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Der Kampf um die Sägespäne auf dem Schreinerhof in Hezarak

Meinen Container dämme ich im unteren Bereich einfach mit Sägespänen. Das ist nicht ganz so toll, aber besser als Luft, die frei zirkulieren kann. Ich habe mehrere Leute gefragt, welche ich dafür nehmen kann. Sie haben mir etwas gezeigt, aber zwei Tage später kam einer von NGE und meinte, das hätte er sich extra für sich bereitgestellt. Ich habe mich entschuldigt, gesagt, wie viele Säcke ich genommen hatte und angeboten, zu bezahlen (ich dachte erst, er gehöre zu der zweiten Schreinergruppe). Er wollte natürlich kein Geld, erklärte mir aber, dass ich grundsätzlich Said Machmat oder seinen Stellvertreter Mir Shah (auch ein ganz netter Ingenieur, ungefähr in meinem Alter) fragen soll. Gut, das habe ich getan und er zeigte mir die Späne, die sowohl bei den Maschinen, als auch bei den Werkbänken lagen. Die Gruppe bei den Maschinen wollte unbedingt, dass ich ihre Späne nehme, aber die waren feucht unter freiem Himmel. Ich habe mich also für die Späne von den Werkbänken entschieden, zumal die auch größer und besser waren. Wenig später waren dann auch schon die Leute dabei, diese Späne in Säcke zu füllen. Ich wollte helfen, durfte aber nicht.

Zuschauer und Zugucker bei der Arbeit in Afghanistan

Und dann sind da noch all die Leute, die mich fragen, ob sie für mich arbeiten können. Jeden Tag etwa zwei, drei Leute, junge, alte. Inzwischen habe ich meine drei Jungs soweit, dass sie für mich erklären, dass nicht ich, sondern Said Machmat entscheidet.

Sie überwachen auch ganz eifersüchtig, was ich sage. Einmal habe ich versucht, selber einem älteren Herrn zu sagen, dass ich sehr gerne mit ihm arbeiten würde, nur leider Said Machmat das entscheidet. Das fand Sher Sar nicht so gut, weil ich kurz zuvor auch ihm gesagt habe, dass ich gerne mit ihm arbeite. Alisardar, ein anderer der drei, versteht leider nur sehr wenig Dari, musste ich feststellen. Die Menschen hier sind ja Paschtunen, die zu Hause nur Pashtu sprechen. Das erschwert meine Verständigung natürlich noch mal. Alisardar ist ein ganz Vorsichtiger, eher Schüchterner, der sich immer bedankt und richtig freut, wenn ich ihm etwas erkläre.

Meine drei Schreinerlehrlinge in Hezarak

Die ersten zwei Tage sind sie mir ausgebüchst, wo sie nur konnten. Ich habe dann vor ihren Augen die Stunden aufgeschrieben, die sie tatsächlich gearbeitet haben. Das waren zum Teil nur zwei Stunden. Ich habe sie gefragt: "Und, wie lange hast Du heute gearbeitet?" Die Antwort war im Brustton der Überzeugung: "Acht Stunden." Vielleicht hat das gewirkt. Inzwischen arbeiten sie bis zu sieben Stunden am Tag mit mir und das recht gut. Obwohl sie zwischen18 und 20 sind (und das ist für afghanische Verhältnisse recht alt als Lehrling) ist es wirklich ziemliches Basiswissen, was ich ihnen beibringe. Vor allem geht es viel um konzentriertes Arbeiten. Wenn ich nicht alle 5 Minuten (und das meine ich auch so: alle 5 Minuten) gucke, gehen sie entweder ganz weg oder lassen in ihrer Tatkraft erheblich nach. Auch gelingt es ihnen fast nie, auch nur zwei Sachen hintereinander auszuführen, die ich ihnen sage. Nach der ersten Sache fragen sie mich wieder, was sie tun sollen.

Einer ist ein Stolzer, Aufmüpfiger, der gerne Streit anfängt (Sher Sar). Am zweiten Tag habe ich ihn gebeten, eine Latte wieder abzumachen und eine mit der richtigen Größe zu nehmen. Daraufhin musste er irgendetwas zu Hause noch machen und ist den ganzen Tag nicht wiedergekommen. Was mich nicht so dolle irritiert: Sie sind meist derart langsam, reden gerne und wollen meine intensive Aufmerksamkeit, dass ich alleine, ohne alle drei, abends schneller bin, als mit ihnen zusammen. Trotzdem macht es Spaß und ich glaube, inzwischen sind sie sowohl von meinen fachlichen wie auch von meinen menschlichen Fähigkeiten so angetan, dass ich mit ihnen Pferde stehlen könnte. Vielleicht.

Die Hierachie auf dem Hof in Hezarak

Die Gruppe, die hier auf dem Hof ist, ist sehr hierarchisch geschichtet. Da sind die Ingenieure und Ärzte, wobei die Ärzte (außer dem Zahnarzt Safiulah) und ein, zwei Arzthelfer (oder was auch immer) nachts nicht hier bleiben. Darunter dann die beiden Köche, der Fahrer, der Hausmeister und Einige, deren Funktion ich nicht weiß (die Wächter). Ganz unten stehen die Schreiner, die hier auf dem Hof arbeiten und nachts nach Hause gehen. Und dann gibt es noch eine Unmenge Volk, die es nicht geschafft haben, irgendwie von der holländischen Entwicklungshilfeorganisation Geld zu bekommen für irgendeine Arbeit, aber trotzdem tagsüber hier auf dem Gelände herumlaufen (wenn sie es schaffen, hereinzukommen) oder aber auch stundenlang draußen vor dem Tor auf dem Hügel sitzen und in den Hof gucken.

Ich gehöre zu den Ingenieuren, was aber Said Machmat offenbar nicht so gut findet, vielleicht weil ich eigentlich nur ein Schreiner bin und niemand Gebildetes und es nur die Ungerechtigkeit der Welt ist, dass er nicht viel höher als ich steht, nicht mehr Geld bekommt. Das war auch seine Frage am ersten Abend: wie viel Geld ich in Deutschland verdiene und wie viel ein Ingenieur in Deutschland verdient?

Leben und arbeiten in Hezarak: Meine ersten Eindrücke

Morgens kann ich mir immer noch nicht vorstellen, wie ich dort in der Nähe von Mundul (so heißt das nächste Dorf) leben soll. Ich weiß nicht wie und was ich essen werde, mit wem ich zu tun haben werde, ob und wer mir beim Ausbau des Containers helfen wird, mit wem ich in einem Raum schlafen werde. Ganz zufrieden bin ich, weil mir tags zuvor gelungen ist, trotz erheblicher Schwierigkeiten alles an Material zu besorgen, das ich brauche (zumindest, was mir eingefallen ist).

Wieder muss ich eine Weile bei der niederländischen Organisation, die in dem Distrikt Hezarak arbeitet warten, bis es endlich losgeht. Schon auf dieser ersten Fahrt bin ich der einzige Europäer, weil Arnold (vom Entwicklungsdienst) etwas krank ist und nicht mit kommen kann. Wieder unterwegs durch diese unglaublich herbe, beeindruckende Landschaft. Noch unten im Tal glitzern die Felder in der Morgensonne. Sie sind tatsächlich voller Glassplitter, als ich genau hinsehe. Mit mir im Auto fährt, wie bei der zweiten Fahrt nach Hezarak, der Architekt Said Machmat, dem ich eine Menge Fragen stellen kann und der sich für meine persönlichen Probleme zuständig erklärt.

Die Bezahlung der Afghanen, die mir helfen sollen, ist offenbar noch sehr vage abgesprochen. Für Said Machmat allerdings kein Problem: es gibt genug Leute hier, sollen sie halt wieder gehen. Später beim Ausbauen werden mich auch die drei jungen Kerle fragen, von wem sie denn Geld bekommen werden und ich fühle mich komisch, weil sie ja mir helfen und ich nicht sagen kann, was sie bekommen. Als ich ihnen aber sage, dass Said Machmat dafür zuständig ist, fragen sie nicht mehr nach, sondern arbeiten fleißig mit.

Der Schreinerhof in Hezarak und spärliche Wohnmöglichkeiten

Angekommen in dem Schreinerhof schaue ich mir meine Wohnmöglichkeiten genauer an: ‚Mein’ Raum ist ca. 3x4 Meter groß, es gibt noch drei andere Wohnräume dort. Die beiden geplanten Klassenräume sind nicht gebaut, auch nicht angefangen; die Schwierigkeiten mit dem Vermieter bestehen angeblich nach wie vor. Es gibt eine Küche in einer Ecke des Hofes, etwa 2,5 mal 2,5 Meter, in der auch der eine Koch schläft. Die Toilette ist an die Außenwand angebaut, ein Raum mit einem Loch im Boden. In dem Waschraum, der mir gezeigt wird, steht der Generator. Es ist eh nur ein Raum von 1,5 mal 1,5 Meter höchstens, ohne Wasser oder ähnliches. Das Wasser muss mit einem Traktor (oder später mit dem Auto) von woanders her geholt werden.

Said Machmat erklärt mir, dass die Lage sich etwas verändert hätte, weil sie jetzt unter der Woche mit 12 Leuten dort wohnen würden, er mit den Baufachleuten, das Medical-Team und die Ackerbau-Berater (die ganzen anderen Leute: Fahrer, Wächter und so weiter hat er gar nicht mit aufgezählt. Die schlafen allesamt in dem vierten Raum). Insofern wäre es auch nicht mehr möglich, mir einen Raum alleine zur Verfügung zu stellen. “Na ja”, sage ich, “das ist schon Bedingung. Ohne eigenen Raum schaffe ich die kulturelle Fremdheit nicht auszuhalten.” Er seufzt: “Das habe ich schon gedacht, ja.”

Wünsche für die Arbeit außerhalb Kabuls

Gleich morgens vor dem Frühstücken noch, kam Karl Anders. Für mich war das Gespräch mit Karl sehr gut. Er stellte mir eigentlich zu allen Punkten, die ich ansprach, mehr in Aussicht, als ich gedacht hätte: Dass ich während der Arbeit außerhalb Kabuls zum Beispiel einen Funkkontakt zum Entwicklungsdienst war für ihn selbstverständlich.

Meine Ausstattungswünsche fand er sehr bescheiden und meinen Urlaubswunsch, wenn Svenja kommt, auch klar. Eventuell könne das Büro sogar für eins, zwei Tage eine Übersetzerin für Svenja stellen.

Wenn nötig, müsse für mich ein Raum eben noch gebaut werden, Toilette sowieso, ein Übersetzer werde mir bezahlt und über ein Motorrad oder eigenes Auto müsse man nachdenken. Er machte klar, dass ich mit seiner Rückendeckung rechnen kann, falls es zu Konflikten kommt. Auch bräuchte ich keinesfalls mehr zu arbeiten, als im Entwicklungsdienst-Büro. Mal sehen, was daraus wird.

Anmerkung: Später bekam ich weder Funkkontakt, noch Übersetzerin, mein Container wurde völlig ohne die Hilfe des Entwicklungsdiensts gekauft und ausgebaut und wegen des fehlenden Gefährtes hatte ich viele Probleme. Meinen Urlaubswunsch übersah er später (das war aber egal, weil mein Urlaub sehr sinnvoll in meine Ausbildungspläne eingebaut und ich ihn selbst absprechen konnte) und eine Toilette wurde nie gebaut. Schön hätte ich auch gefunden, jemand vom Entwicklungsdienst-Büro hätte sich meinen Arbeitsplatz einmal angeschaut, auch um die Sicherheitslage zu erkunden, wie versprochen.

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