Reisen

Meine Abreise aus Afghanistan

Ich finde es sehr schön, auf meine letzten Tage in Kabul nicht mehr alleine im Gästehaus zu sein. Ein bisschen gemeinsames Yoga, gemeinsames Kochen oder ein Spiel am Abend mit netten Leuten lassen die Tage kürzer werden, als ich es eigentlich will. Mit dem Ehepaar Pukmann bin ich zweimal in die Innenstadt einkaufen und jedes Mal haben wir eines der vielen afghanischen Restaurants besucht. Das eine, das Herat- Restaurant, ist Ausländer gewohnt, aber in dem anderen, einer echten Spelunke, sind wir doch sehr aufgefallen, besonders natürlich wegen Carmen Pukmann.

Mich haben die Leute auch groß angeguckt, weil ich zwar afghanisch gekleidet bin und auch noch den ‚Fremdenführer’ gebe, in dem ich übersetze und erkläre, aber dann nur schlecht Dari spreche. Trotzdem bin ich begeistert, wie schnell es möglich ist, eine Sprache so zu lernen, dass Verständigung möglich ist. Und ich bin nun wahrlich kein Sprachgenie, sondern habe mich schon mit dem Englisch lernen damals sehr gequält.

Vor einigen Tagen habe ich mein Ariana-Ticket bekommen, Holger aus dem Büro hat es mir gebracht. Ich wollte nicht wieder mit der Bundeswehr fliegen, einen Flug fand ich interessant genug. Ariana fliegt regelmäßig als zivile Linie nach Frankfurt, warum soll ich da nicht mitfliegen? Ein Kollege meinte: „Ich weiß, warum ich da nicht mitfliegen will. Kennst Du die indischen Flugzeuge und deren Sicherheit? Na, und Ariana fliegt mit ausrangierten indischen Flugzeugen!“

Ich werde angewiesen, das Ticket im Ariana-Büro bestätigen zu lassen. Das Büro ist in einem normalen Haus untergebracht und zuerst weiß ich nicht, welchen Eingang ich benutzen soll. Weil aber vor dem einen Tor eine ganz lange Schlange ist, gehe ich durch das zweite Tor, dass ich in der Mauer finde. Dort ist nur ein Wächter, der mich freundlich grüßt und ich gelange in einen Garten, in dem ich mein Fahrrad abstellen kann.

Eine Balkontür führt in ein Büro mit Tresen und es sieht so aus, als sei ich den normalen Weg herein gekommen. In dem Büro sind eine Menge Leute und ich brauche eine Weile, bis ich an den richtigen Mann gerate. Der erklärt mir etwas unfreundlich, dass ich gar nicht hätte kommen brauchen. Aber auch das gehört wohl zum Ritual.

Mein Gepäck habe ich zuvor in Alukisten gepackt und mit der Post zurück geschickt. Das erspart mir den ganzen Aufwand mit Speditionsfirma und dergleichen. Es ist ja auch nicht mehr all zu viel.

Und dann ist mein Abreise-Tag da. Jemand hat mir vor ein paar Tagen den Bären aufgebunden, Ariana wäre einmal sogar eine halbe Stunde zu früh los geflogen und mir damit tatsächlich einen Schrecken eingejagt. Anstelle eine Stunde später, als von Ariana angegeben (was ich sonst getan hätte), bin ich heute Morgen eine Stunde früher aufgebrochen.

In der Nähe des Flughafens gehe ich, sozusagen zum Abschied, in eine der Basarstraßen, um Obst und etwas zum Trinken zu kaufen. Mit meinem letzten Kleingeld beglücke ich noch eine Bettlerin, um dann zum Flughafen-Gebäude zu schlendern.

Die Formalitäten sind erstaunlich schnell erledigt und ich ärgere mich, dass meine letzten zwei Stunden Afghanistan ausgerechnet in dieser tristen Wartehalle stattfinden sollen.

Mir gegenüber sitzen einige Frauen mit Burka und ich überlege, ob die nach Frankfurt mitfliegen. Das muss wohl so sein, denn die Sperre ist zu und hier im Warteraum ist nur noch Zugang für Reisende. Später im Flugzeug rätsele ich, wer von den schick und westlich gekleideten Frauen wohl vorher eine Burka getragen hat.

Eine junge Frau war ohne Burka in der Abfertigungshalle gewesen. Weil sie alleine reiste und westlich gekleidet war, wurde sie besonders schikanös und gründlich durchsucht. Mich hat das schon beim Zuschauen wütend gemacht. Nur zu deutlich war, dass die afghanischen Beamten sie am Liebsten inhaftiert oder misshandelt hätten für ihr unzüchtiges Auftreten. Bewundert habe ich die Ruhe und Klarheit, mit der diese junge Frau den Herren entgegen getreten ist, obwohl sie sichtlich abgenervt war von dieser Art Afghanistan.

Nun bin ich weit über den Wolken, habe die kargen Berge Afghanistans gesehen und dazwischen die schmalen Bänder der Flussoasen. Als es grüner wurde, waren wir schon lange über dem Iran.

30. April

Zwei Tage in Jallalabad

Ab Ende März kamen vier EntwicklungshelferInnen neu aus Deutschland, machten die Auslandsvorbereitung und wohnten mit mir im Gästehaus.‚Ab Ende März’, weil sie zu unterschiedlichen Zeiten einreisten. Heiner, der als erster neuer Mitbewohner kam, hatte das Pech, auf die anderen noch drei Wochen warten zu müssen. Ich dagegen hatte Glück: Ich konnte mich einfach ihrer Studienfahrt nach Jallalabad anschließen, die Teil ihres Vorbereitungskurses war. Anstatt Heiner, der einen Tag, bevor es losgehen sollte, krank wurde.

Wir sind morgens um sieben losgefahren, erst die altbekannte Strecke zu dem ISAF- Camp raus, dann weiter Richtung Pul-e-chari, von wo aus ich jede Woche rechts hoch in die Berge gefahren bin. Wir, das waren der Sprachlehrer Mir Afzal (der auch das Reiseprogramm organisierte), das Ehepaar Pukmann, beide über sechzig und sehr agil, Bob (der meist eher schlecht gelaunt hinten im Wagen saß), die zwei Fahrer (wir waren ja wieder mit zwei Autos unterwegs) und ich.

Diesmal ging’s nicht nach rechts, sondern geradeaus weiter und erstaunlich schnell ebenfalls mitten in die Berge rein, aber nicht hoch, sondern die nächsten vier Stunden nur bergab. Ich hatte irgendwie erwartet, dass es eine Weile durch die Berge geht und dann spätestens nach der Hälfte (bei Sarobi) in eine Ebene hinein. So sah es jedenfalls auf der Karte aus. Aber die Berge haben uns nie verlassen, mal enger, mal etwas weiter das Tal dazwischen.

Selbst Jallalabad ist umgeben von Bergen, genau wie Kabul. Anders ist nur, dass Jallalabad in einem lang gestreckten Tal liegt, also auch die ganze Stadt eine Hauptverkehrsader hat, wenn auch mit mehreren Parallelstraßen und auf der südlichen Seite mit einer zweiten Ebene oberhalb der Stadt. Kabul dagegen liegt in einem sehr großen Talkessel und ist mehr sternförmig aufgebaut.

Zuvor aber ging’s durch wirklich enge Schluchten, einmal stürzte der Fluss so jäh in die Tiefe, dass die Straße beim besten Willen nicht mehr mitkam, sondern sich mit mehreren Tunneln durch den steilen Fels bohren und anschließend in einigen Serpentinen wieder zum Fluss hinunterwinden musste. Wunderschön und beeindruckend war das. Der Fluss tief unten, braun und ungestüm.

Auffallend die vielen bunt bemalten LKWs, die hauptsächlich in Richtung Kabul voll bepackt waren (zum Teil rückkehrende Flüchtlinge) und leer wieder zurückfuhren. Kabul produziert so gut wie nichts, vieles kommt aus Pakistan, anderes aus Iran, den GUS-Ländern oder aus Dubai und anderen arabischen Staaten. Die Außenhandelsbilanz von Afghanistan muss eine Katastrophe sein.

Wir fuhren an drei Staudämmen vorbei, mindestens einer produzierte Strom. An dem großen Damm, der für Kabul den Strom produziert, führte die Straße allerdings in einem weitem Schlenker vorbei. Wir konnten ihn nicht sehen. Das ist auf Höhe von Sarobi, dort ist das Tal stellenweise breiter und lässt einiges an Grün und Feldbau zu. Auch die Berge sind bei weitem nicht so steil und schroff.

Immer wieder war Kriegsgerät zu sehen, meist ausgebrannt, manchmal aber an strategischen Punkten durchaus noch in Betrieb, inklusive einem Haufen Soldaten, die MG lässig über den Knien liegend. Links und rechts der Straße oft Minenfelder, geräumte und aktive. Auf der Hinfahrt sahen wir ebenfalls Dutzende Minenräumer, zum Teil im Berg (ich fragte mich, wie in dem Fels jemand Minen legen kann), zum Teil direkt neben der Straße, mit Metalldetektor, mit Hunden, mit schwerem Minenräumfahrzeugen. Tags drauf sahen wir sie vormittags an einer Moschee für einen toten Kollegen Spalier stehen und mittags zufällig im Restaurant.

Auffällig war das viele Grün, sobald es das Tal zuließ; der Weizen schon richtig hoch und viele Bäume, selbst an den Hängen krallten sich Büsche und Bäume. Im Hintergrund immer wieder Aussicht auf schneebedeckte Berge.

Die Straße selbst war zur knappen Hälfte asphaltiert, ansonsten Schotter. Manchmal gab es zwanzig Meter Asphalt, dann wieder Schotter, dann wieder Asphalt. Das reicht natürlich nicht zum schnell fahren. An den Schotterabschnitten waren öfter Kinder, Greise oder ein einbeiniger junger Mann, die tatsächlich oder nur den Eindruck erweckten, die Straße zu reparieren, wie schon in Logar. Dafür wollten sie Geld von uns, dass wir unter der Windschutzscheibe liegen hatten und je nach Bedarf aus dem Fenster warfen. An anderen Stellen wurde die Straße wirklich repariert. Noch vor einem halben Jahr hat es wohl 7 Stunden nach Jallalabad gedauert, wir haben mit Pausen jetzt nur noch 4 Stunden für die etwa 150 Kilometer gebraucht.

Auf dem Rückweg sahen wir Wasserlaster, die die Straße nass machten, um den Staub in Grenzen zu halten. Nach etwa zweieinhalb Stunden Fahrt machten wir Halt an einer Raststätte, die mich etwas an die Wüstenraststätten erinnerte, die manchmal in amerikanischen Filmen auftauchen. Nur dass hinter dem Haus ein kleines Wäldchen und dann der Fluss war.

In dem Wäldchen waren Männer mit Maschinengewehren verteilt, die offensichtlich ein paar Europäer beschützten, die dort aßen. Direkt neben dem Wäldchen sah ich auch mein erstes Mohn/Opiumfeld. Zwei junge Männer waren gerade bei der ersten Ernte. Hinter einem Baum hervorlugend habe ich mich getraut, ein Bild zu machen.

Später sahen wir dann noch öfter Mohnfelder, allerdings bei weitem nicht so viele, wie ich nach Erzählungen erwartet hatte. Wahrscheinlich sind die meisten Felder auch nicht so direkt von der Straße aus zu sehen. Etwas Wegstrecke nach dem Restaurant kam von Norden her ein größerer Fluss aus den Hindukusch-Bergen und brachte Bäume mit, die ihn säumten und sich gleichsam in unser Tal ergossen, ein grünes, breites Band, dass uns dann, bis auf kurze Ausnahmen, nicht mehr verließ.

Kurz vor Jallalabad, am letzten Stausee, kehrten wir in einem Fischrestaurant ein, ein überdachter Raum mit Veranda zum See hin und aßen frisch gefangenen und gebratenen Fisch. D.h., die anderen aßen, ich und Christel Pukmann nahmen mit etwas Gemüse und Brot vorlieb. Durch einen weiteren Tunnel kamen wir dann ins offenere Tal von Jallalabad.

Jallalabad selbst ist deutlich kleiner als Kabul, aber sehr viel grüner. Vor allem viele Bäume gibt es in der ganzen Stadt. Manchmal konnte man die Bebauung vor lauter Bäumen nicht sehen. Ich habe deutlich weniger Frauen auf den Straßen gesehen, als in Kabul. Dafür waren aber mehr Frauen ohne Burka. Allerdings kann das auch ein wenig täuschen, weil diese Frauen ohne Burka vielleicht Kutschi- Frauen waren, also Nomaden Frauen, die die Burka eigentlich nie akzeptiert haben. Denn insgesamt ist Jallalabad als Paschtunen- Stadt sehr viel konservativer als Kabul, so etwas wie das Bayern Afghanistans.

Jallalabad schien mir insgesamt auch reicher, jedenfalls gab es weniger dieser ganz kleinen Läden oder Straßenhändler als in Kabul. Witzig war die Ladenzeile mit den Geldhändlern, die ihr Geld in Glasvitrinen zur Schau stellten. Die vielen, vielen Stoffhändler mit den schillernden, glitzernden, farbenfrohen orientalischen Stoffen und die Stände mit den bunten Gewürzen haben mich zweimal zum Einkaufsbummel verlockt.

Wie in Kabul gab es viele Musikkassetten oder fliegende Händler, die kleine Bilderchen verkauften. Die Bananen sind auffällig größer und zu meiner großen Freude gab es auch Kokosnüsse. Wie in Kabul gibt es auch Rohrzucker, zum Teil unverarbeitet zum Lutschen, zum Teil als braune Zuckerklumpen, die nach Gewicht verkauft werden.

Gewohnt haben wir in dem Entwicklungsdienst- Gästehaus, einem geräumigen Anwesen mit mediterranem Flair. Der Garten üppig, mit Palme und Sonnenblumen, vielen Bäumen, einem Volleyballfeld und einer binsengedeckten Veranda. Innen waren vier Zimmer, (ich habe mit einem Fahrer in einem Raum geschlafen) mehrere Flure, eine große Essdiele und eine Winterküche.

Die Sommerküche befand sich in einem Anbau, um zu verhindern, dass das Kochen das Haus noch mehr aufheizt. Ich hatte etwas Angst vor Kälte nachts, wegen der dünnen Decken, aber das war völlig unbegründet: Durch die viel höhere Luftfeuchtigkeit und das viele Grün kühlte es nachts kaum ab und ich habe eher geschwitzt als gefroren.

Am ersten Nachmittag besuchten wir einen großen Viehbetrieb aus Sowjetzeiten. In den weitläufigen Stallungen standen noch ein paar magere Kühe. Es wurde gerade Milch verkauft, 200 Liter produzieren sie an einem Tag, bei etwa 40 Milchkühen, also nicht besonders viel. Die Stallungen sind für mehrere hundert Kühe ausgelegt und mit viel Auslauf. Wir waren im Nu umringt von einer großen Schar Afghanen. Schade, dass es im Stall so dunkel war, sonst hätte ich ein paar schöne Bilder machen können, besonders zwei alte Afghanen und drei, vier kleine Mädchen hatten es mir angetan.

Anschließend sind wir zum Fluss und haben dort in einem Gartencafe Tee getrunken, Pommes und mit Kartoffeln gefüllte Teigtaschen gegessen. Sieben Leute und nachher haben wir zweieinhalb Euro für alles bezahlt. Dazu ein schöner Sonnenuntergang, warme Luft und der Blick auf den schillernden Fluss: Urlaub vom Feinsten.

Gleich nach dem Frühstück am nächsten Tag fuhren wir zum alten Winterpalast des Königs. Der ist im Gegensatz zum Palast in Kabul nicht zerstört, sondern wunderschön, bewohnbar und umgeben von einem recht gepflegten Park. Auch hier wieder alles voller Blüten und die Pflanzen auf mehreren Ebenen. Ich habe mich gewundert, dass wir dieses Anwesen überhaupt betreten durften. Wir wurden aber vom Verwalter persönlich herumgeführt und das war mir auch ganz lieb, denn überall waren Wachsoldaten. Ein großes (aber leeres) Schwimmbad gab es, eine langgestreckter, frisch renovierter Bau mit vielen Wohnungen für die Bediensteten und ein richtig schönes Schloss mit vielen kunstvollen Details (zum Beispiel aufwändig geschnitzte Türen und Fenster). Gebaut wurde es von dem ‚eisernen Emir’ Abdul Rahman, vor etwa 120 Jahren.

Abdul Rahman war ein Herrscher von Englands Gnaden, einer der Versuche Englands Afghanistan unter Kontrolle zu bekommen. Er versuchte zum Teil mit Massenmord an den Hazara und den Nuristani Afghanistan zu einem einheitlichen Staat zu formen. Er hat die Nuristani (die mir immer vorkommen wie Iren, mit ihren roten Haaren und Sommersprossen) auch gewaltsam islamisiert. Und wie so oft nach einem solchen Traumata sind die Nuristani nun eher besonders eifrige Moslems. In den 20iger Jahren ist der Palast im Zuge eines Umsturzes zerstört, bald aber wieder aufgebaut worden.

In der Nähe gab es auch eine Moschee mit sämtlichen Gebeinen der Großfamilie Abdul Rahman. Die ist allerdings sehr viel öffentlicher: auf dem Gelände der Moschee unter einer schönen Allee gab es eine Art Flohmarkt mit ganz vielen Bettgestellen und Kinderwiegen aus Metall. Die Milizionäre, die alles bewachen, wie üblich mit einem Zelt, davor Holzbetten, auf denen sie herumlungern, und eine Menge Unrat oder ein auf dem Boden verstreutes Kartenspiel.

Danach sind wir raus aus der Stadt, in eine Siedlung im Umland. Ich habe leider nicht verstanden, was es war. Mit dem künstlichen, etwa zehn Meter hohen Erdhaufen in der Mitte und Resten von irgendwelchen Anlagen, Bewässerungskanälen, Becken und Mauern wirkte es auf mich, wie die Ruinen von einer aztekischen Tempelanlage.

Wir sind zu zweit auf diesen Erdhaufen, oben gab es eine kleine, gemauerte Nische und so etwas wie eine öffentliche Toilette. Von weitem riefen uns Milizionäre und kamen uns entgegen, als wir wieder abstiegen. Ich hatte etwas Muffe, aber sie waren sehr freundlich, als sie merkten, dass auch ich ein Ausländer bin. Sie hatten wohl die Tage zuvor Beschwerden bekommen, dass junge Afghanen diesen Hügel bestiegen haben und dann in die umliegenden Höfe gucken (und womöglich Frauen sehen) konnten. Insgesamt scheinen alle Erhebungen mehr oder weniger dem Militär vorbehalten zu sein, dass war schon in Hezarak so. Schade, ich gucke so gerne ins Land.

Zu Mittag haben wir in einem gehobeneren Restaurant gegessen. Davor saß einer dieser Schuhputzerjungen, der mir zuerst meine sauberen Schuhe putzen und nach meiner Absage nur noch etwas zu essen wollte. Ein Stück Kuchen von mir hatte er schnell hinuntergeschlungen und deshalb brachte ich ihm nach dem Essen all unsere Reste vor die Tür. Das war ein richtiger Berg Reis und Fleisch gewesen, aber binnen ein paar Minuten sah ich ihn den Teller wieder zurück ins Restaurant bringen. Vielleicht musste er auch etwas an andere abgeben, ich weiß es nicht.

Mit Christel machte ich einen Einkaufsbummel, aber die vielen Blicke, praktisch die Aufmerksamkeit der ganzen Straße, fand ich schon sehr anstrengend. Ich habe auch während unserer ganzen Zeit außer einer Frau im Auto keinen einzigen anderen Europäer in Jallalabad gesehen. Christel hatte es nicht so stressig empfunden, aber für mich war der Unterschied zum alleine durch die Straßen laufen schon gewaltig.

In Kabul werde ich nicht mehr beobachtet, selbst mit der Kamera bin ich meist so schnell, dass keine Straßenkinder zum Betteln kommen. In Jallalabad haben immer wieder ein paar Leute registriert, dass ich ein Fremder bin, wenn ich alleine war, aber eher beiläufig, aus den Augenwinkeln.

Nach einer Mittagspause im Gästehaus mussten wir zuerst den Kollegen Bob suchen, der sich seit ein paar Stunden kommentarlos abgesetzt hatte. Wir waren ziemlich in Sorge. Bob, als wir ihn fanden, aber war quietschvergnügt.

Wir machten noch einen kleinen Ausflug erst zum Fluss und später in die südlichen Berge hinein, was ich allerdings nicht sehr spannend fand: Mehr als die Straße und die üblichen kahlen Berge, eine Militärkontrolle und eine Raststätte war dort nicht zu sehen. Lediglich auf dem Weg dorthin konnten wir große Olivenhaine und die Ruinen einer ehemaligen Olivenölfabrik bewundern. Außerdem war der wie ausgestorben wirkende, im Umfeld weiträumig verminte Flughafen von Jallalabad interessant zu sehen. An einer Stelle sahen wir auch Dutzende voll bepackte LKWs aus Pakistan, die hier auf die Zollabfertigung warteten. Die Zolleinnahmen gehen wohl hauptsächlich an einen Warlord, der hier die Polizei, das Militär und den Geheimdienst unter Kontrolle hat. Der eigentliche Gouverneur hat kaum etwas zu sagen.

Ich bin sehr früh schlafen gegangen, weil ich wieder so starkes Kopfweh hatte. Am nächsten Morgen ging’s zurück nach Kabul. Auch den Rückweg habe ich sehr genießen können. Irgendwie sieht alles noch mal anders aus, wenn mensch es von der anderen Seite her betrachtet. Gegen elf Uhr kamen wir wohlbehalten in Kabul an.

Als wir an einer Tankstelle hielten, brauste kurz darauf eines dieser Fahrzeuge mit den dunklen Scheiben ebenfalls auf den Platz. Ein gedrungener Muskelmann mit abstehenden Armen, einem steifen Rücken, einigen Pistolen, Sonnenbrille und offensichtlich nichts im Hirn stieg aus und stampfte auf den Fahrer des anderen Entwicklungsdienst-Autos zu. Der Fahrer hatte wohl gewagt, das Auto dieser Kriegers zu überholen und der verlangte nun nach Genugtuung. Zum Glück war es helllichter Tag, mitten in Kabul und der Entwicklungsdienst-Fahrer geübt in der Deeskalation, so dass das Ganze noch ohne Schaden abging.

Als besondere Geste notierte sich der Typ noch die Autonummer und fuhr dann wieder. Er selber und ein zweites, wohl zu ihm gehörendes Auto hatte selbstverständlich kein Nummernschild. Willkommen in Kabul!

20.-22. April

Reinhard Schlagintweit über seine Liebe zu Afghanistan, Fehler gegenüber den Taliban und den Einsatz deutscher Soldaten

Saghar Chopan im Gespräch mit Reinhard Schlagintweit. Bereits 1958 war er in Kabul an der Botschaft tätig: Ein Interview über sein Leben als Botschaftsangestellter und seine Reise als Vorsitzender von UNICEF nach Afghanistan kurz nach der Eroberung durch die Taliban. Weitere Themen sind die Sicherheitslage im Land und mögliche Fehler der Vergangenheit gegenüber dem Talibanregime. Zum Einsatz von deutschen Soldaten insbesondere im Süden hat Schlagintweit eine gespaltene Meinung: „... auf der einen Seite ... dürfen wir nicht sagen für diese schwierigen Aufgaben sind wir uns zu gut. Auf der anderen Seite an einer Aktion mitzuwirken, wo wir nicht die politischen Bedingungen selbst ... gestalten können ... ist zuviel verlangt.

Kabultag: Eine Schreinerei, in der Moschee und im Zoo

Am Donnerstag Morgen traf ich meine Leute dann an einer der Ausfallstraßen von Kabul. Ein Kleinbus und alle völlig gut drauf, laute Musik, einer, zwei mit Zigarette. Den Spaß mit dem Glimmstängel habe ich ihnen erst mal genommen und auch die laute Musik hat mich ziemlich nervös gemacht nach einer Weile. Ich dachte schon: Hoffentlich läuft mir dieser Ausflug nach Kabul nicht aus dem Ruder!

Aber dann wurde es sehr gut. In der Schreinerei, die ich besuchen wollte, wurden wir sehr freundlich und zuvorkommend empfangen. Ein Mitarbeiter wurde uns extra bereitgestellt, der auf alle Fragen bereitwillig Auskunft gab. Und meine Leute haben sehr viel gefragt, ich war total stolz. War wohl eine gute Idee gewesen, ihnen vorher einen Fragenkatalog zu geben und um Beantwortung zu bitten: Was wird gebaut, welche Maschinen, welche Preise, woher das Holz, was verdient ein Arbeiter?

Diese Schreinerei wird geleitet von einem recht jungen Afghanen, Qadir, der zuvor für die deutsche Welthungerhilfe gearbeitet hat und es irgendwann leid war, nur als Hilfsmafiosi zu arbeiten. „Solange wir nur ausländische Hilfe verteilen, kommen wir in diesem Land nie voran“, hatte er mir in einem Gespräch zuvor gesagt. Er selbst hat nie Schreiner gelernt, ist aber ein sehr guter Manager. Er hatte einige Unterstützungsgelder auftun können und eine richtig große, professionelle Schreinerei aufgebaut mit etwas 5o Arbeitern.

Nur zu seinen Arbeitern sei er nicht ganz so korrekt, wurde mir von anderer Seite gesagt.Die Möbel sind (fast) in europäischer Qualität und mit (fast) europäischen Preisen. Weil er aber viel für ausländische Hilfsorganisationen und deren Angehörigen arbeitet, kann er diese Preise auch durchsetzen.

In seiner Schreinerei gibt es eine kleine Polsterei, eine Korbflechterei, einen Raum, in dem Holzschnitzereien angefertigt werden, außerhalb einen überdachten Raum mit stationären Maschinen und einer sehr großen Bandsäge, mehrere Räume für die nach wie vor überwiegenden Handarbeiten, eine Drechselmaschine und einen großen Oberflächenraum (die Oberflächen sind allerdings nicht so toll, sondern kleben auch nach mehreren Monaten noch). Qadir hat sich sogar einen Holztrockenraum ausgedacht, der mit kleinen deutschen Anlagen gut mithalten kann. Von diesem Raum war ich wirklich begeistert.

In der folgenden Woche habe ich meine Lehrlinge abgefragt (nachdem ich sie in drei Gruppen untereinander das Gesehene habe durchsprechen lassen) und sie konnten mir noch einige Details nennen, die ich nicht mitbekommen habe. Unter anderem berichteten sie mir kichernd von einem Raum, in dem Frauen feine Malerarbeiten machten. Gebaut wurden Betten, Couchs, Tische, unter anderem ein Glastisch, ein Teetisch, ein Schreib- und ein Computertisch, sehr viele Stühle (unter anderem ein Schaukelstuhl), Schränke, aber auch viele kleinere Dinge, wie ein schöner Spiegel, Kleiderhaken, Bilderrahmen, ein Abfallkorb oder eine Flaggenstange.

Das Holz kommt überwiegend aus Russland oder den GUS-Ländern und ist etwas billiger als bei uns die Buche oder die Fichte, also für afghanische Verhältnisse sehr teuer. Ein kleinerer Teil kommt aus der afghanischen Provinz Kunar und aus Pakistan. In einer anderen Provinz, Nuristan, sei der Holzeinschlag verboten (was immer das dann bedeutet). Ein Arbeiter verdient 120,- Dollar pro Monat, was alle (bis auf Einnullah) ganz in Ordnung fanden.

Nazim, einer meiner Leute, bekam allerdings nicht so arg viel von all dem mit. Ihm ist irgendwie schwindlig geworden und ich habe ihn in den Bus gebracht, wo er ein wenig schlief. Sadat brachte ihm noch eine Cola.

Danach wollten alle zum Zoo und Sadat versuchte mir einzureden, dass der jetzt ganz prima auf dem Weg läge. Ich berief mich aber beharrlich auf den von den Lehrlingen selbst gemachten Plan und der lautete: Erst die Arbeit, dann der Zoo.

‚Die Arbeit’ war ein kleiner Einkaufsbummel. Ich wollte, dass sie alle die Plätze kennen lernen, wo in Kabul Schreinerwerkzeuge zu kaufen sind. Außerdem sollten sie Preise erfragen. Zusätzlich (das lag tatsächlich auf dem Weg) sind wir noch in den Möbelladen der Schreinerei von Qadir. Da haben sie dann einen Haufen Bilder gemacht, am Computertisch im Chefsessel und vor der afghanischen Fahne, gerne mit Sonnenbrille. Ich musste zum Ärger von einigen etwas bremsen, sonst hätten sie den einen Film völlig ohne Gruppenphotos verknipst.

Dann gab’s Essen, wobei die Hauptattraktion nicht das Essen, sondern der Fernseher mit sich erotisch bewegenden Sängern und Sängerinnen war. Nur Machmad, der Älteste, schaute demonstrativ nicht hin, sondern immer mal wieder entrüstet in meine Richtung. Ich habe dann auch kaum hingeschaut, es aber wahrscheinlich nicht so bedauert, wie er.

Wie immer nach dem Mittagessen wollten alle beten. Ich habe Einnullah gefragt, ob ich mitkommen dürfe und einmal mitbeten. Er fand das okay und so sind wir zu einer der großen Moscheen in Kabul. Allerdings sind wir draußen geblieben, auf dem umzäunten Gelände. Ich hatte eigentlich gehofft, hineingehen zu dürfen. Aber es war auch so spannend genug. Zuerst musste ich mich waschen. Dafür gab es (ich habe mal wieder nur Männer gesehen) als erstes unzählige kleine Kabinen, um die Genitalien zu waschen. Eine Schwingtür, etwa halbhoch, mann hockt sich hin, zwischen den Füssen eine tiefe, etwa 10 Zentimeter breite, geflieste Rinne, vor sich ein Wasserhahn. Deutlich zu riechen war, das diese Anlage auch als Pissoir genutzt wird. Ein guter Moslem, wurde mir gesagt, wäscht sich solcherart fünfmal am Tag. Und es herrschte tatsächlich ein ungeheuerer Antrag, aber so richtig sinnvoll kann ich das nicht finden. Richtig ungesund ist, dass etliche Frauen sich fünfmal täglich eine Scheidenspülung verpassen, um rein vor ihren Gott zu treten. Irgendeine Organisation versucht seit einiger Zeit, dem aufklärerisch entgegenzuwirken, zumal der Koran so was wirklich nicht vorschreibt.

Ohne Kabine werden dann die Füße, die Hände und das Gesicht gewaschen. Leider hatten Einnullah und ich keine Decke, auf der man eigentlich beten soll, aber es ging auch ohne. Ich habe mich neben Einnullah hingestellt und alles genau wie er gemacht. Zumindest habe ich das versucht, denn offensichtlich konnte man von außen gut erkennen, dass ich das nicht seit 40 Jahren mache. Und auch nicht in der Koranschule gelernt habe. Jedenfalls hatte ich bald in einer gewissen Entfernung einen wütenden Zuschauer. Ich habe ihn dann auch böse angeguckt, woraufhin er noch ein paar Meter zurückwich. Als er versuchte, andere auf mich aufmerksam zu machen, habe ich ihn auf Dari gefragt, ob es denn verboten wäre zu beten. Worauf er sich noch ein paar Meter entfernte. Hätte er weitere Anhänger für seine Wut gefunden, hätte ich mich ziemlich sofort entfernt, aber die allgemeine Stimmung war sehr freundlich. Besonders meine Lehrlinge waren begeistert. Ich habe mir gedacht, dass mein morgendliches Sonnengebet auch nicht so viel anders ist und dass ein praktizierender Moslem ziemlich beweglich bleibt.

Logar – in der Heimatprovinz von meinem Co-Teacher Einnullah

An meinem letzten Arbeits-Wochenende bin ich mit Übersetzer Sadat und meinem Co-Teacher Einnullah in die Heimatprovinz des Letzteren gefahren. Die Woche zuvor hatte mir Einnullah spontan abgesagt und ich war sehr enttäuscht gewesen. Als Grund hatte er angegeben, dass es in Logar gefährlich wäre. Ich habe das nicht recht geglaubt, sondern eher vermutet, dass er schlicht keine Lust dazu hatte, mich einzuladen, oder aber es in seinem Haus zu eng wäre. Ursprünglich wollte ich über eine Nacht dort bleiben und da er in dem Haus seines Schwiegervaters für sich und seine Frau nebst zweijähriger Tochter nur ein Zimmer zur Verfügung hat, kann das gut zu eng gewesen sein (in dem einen Zimmer natürlich, aber normal gibt’s in so einem Anwesen ja ein Gästezimmer).

Ich war richtig stinkig, weil ich mich sehr darauf gefreut hatte und habe ihm bei der nächsten Gelegenheit erzählt, dass ich nicht glaube, dass ich sein Freund sei, sonst hätte er mich nicht ausgeladen. Irgendwie haben wir dann ausgehandelt, dass ich ihn nur über Tag besuche. Er ist also nach der Arbeit am Donnerstag nach Logar und kam am Freitag früh wieder nach Kabul. Um acht Uhr hatte er uns zu der Werkstatt eines seiner Onkel bestellt, er kam so gegen neun. Etwa eine halbe Stunde später (nach etlichen kleineren Widrigkeiten, ich glaubte schon nicht mehr so recht daran, dass wir überhaupt fahren würden) ging’s dann auch schon los.

Wir haben uns in einen Kleinbus mit dazu gesetzt, hinter uns eine Familie mit kleinem, schreienden Kind und ein einzelner Mann, vor uns neben dem Fahrer noch ein dritter Mann. Und kaum, dass wir abfahren wollten, kam noch ein weiterer Mann absprachewidrig mit zu uns dreien in die zweite Sitzreihe. Das wurde ziemlich unbequem und mir schien die Fahrt endlos. Besonders die ersten zwanzig Minuten wollten nicht vorüber gehen. Und ich wusste ja: Eine Strecke dauert ungefähr zwei Stunden.

Aber die Landschaft wurde immer schöner. Wir konnten sie meist rechts neben uns liegen sehen, die recht gute, asphaltierte Straße zog sich ein wenig am Hang entlang. Eine echte Flussoasen-Landschaft mit ausgedehnten Bewässerungskulturen, auch hier wieder viele blühende Obstbäume. Eine Art blüht ganz lila, wie bei uns der Flieder von der Farbe her, die Blüten sind aber einzeln.

Und direkt neben den Feldern und vielen Bäumen dann karges Land, jetzt mit einem zarten grünen Überzug, der aber in den nächsten Monaten, zum Sommer hin, wieder verschwindet. Die Berge, die sich den ganzen Weg entlang rechts und links auftürmen, mal weiter weg, mal ganz eng zusammen, zum Teil noch mit ein wenig Schnee, aber alle kahl. Weit im Hintergrund hohe, ganz weiße Bergspitzen. Ein besonders hoher Berg zu unserer Linken ist Koh-e-safet, der weiße Berg, den ich auch von Hezarak aus immer sehen konnte.

Auf den Berghängen die Zelte der Kutschis mit zum Teil riesigen Schaf- und Ziegenherden. Einmal sahen wir sie auch mit Kamelen. Und überall Siedlungen, ich konnte nicht erkennen, wo ein Dorf aufhört und wo das nächste anfängt. Auch die Entscheidung, was ein größerer Ort ist (wie auf der Karte eingezeichnet), fand ich ziemlich willkürlich.

Gegen Ende der Fahrt verließen wir die gut ausgebaute Straße, die auch weiter zu den Unruheprovinzen Paktia und Paktika führt und bogen auf eine der inzwischen gutbekannten Lehmpisten ab. Dort standen ab und zu kleine Jungen, die mit Mühe ihre Schaufel halten konnten, neben einem Schlagloch. Wütend schrieen sie uns manchmal etwas nach, wenn wir sie nicht dafür bezahlen wollten, das sie doch offensichtlich die Straße reparierten.

Leider war unsere Absprache, dass ich meine Klappe halte und auch auf gar keinen Fall fotografiere, damit mich (inzwischen mit Afghanenkleid, Sandalen ohne Strümpfe, weißem Mullahkäppi, der Decke über der Schulter und –was mir schwer gefallen ist- ohne Rucksack) niemand als Ausländer erkennt.

So musste ich dann mit dem Bildermachen warten, bis wir aus dem Auto gelassen wurden (was ein Glück!) und unsere Glieder strecken konnten. Wir standen nun inmitten einer engen Allee, ringsum Felder und Baumreihen, vor uns, an einen Hügel mitten im Tal gebaut, eine Siedlung. Den engen Gassen folgend, kamen wir zu einem sehr verwinkelten Haus und durch eine kleine Holztür verschwand Einnullah. Wir mussten erst einmal draußen warten, bis drinnen alle unsere Wege ausreichend frauenfrei waren, dann durften wir eintreten, freundlich durch zwei 15-jährige erst mit Tee, später mit dem üblichen Reis, Fleisch, Joghurt und weißem Pudding bewirtet. Wir aßen zu fünft.

Einnullah’s kleine Tochter kam irgendwann heulend zu uns und ließ sich weder mit Murmeln, noch mit einer kleinen Taschenlampe von mir beeindrucken. Einnullah erklärte auf meine Nachfrage, dass sie geschlagen oder ausgeschimpft wurde, weil sie geschrieen hatte. Nach meiner Beobachtung ist es mit der viel gerühmten Kinderliebe der Afghanen nicht ganz so weit her. Besonders die Paschtunen sind sehr streng selbst zu den Kleinsten. Ich habe zwar manchmal auch in der Öffentlichkeit Mütter und Väter zärtlich zu ihren kleinen Kindern gesehen, aber eben auch öfter Schläge beobachtet.

Einmal bekam ich auf einer sehr großen Kreuzung von einem etwa zwölfjährigen Radfahrer den Weg abgeschnitten. Rechts neben mir ein Auto, er von schräg links kommend, blieb mir nichts anderes übrig, als anzuhalten. Obwohl die Kreuzung ansonsten fast leer war, standen wir nun dicht an dicht, er konnte wegen des Autos ja auch nicht weiter. Ich hebe in so Momenten gerne grinsend die Hände und frage: „Und, was hast Du jetzt vor?“ Der Junge hat aber mein Handheben sofort eindeutig interpretiert und duckte seinen Kopf. Wie selbstverständlich erwartete er eine Ohrfeige. Aber, wie bereits geschrieben, die Polizisten ohrfeigen auch Erwachsene, nicht nur Kinder.

Das Haus selbst bestand aus mehreren Etagen, an den Hang gebaut, zum Teil durch eine wunderschöne, gewundene Lehmtreppe miteinander verbunden. In ihrem Zimmer hatten sie mächtig herumgeräumt, um mir den üblichen, leeren Raum präsentieren zu können. In einem Drittel stapelten sich irgendwelche Dinge bis unter die Decke, mit Tüchern zugedeckt. Das Badezimmer bestand aus einem sehr dunklen Raum mit verschiedenen Abteilungen, die durch etwa zehn Zentimeter hohe Mäuerchen voneinander abgetrennt waren. Eine dieser Abteilungen war das berühmte Loch im Boden, das ich dann auch benutzte. Daneben lag in einer kleinen Kuhle ein Haufen loser Erde. Ich nehme an, die wird nach getaner Arbeit durch das Loch geworfen, gegen die Fliegen.

Nach dem Essen bedurfte es einiger Überzeugungsarbeit, bis ich das versprochene Sightseeing-Programm auch wirklich geboten bekommen habe. Ich kam mir zwar einerseits ziemlich schofel und unhöflich als Gast vor, auf der anderen Seite wusste ich aber auch, dass ich nach Logar wahrscheinlich nie mehr in meinem Leben kommen würde. Und mir ging es auch ein bisschen auf den Keks, immer wieder alles Erdenkliche versprochen zu bekommen, mit dem offensichtlich gutem Wissen, dass es doch nicht möglich ist. Viele Argumente jedenfalls, die ich zu hören bekam, wusste Einnullah schon vorher.

Als erstes war auf dem Programm, Einnullahs zukünftiges Haus zu bewundern. Gegen meinen Willen sind wir mit einem Taxi dort hingefahren. Das Argument war, wir müssten sowieso das letzte Stück zu Fuß gehen (etwa 300 Meter). Wir gingen an einem tiefen, sehr großen Loch vorbei, wohl ein Bewässerungsbrunnen mit irgendeiner Wasserhebevorrichtung. Leider habe ich nicht ganz verstehen können, wie das funktionierte und Sadat war mal wieder mit seiner Verdauung beschäftigt und unwillig zu übersetzen. Im Augenblick – durch den vielen Regen der letzten Wochen – floss aber sowieso genügend Wasser über die normalen Bewässerungskanäle.

Wir kamen dann in eine Folge enger Gassen, die zwischen hohen Mauern hindurch gingen (aber auch hier etwas freier und luftiger, als die Paschtunen- Siedlungen), bis wir wieder vor einem sehr niedrigen Holztor standen. Durch eine Reihe von tunnelartigen Gängen (wir mussten uns zum Teil bücken) ging es zu einer größeren Freifläche, die von offensichtlich kriegsbeschädigten Bauten umgeben war. “Hier will ich mein Haus bauen”, sagte Einnullah. Zu sehen war noch gar nichts. Ich bin mir immer noch unsicher, ob ich ihm das alles so recht abnehmen soll. Immerhin ist es ihm ein wichtiges Anliegen, mir klar zu machen, wie arm er ist, weil er sich über mich Unterstützung von ZIM erhofft. Hauptsächlich hat mich irritiert, dass sein Haus hinter einer solch langen Flucht von anderen Bauten in einen kleinen Winkel eingebaut werden sollte. Kein richtiger Garten, das Ganze ziemlich bedrückend und eng. Und das, obwohl das Gebiet ringsum eigentlich weiträumig und offen ist, wir waren schließlich nicht in Kabul.

Auf dem Rückweg durch den Tunnel kamen wir an zwei wunderschönen, geschnitzten Türen vorbei. “Die hat mein Schwager selbst gemacht”, erklärte Einnullah: “der ist auch Schreiner, wie die meisten meiner Familie.” Kaum wieder draußen wurden wir von weiteren Verwandten in den nächsten Hof zum Tee gebeten. Auch hier wieder erstaunliche Bauten hinter den nicht ganz so gepflegten und nicht so hohen Mauern, zum Teil mehrstöckig (die Bauten).

Dort kamen Männer jeglichen Alters zusammen, um mit mir Tee zu trinken. Ich glaubte schon die Großvater-Generation zu bewundern, wurde aber eines Besseren belehrt. Die alten Männer mit ihren langen Bärten standen ehrfürchtig auf, als ein Greis den Raum betrat, mit Stock und nur noch nuschelnd. Dessen Alter war nun wirklich nicht mehr einzuschätzen.

Obwohl es durch den Tee schon spät geworden war, bestand ich auf den versprochenen Spaziergang, zumindest einmal wollte ich einen der Hänge hinauf, um einen Blick über das Tal zu bekommen. Sie hatten schon das Taxi bestellt für den Rückweg und nun wollten sie einfach wieder zurück. Mit Geld und Geduld konnte ich dann auch den Taxifahrer davon überzeugen, wie wichtig mir das wäre, etwas zu Fuß zu laufen.

Unterhalb eines Aussicht versprechenden Berges und nach meiner eindringlichen Nachfrage, ob er auch wirklich sicher Minenfrei sei, hielt das Taxi an. Sadat meinte, es sei nicht gut, mit vielen Leuten auf den Berg zu gehen, weil dann die Miliz argwöhnisch werden würde. Einnullah aber kam mit und dann noch ein Junge, wohl der Bruder des Taxifahrers (seine niedliche, zweijährige Schwester war übrigens auch mit im Taxi).

Ich bin sofort voller Begeisterung den Hang hochgestürmt, kam aber bald nicht weiter, weil einer der vielen Bewässerungsgräben (inzwischen bestimmt 20 Meter oberhalb des Flusses) mir den Weg versperrte. Nach dem fast erfolgreichen Versuch, ihn einfach zu überspringen, wollte mich Einnullah schon überreden, wieder umzukehren. Ich sei schließlich ganz nass und oberhalb sei ein weiterer Graben, noch tiefer und breiter.

Das stimmte auch, aber erstens schien die Sonne und zweitens gab es weiter links ein Gehöft, das hinter den Gräben lag. Also musste es eine Brücke geben. Als wir diese überquerten, wurden wir neugierig beobachtet.

Mir wurde wieder bewusst, wie neu auch in Deutschland die Idee ist, Landschaft nicht nur nutzen, sondern betrachten zu wollen. Soweit ich weiß, fingen bei uns die Leute erst im Zuge der Romantik an, wandern zu gehen. Und Berge zu besteigen, ohne Vieh weiden lassen zu wollen, gab es vor 1800 so gut wie nicht.

Ich erinnere mich, noch während meiner Lehrzeit auf dem Land mit meinem Ansinnen, spazieren gehen zu wollen, auf völliges Unverständnis gestoßen zu sein. Und nicht etwa, weil jemand gehfaul war (wie Sadat), sondern weil meine damalige Freundin sich einfach nichts darunter vorstellen konnte. Sie führte mich in den großen Gemüsegarten hinter ihrem Haus und schaute mich dann ratlos an: „Und jetzt?“

Oben auf dem Berg angekommen, war es wunderschön. Selbst Einnullah, der eigentlich nur seinen Gast nicht alleine lassen durfte, war erstaunt und begeistert, seine Heimat von oben zu betrachten. Deutlich konnten wir die Flussoase als dichtes, grünes Band mit vielen Häusern sich durch das Braun der Landschaft ziehen sehen. Mitten drin der sich spiegelnde Fluss und zu den Seiten die zum Teil schneebedeckten Berge. Dann war es Zeit, wieder nach Kabul zu fahren. Ich rannte den Berg hinunter, es machte richtig Spaß. Dann mussten wir aber wieder einen Übergang über die beiden Kanäle finden, wir waren nicht denselben Weg zurückgelaufen. In der Nähe eines Hofes gebot mir Einnullah, nicht mehr zu rennen. Das würde auf uns aufmerksam machen, weil in Afghanistan niemand rennt würde.

Ich habe tatsächlich noch keinen Afghanen rennen sehen. Mit den Badelatschen, die die Afghanen oft tragen, kann man auch nicht rennen. In der Nähe von Einnullahs Haus mussten wir das Taxi wechseln. Einnullah bestand darauf, auf meinen Pullover aufzupassen und verschlampte ihn dann. Er versprach mir, ihn wieder beizubringen, vergaß ihn aber bei der nächsten Begegnung.

Vielleicht spekuliert er darauf, ihn auch geschenkt zu bekommen (ich hatte ihm schon mal einen geschenkt), ich weiß es nicht. Der neue Taxifahrer wollte möglichst schnell nach Kabul, weil er in Logar wohnte und wieder zurück wollte, am gleichen Tag.

Nach wieder mal einiger Überzeugungsarbeit an allen Beteiligten gelang es mir, in der nächsten ‚Stadt’ einen Taxifahrer zu finden, der mir zusicherte, genügend Zeit zu haben, dass ich immer wieder anhalten könne um Bilder zu machen. Das war richtig toll, ich habe einige sehr schöne Bilder machen können.

Sadat und ich hatten auch richtig viel Platz in dem Taxi nur für uns, ein ganz anderes Fahren, als auf dem Hinweg. War natürlich auch teurer: Anstelle vorher umgerechnet 1 Euro pro Kopf für die zweistündige Fahrt zahlte ich jetzt 6 Euro für das ganze Taxi. Einnullah war in der Kreisstadt geblieben und wollte abends wieder zu seinem Haus zurück.

Sadat wollte unbedingt vorne sitzen und redete in einer Tour auf den Fahrer ein. Nach etwa einer Stunde wirklich unentwegten Redens (der Fahrer hörte fast nur zu), machte ich eine Bemerkung dazu, weil es mich langsam aufregte. Sadat erklärte mir daraufhin, sie hätten einiges klären können, der Fahrer habe zu der gleichen ‚Society’ gehört wie er. Mir war sofort klar, zu welcher: Beide gehörten früher dem fundamentalistischen Hektmatyar an, der in der Zeit nach der Vertreibung der Russen unter anderem gegen Massoud kämpfte und dabei das bis dahin kaum zerstörte Kabul in Schutt und Asche legte.

Sobald Hektmatyar wieder zu mehr fähig ist, als zu albernen Kleinattacken gegen die Amerikaner wie jetzt, wird Sadat mit Begeisterung mitkämpfen. Waffen haben wir alle noch, meinte er stolz.

In der einbrechenden Dämmerung erreichten wir den letzten Checkpoint vor Kabul. Zu meinem großen Ärger hielten Milizionäre das Auto an und erklärten, dass sie mitfahren wollten nach Kabul. Einer stieg erst auf der einen Seite ein und zweie schickten sich an, auf der anderen Seite einzusteigen. Ich habe fluchtartig das Auto verlassen, zwischen diesen beleibten Herren wollte ich mich auf keinen Fall einzwängen lassen. Sie fanden dann auch ganz normal, dass ich mich vorne zu Sadat quetschte.

Sadat, offenbar in Angst, es könne auf die letzten Meter jetzt noch Schwierigkeiten geben, gebot mir, bloß die Klappe zu halten. Die werden sonst misstrauisch und wollen wissen, woher Du kommst, was Du in Logar gemacht hast und so weiter, meinte er. Ich war so sauer, dass ich mich nur mit Mühe beherrschen konnte. Und in Kabul angekommen, wo ich mich sicher fühlte, redete ich auch trotz des Verbotes von Sadat. Die dreie hinter uns hat es aber nicht im Mindesten interessiert.

Im Süden von Kabul ließ uns der Taxifahrer raus, ich verabschiedete mich von Sadat, aß noch eine Portion Pommes und suchte mir dann ein Taxi nach Taimani.

4.April

Mit meiner Kollegin ohne Schleier in Karam

Letzte Woche war noch mal richtig was los. Erst kam mich am Mittwoch Abend Bettina , meine Kollegin, abholen. Ich habe die Gelegenheit genutzt, sie zu fragen, ob sie mit mir vielleicht noch mal nach Karam fahren möchte. Weil ich das doch gerne fotografieren wollte. Sie hatte Lust und Zeit dazu und so sind wir bis zu dem Ort gefahren und anschließend noch zu Gulsars Gehöft gelaufen (die Straße geht nur bis zur Ortsmitte, danach gibt es nur den Weg für Fußgänger und Maulesel).

Es war wieder richtig schön, besonders weil die Obstblüte unmittelbar bevorsteht und es an vielen Stellen schon richtig grün geworden ist. Auch einige Blumen habe ich gesehen, den Huflattich habe ich erkannt.  Als wir losfuhren, habe ich Bettina vorsichtig wegen einem Kopftuch gefragt. Sadat meinte, das sei nicht nötig. ‚We have now democracy’ sagte er empört, aber auch ein wenig spöttisch. Mir war es dann sehr peinlich, Bettina darauf angesprochen zu haben.

Und tatsächlich, die Leute haben zwar geguckt, aber ein Problem war es zu keinem Zeitpunkt. Nur eine Reihe von Mädchen, die auf dem Feld arbeiteten, fingen fürchterlich an zu kichern. Bettina meinte: ‚Davon werden sie wohl noch ein Leben lang erzählen.’ Und ich setzte lachend hinzu: ‚Ja, ‚a nacked women’.’ Ich dachte mir dann, da hätte Svenja auch nicht die ganze Zeit auf dem Hof ein Kopftuch tragen müssen.

Die Schomali-Ebene nördlich von Kabul

An einem Wochenende fuhren Benjamin und ich in die Schomali-Ebene nördlich von Kabul. Ich hatte immer mal wieder davon gelesen und wollte sie einfach gerne sehen. Sie soll sehr fruchtbar gewesen sein, voller Weinberge auch. Sie war aber immer wieder ein wichtiges Kriegsgebiet gewesen, zuletzt zwischen den Taliban und den die Nordallianz dominierenden Panjiris. Das Panjirtal grenzt im Norden direkt an die Schomali- Ebene. Die Taliban verfolgten eine Weile eine Politik der Vertreibung und etliche Schomali-Dörfer wurden in die Provinz um Jallalabad zwangsumgesiedelt. Außerdem haben sie viele Weinberge zerstört, weil sie dem Laster und der Gottesferne dienen. Mir ist die Schomali- Ebene die ganze Zeit nur ein Begriff gewesen, unerreichbar fern.

Mit dem Taxi eines Nachbarn und dessen 17-jährigen Sohn als Fahrer (der Nachbar hatte gefragt, ob ich nicht lieber selber fahren wollte, sein Sohn würde immer so schnell fahren), ging’s los. Und ich war erstaunt, wie schnell wir diese Ebene erreichten. Im Grunde mussten wir nur über einen der Hügel. Oben gab es eine Kaserne mit wirklich der riesigsten Massoud-Stellwand (dem ermordeten Kriegsfürsten der Panjiris), die ich bisher gesehen habe. Und das will was heißen, ist sein Konterfei doch überall präsent in der Stadt.

Die Amerikaner wollten eigentlich nicht, dass die Nordallianz die Stadt Kabul einnimmt, aber das hätten sie nur mit einem Krieg gegen ihre Verbündeten verhindern können. Nachdem die Taliban einmal aus Schomali vertrieben waren, brauchten die Massoud-Krieger schließlich nur noch übern Berg. Nun sitzen sie in Kabul in allen wichtigen, bzw. lukrativen Positionen, empfinden sich als Befreier oder als Besatzer und benehmen sich auch so. Das sind ja zum Teil Leute, die zwanzig Jahre nichts anderes als gekämpft und getötet haben. So einer ist dann jetzt Bürgermeister von Kabul zum Beispiel. Für den ist Kabul nur die Beute, die es auszunehmen gilt.

Aber dann lag sie endlich zu unseren Füssen, die blühende Landschaft. Grün, endlich wieder grün! Und blühende Obstbäume! Und wilde Tulpen! Die Felder waren voll davon und Kinder standen am Straßenrand, um sie zu verkaufen. Ich habe auch noch sehr viele Weinberge gesehen, wobei es natürlich keine Berge sind, sondern der Wein wird in der Ebene angebaut. Viel Kriegsschrott (beeindruckend ist so ein Schlachtfeld mit mehreren ausgebrannten Panzern und anderen Fahrzeugen schon) konnten wir auch sehen, viele Zerstörungen, Ruinen und Mienenfelder.

Aber im Grunde ist die ganze Ebene besiedelt. Überall diese Wehrburgen, aber auch kleinräumigere Siedlungen. Ein Deutscher, in dessen Werkstatt ich meine Bienenkästen habe bauen lassen, erklärte mir später, dass die Paschtunen vorzugsweise diese Festungen bauen und auch nicht unbedingt im Dorfverbund. In einem solchem Hof wohnen manchmal schon über fünfzig Menschen.

Und die Tadjiken (meine Schreibweise ist keine offizielle!) bauen eher im Dorfverbund und brauchen nicht so dringend diese hohen Mauern um ihre Anwesen. Das war mir auch in Karam aufgefallen, in Hezarak. Karam war ein sehr großes Dorf und irgendwie anders als die Dörfer sonst in Hezarak. Bis mir auffiel, dass unter anderem die hohen Mauern fehlten. Auch mein Lehrling Shirshah (übersetzt: der König der Löwen) wohnte in einem Haus ohne Mauer drum herum.

Karam ist ein Tadjiken-Dorf. In einem Paschtunen- Dorf hatte mir Mir Shah von NGE Häuser gezeigt, die sie fertig gebaut hatten, in die die Leute aber nicht einziehen wollten, weil die Mauer noch fehlte. Paschtunen bauen erst die Mauer, dann das Haus.

Mitten durch diese Ebene geht die autobahnbreite Straße, richtig mit Grünstreifen in der Mitte. Die haben die Taliban gebaut, eine echte Hitlerautobahn, aus militärischen Gründen halt. Manchmal ist sie direkt am Straßenrand vermint.

Wir haben bald Rast gemacht, in einem Restaurant zu Mittag gegessen. Das war so ein Drive-in, neu gebaut, aber nett gemacht. Und das Essen in dem großen Raum war auch gut. Leider gab es nicht mal die Andeutung einer Toilette. Warum auch, drumherum ist schließlich genug Landschaft. Wir saßen auf einem der Holzpodeste, die es –neben der Bestuhlung- oft in den Restaurants gib. Ich mag das sehr gerne, im Schneidersitz zu essen. Wir hatten natürlich bald zwei, drei interessierte Zuhörer und bekamen auch den Rat, nicht in die Berge zu fahren. Ansonsten war das große Restaurant fast leer.

Direkt neben dem Restaurant gab es einen kleinen Bach, der unter einer Steinbrücke unter der Straße entlang floss. Ihm entlang konnte ich unter grünen Bäumen in der Ferne Kinder auf einer Wiese zwischen ihren Häusern spielen sehen, ein richtig schönes Frühlingsbild.

Später konnten wir von Weitem Baghrami sehen, den großen Militärflughafen der Amerikaner, auf dem sie ihr zentrales Gefangenenlager in Afghanistan eingerichtet haben und –nach vielen übereinstimmenden Berichten- auch foltern. Wahrscheinlich in Gottes Auftrag. Je weiter wir nach Norden fuhren, desto unruhiger wurde unser Fahrer. Nach eigenen Angaben hat er Kabul noch nie verlassen, aber ich kann das nicht glauben. Vielleicht war er in diesem Jahr noch nicht außerhalb von Kabul. Jedenfalls ist für ihn, wie für jeden echten Kabuler, alles außerhalb Kabuls gefährlich.

Als Benjamin irgendwo mit seiner großen Kamera Bilder machte und auch ins Gespräch kam mit einer Volleyballmannschaft, kam er hinterher gelaufen und bat ihn wieder ins Auto: “Die haben alle Pistolen unter ihren Schawls (den großen Decken, die sie oft tragen)!”

Für mich war es sehr beeindruckend, an den Tälern vorbeizufahren, wo es nach Bamyian abgeht, dem Hazarajat also, wo die großen Buddhastatuen standen, oder dem Tal, wo es nach Salang geht, dem Hindukushpass nach Mazar-i-Sharif. Dem Pass also, den alle der vielzähligen Eroberer überwinden mussten, Alexander der Grosse zum Beispiel.

Leider wurde es dann zu spät, die Straße war auch nach der letzten Flussüberquerung (eine beeindruckend gesprengte Brücke und wir fuhren weit hinunter auf eine Ponton-Brücke) immer schlechter geworden und wir kamen kaum noch voran. Auch waren wir schon am nördlichen Rand der Ebene und es ging in die angrenzenden Hügel hinein.

Ich wäre so gerne noch bis zum Panjirtal gefahren, hätte Gulbahar gerne gesehen, wo die große Textilfabrik gestanden hatte, vor 25 Jahren der Einsatzort vieler Entwicklungsdienst-Kollegen. Aber unserem Fahrer stand allmählich die Angst im Gesicht geschrieben und wir wollten auch vor sechs wieder in Kabul sein. Auf dem Nachhause-Weg mussten wir ihn allerdings bremsen, sonst hätte er uns mit überhöhter Geschwindigkeit noch in den Straßengraben befördert. Auf einem malerischen Bazar, direkt neben dem Salangfluss, zum Teil ging’s mit kleinen Stahlbrücken über das tief eingeschnittene Tal, habe ich mir mit viel Handeln noch einen dieser Shawels gekauft, die über die Schulter getragen werden, aber auch als Sitzkissen oder Aufbewahrungsbeutel gut geeignet sind.

Ich fand diesen Ausflug super toll. Vor allem auch die Flüsse mit dem vielen Wasser haben mich sehr beeindruckt. Inzwischen hat der Kabulfluss auch recht ansehnlich Wasser, genug jedenfalls um den sogenannten ‚Titanic-Markt’, der im Flussbett war, zu vertreiben. Aber ein paar Monate lang habe ich kaum ein paar Liter Wasser auf einen Haufen gesehen.

28.März

Leben in Kabul: Auto fahren, Taxis, Einladungen zum Tee und die Faszination von Bildern

Inzwischen bin ich äußerlich so assimiliert, dass mich letzte Woche ein Junge ganz selbstverständlich auf Dari ansprach, ob er auf meinem Fahrradgepäckträger mit bis zur nächsten Straßenkreuzung fahren könne. War ich stolz. Überall in Kabul gibt es quer über die Straßen Bodenwellen, manchmal aus Panzerketten, meist aus Erde oder auch kleine Gräben, an denen die Autos langsam fahren müssen. Ganz oft sitzen dort BettlerInnen, die auf Almosen warten, manchmal liegen sie auch mitten auf der Straße, die Burka tragenden Frauen manchmal mit Kindern auf dem Arm in Auspuffhöhe oder die Kinder mit dem Kopf zur Fahrbahn vor sich liegend. Manchmal sehe ich auch Kinder am Steuer der Autos, neun, zehn Jahre alt.

Generell wird sehr regellos gefahren, aber bis auf die Geheimdienstautos oder manchmal sehr elegante, neue Wagen mit jungen Männern als Fahrer und Beifahrer, fahren alle nach meiner Beobachtung viel weniger aggressiv als in Deutschland (ich muss aber dazu sagen, dass einige Kollegen diese Einschätzung nicht teilen).

Alle rechnen mit Regelverstößen und bremsen, anstatt Gas zu geben, wenn ihnen jemand gerade die Vorfahrt nehmen will. Für mein Fahrradfahren ist das sehr angenehm zu spüren. Nur an das ewige Gehupe musste ich mich sehr gewöhnen. Es ist halt kein Zeichen der Empörung, wie bei uns, sondern nur: ‘Achtung, ich überhole dich jetzt’ oder auch: ’Pass auf, ich will abbiegen.’ Inzwischen bin ich dankbar für das Hupen, weil es eben auch bedeutet: ‚Vorsicht’ oder: ‘Ich habe dich gesehen.’

Auf den Straßen liegen viele Teppiche, immer wieder. Mir wurde erzählt, die lägen dort, um aus neuen, billigeren Teppichen, Ältere zu machen. Ich kann’s immer noch nicht so richtig glauben.

Von etwa 100 Leuten auf den Straßen in Kabul (in Hezarak sehe ich bis auf ganz seltene Ausnahmen nur Männer) sind etwa 70 Männer, darunter 5 Soldaten/ Polizisten, 25 Kinder, darunter unter 10 Mädchen, und 5 Frauen, etwa drei mit Burka.

Immer wieder habe ich natürlich mit Taxifahrern zu tun. Viele lehnen erst mal ab, dass ich überhaupt bezahle, meist als Höflichkeitsfloskel (die ich als Geste trotzdem nett finde) und manchmal auch hartnäckig, im Ernst. Ich habe mich bisher immer durchgesetzt, weil sie ja wirklich für mich gearbeitet haben, aber schade fand ich’s manchmal schon, so ein Geschenk nicht anzunehmen.

Ein paar der Taxifahrer versuchen einen auszunehmen und immer wieder ärgere ich mich richtig darüber. Komisch, dass mich das so ärgert. Wahrscheinlich wieder die alte Leier, dass ich einfach der tolle Almosenbringer sein will und nicht undankbare Leute um mich haben. Ein anderes Mal habe ich mich mit einem Taxifahrer eine ganze Weile über den Preis gezankt und das ist mir heute noch peinlich. Ich hatte mich gewundert, dass er so viel Geld wollte, weil er eigentlich ein ganz Netter war. Ich hatte mehrere Ziele nach einander mit ihm angefahren. Er gab dann auch nach und später merkte ich, dass ich mich schlicht verrechnet hatte.

Eine Fahrt kostet so zwischen 30-60 Afghani, je nach Fahrer, ein bisschen auch je nach Länge. Ich bezahle eigentlich starrköpfig immer nur 50 Afghani, frage auch inzwischen manchmal vorher gar nicht erst nach dem Preis, sondern bezahle am Ende der Fahrt einfach meinen einen Euro. Das gefällt mir schon alleine deshalb, weil die Netten sich dann freuen und die Gierhälse sich ärgern. Wenn ich mehrere Sachen zu erledigen habe, ist es oft besser, jedes Mal ein neues Taxi anzuhalten, weil die Fahrer sich auch das Warten bezahlen lassen. Schwerer fällt es mir, mit den 1 Afghani teuren Bussen zu fahren, weil ich so schlecht herausbekomme, wohin sie denn eigentlich fahren.

Oft werde ich nach einem Job gefragt, oder ob der Sohn bei mir in die Ausbildung gehen könne. Oder ich soll sie mit nach Deutschland nehmen. Ganz oft werde ich auch zu einem Tee eingeladen, viel als Floskel, manchmal im Ernst. Ich erkenne es daran, was passiert, wenn ich ”Dankeschön” als Antwort sage. Meist ist es dann okay, manchmal beharrt jemand auf seiner Einladung. Ich glaube aber, ich würde immer einen Tee bekommen, wenn ich wollte, auch auf eine eigentlich nicht ernst gemeinte Einladung. Ich habe auch schon den ganzen Monatslohn einer Person hingehalten bekommen: ‘Brauchst du?’ –auch so eine Sitte gegenüber guten Freunden (und ich glaube, hauptsächlich gegenüber jenen guten Freunden, von denen man erwartet, dass sie ‚Nein’ sagen).

Astrid erzählte, dass sie schon häufig von Männern gefragt wurde, ob sie nicht heiraten wolle. Und nicht als Spaß.

Schwierigkeiten habe ich mir selbst eingebrockt, als ich ein paar Bilder von den Kindern aus der Nachbarschaft gemacht habe, Papierbilder diesmal, und sie dann anschließend an die Kinder verteilt. Das sprach sich sehr schnell herum. Und zog immer weitere Kreise. Ich war dann doch bald überfordert. Und sie teilen diese Bilder auch nicht. Wenn drei Leute auf einem Bild sind, dann wollen sie alle drei dieses Bild und ich habe mit Sicherheit danach zwei Leute, die richtig sauer auf mich sind. Wenn ich drei Bilder von den gleichen Leuten gemacht habe, sackt alle drei der erste ein, der sie in die Hände bekommt.

Selbst die Ingenieure, die: ”lass mich doch mal alle Bilder angucken” sagten, waren schwer zu bewegen, Bilder wieder herauszurücken, auf denen auch sie zu sehen waren. Ich habe später dann die Bilder schon vorsortiert und keiner konnte alle Bilder sehen. Wenn aber einmal die Besitzverhältnisse klar waren, dann konnten sie untereinander –manchmal- sich ihre Bilder zeigen. Insgesamt war es aber erstaunlich schwer mit meinen Bildern und hat eher Unfreude gebracht.

19.März

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