Kultur

Drei junge Kabuler über ihre Kindheit, die Situation an der Schule und die Sicherheitslage in Afghanistan


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Basheer (19), lernt deutsch am Goethe-Institut und studiert in der Literaturfakultät an der Universität Kabul. Basir (17) und Shamsullah (18) gehen beide in die 11. Klasse an der Amani-Oberrealschule, eine Schule mit Deutschschwerpunkt im Zentrum Kabuls. Ich führe ein halbstündiges Interview mit den drei jungen Kabulis über ihre Kindheit in einem Vorort Kabuls und in Pakistan und die Situation an der Schule. An diesem Tag gab es einen Anschlag in der Nähe der Wohnung von Basir bei dem er viele Tote sah und so ist auch die allgemeine Situation in Afghanistan und Sicherheitslage Thema des Gesprächs.

Mit 5 Jahren lebte Basir außerhalb Kabuls. Damals gab es oft Kämpfe und in der Gegend, wo Basir lebte, kämpfte Massud gegen Sayyaf. Ein einschneidendes Erlebnis damals war als nach einer Explosion eine menschliche Hand vom Himmel geflogen kam. Der Vater Basirs grub die Hand daraufhin ein.

Kabuler Alltag vor meiner Abreise

In den letzten Wochen hat es immer wieder geregnet, zum Teil richtig heftig. Toll für Afghanistan nach diesen Jahren der Dürre. Der Kabulfluss ist wieder ein richtiger Fluss. Da der Strom von Kabul (unter anderem) aus drei Wasserkraftwerken kommt, gibt es inzwischen auch wieder fast 24 Stunden Strom. Die Straßen sind allerdings nach einem Regen eine Katastrophe. Selbst die geteerten Straßen haben als Bürgersteige rechts und links nur Lehm und sind dann völlig aufgeweicht. Erstaunlich aber, wie viele Straßen dann doch geteert sind in Kabul, und immer wieder kommen welche dazu. Im Straßenbau, der oft von Deutschland mitfinanziert wird, gibt es auch regelrechte Frauenbrigaden. Auch die Straßenbeleuchtung wird von Woche zu Woche vollständiger, inzwischen sind so gut wie alle HauptStraßen beleuchtet und in einigen Vierteln auch die kleineren Straßen.

Letzte Woche habe ich einen tollen Fahrrad- und Fußgängerweg entdeckt, als kleine ParallelStraße neben der grossen Straße nach Taimani heraus und mit sehr wenig Schlaglöchern. Die große Straße ist meistens mit Autos, Fahrrädern und Lastkarren zu und natürlich auch völlig verpestet. Überhaupt hat mensch eigentlich immer die Wahl, entweder holprige Nebenstraßen ohne Verkehr zu fahren oder auf den asphaltierten und chaotischen Hauptstraßen.

Nachts hören wir öfter die Raketeneinschläge, die dem ISAF- Camp gelten, aber im Grunde fast nie Schaden anrichten. Vor drei Tagen war die Explosion so laut, dass wir dachten, das muss in unserem Viertel eingeschlagen haben. Hatte es aber nicht, sondern wie üblich in dem gut fünf Kilometer entfernten ISAF- Camp. Der Explosionskrater ist dafür meist erstaunlich klein, einen Meter oder so.

Allgemein wird das damit erklärt, dass Al Qaida- Leute nur zeigen wollen, dass sie noch da sind. Ich halte das für Unfug: Die würden doch versuchen, zu treffen und nicht nur sich der Gefahr aussetzen, entdeckt zu werden.

Für viel wahrscheinlicher halte ich, dass Regierungstruppen zeigen wollen, dass Taliban und Al Qaida noch da sind, um Gelder für die eigene Aufrüstung zu bekommen. Das würde erklären, warum tatsächlich fast nie jemand verletzt wird bei diesen Anschlägen. Einmal ist es auch aufgedeckt worden: Eine bestimmte Regierungseinheit wollte eine Lohnerhöhung und versuchte mit einem fingierten Anschlag zu zeigen, wie wichtig sie für die Sicherheit sind. Klarer kann mensch eigentlich nicht demonstrieren, dass der Frieden grundsätzlich von jeder Art bewaffneter Truppen bedroht ist.

Letzte Woche konnte ich am helllichten Tag eines der knapp über die Hausdächer donnernden Flugzeuge sehen, dass von mehreren Leuchtraketen beschossen wurde. Außer mir hatte das auf der Straße weiter keinen beeindruckt. Später erfuhr ich, dass es eine Art Übung für den bevorstehenden ‚Freedom Day’ war. Am selben Tag gab es auch eine große Übungsparade auf dem Paradeplatz im südlichen Teil der Stadt.

Erstaunlich, wie viele Afghanen Englisch sprechen können. Nur zum Teil sind es die Pakistan-Rückkehrer, die in der ehemaligen britischen Kolonie Englisch gelernt haben. Englisch gilt als Schlüssel für gute Jobs und so werden es täglich mehr, die Englisch lernen. Die Kinder rufen gerne schon von weitem “how are you”, was sich manchmal allerdings mehr nach dem Geschrei der allgegenwärtigen Maultiere (in Jallalabad waren es mehr Esel) anhört.

Letzte Woche bin ich einmal in eines der großen und über die ganze Stadt verteilten Postoffice gegangen. Das ganze Gebäude war bestimmt 8 mal 15 Meter groß und in einem kleinen Raum saß ein Postangestellter hinter einem Resopal-Schreibtisch, sonst gab es nichts. In dem kleinen Raum war wirklich nichts weiter als der Angestellte, zwei Stühle und dieser Schreibtisch. Auch der Rest des Gebäudes war, bis auf Postfächer, leer. Auf meine Nachfrage kramte er in einer der Schubladen, holte einen abgewetzten Briefumschlag hervor und bot mir verschiedene Briefmarken an. Zum Teil waren sie noch mit der alten Währung. Er hatte auch keine Ahnung, wie viel ein Brief denn so kosten könnte, schon gar nicht nach Europa. Ich habe mir dann einfach eine kleine Auswahl zusammengestellt und sie später auf zwei Postkarten einigermaßen gerecht verteilt.

Wie beschrieben, habe ich mich mit meiner Kleidung inzwischen schon recht angepasst, nur die kleineren Feinheiten gehen mir etwas verloren. So ‚darf’ mensch ja auch in Deutschland eigentlich nicht ein Ökooutfit mit einer Amischirmmütze mischen.

Ich musste also erst ein paar Erfahrungen sammeln. Das ‚Palästinenser-Tuch’ ist in der Stadt sehr häufig zu sehen, weil es erstens durch die aus den arabischen Staaten kommenden Gotteskrieger in Kabul üblich wurde und nun auch typisch ist für die Panjirifraktion. Außerhalb von Kabul sind diese aber oft nicht gerne gesehen und die Araber sind sowieso nicht beliebt, weil sie im Krieg häufig besonders grausam waren.

Mein weißes Käppi hingegen bestürzte die Wächter des Gästehauses: Du siehst ja jetzt aus, wie ein Mullah! Als ich in der Stadt einmal einen Container bestiegen habe, um von dort ein Bild zu machen, bin ich ein bisschen ängstlich gefragt worden, ob ich vielleicht ein Al Qaida sei. Weil eben meine Kleidung so kunterbunt zusammengestoppelt war.

Ein anderes Mal wollte ich unbedingt einen sehr malerischen Bettler fotografieren. Leider war er nicht nur malerisch, sondern auch verwirrt und irrte eine Straße mehrfach hoch und wieder runter, verschwand in Läden, kam wieder raus. Und ich, im Begehren ein super Foto zu machen, immer hinter ihm her.

Mit meinem Fotoapparat, ansonsten aber dem Afghanenkleid, Sandalen mit Strümpfen und dem bunten Käppi erregte ich das Aufsehen eines Geheimdienstmannes, dem klar war, dass da irgendetwas nicht stimmen konnte. Er ließ sich auch nicht davon überzeugen, dass ich ein Deutscher bin. Ich meinerseits hatte nicht die geringste Lust, ihm meinen Pass zu zeigen, sondern war richtig sauer.

Wenn er mir nicht glauben würde, solle er mir bitte folgen, meinte ich zu ihm und brav folgte der Security- Mann mir zum in der Nähe liegenden Entwicklungsdienst- Büro. Dort konnte ihn sehr schnell einer der Fahrer von der Wahrheit überzeugen. Er hat sich sogar entschuldigt.

Ein anderes Mal war mir mulmiger. Auf der Straße war eine riesige Pfütze, die ich umfahren wollte. Allerdings kam mir eines dieser Autos mit getönten Scheiben entgegen. Voller Verwunderung bemerkte ich, dass es langsamer fuhr, so dass ich um die Pfütze noch herum kam. Bedankt habe ich mich dafür mit der erhobenen Hand.

Das wurde allerdings missverstanden, zum Glück war ich schon ein bisschen weiter. Das Auto hielt vollends und der Fahrer rief mir hinterher: ‚Ich komme dich gleich holen!’ Erfreulicherweise tat er es nicht, ich weiß nicht, ob ich ihm hätte so schnell verständlich machen können, dass ich kein Araber bin.

Wann Afghanen sich gegenseitig helfen und wann nicht, habe ich nie verstehen können. Manchmal habe ich kleine Jungen mit umgekippter Schubkarre gesehen, die sich verzweifelt abmühten, diese wieder aufzurichten. Einer weinte sogar, aber niemand half. An anderer Stelle konnte ich aber viele helfen sehen, als zum Beispiel ein Motorrad ins Wasser gerutscht war. Oder wenn ein alter Mann über die Straße wollte.

Vielleicht liegt es an der Art der Arbeit, die die Hilfe erfordert. Unsere Wächter sind zum Beispiel noch immer der festen Überzeugung, alles Auf- und Abladen der Autos sei ihre Arbeit. Und auch in Hezarak sah ich, dass die Ingenieure für viele Arbeiten keinen Finger krümmten. Niemals wären sie auf die Idee gekommen, ihr Essen selbst auf- und abzutragen. Und als ich mich anbot, mitzufahren, um Wasser zu holen, waren die Wächter schwer empört.

Ich habe auch von einem Fahrer erzählt bekommen, der sich zwar ohne zu Zögern unter das Auto legte, um es zu reparieren, aber als seine Windschutzscheibe beim besten Willen nicht mehr durchsichtig war, einfach nur anhielt und nicht mehr weiter fahren konnte. Das war nun eindeutig nicht seine Arbeit. Öfter wird es auch einfach davon abhängen, wie hilfsbereit die Leute sind, die gerade so etwas beobachten. Das ist in Deutschland auch nicht anders.

25. April

Letzter Ärger und Abschied aus Hezarak

Komisch, hier nun zu sitzen, zweieinhalb Wochen nach meiner letzten Nacht im Container, mir kommt das alles schon meilenweit weg vor. In der letzten Woche dort hat mich tatsächlich noch ein Magenvirus erwischt. Ich denke mal, der Koch hat mir das Wasser nicht abgekocht. Ist ja auch wenig einsichtig: Alle trinken das Wasser pur, es ist sauber und nur diese Weißnase will’s immer abgekocht haben. Eher ein Wunder, dass er’s die ganze Zeit für mich abgekocht hat.

Oh, das war ein böser Tag, ich wirklich völlig erledigt und bis mein Stuhl wieder normal war, das hat über eine Woche gedauert. Als ich da so über dem berühmten Loch hing, habe ich auch gedacht, jetzt lass ich wirklich alles los. Ich war ja so froh, dass meine Zeit zu Ende geht und dachte gar nicht daran, richtig Abschied zu nehmen. Aber ich habe eben doch Orte und Menschen lieb gewonnen, da hat halt mein Körper für mich losgelassen.

Und es wurde grüner, es wurde wärmer! Nebenbei hat mir das einen Haufen Fliegen im Container beschert und ich wusste dann auch plötzlich, warum mir ganz am Anfang einer der Wächter gesagt hatte: Es fehlt nur noch das Gitter vor dem Fenster. Ich war ganz entsetzt gewesen: Gitter vorm Fenster, ich bin doch kein Gefangener! Jetzt, mit den vielen Fliegen, wusste ich: Er meinte nur ein Fliegengitter.

Ich glaube, wir haben uns alle gefreut, das Grün zu sehen. Nicht nur die vielen Obstbäume, nicht nur die Bewässerungskulturen (von weitem konnte ich ein paar Tage einen richtigen Wasserfall hören, der aber auch künstlich war und Wasser auf bestimmte Felder brachte), auch die ganze höher gelegene Ebene von Hezarak bekam einen grünen Schleier. Sogar an den Bergen krallten sich ein paar Pflanzen fest.

Geärgert habe ich mich auch auf meine letzten Tage. Nasim, der Chef der Wächter und Lagerverwalter, betont penibel nach außen und gerne für sich am Abzweigen, drohte meinen Lehrlingen, dass das Lotterleben bald vorbei sei. Dann sei dieser Fremde endlich weg und dann sei er wieder ihr Chef. Irgendwie hat mich das mehr beschäftigt und gekränkt, als ich zuerst gedacht hatte. Eigentlich wusste ich, dass er mich nicht leiden kann.

Er ist ein ehemaliger Militär und ist aus dem Hassen noch nicht so richtig raus. Er versuchte noch zu verhindern, dass die Lehrlinge ihre selbstgebauten kleinen Schränke mit nach Hause nehmen durften. Dass ich ihnen das ermöglicht hatte, fanden alle NGE- Leute richtig doof. Ich hatte aber vorher Said Machmat danach gefragt, er hat es wohl nur nicht so richtig verstanden und als er es verhindern wollte, war es wirklich schon zu spät dazu, die Schränke waren schon gebaut.

Ich musste auch ein paar Zeilen schreiben und drei Leute informieren, um sicher zu stellen, dass er Ali Mohammad, einen meiner Leute, auch wirklich die versprochene und von mir bezahlte Werkbank mitnehmen ließ. Vor lauter Sorge, alle von uns gebauten Sachen könnten so langsam verschwinden, sobald ich weg bin, habe ich meinem Abschlussbericht eine ausführliche Inventarliste angehängt.

Zum Beispiel durfte ich die in der Abschlussprüfung gebauten kleinen Bänkchen nicht zum Materalpreis an meine Lehrlinge geben (die sie gerne genommen hätten), an die NGE- Leute aber schon. Die wollten auch alle gerne eines, waren aber nicht bereit, für das Holz zu zahlen. Ich denke, sie haben alle auf den Tag meiner Abreise gewartet und dann die Beute unter sich aufgeteilt.

Diese Regel, dass zwar etwas für den privaten Bedarf aller Leute gebaut werden
kann (solange es der Ausbildungsablauf zulässt), aber dass Holz dafür bezahlt werden müsse, scheint sehr unafghanisch gewesen zu sein.

Dabei kam sie nicht einmal von mir, sondern Ing. Mir Shah hatte sie im Gespräch mit den NGE- Kollegen, die gerade auf dem Hof waren, auf meine Nachfrage hin gemacht.
Ich habe mich dann daran gehalten, mir aber nur Feinde damit gemacht. Bestenfalls auf völliges Unverständnis bin ich gestoßen. Als Freund hätte ich ganz selbstverständlich das Holz, was zwar nicht mir gehört, aber über das ich verfügen kann, verschenkt. Eher noch als Sachen aus meinem tatsächlichen Besitz. So habe ich also beständig demonstriert, dass ich an Freundschaft kein Interesse habe.

Ich habe dann NGE am Ende des Workshops zwar Geld für Sachen, die wir für andere gebaut haben, übergeben, aber es war ausschließlich mein Geld, wie zum Beispiel das Geld für die Werkbank von Ali Mohammad. Lediglich der arme Co-Teacher Einnullah hat auf mehrfache Nachfrage für einen kleinen Stuhl für seine Tochter das Geld bezahlt und war deshalb total sauer auf mich.

Er hat übrigens bis zum Schluss sich die Namen der Lehrlinge kaum merken können (erstaunlich für einen Afghanen) und gegen Ende der Ausbildung zu meinem Entsetzen gerne bei ‚Leutnant’ Nasim übernachtet, wenn er in Kabul war. Was wohl auch bedeutet, dass er dessen Aktionen mitdeckt.

Für meine theoretische Abschlussprüfung brauchte ich in der letzten Woche die beiden Räume der Ingenieure für etwa zwei Stunden. Was an sich kein Problem war, weil Ing. Mir Shah als einziger der NGE- Ingenieure auf dem Hof war. Als ich ihn fragte, ob ich denn diese Räume haben könne, fragte er mich anstelle einer Antwort, was denn mit den beiden Klassenräumen wäre, die wir beantragt hatten.

Wir beide wussten, dass es gemein ist, mich für die damalige Ablehnung verantwortlich zu machen. Außerdem war es ja wohl unverhältnismäßig für zwei Stunden den Bau zweier Klassenräume zu verlangen. Mich hat das richtig getroffen, auch nachdem er die Benutzung nach dieser rhetorischen Frage erlaubt hatte. Ing. Mir Shah, der immer sehr höflich redete und immer lachte, wenn er mich sah, konnte mich in Wirklichkeit nicht ausstehen. Aber immer wieder hatte er wohl die Hoffnung, durch mich nach Deutschland zu kommen oder sonst welche Vorteile zu haben. Anfangs hat er mich wohl den anderen gegenüber als Kommunisten bezeichnet, ein Attribut, das mir in Hezarak richtig gefährlich hätte werden können. Ich hatte einmal gegen die ganz Reichen gelästert, dass solcher Reichtum verboten gehört.

In der Folgezeit habe ich dann nach allen Seiten ausgiebig über die Sowjets hergezogen, um das wieder hinzubiegen. Endgültig krumm hat er mir dann aber wohl genommen, als ich über den üblen Fundamentalisten Sayyaf eine Bemerkung verloren habe. Der hatte zum Beispiel die Wahnvorstellung gehabt, Kabul als Sündenpfuhl völlig ausrotten zu müssen und erst auf den ausgebleichten Knochen und planierten Ruinen nach einer Zeit der Grabesruhe ein neues, wahrhaft moslemisches Kabul wiederaufbauen zu können.

Said Machmat sagte zu mir in meiner letzten Woche: Es wäre nicht gut für ein Land, wenn eine ganze Gruppe von Menschen vom Wiederaufbau ausgegrenzt würden. Er meinte damit weniger die Taliban, als vielmehr Hektmatyar und seine Anhänger. Aber wie einen Konsens mit Leuten finden, denen alles andere als ihre spezielle Ideologie einen neuen Krieg wert ist?

Qiam, einer meiner Lehrlinge, wollte denn auch nicht abseits stehen bei dem Spiel ‚Burkhard ärgern’. Er erzählte mir nicht ohne Stolz, dass er drei Fenster an einem Tag bauen könne. Er ist derjenige gewesen, der am Saubersten arbeiten konnte, sauberer noch als Einnullah. Und war immer als einer der letzten fertig. Für sein erstes Fenster mit mir (das auf Zeit und nicht auf Stück bezahlt wurde) hatte er drei Wochen gebraucht. Na toll.

An die Esskultur hatte ich mich in diesen Monaten so gewöhnt, dass ich mich bei einem Besuch vom Bundesarbeitsamt (einer der Geldgeber von ZIM) in Hezarak nur schwer auf alle Einzelheiten deutscher Esskultur besinnen konnte. Ich hatte zwar daran gedacht, dass wir da nicht auf dem Boden sitzen können, jeder einen eigenen Becher braucht und Besteck anstelle der Finger zum Essen nimmt. Ganz vergessen hatte ich aber dafür zu sorgen, dass auch jeder einen eigenen Teller bekommt. Wenn es nicht etwas peinlich gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich laut gelacht.

Heute war mein Übersetzer Sadat zum letzten Mal mich besuchen. Er berichtete, dass ’alle’ nach mir fragen würden: „Did you see Burkhard? A really good guy! He’s no normal German!“ Ich hatte Sadat das letzte Mal noch ein paar Afghani mitgegeben, weil ich mich beim Umrechnen des Lohnes bei vier Leuten verrechnet hatte. Es hat sie wohl tief beeindruckt, dass ich eine Woche später dieses Geld noch schickte. Und dass ich das versprochene zweite Zertifikat noch habe bringen lassen, fanden sie toll. Sogar einer der Milizionäre hätte nach mir gefragt, meinte Sadat.  Das hat mir gut getan zu hören, auch wenn ich mir nach wie vor sicher bin, dass ich in Hezarak mehr Leute geärgert habe, als Freunde gewonnen. Aber das ist vielleicht auch nicht meine primäre Aufgabe gewesen.

Das Kapitel ‚Hezarak’ ist für mich jetzt beendet. Die Leute werden bleiben, aber meine Welt sieht nun wieder ganz anders aus. Worauf ich jetzt noch scharf bin ist, eine Ausgabe der Wuluswali- Zeitung in die Hand zu bekommen, in der ein Interview mit mir abgedruckt ist.

19. April

Handwerk in Afghanistan: „Es macht wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht.“

Ich denke, ein ganz wesentlicher Aspekt meiner Arbeit hier ist, dass ich völlig ohne Strom arbeite und alles, was ich lehre, sich nur auf Handarbeit bezieht. Das ist eigentlich nicht so die Stärke eines deutschen Handwerksmeisters, zum Glück aber meine. Meine Leute können sehr schnell arbeiten, im Allgemeinen schneller als ich. Aber auf dem Bazar und natürlich besonders bei meinen Lehrlingen, die zum Teil ja Anfänger sind, sehe ich sehr unsaubere Arbeiten. Maßhaltigkeit, genaue, saubere Verbindungen gibt es selten. Selbst Einnullah, mein Co-Teacher arbeitet nicht besonders sauber. Für die Zwingen werden keine Zulagen genommen, andere Druckstellen gar nicht erst beachtet, wenn Holz ausreißt, ist das auch in Ordnung.

Das Holz ist so teuer, dass eine vernünftige Holzauswahl kaum möglich ist. Ich habe versucht, zu erklären, dass der Kern eines Holzes keinesfalls genommen werden darf, aber Einnullah hat meine Lehrlinge dann hinterher doch angewiesen, auch Holz mit der Mark- (Kern) röhre zu nehmen. Das bedeutet natürlich, dass das Holz sehr reißt. Vor allem auch die Benutzung von Nägeln macht die Arbeit unsauber. Das Holz reißt auch dort oft auf, die Hammerschläge beschädigen das Holz, es bleibt der Nagelkopf sichtbar. Manchmal bricht mit dem Nagel eine ganze Ecke des Holzes weg. Das passiert oft, wenn kleinere Reparaturen am eigenen Werkstück vorgenommen werden. Da kleine Zwingen nicht üblich sind, wird eigentlich immer mit Hilfe von Nägeln geleimt, die alles noch schlimmer machen.

Die Fenster und Türen werden mit Bändern hergestellt, wie wir sie an alten Truhen haben, der Schreiner nennt sie Lappenbänder. Die sind mit Schrauben befestigt, die aber oft der Schnelligkeit halber mit dem Hammer eingetrieben werden.

Es gibt nicht, wie in Deutschland, die Einspannmöglichkeiten für ein Werkstück. So wird das, was ich bearbeite, fast immer mit dem Fuß gehalten. Oft stehen meine Leute auf dem Werktisch und sägen das mit dem Fuß gehaltene Holz von oben mit dem Fuchsschwanz. Jedes Holz wird mit der Rauhbank, mit der ich inzwischen ganz gut umgehen kann, erst glatt gehobelt. Die Rauhbank ist ein sehr langer Hobel, der das Holz eben macht. Vorausgesetzt, er ist gut geschärft und auch anderweitig in Ordnung.

Anfangs haben meine Lehrlinge von mir erwartet, dass ich ihre Werkzeuge in Ordnung halte. Sie brachten mir einen Hobel: ‚Geht nicht' und wenn ich ihn dann in die Hand nahm, wollten sie zufrieden abziehen in der Erwartung, ihn später geschärft und repariert wieder zurückzubekommen. Das hätte mir auch geholfen. Denn, selbst wenn ich es irgendwann schaffe, das Teil zu reparieren, kann ich oft noch nicht erklären, was ich da eigentlich gemacht habe. Aber Ausbildung bedeutet natürlich, ihnen beizubringen, wie sie es selbst machen müssen.

Zum Glück sind ja viele Dinge analog, so dass ich mit meinem Wissen über den normalen Hobel auch schnell erfasse, warum eine Rauhbank nicht so arbeitet, wie sie soll.
Trotzdem ist den meisten schon klar geworden, dass ich vorher noch nie mit einer Rauhbank gearbeitet habe. Aber für die vielen Sachen, die eben in Afghanistan üblich sind und nicht in Deutschland, arbeite ich ja auch mit meinem Co-Teacher Einnullah zusammen, von dem ich selbst lerne. Meine Stärken sind deshalb mein sauberes, genaues Arbeiten, vor dem sie alle ehrfürchtig staunen und mein im Vergleich doch umfangreiches, theoretisches Wissen über Verbindungen, Werkzeug und Holz.

Wenn nur Einnullah auch bereit wäre, von mir zu lernen. Obwohl er selbst wohl ganz gut erklären kann, hat er eine ausgeprägte Abneigung gegen Theorie. Soweit ich beurteilen kann, was er erklärt. Denn wenn er an der Tafel steht, fällt mein Übersetzer Sadat immer in so eine Art Lethargie, aus der ich ihn nur schwer erwecken kann. Mit viel persönlicher Energie bringe ich ihn manchmal dazu, mir einen oder zwei Sätze von Einnullah zu übersetzen. Wonach er wieder beharrlich schweigt. So sitzen wir beide während des Vortrages von Einnullah da und träumen vor uns hin.

Als wir die Werktische gebaut haben, habe ich ihnen gezeigt, wie man eine Gratleiste macht. Eine Gratleiste hält ein Vollholzbrett (wie zum Beispiel die Arbeitsfläche der Werkbänke) gerade und lässt das Holz trotzdem arbeiten, d.h. schwinden. Wenn ich ihnen etwas Neues zeige, behaupten sie oft (besonders Einnullah), das sei zu schwierig. Dabei hat der, der die Leiste dann machte, nur zwanzig Minuten dafür gebraucht.

Lange habe ich dafür gebraucht, zu erklären, dass Holz arbeitet, also sich zusammenzieht, wenn es trocknet und sich ausdehnt, wenn es Feuchtigkeit aufnimmt. In Deutschland ist das eine der wichtigsten Grundregeln fürs Schreinern. In Afghanistan wird das natürlich in vielen Verbindungen praktisch angewendet, aber sie wissen nicht unbedingt, warum. Einnullah jedenfalls ganz sicher nicht.

Die Arbeitsfläche der Werkbänke wollte er in der Fläche verleimen und dann aber auf der Unterkonstruktion festschrauben. Das muss reißen habe ich gesagt und: Gut, wir machen halt beides und schauen es uns einen Monat später noch mal an. Diese Woche haben wir es uns gemeinsam angeschaut: Die verleimten und verschraubten Tische sind entweder in der Leimfuge gerissen oder, wenn es gut und richtig geleimt war, mitten durchs Holz. Der Tisch mit der Gratleiste ist in der Breite zwei Zentimeter schmaler geworden, aber nicht gerissen. Erst schien es, als hätten sie verstanden. Aber dann verleimte Einnullah den Stuhl, den er zum Vorzeigen für die Lehrlinge gebaut hatte, wieder in genau der Art und Weise, dass die Sitzfläche mitten im Holz reißen muss. Ich habe es nur für ihn erneut erklärt und vielleicht hat er es verstanden.

Ich glaube, in unseren fachlichen Auseinandersetzungen geht es ihm oft um seine Selbstbehauptung. Ich habe deshalb anfänglich oft nachgeben, auch weil ich hoffte, von ihm zu lernen. Aber nachdem ich jetzt schon recht häufig anschaulich sehen konnte, warum ich als Schreiner irgendetwas so und nicht anders mache, bestehe ich nun regelmäßiger auf meiner Methode. Ich werde ja auch eigentlich nicht dafür bezahlt, dass ich etwas lerne, sondern dass etwas von meinen Kenntnissen und Fähigkeiten in Afghanistan bleibt.

In der direkten Konfrontation ziehe ich aber häufig den Kürzeren. Viele, einschließlich Einnullah, sind einfach sehr stur. Und wenn ich irgendetwas jetzt und hier geändert haben will, dann passiert einfach gar nichts. Zum Glück gefällt mir das grundsätzlich (nur im jeweiligen Moment halt nicht). Außerdem habe ich auch mit meinem Sohn gelernt, rechtzeitig aus einer Eskalation auszusteigen und nicht Willen brechen zu wollen. Wenn ich es unbedingt will, wird es noch lange nicht gemacht.

Oft ist es für sie sehr einfach zu erklären, warum ich sauberer als sie arbeite: Ich habe einfach das bessere Werkzeug (das sie oft ausleihen wollen). Werkzeug aus Deutschland ist immer viel besser. Vor allem besser als pakistanische Produkte, die immer schlecht sind, sagen sie. Ich habe dann zeitweilig mit ihrem Werkzeug gearbeitet, um ihnen zu zeigen. dass es eben nicht an der Badehose liegt, wenn der Bauer nicht schwimmen kann. Außerdem habe ich einigen, deren Werkzeug auch nicht scharf war, gesagt, dass sie es nicht behalten können, wenn sie gar nicht damit arbeiten.

Ein paar Sachen habe ich als Beispiel gebaut, weil es anschaulich besser zu erklären ist, als an der Tafel. Trotzdem glaube ich, dass ein guter Schreiner auch theoretische Sachen nachvollziehen können muss, sonst gibt es bald Grenzen in dem, was er lernen kann. Deshalb mache ich gleichzeitig weiter mit meinem theoretischen Unterricht. Da unterrichte ich auch Fachrechnen. Ich habe sie in zwei Gruppen eingeteilt. Es gibt eine Gruppe, in der ich die Grundrechenarten lehre, das kleine Einmaleins durchnehme (ich habe es mit arabischen Zahlen geschrieben und als Kopie an alle verteilt) oder auch nur addieren über Zehnergrenzen übe.

In der anderen Gruppe nehmen wir Dreisatz, Bruchrechnen und Kommazahlen durch. Ich wusste gar nicht, wie schwer es ist, zu erklären, warum 0,5 durch 0,0125 geteilt vierzig ergibt. Als letztes will ich mit ihnen Raumberechnung machen, um die Frage zu klären, wie viele Bretter ein Stamm ergibt. Spaß macht es mir, das Gelernte gleich im drauffolgenden Praxisunterricht abzufragen: Wie viele Schrauben brauchst Du, wenn Du hier am Fenster vier Bänder hast mit je sechs Schrauben? Na ja, oft stellt sich dann heraus, dass es nicht ganz die richtige Formulierung ist zu sagen: 'Das Gelernte abzufragen'.

Gut hat sich bewährt, mir die von ihnen gebauten Werkstücke mit jedem Lehrling einzeln genau anzugucken und zu bewerten. Ich versuche dann immer die Ecke zu finden, die gut geworden ist und zu sagen: Das ist toll geworden. Fast alle meine Lehrlinge sind mit Lob leicht zu erreichen. Der Krieg hat sie eben sehr hungrig gemacht, auch auf Lob. Auf die Art habe ich deutliche Verbesserungen ihrer Arbeit erzielen können. Obwohl ich auch viele verzierte Schreinerarbeiten gesehen habe, überwiegt in dieser Wiederaufbauzeit eindeutig die Funktion des Gebauten. Es ist oft nicht ganz so wichtig, wie es aussieht. Und das hängt im Grunde natürlich mit den Kundenwünschen zusammen. Auch in Deutschland macht es wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht. Das wird eben nicht bezahlt.

Über das hier verwendete Holz kann ich übrigens gar nichts lehren. Ich kann die verschiedenen Holzsorten weder voneinander unterscheiden, noch kenne ich ihre Eigenschaften. Ich sehe nur, dass es erstaunlich viele verschiedene Sorten gibt und eine Eichenart habe ich erkannt. Zu meinem Entsetzen als Feuerholz in größerer Menge. Plattenmaterial gibt es auch, Spanplatten, die hier espanpalat heißen, und Sperrholz in allen Stärken und meist schlechter Qualität. Vieles ist so, wie ich mir Schreinerei in Deutschland vor etwa hundert Jahren, vielleicht auch direkt nach dem 2.Weltkrieg, vorstelle.

Öfter kommt irgendjemand und will irgendetwas von mir persönlich gebaut haben. Ich bin dann schnell abgenervt, weil sie dafür auch nichts bezahlen wollen. Wildfremde Menschen behaupten, dass das Gebaute sie dann immer an mich erinnern würde, wenn ich wieder in Deutschland bin.

Obwohl ich inzwischen ein wenig den anderen kulturellen Hintergrund verstehe, aus dem heraus sie mich auf so etwas anquatschen, sind meine Emotionen noch eindeutig europäisch. Ich bin dann immer ärgerlich. Ich bin es gewohnt, dass alles bezahlt wird und dass man höflich fragt, ob jemand etwas für einen machen kann und es nicht fordert.

In unserer individualisierten Welt wird eben viel über Geld geregelt, viele Beziehungen unter den Leuten sind Warenbeziehungen. Für die Afghanen ist das völlig unverständlich, weil vieles über Freundschaft und deshalb als Geschenk läuft. Weil jemand, der über Mittel verfügt, mehr Geschenke machen kann und diese Geschenke dann ‚Seilschaften' herstellen, sprechen wir von Korruption oder Unterschlagung.

So ist die Vehemenz, mit der auch ich auf Bezahlung und Abrechnung bestehe, im Grunde nichts anderes als die Durchsetzung der Warengesellschaft, ‚Entwicklungshilfe' eben.

21. März

Leben in Kabul: Auto fahren, Taxis, Einladungen zum Tee und die Faszination von Bildern

Inzwischen bin ich äußerlich so assimiliert, dass mich letzte Woche ein Junge ganz selbstverständlich auf Dari ansprach, ob er auf meinem Fahrradgepäckträger mit bis zur nächsten Straßenkreuzung fahren könne. War ich stolz. Überall in Kabul gibt es quer über die Straßen Bodenwellen, manchmal aus Panzerketten, meist aus Erde oder auch kleine Gräben, an denen die Autos langsam fahren müssen. Ganz oft sitzen dort BettlerInnen, die auf Almosen warten, manchmal liegen sie auch mitten auf der Straße, die Burka tragenden Frauen manchmal mit Kindern auf dem Arm in Auspuffhöhe oder die Kinder mit dem Kopf zur Fahrbahn vor sich liegend. Manchmal sehe ich auch Kinder am Steuer der Autos, neun, zehn Jahre alt.

Generell wird sehr regellos gefahren, aber bis auf die Geheimdienstautos oder manchmal sehr elegante, neue Wagen mit jungen Männern als Fahrer und Beifahrer, fahren alle nach meiner Beobachtung viel weniger aggressiv als in Deutschland (ich muss aber dazu sagen, dass einige Kollegen diese Einschätzung nicht teilen).

Alle rechnen mit Regelverstößen und bremsen, anstatt Gas zu geben, wenn ihnen jemand gerade die Vorfahrt nehmen will. Für mein Fahrradfahren ist das sehr angenehm zu spüren. Nur an das ewige Gehupe musste ich mich sehr gewöhnen. Es ist halt kein Zeichen der Empörung, wie bei uns, sondern nur: ‘Achtung, ich überhole dich jetzt’ oder auch: ’Pass auf, ich will abbiegen.’ Inzwischen bin ich dankbar für das Hupen, weil es eben auch bedeutet: ‚Vorsicht’ oder: ‘Ich habe dich gesehen.’

Auf den Straßen liegen viele Teppiche, immer wieder. Mir wurde erzählt, die lägen dort, um aus neuen, billigeren Teppichen, Ältere zu machen. Ich kann’s immer noch nicht so richtig glauben.

Von etwa 100 Leuten auf den Straßen in Kabul (in Hezarak sehe ich bis auf ganz seltene Ausnahmen nur Männer) sind etwa 70 Männer, darunter 5 Soldaten/ Polizisten, 25 Kinder, darunter unter 10 Mädchen, und 5 Frauen, etwa drei mit Burka.

Immer wieder habe ich natürlich mit Taxifahrern zu tun. Viele lehnen erst mal ab, dass ich überhaupt bezahle, meist als Höflichkeitsfloskel (die ich als Geste trotzdem nett finde) und manchmal auch hartnäckig, im Ernst. Ich habe mich bisher immer durchgesetzt, weil sie ja wirklich für mich gearbeitet haben, aber schade fand ich’s manchmal schon, so ein Geschenk nicht anzunehmen.

Ein paar der Taxifahrer versuchen einen auszunehmen und immer wieder ärgere ich mich richtig darüber. Komisch, dass mich das so ärgert. Wahrscheinlich wieder die alte Leier, dass ich einfach der tolle Almosenbringer sein will und nicht undankbare Leute um mich haben. Ein anderes Mal habe ich mich mit einem Taxifahrer eine ganze Weile über den Preis gezankt und das ist mir heute noch peinlich. Ich hatte mich gewundert, dass er so viel Geld wollte, weil er eigentlich ein ganz Netter war. Ich hatte mehrere Ziele nach einander mit ihm angefahren. Er gab dann auch nach und später merkte ich, dass ich mich schlicht verrechnet hatte.

Eine Fahrt kostet so zwischen 30-60 Afghani, je nach Fahrer, ein bisschen auch je nach Länge. Ich bezahle eigentlich starrköpfig immer nur 50 Afghani, frage auch inzwischen manchmal vorher gar nicht erst nach dem Preis, sondern bezahle am Ende der Fahrt einfach meinen einen Euro. Das gefällt mir schon alleine deshalb, weil die Netten sich dann freuen und die Gierhälse sich ärgern. Wenn ich mehrere Sachen zu erledigen habe, ist es oft besser, jedes Mal ein neues Taxi anzuhalten, weil die Fahrer sich auch das Warten bezahlen lassen. Schwerer fällt es mir, mit den 1 Afghani teuren Bussen zu fahren, weil ich so schlecht herausbekomme, wohin sie denn eigentlich fahren.

Oft werde ich nach einem Job gefragt, oder ob der Sohn bei mir in die Ausbildung gehen könne. Oder ich soll sie mit nach Deutschland nehmen. Ganz oft werde ich auch zu einem Tee eingeladen, viel als Floskel, manchmal im Ernst. Ich erkenne es daran, was passiert, wenn ich ”Dankeschön” als Antwort sage. Meist ist es dann okay, manchmal beharrt jemand auf seiner Einladung. Ich glaube aber, ich würde immer einen Tee bekommen, wenn ich wollte, auch auf eine eigentlich nicht ernst gemeinte Einladung. Ich habe auch schon den ganzen Monatslohn einer Person hingehalten bekommen: ‘Brauchst du?’ –auch so eine Sitte gegenüber guten Freunden (und ich glaube, hauptsächlich gegenüber jenen guten Freunden, von denen man erwartet, dass sie ‚Nein’ sagen).

Astrid erzählte, dass sie schon häufig von Männern gefragt wurde, ob sie nicht heiraten wolle. Und nicht als Spaß.

Schwierigkeiten habe ich mir selbst eingebrockt, als ich ein paar Bilder von den Kindern aus der Nachbarschaft gemacht habe, Papierbilder diesmal, und sie dann anschließend an die Kinder verteilt. Das sprach sich sehr schnell herum. Und zog immer weitere Kreise. Ich war dann doch bald überfordert. Und sie teilen diese Bilder auch nicht. Wenn drei Leute auf einem Bild sind, dann wollen sie alle drei dieses Bild und ich habe mit Sicherheit danach zwei Leute, die richtig sauer auf mich sind. Wenn ich drei Bilder von den gleichen Leuten gemacht habe, sackt alle drei der erste ein, der sie in die Hände bekommt.

Selbst die Ingenieure, die: ”lass mich doch mal alle Bilder angucken” sagten, waren schwer zu bewegen, Bilder wieder herauszurücken, auf denen auch sie zu sehen waren. Ich habe später dann die Bilder schon vorsortiert und keiner konnte alle Bilder sehen. Wenn aber einmal die Besitzverhältnisse klar waren, dann konnten sie untereinander –manchmal- sich ihre Bilder zeigen. Insgesamt war es aber erstaunlich schwer mit meinen Bildern und hat eher Unfreude gebracht.

19.März

Begegnungen unter dem Motto: ‚Wir lernen eine fremde Kultur kennen.’

Die Tage hatte ich in Hezarak wieder eine dieser Begegnungen unter dem Motto: ‚Wir lernen eine fremde Kultur kennen.’ Said Machmat fragte mich zu allem Überfluss am Donnerstag: „Und, was hast Du diese Woche wieder über unsere Kultur gelernt?“ Ich konnte den Eindruck nicht loswerden, dass er sich lustig machen wollte über mich. Das Thema war die verschiedenen Strategie, um andere Menschen dazu zu bringen, etwas für einen zu tun. Ich bin gewohnt, um etwas zu bitten und wenn ich ein ‚Ja’ höre, kümmere ich mich nicht mehr intensiv darum, weil ich erwarte, dass es dann gemacht wird. Hier ist es oft so, dass ich ein ‚Ja’ geantwortet bekomme, aber es passiert nichts. Wenn ich es dringend brauche, muss ich den Leuten solange auf die Nerven gehen, bis es gelöst ist. “Ich mache es morgen” heißt nicht allzu oft lediglich: “Jetzt nicht!” (das gibt es natürlich auch in Deutschland, aber nicht so regelmäßig).

Deshalb ist es auch andersherum manchmal so, dass ich irgendetwas gefragt werde, ‚Ja’ sage und dann aber noch ständig damit genervt werde. Einer der Fahrer fragte mich nach einem Befestigungsbrett für seinen Fleischwolf. Als ich ihm den Preis für das Holz sagte, wurde er erst mal bleich, sagte dann aber: Okay. Ich erklärte ihm, dass ich es von den Lehrlingen bauen lassen würde, wenn es zeitlich passt. Nein, meinte er, ich solle das bauen. Und als ich sichtlich nicht begeistert von der Idee war, schob er noch nach, dass ihn das Brett immer an mich erinnern würde. Ich sagte ihm, gut, dann kann ich aber nichts versprechen, ich will sehen, wann ich Zeit dazu finde. Während des Tages habe ich mit den Lehrlingen zu tun.

In den nächsten 24 Stunden sprach er mich auf dieses Brett etwa dreimal an, zum Schluss war ich so abgenervt, dass ich demonstrativ das Thema wechselte. Beim vierten Mal, als ich versuchte, noch deutlicher darauf hinzuweisen, dass ich danach nicht mehr weiter gefragt werden will, wurde auch er ausführlicher. Ich hätte auch an meinem Container oft noch bis spät in die Nacht gearbeitet, da wäre es doch wohl kein Problem, jetzt auch die paar Minuten für ihn zu arbeiten.

Das war einfach zuviel für mich. Ich habe Hermid gefragt, um mir zu übersetzen und habe an Ort und Stelle einen wütenden Vortrag gehalten. Ich würde mir verbeten, von irgendjemanden Vorschriften gemacht zu bekommen, was ich in meiner freien Zeit zu tun hätte. Das war vor allen Wächtern und Köchen, aber er hatte mir seine Forderungen ja auch vor allen vorgetragen.

Hermid, der Ingenieur, hatte brav übersetzt, der Fahrer, Khaled, war wieder bleich geworden, hatte ‘Entschuldigung’ gemurmelt und ich war mir überhaupt nicht klar, was dieser Wutanfall für Folgen haben könnte. Es war einfach meine Grenze gewesen und irgendetwas hatte mich veranlasst sie für alle sichtbar sehr deutlich zu ziehen. Auf meine etwas unsichere Rückfrage später bei Hermid, ob ich arg doof gewesen sei, meinte er nur: „Na ja, so etwas ist halt einfach menschlich.“

Ein anderes Mal hatte ich in der Werkstatt eine besonders schwierige Schreinerverbindung gebaut, als Beispiel für meine Lehrlinge. Es hatte etwas länger gedauert, bis nach Arbeitszeitende, einige meiner Leute spielten Volleyball mit den Mitarbeitern. Irgendwie war ich total stolz auf mich und meine Verbindung, konnte mich sogar darauf setzen, wie auf einen einbeinigen Hocker. Deshalb zeigte ich sie allen Leuten (die das nicht soo sehr interessierte) und setzte mich dann darauf, um dem Spiel zuzusehen und meine gelungene Arbeit zu genießen. Mein Stolz reizte den Fahrer Aschmat: Von hinten kam er angerannt und schlug mit einem Fußtritt meine Sitzgelegenheit weg.

Muss wohl sehr komisch ausgesehen haben, der Moment, als mein Stuhl schon weg war, aber die Schwerkraft noch nicht so richtig losgelegt hatte. Besonders mein Gesicht. Ich selber habe mich spontan sehr einsam gefühlt, vor allem, als alle zuerst lachten. Ich hatte mir dabei den Finger gequetscht und war in Sorge, dass meine Arbeit von einem halben Tag vielleicht kaputt wäre. Vor allem war ich wieder richtig wütend.

“Chub na bud!” (das war nicht gut!) rufend, zog ich schmollend von dannen. Soweit noch nicht besonders Afghanistan-spezifisch, auch nicht so besonders spannend. Am nächsten Morgen (Aschmat hatte sich mehrfach ehrlich bei mir entschuldigt) hielt mir einer der Lehrlinge eine Rede: Sie hätten sich alle über den Vorfall gestern unterhalten und würden sich sehr schämen. Einer, von dem ich das nicht erwartet hätte, meinte gar: „Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen.“

Sie baten mich um Entschuldigung, dass sie ihn nicht an dieser schmählichen Tat gehindert hätten Sie hätten einfach zu spät erkannt, was er vor hatte. Nun wollten sie, meine Erlaubnis vorausgesetzt, einen Brief an Mir Rachim schreiben, mit der Bitte, den Fahrer dafür zu bestrafen, dass er ihren geschätzten Lehrer derart misshandelt hat. Ich war ja völlig gerührt, erklärte aber sofort, dass sich Aschmat mehrfach glaubwürdig bei mir entschuldigt und ich die ganze Sache schon vergessen hätte.

Um die Wichtigkeit von Werkzeugen für einen Schreiner zu unterstreichen, mache ich jedes Mal einen kleineren Aufstand, wenn einer meiner Leute sein Werkzeug trotz Suchens nicht finden kann. Ich fordere alle auf, mit dem Arbeiten aufzuhören, in ihren Werkzeugkisten zu gucken und das verschwundene Werkzeug zu ihrem Problem zu machen. Das ist bisher immer erfolgreich gewesen. Nur einmal war es peinlich für mich, denn das Gesuchte fand sich an meinem Arbeitsplatz und ich hatte es auch wirklich genommen und vergessen.

In den Monaten vor meiner Ankunft in Hezarak hatte NGE ja schon einmal im Auftrag von UNHCR Fenster und Türen gebaut und dafür Werkzeuge verteilt. Aber einige der Werkzeuge waren ‘gum schud’, also irgendwie verloren gegangen und es gab die wildesten Gerüchte, wer die alles geklaut haben könnte.

Ich wollte einmal erreichen, dass die von mir über den Entwicklungsdienst beschafften Werkzeuge gewertschätzt und pfleglich behandelt würden und zum anderen auch das gegenseitige Misstrauen minimieren. “Ich bin sicher, dass hier niemand etwas klaut” habe ich immer wieder gesagt und versucht, damit auch Normen aufzufrischen (die muslimische Kultur scheint mir von sich aus schon sehr empfindlich gegen Eigentumsverletzungen).

Generell ist für mich das Schwierigste, immer wieder Entscheidungen treffen zu müssen, aber den kulturellen Hintergrund nicht so sicher zu kennen. Meine Gesprächspartner machen zwar oft in ihrer Frage klar, was mit Sicherheit die richtige Entscheidung sei, aber das ist eher eine Erschwernis. Selbst die Ingenieure, von denen ich ja gerne eine Hilfestellung hätte, fragen mich oft: “Now, whats your decision?” und zwar nicht als Beitrag zur Diskussion, sondern als letztes Wort. Und auch nicht in einer halben Stunde, sondern jetzt!

Auf der anderen Seite werden selbst unverständliche Entscheidungen von mir aber erst mal hingenommen. Einmal musste ich richtig lachen: Ich hatte allen wieder Obst mitgebracht und wusste aber nicht, ob die Äpfel auch schmecken. Die sind trotz gleichem Aussehens manchmal sehr unterschiedlich im Geschmack. Ich machte also irgendeine halb entschuldigende Bemerkung in die Richtung, dass niemand den Apfel essen solle, wenn er nicht schmeckt. Machmad, der fast so alt ist, wie ich, der Älteste meiner Gruppe und mit würdigem Rauschbart, meinte daraufhin: “Wir essen alles, was Sie uns bringen.”

Es ist, wie Mir Rachim mir in einem Gespräch gesagt hat: Sie sind alle Kinder des Krieges und nach kurzem Zögern hinzusetzte: Wir sind alle Kinder des Krieges.Und tatsächlich: Auch die Ingenieure essen dankbar die Bonbons, die ich mitbringe und auch an sie verteile. Anfangs glaubte ich, dass ich solcherlei Almosengehabe besser ihnen gegenüber unterlasse. Bonbons. Aber sie essen sie gerne und ich soll sie auch verteilen, weil sonst der, der sie vor sich stehen hat, alle alleine isst.

15. März

Geld und Absprachen, Miss- und Vetternwirtschaft – meine Beobachtungen in Afghanistan

Irgendwann hatte Arnold, mein Kollege vom Entwicklungsdienst, der auch bei der Entwicklungshilfe arbeitet, die Nase voll. Er ist übrigens derjenige, von dem ich am meisten Unterstützung bekomme, konstruktiv, konkret, verlässlich. Das ist sehr angenehm in diesem Land. Wie gesagt, er wollte nicht mehr ständig nur Anrufe wegen diesem oder jenem bekommen, sondern die finanziellen Absprachen besser und möglichst abschließend klären. Dafür hatte er ein Treffen anberaumt. Zum Beispiel sollte auch über den Vertrag von Einnullah geredet werden.

In der Zusammenarbeit verschiedener Hilfsorganisationen passiert es immer wieder, dass jede meint, die anderen sollten froh sein, dass die eigene Organisation überhaupt etwas tut oder bezahlt. Der Entwicklungsdienst meint z.B., dass es doch toll ist, dass sie einen deutschen Facharbeiter plus Übersetzer stellen. Ein Geschenk sozusagen. ZIM gibt Geld für meinen Workshop und erwartet von NGE, dass sie die Infrastruktur stellen. Das Geld (übrigens in der Tat sehr viel) ist ebenfalls ein Geschenk.

Und NGE erwartet von ZIM und Entwicklungsdienst, dass sie den kompletten Workshop finanzieren, samt allen Nebenkosten. Sie haben im Grunde kein eigenes Geld und empfinden sich nur als ausführendes Organ. Alle wollen sie aber den Workshop für sich vermarkten und alle empfinden sich als Geber für andere Leute. Das waren die Vorzeichen für unser Gespräch. Karl Anders kam nicht, hatte auch nicht abgesagt. Also waren wir zu viert.

Said Machmat legte einen Finanzplan für die bereitgestellten 11.500,- Dollar vor, den allerdings ich geschrieben hatte und der nur ein Entwurf sein sollte. Ursprünglich wollte ich mir damit nur selbst einen Überblick verschaffen und anhand dieses Planes Mir Rachim fragen, wieso er meint, für die Bezahlung der Lehrlinge für die Arbeit an dem Container sei kein Geld da.

Ich hatte auch in einer überarbeiteten Fassung nicht die ganzen 11.500 Dollar erreicht, deshalb hatte Said Machmat noch die Kosten für einen Wächter und einen der Köche mit auf die Liste gesetzt. Für Einnullah, meinen Co-Teacher waren ebenfalls 265,- Dollar für 4 Monate angesetzt, ebenso für die Bezahlung der Lehrlingsarbeit an dem Container. Ich hatte sogar Kosten für meinen Transport von Kabul nach Hezarak eingeplant und Geld für das Büro von NGE, alles nicht zu knapp.

Dieser Plan lag also auf dem Tisch. Mir Rachim und Said Machmat hatten noch einige Bitten: Ob ZIM vielleicht zusätzlich den Co-Teacher bezahlen könne. Und vielleicht den Koch. Und dann fragten sie, ob ZIM, wie einmal abgesprochen, die Kosten für zwei Klassenräume für mich bezahlen könnten. Die wären doch frühestens fertig, wenn ich gehe, meinte Arnold.

Ja, es hätte halt Schwierigkeiten mit dem Besitzer des Hofes gegeben. Und in dem neuen Vertrag mit dem Besitzer würde jetzt drin stehen, dass sie zwei Klassenräume bauen. Deshalb bräuchten sie das Geld. Ich dachte, na ja, von den 11 500,- Dollar werden soviel übrig bleiben, die können sie doch dann gut nehmen für die Klassenräume. So teuer sind die schließlich nicht, vielleicht 200,- $ pro Raum, vielleicht auch 400. Deshalb fragte ich, nachdem Arnold schon mehr oder weniger erstaunt abgelehnt hatte, um welche Summe es sich denn handeln würde. 6000,- Dollar meinte Said Machmat, es sollten zwei richtig gute Räume werden, aus Beton. Der ganze Hof ist aus ungebranntem Lehm, mein jetziger Unterrichtsraum ein Loch, die Werkstatt die meiste Zeit ohne Ofen, nur mit Plastik abgetrennt und jetzt, wo es warm wird und ich nicht mehr da, brauchen sie Geld für zwei richtig gute Räume.

Ohne zu sagen wofür, warum, wozu. „Die Ausbildung soll fortgesetzt werden“, sagt Said Machmat. Mit wem? Welchen Lehrlingen, welchem Lehrer, welchen Ausbildungsinhalten? Tatsache ist eigentlich nur, dass ich dann nicht mehr da bin, um die Verwendung der Gelder zu überprüfen.

Ich fragte auch, was mit den Fenstern geschehen soll, die jetzt im Rahmen des Workshops gebaut worden sind. Die wolle er aufheben, als gutes Beispiel für die demnächst wieder anlaufende Produktion von Fenstern und Türen, ein halbes Jahr oder besser ein Jahr. Achtzehn Türen, dreißig Fenster. ‚Warum sagt er nicht gleich, er will ein Haus bauen?’, dachte ich.

Mir Rachim war sehr verärgert, als er ging. Er hatte nichts von dem bekommen, was er wollte. Obwohl ich dabei war und ihm -als gutem Freund- hätte helfen können. Das irre daran ist, dass sie wirklich nicht verstehen, warum ZIM all das nicht zahlen will. Hochintelligent, gut ausgebildet, aber eine ganz andere Kultur.

In der darauf folgenden Woche sitze ich mit Said Machmat bis spät in der Nacht zusammen und wir reden lange über dieses Gespräch. Ich versuche sehr vorsichtig zu sein und erkläre zuerst, dass ich von all diesen Dingen sicherlich weniger Ahnung habe, als er. Schließlich ist es das erste Mal, dass ich im Ausland arbeite. Er ist aber ganz offen und bittet mich um meine Meinung.

So versuche ich ihm zu erklären, dass er die Arbeit von NGE wie ein Produkt anbieten müsse, wenn er Geld wolle. Wenn er in einen Laden kommen würde und der Verkäufer bittet ihn freundlich um 1000 Afghani ohne zu sagen wofür, würde er vielleicht auch nichts bezahlen wollen. Es müsse für ZIM zum Beispiel klar werden, warum diese zwei Klassenräume, die NGE bauen will, genau in ihr Programm passen. Dafür ist es auch wichtig zu wissen, in welchem Rahmen Geldgeber arbeiten, um sich auf sie einstellen zu können.

Warum denn die Klassenräume so teuer gebaut werden sollten, frage ich ihn. „Na ja“, meint er, „das war sozusagen unser erstes Angebot. Wir dachten, dass wir über die Summe dann noch verhandeln können.“ Dass er die Fenster und Türen, die in meinem Workshop gebaut wurden, aufheben wolle als gutes Beispiel, habe er jedem gesagt. Auf diese Fenster und Türen seien ganz viele Leute scharf. Er wolle aber genau gucken, wer wirklich bedürftig sei und bis dahin bekommen alle diese Erklärung zu hören.

Sie hätten auch nicht den Lohn für Einnullah und den Koch zweimal gewollt. Schön war, dass er mir glaubhaft versichern konnte, dass er zwar schon sehr lange mit ausländischen Organisationen zusammenarbeitet, aber sich bisher noch nie mit einem Europäer so verständigen konnte und so ernst genommen gefühlt hat, wie mit mir.

Ich bin auch wegen mir froh, mit ihm geredet zu haben. Es gibt eine Entwicklungsdienst-interne Untersuchung, dass die Mehrzahl der Entwicklungshelfer mit mehr rassistischem Gedankengut als vor ihrer Abfahrt von ihrem Auslandseinsatz wieder zurück kommen. Im Grunde ist das natürlich ein weit verbreitetes Phänomen. Auslandsdeutsche sind oft besonders deutsch und besonders stolz auf ihre Kultur.

Ich glaube, in der Konfrontation mit der fremden Kultur erlebe ich zuerst, dass mein Gegenüber meine Werte nicht akzeptiert oder lebt. Für mich sind meine Werte aber eine Grundlage für mein Denken, für meine Bewertungen, für meine Vorstellungen von gut und böse. „Das sind doch alles Halunken“, dieser Gedanke ist dann die logische Folge.

Zumindest eben, solange ich nicht die Werte und Normen kennen- und verstehen gelernt habe, die an die Stelle dessen treten, was ich im fremden Land verloren glaube. Würde Said Machmat nicht seine Position auch nutzen, für Verwandte und Bekannte zu sorgen, er könnte sich in dem Gebiet von Hezarak nicht mehr sehen lassen. Würde er doch grundlegende Traditionen des gegenseitigen Versorgens brechen und allen zeigen, dass er an einer Freundschaft kein Interesse hat.

Inzwischen habe ich ähnliche Erlebnisse schon oft gemacht. Das fängt an mit dem alten Khalid, der ein steifes Bein hat und dessen hauptsächliche Arbeit für NGE daraus besteht, die vorgeschriebenen Gebetszeiten ausgiebig einzuhalten und ein Verwandter von Mir Rachim zu sein. Stolz hatte er mir einmal erzählt, dass er auf die Frage, was er denn eigentlich genau bei NGE tun möchte, nur geantwortet hat: Geld verdienen. „Ist doch wahr“, hatte er gesagt: “ich habe so viele Kinder, ich bin hier, um Geld zu verdienen.“

Dieser Khalid also hatte mich gebeten, einen kleinen Hocker für ihn zu bauen, weil er hier auf dem Gelände immer so Schwierigkeiten hat beim Beten wegen des Beines. Wie für alle, sagte ich ihm, müsse er aber das Holz bezahlen, 40 Afghani, also etwa 90 Cent. Weil er und die übrigen, die um mich herum standen, wie bei solchen Gelegenheiten so entsetzt und traurig guckten, meinte ich: „Okay, I will pay this money. It’s a gift from me”. Am Wochenende sah ich ihn, wie er diesen Hocker einpackte und mit nach Hause nahm. Die Woche darauf wollte er noch einen gebaut haben. Diesmal guckte ich sehr traurig, und er ließ von diesem Verlangen mir gegenüber ab. Als ich einen Tag mal nicht mit auf dem Gelände war, war dieses Bänkchen auch schon gebaut. Steht jetzt im Baderaum, keinem ist’s aufgefallen, keiner hat’s gebaut (er selbst bestimmt nicht).

Mr. Khalid hatte noch eine andere Idee: Ob ich für seinen Sohn nicht aus Deutschland eine Fußprothese zuschicken lassen könnte, die Deutschen seien so gut. Ich habe eher gar nichts darauf geantwortet. Samea wusste zum Glück, wie viel die ungefähr kostet (Khalid sicher auch) und rechneten das für die anderen aus.

Samea, der das von Khalid sehr unhöflich fand, hatte mich zwei Wochen zuvor auf Hühnerfarmen angesprochen. Sie würden im Gebiet von Hezarak Hühnerfarmen fördern, das sei eine gute Möglichkeit für arme Leute. Ich könnte gerne mal mitkommen, mir so einen Hof ansehen. Ob es für den Entwicklungsdienst oder für ZIM eine Möglichkeit gäbe, das zu fördern? Ich bin also zu ZIM und sie haben tatsächlich ein Kleinkreditprogramme für solche Fälle, aber eigentlich nur für Kabul. „Mal sehen“, meinte der zuständige Afghane, „vielleicht ist dafür eine Ausnahme möglich.“ Und gab mir ein Antragsformular mit. Als ich mit diesem Formular zu NGE kam, wollten gleich drei Leute einen Antrag stellen. Ob ich nicht noch mehr Formulare besorgen könne? Ich bat sie, das eine Formular doch bitte zu kopieren. (Das machten sie dann auch, aber ZIM akzeptierte nur das Original).

Kaum hatte Samea das Formular, erklärte er mir ganz offen, dass er sich freue, für einen seiner Söhne nun eine Möglichkeit zu haben. In diesen schwierigen Zeiten wäre es immer gut, wenn man möglichst viele Einnahmequellen hat. Als er mein entsetztes Gesicht sah, meinte er entschuldigend: „Wer weiß, wie lange ich noch bei NGE arbeiten kann. Bei den NGO’s kann es von heute auf morgen heißen: Wir stoppen leider sofort das Programm, an dem wir gerade arbeiten.“

Das hatte ich in der Tat auch selbst schon erlebt: Haschir, der nette Hazara und Veterinärarzt, war tatsächlich gekündigt worden, zwei Wochen vor Monatsende. Vielleicht können wir noch verlängern, hieß es. Am letzten Tag war dann klar: Nein, es geht nicht. Ich war total froh, ihn eine Woche später doch wieder zusehen: Mir Rachim hatte seien Vertrag tatsächlich verlängert. Aber am selben Tag wurde er endgültig gekündigt: Matthias, der holländische Chef von NGE sagte, es gäbe kein Geld für einen Tierarzt . UNHCR habe diesen Teil des Programms gestrichen.

-- Gerade werde ich umringt von Afghanen, die unbedingt wissen wollen, was ich schreibe, vor allem, ob ich über sie schreibe. Eine Stunde zuvor war es Hermid, der mich das Gleiche fragte. Das ist ein komisches Gefühl, wenn eine Gestalt meines Schreibens so plötzlich vor mir steht und mich fragt, ob ich sie da auf dem Papier noch mal erschaffe. Da wird der Mensch vor mir plötzlich zu Linien auf dem Papier oder diese Linien auf dem Papier werden plötzlich zu einem realen Menschen, der mich anspricht. Ob ich besser nicht über ihn schreibe, fragte ich . „Schreib halt“, meinte er.Das ungute Gefühl bleibt, dass ich die Macht habe, ihn zu verändern, ihn zu beschreiben, wie ich das will.—

Von anderer Seite bekomme ich zusätzlich böse Geschichten über NGE erzählt: Die Ärzte würden hauptsächlich in zwei Dörfern arbeiten, dem Heimatdorf von einem Mitglied des Medizin-Teams (der gar nicht Arzt ist, wie ich dachte, sondern (mal wieder) hauptberuflich Verwandter von Mir Rachim sei) und einem zweiten Dorf, das in der Nähe liegt. Viel würden sie sowieso nicht arbeiten. In dem Tadschiken-Dorf Karam, dem größten Dorf des Gebietes, wären sie fast nie (ich sah sie dort allerdings schon).

Als jemand von der UNHCR zum Controlling kam, hatten sie dicke Rundhölzer besorgt und über all die dünnen Hölzer gelegt, die sie sonst verteilen. Kaum war der Mensch von UNHCR, sehr zufrieden, weg, sei der Bruder von Said Machmat gekommen und holte die wertvolleren Hölzer für den eigenen Hausbau.

Einer sah, wie zwei Wächter Weizen aus dem Hilfsprogramme aufluden und dem Fahrer erklärten, wo ihre Häuser seien. Einmal kam ‚ein Fremder’ und sagte zu einem Afghanen, dass er sich mehr Mühe mit den Fenstern geben solle, immerhin bekäme er 1200 Afghani für ein Fenster. 300 Afghani bekam er tatsächlich von NGE. Said Machmat bat mich, vier kleine Regale für die Räume der Ingenieure bauen zu lassen für Bücher und dergleichen.

Wenn es etwas für den NGE- Hof ist, dann braucht das Holz natürlich nicht bezahlt zu werden. Als die Regale fertig waren und ich sie anbringen lassen wollte, hieß es: „Nein, bitte bring sie erst später an!“ Das ist mittlerweile schon drei Wochen her und mir schwant, dass da jemand nur die 80 Afghani sparen wollte für Regale für sich zu Hause.

Bei einigen Sachen weiß ich natürlich nicht, ob die so stimmen. Und manches entlarvt sich schon beim näheren Nachfragen als Übertreibung. Wer weiß, ob der fremde Herr (wahrscheinlich UNHCR) richtig übersetzt wurde, oder vielleicht hatte er nur den Preis im Kopf, den NGE für die Fenster bekommt. Und ihre Kosten und das Holz sind da mit drin. Außerdem kommt noch viel in Hezarak an. Der, der mir die Geschichte mit den Rundhölzern erzählte, konnte immerhin sein Haus mit diesen Hölzern wieder aufbauen (den dünneren halt), wie viele andere auch. Wer hier die Unterschlagungen radikal bekämpfen wollte, müsste NGE im Grunde die Lizenz entziehen, ein Haufen Leute entlassen und die Menschen von Hezarak alleine lassen.

Eine deutsche Kollegin meinte dazu: Im Grunde musst du die Leute vorher ganz lang und genau prüfen. Und selbst dann kann sich die Geschichte schnell verändern. Wenn eine NGO einmal in die falsche Richtung läuft, ist es sehr schwierig, da entgegen zu wirken. Eigentlich kannst Du nur die Gelder sperren. Und damit triffst Du hauptsächlich die, die am untersten Ende der Kette sind, denen du helfen wolltest.

Die holländischen Verantwortlichen von NGE waren bei solchen Problemen wenig hilfreich. Als ich die Geschichte mit dem Essensgeld für meine Azubis ansprechen wollte, meinte der NGE- Verantwortliche für Kabul zu mir: „Dann müssen wir halt den Koch entlassen!“ Das war mit Sicherheit die falsche Stelle und ich dachte: ‚Also, wir brauchen darüber auch nicht miteinander reden.’ (Das stimmte so auch wieder nicht. Zum Ende meiner Zeit in Afghanistan hatte ich mit ihm ein ganz gutes Gespräch genau über diese Dinge.) Die Sägespäne, die meine Lehrlinge nicht mit nach Hause nehmen dürfen, werden weiterhin lustig von den Ingenieuren abtransportiert. Obwohl der NGE- Boss drüber wütend war und etwas von einem Ofen für Sägespäne erzählte und zu hohen Kosten für Brennholz, dass aus Pakistan gekauft wird. Und es dabei belässt. Dann braucht er es auch gar nicht erst anzusprechen. Und Zeit hätte er, sich einmal stichpunktartig um eine Sache richtig zu kümmern: Wo geht das Geld hin, wer nimmt jenes mit?

8. März

Meine Lehrlinge in der Schreinerwerkstatt

Ab und zu in der Woche frage ich einen meiner Azubis für ein Einzelgespräch. Das stimmt natürlich nicht ganz, denn wir sind ja immer zu dritt, mit Sadat, dem Übersetzer. Kräutertee gibt’s dann, der Ofen im Container ist angeheizt und die Afghanistan-üblichen Süßigkeiten in einer Schale mit mehreren Abteilungen. Als Besonderheit kann ich meist die Karamellbonbons aus Polen anbieten, die ich in einem Laden in Kabul gefunden habe und regelmäßig nachkaufe. Spannend schon allein zu sehen, wer hemmungslos zugreift und wer nur dann zubeißt, wenn ich ihm das Bonbon praktisch schon in den Mund geschoben habe. Sie fahren alle auf Süßes ab.

Ich frage nach den Zukunftsvorstellungen, knüpfe ein bisschen an an meine Beobachtungen, lobe ausführlich und gebe hinterher die Gelegenheit, noch frei zu erzählen, Kritik, Nöte, Anregungen. Genau genommen ist dieser Abschluss das, was mich am meisten interessiert. Da bekomme ich Geschichten erzählt vom Land und höre gespannt und stolz zu, wenn jemand erzählt. Wobei die Geschichten meist nicht sehr positiv sind.

Einer, Machmad, hat "acht Kinder und einen Jungen", also eigentlich neun Kinder, davon acht Mädchen. Er war im Unterricht und in der Werkstatt die ganze Zeit unzufrieden, nörgelte, alles war ihm nicht recht, alles zu wenig, er wollte möglichst spät kommen und früh wieder gehen. Oje, dachte ich, das kann ja heiter werden. Im Gespräch erzählte er mir, wie schwer es für ihn ist, als fast 40-Jähriger Schreiner zu lernen, die anderen Jungs seien viel schneller als er. Aber er habe überhaupt keine Wahl, weil es zu Hause an allem fehlt. Spontan gab ich ihm 500 Afghani und es scheint tatsächlich materielle Not gewesen zu sein, denn seitdem ist er ein aufmerksamer und kooperativer Schüler.

Im Unterricht beobachtete ich bald, dass Machmad auch eine gute Vorbildung hat. Für Fachrechnen habe ich die Klasse in zwei Gruppen geteilt und in der Fortgeschrittenen-Gruppe steht er an der Tafel und erklärt Bruchrechnen, Kommastellen und Dreisatz Für mich sind das echte Sternstunden. Ich sitze als Schüler mit im Klassenraum, lausche gespannt und bin stolz wie ein Schneekönig, diesen Lehr- und Lernraum schaffen zu können, der gut ist für die übrigen Lehrlinge und Machmad zu seinem Recht und der Position verhilft, die ihm zusteht.

Ein paar Wochen später fragt er mich erneut um Geld. Ich bin mir aber sehr unsicher, wofür er es braucht und verweigere es, zumal er auch nicht mit dem Übersetzer zusammen darüber reden will. Verstehen kann ich das allerdings. Sadat ist alles andere als unparteiisch und übersetzt sehr frei. Ich würde ihm auch nicht alles anvertrauen wollen. Und ich stehe dann immer wieder vor Entscheidungen: Wo sage ich ja und wo nein? Natürlich ist es leichter, Nein zu sagen, zumal es ja mein privates Geld ist.

Ein anderer fragt mich, ob ich nicht mit ihm zusammen zu einem Arzt gehen kann. Er wisse nicht, ob er Kinder bekommen könne oder nicht. Die Taliban haben ihn 14 Tage lang gefoltert: Peitschenschläge mit Stahlkabeln, Elektroschock, er sei voller Blut und Sperma gewesen. Er sei bei etlichen Ärzten gewesen und keiner habe ihm eine definitive Antwort geben können. Gefoltert haben sie ihn, weil er im Gebiet von Hezarak zu einer Minderheit der Tadjiken gehört, inmitten eines Paschtunen -Gebietes. Den Taliban, meist Paschtunen, war das suspekt. Später bekomme ich ergänzend erzählt, dass sein Schwager Waffen versteckt hatte, aber in Pakistan war. Nun versuchten die Taliban von den Verwandten das Versteck zu erfahren.

Ein Dritter, Hermidula, der aus einer etwas reicheren Familie kommt und wohl der Jüngste ist (d.h. sein Vater ist um die 70), hat Schwierigkeiten mit seiner Familie und kann aus Stolz nicht mehr nach Hause. Ob ich ihn nicht nach Hause bringen könne und mit seinem Vater reden und sagen, ich hätte ihn unter massiven Druck gesetzt, nach Hause zu gehen. Er wisse nämlich nicht, wo er schlafen könne, die letzten beiden Wochen war er teilweise in Peshavar (Pakistan), in Kabul oder hat auf dem Gelände übernachtet.

Ein paar Stunden später sitze ich also einem Greis mit langem weißem Bart gegenüber, weiß natürlich überhaupt nicht, wie weit ich mich in diese Familie einmischen darf und erzähle freundlich Geschichten von Vätern und Söhnen im allgemeinen und mir und Jakob im besonderen, während mir Tee und Bonbon gereicht werden. Der leere Raum, in dem wir sitzen, bleibt ungeheizt, wohl aus Sorge, ich könne zu lange bleiben. Ob ich etwas helfen konnte, bin ich mir sehr ungewiss. Mein Schützling hatte sich offenbar mehr Schelte für seinen alten Papa erhofft.

Am Wochenende gabeln wir Hermidula auf dem Weg nach Kabul jedenfalls wieder auf, als er unschlüssig auf einem Stein an der Straßenkreuzung zu seinem Dorf sitzt. Ich nehme ihn mit ins Gästehaus, zeige ihm einen Raum, stelle ihn den Wächtern vor, kaufe mit ihm zusammen ein und wir kochen uns etwas. Was in ihm vorgeht, bleibt mir völlig verborgen, wahrscheinlich so wie ich für ihn ebenfalls kein bisschen nachvollziehbar bin. Sein English (er hat Schulbildung, etwa 10. Klasse) und mein Dari reichen sowieso nur für eine sehr rudimentäre Unterhaltung. Am nächsten Tag will ich mit ihm Unterwäsche kaufen, damit er sich waschen und die Wäsche wechseln kann. Außerdem hatte ich kein zweites paar Hausschuhe und will auch das kaufen.

Nun, dieser Einkauf wurde zu einem Labyrinth von Missverständnissen. Zuerst kaufte Hermidula sich feste Schuhe für sich selbst anstelle der Hausschuhe. Ich wollte ihn ja aussuchen lassen, weil die Schuhe groß genug sein mussten. Außerdem wollte ich noch andere Sachen kaufen und wir sind ziemlich lange mit zwei Rädern durch die Stadt gehechtet, weil wir Ewigkeiten brauchten, um alles zu finden. Der arme Kerl hatte ein Jahr lang kein Rad mehr gefahren und ich möchte nicht wissen, ob er am nächsten Tag noch laufen konnte vor lauter Muskelkater.

In einer Art Kaufhaus wollte Hermidula sich die Unterwäsche kaufen, ich passte draußen auf die Räder auf und gab ihm 100 Afghani. Er kam etwas später wieder zu mir auf die Straße, die Wäsche war wohl viel zu teuer dort. Dass ich diese 100 Afghani nicht wiedersehen würde, dämmerte mir schon vorher. Was ich aus der Hand gebe, geliehen oder nicht, ist nicht mehr mein Eigentum.

So wollte er dann wenig später ganz selbstverständlich noch einmal Geld von mir, als er sich an einem Stand ein T-Shirt kaufte. Und eine Jacke bräuchte er, weil er so fröre. Da er sowieso nicht verstanden hatte, wofür ich mit ihm Einkaufen gefahren bin, war ihm auch nicht klar, warum denn eine Jacke nicht auch gut wäre. Nun gut, teuer war sie auch nicht, zumindest als ich den Preis nannte, den ich höchstens bereit zu zahlen war.

Wir sind darauf mit den Rädern wieder aus der Innenstadt nach Taimani zum Gästehaus gefahren und als Hermidula sich von mir verabschiedete (natürlich ohne sich zu duschen!) wurde mir vollständig bewusst, wie wenig er meine Gedanken nachvollziehen konnte. "Meine Gedanken" - das ist ja auch übertrieben formuliert gewesen. Ich wechsele halt die Unterwäsche, wenn ich mich dusche. Aber ich weiß doch weder, ob Hermidula duschen will, noch ob er die Wäsche wechselt. Ich musste sogar erst Mohammad, den Wächter, fragen, was Afghanen denn so normalerweise unter ihrem "Afghanenkleid" tragen. (Zum Teil übrigens nichts, selbst, wenn es kalt ist, habe ich herausbekommen).

Einmal habe ich einem der Fahrer von NGE auf seine Frage nach meinem besten und meinem schlechtesten Lehrling geantwortet. Das war ein saublöder Fehler. Er hat es natürlich nicht für sich behalten. Am Tag darauf war mein Sorgenkind Alisardar im Grunde nicht mehr so richtig arbeitsfähig. Ich habe mir dann Einnullah und Alisardar geschnappt und mir seine letzte Arbeit angeschaut und zusammen mit Einnullah viele Stellen gefunden, die gut geworden sind. Lange haben wir uns darüber unterhalten, um wie viel besser Alisardar inzwischen geworden ist. (Alisardar wurde in der folgenden Zeit tatsächlich viel besser)

Manchmal holt mich auch die Geschichte dieses Landes mitten im Unterricht ein. Wenn zum Beispiel Said sich entschuldigt, weil er irgendetwas nicht behalten hat. Er hält mir seinen Kopf hin, auf dem ich eine riesige Narbe ertasten soll. In den Kämpfen zwischen Hektmatyar und Massoud war er in Kabul und bekam in einem einstürzenden Haus einen Balken ins Gehirn.

Oh, gerade geht mir der Mullah von vis-a-vis kräftig auf den Zeiger. Diese Lautsprecher sind eine verdammt dämliche Erfindung. Seit nunmehr etwa 4 Stunden kräht der und kräht und hört gar nicht mehr auf. Und mit welcher Lautstärke! Hier ist ja Hazara -Gebiet, also Schiiten, die strikter in religiösen Vorschriften sind, als die sunnitische Bevölkerungsmehrheit und offenbar mit Hilfe der Lautstärke und Ausdauer ihre besondere Frömmigkeit unter Beweis stellen müssen.

Und im Hintergrund hat er noch einen ganzen Chor von Gläubigen. Die halten das nun schon seit Stunden in der Moschee aus, immerhin ist es jetzt 21,30 Uhr und an früh schlafen gehen ist nicht im Traum zu denken. Ich werde mich also in Gleichmut und Toleranz üben, wie es sich für einen Entwicklungshelfer gehört und noch ein bisschen weiter schreiben. Meine Hoffnung, es möge bald ihrem Glaubenseifer Genüge getan sein, kann ich allerdings nicht ganz aufgeben.

Sonst kann ich mich eigentlich ganz gut an ihren Glauben anpassen. Nach dem Essen machen sie immer irgendeine Art Kurzgebet mit Gesten, die ich dann mitmache. Und zu jeder passenden Gelegenheit erzähle ich auch, dass es schließlich ein- und derselbe Gott wäre, an den wir glauben. Das habe ich nun schon so oft gesagt, dass ich manchmal im Stillen darüber nachdenken muss, ob ich nun plötzlich tatsächlich an diesen Moses-Gott glaube. Die anderen Götter mögen mir verzeihen.

Manche Sachen finde ich aber ganz schön. Wenn sie den Koran vorsingen z.B. (allerdings nur, wenn diese Lautsprecher das nicht so scheußlich verzerren) oder die gemeinsam gesprochenen Worte, wenn jemand aus der Gruppe jemanden zu betrauern hat. So hatte einer der Wächter eine Tochter verloren und alle Leute vom NGE- Hof versammelten sich deshalb in einem Raum, einer sang und alle sprachen etwas zusammen. Irgendwie mag ich diese Rituale gern. Aber einen Stromausfall für vis-a-vis wünsche ich mir trotzdem.

27. Februar

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