah, oder besser eine einzige Katastrophe. Danach wusste ich, dass ich diesem wirklich guten (so war er mir schließlich ja vorgestellt worden) Schreiner auch handwerklich überlegen bin. Da, wo er konstruktiv ganz gute Ansätze hatte, machte er sie durch miserable Ausführung wieder wett. Meine Vorschläge ignorierte er anfangs vollständig. Zum Beispiel baute er das Regal zusammen, ohne vorher den Türrahmen auszumessen, durch den er hindurch musste.

Das Regal wieder auseinander zu nehmen war aber schwierig, weil er die Konstruktion so gewählt hatte (auch gegen meinen Vorschlag), dass die Nägel ein Auseinandernehmen verhinderten. Schrauben schlug er mit dem Hammer ein, so dass die meisten krumm wurden und auch der Kopf nicht mehr zu benutzen war. Und zu guter Letzt war ein Regalbrett ganze acht Zentimeter schief im Regal (was ihn aber nicht störte).

Entgegen meinem Vorsatz, von ihm lernen zu wollen, bin ich letztendlich sehr massiv geworden, und habe ihm vorgeschrieben, wie er arbeiten sollte, zum Beispiel die Querteile des Regalrahmens einstemmen und nicht nur nageln.

Mein Übersetzer Sadat

Mit meinem Übersetzer hatte ich zuerst so meine Probleme. Mir Rachim oder Said Machmat von NGE hatten ihn für mich ausgesucht. Er sollte von Hezarak stammen, Gebiet und Leute kennen. Darauf hatte der Chef bestanden. Ich hätte lieber Mohammad gefragt, dessen Englisch ich super verstehe, und den ich auch sonst sehr gut mag. Ich hatte mir aber grundsätzlich das Recht vorbehalten, Nein zu sagen oder ihn wieder zu entlassen, wenn ich nicht mit ihm klarkomme.

Sadat ist ein junger, hagerer, verkrampfter Mann voller Selbstzweifel und Ängste, der gerne wortreich erklärt, wie gut er wie viele Sprachen kann und wie gut er auch sonst in allem ist. Ein armer Kerl, der in Pakistan als Flüchtling gelebt hat und der dort einmal fast erschossen wurde, zum Glück nur ein Streifschuss quer über die Brust und ein Handdurchschuss.

Innerhalb der ersten zwei Stunden erklärte er mir gegenüber, dass mein Englisch aber sehr schlecht sei, dass mein Dari noch viel schlechter sei, fiel mir ständig ins Wort und erzählte mir ganz viele Geschichten, die ich gar nicht wissen wollte. Oh je, dachte ich. Er war mir einfach unsympathisch und mein Ärger erst mal so groß, dass ich ihm schriftlich10 Regeln gegeben habe. Die erste Regel war, dass er mir nur dann übersetzen soll, wenn ich darum bitte und ansonsten die Klappe halten soll.

Geärgert hatte er mich auch, weil er immer wieder davon anfing, mehr als 150 Dollar pro Monat zu wollen. Ich hatte ihn zuvor gefragt, welchen Lohn er abgesprochen hätte und daraufhin sagte er: „150 Dollar.“ In dieser Höhe bekam er seinen Vertrag. Mir Rachim erklärte auf Rückfrage, sie hätten gar nichts abgesprochen (was auch nicht stimmen muss). Jedenfalls war Sadat mit der Höhe seines Lohnes kurz darauf unzufrieden. Andere Organisationen würden für einen Dolmetscher 300 Dollar bezahlen.

Als er dieses Thema zum dritten oder vierten mal vor allen in Hezarak ansprach, war ich so sauer, dass ich ihm antwortete, sein Englisch wäre immerhin auch ziemlich schlecht (Hermid, der Wasserbauingenieur, meinte entsetzt zu mir, ich solle nicht so unfreundlich reden). Seitdem habe ich also meine Ruhe vor diesem Thema und sein Englisch ist wirklich schlecht. Er könnte sich immerhin auch mal entschuldigen für die etlichen Male, wo er steif und fest behauptet, dieses oder jenes würde in Englisch so oder so heißen und dann mit Hilfe des Wörterbuches feststellen muss, dass ich Recht hatte. Irgendwann habe ich ihn (ich glaube sogar freundlich) gebeten, mit mir während des Übersetzens nicht über Vokabeln zu diskutieren.

Jetzt, einige Wochen später, kommen wir sehr gut miteinander klar und ich bin auch froh, dass er von Hezarak stammt. Er kann mir doch manchmal ein paar Hinweise geben, die nur ein Insider weiß. Und ich glaube, er arbeitet inzwischen gerne mit mir zusammen, auch wenn ich ihn manchmal zurückpfeife. Neulich wollte er erst irgendwas schreiben, als ich ihn zum Übersetzen brauchte. Said Machmat habe ihm aufgetragen, das zu schreiben. Wie selbstverständlich ich mir schon in meiner Herrscherrolle bin, als ich ihm sagte: „Ich bin Dein Boss, nicht Said Machmat.“

Ich hatte ihn auch extra vom Entwicklungsdienst einstellen lassen. Ich sagte ihm zu, dass er nicht entlassen würde, auch wenn er mit NGE in Konflikt gerät. So hat er mir dann auch gesteckt, dass einer der NGE- Leute ein Taxi für NGE zur Verfügung stellt, für die Horrorsumme von 25,00 (Dollar) pro Tag. Damit kann er seinen doppelten Monatsverdienst (ca. 250,00 Dollar) noch mal nebenher verdienen. Wenn es stimmt, was Sadat mir sagte.

Dubai – Kabul

5.30 Uhr ziehe ich aus dem „Dreamland Hotel“ in Dubai aus. Am Flughafen treffe ich Jeff wieder. „Did you sleep well?“ „Oh my god! This Iranian lady last night!“, antwortet er. Offensichtlich hat er in der letzten Nacht nicht geschlafen. Wir checken in. Etwas verwirrend hier. Ein älterer Afghane in traditioneller Kleidung findet sich auch nicht zurecht. „Hey Dude back there is the end!“, weist Jeff ihn zurecht.

Der Flug nach Kabul mit Kam Air: Neben mir sitzt John aus Südafrika. Er arbeitet als Leibwächter für den japanischen Botschafter. Auf den Stühlen weiter rechts sitzt ein Afghane. Wir haben zwei Stewards und zwei Stewardess ohne Kopftuch. Eine der Flugbegleiterinnen ist Türkin. Sie hat das offensichtlich alles im Griff hier. Die Maschine ist etwa zu 2/3 besetzt. Stundenlang sehe ich nichts als Berge - graue, braune und schneebedeckte Berge Afghanistans soweit das Auge reicht.

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