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Wütende Statements über die Frauenhilfeorganisation

Abends habe ich die Gelegenheit mit der Afghanin Zaira, die längere Zeit in Deutschland war, über die Frauenhilfeorganisation zu reden. ‚Zu reden’ ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck: Sie ist innerhalb kürzester Zeit hochgegangen wie eine Rakete und hat nur noch auf diese Organisation geschimpft: Diese NGO wäre gar nicht in Kabul, sondern in Pakistan, die illegalen Mädchenschulen unter den Taliban hätte gar nicht AFA gemacht, sondern andere Frauen. Sie würden jetzt nur so tun, als wären sie das gewesen und würden genug Geld bekommen, andere seien viel bedürftiger. Und die Frauen, die dort gefördert würden, kämen sowieso alle aus der Oberschicht. Das meiste, was die Frauen dort erzählen, sei gelogen. Die Organisation würde nur im Untergrund arbeiten. Alle Afghanen seien wütend auf sie. Alle wüssten auch, dass es eine maoistische Kadergruppe sei und sie sich nur gut tarnen würden. Früher hätten sie sogar Kinder erschossen, die ihnen im Wege standen. Alle Schriftsteller und Intellektuelle, die vor den Russen nicht geflohen seien, würden sie in ihren Schriften persönlich angreifen, beleidigen und diffamieren. Dieses wütende Statement gipfelte in der Aussage: Diese NGO hat kein Platz in Afghanistan.

Eine Frauen-Entwicklungshilfeorganisation in Afghanistan: Eine Hühnerfarm und eine Schule

Morgens früh holte mich der Fahrer von Karla ab. Zu Karla kommen bald auch zwei Frauen von der Frauen-Entwicklungshilfeorganisation. Eine etwa Vierzigjährige, Nadia, in rotem Kostüm, über das sie draußen ein Burka stülpt und eine zweite knapp zwanzigjährige, schwarz gekleidete Frau, die übersetzte. Zusammen fahren wir mit einem Fahrer und Auto (sah aus, wie ein Taxi) durch die Stadt. Eine große Straße ist gesperrt, wegen eines Blitzbesuches von Joschka Fischer. (Holger Balke durfte ihm drei Minuten über die Arbeit des Entwicklungsdienstes in Afghanistan berichten, was er sich offensichtlich müde und gelangweilt anhörte). Auf eine Nachfrage von Nadia gebe ich eine kurze Einführung in die Geschichte und Rolle der Grünen aus meiner Sicht. Karla korrigierte mich an den Stellen, wo ich gar zu sehr vom Leder zog.

Als erstes haben wir eine Hühnerfarm besucht. In der Nähe vom Flughafen, einer dieser normalen Höfe mit einer hohen Mauer drum herum. Dieser Hof sei erst neu bezogen worden, die Hühner gerade erst aus Pakistan gekauft, das Futter wird auch gekauft. 1000 Hühner seien es, sie haben einen überdachten Auslauf und in einem Schuppen kleine Lehmnischen zum Legen. Auf der anderen Seite des Hofes gibt es ein zweistöckiges Gebäude, das unten zum Teil als Lagerraum genutzt wird. Drei Witwen würden hier arbeiten und leben, mit ihren Kindern. Ich sehe eine alte Frau (was nicht heißt, dass sie tatsächlich alt ist, in Afghanistan altern die Frauen sehr schnell), einen Mann Anfang zwanzig, einen Jugendlichen und zwei, drei Kinder. Ich verstehe, dass wir wegen der Infektionsgefahr mit unseren Straßenschuhen nicht in den Stall sollen, dann werden wir aber doch hineingelassen. Die Hühner lassen sich anfassen, anders, als ich das aus Deutschland her kenne. Nadia sagt, dass sie selbst vier Hühnerfarmen in Kabul betreut, dass es aber weit mehr gibt, wie viel weiß sie nicht. Der Gewinn der Farmen fließe an die Organisation zurück.

Noch ein Frauenprojekt: Humanitarian Assistance for the Woman of Afghanistan

Ich wache wieder früh auf. Oben von der Dachterrasse aus kann mensch sehen, dass der Schnee auf den Bergen durch die letzten warmen Tage zum Teil geschmolzen ist. Nachts friert es regelmäßig, aber weil es so trocken ist, fühlt es sich nicht so kalt an. Tagsüber ist es nach wie vor oft wolkenlos und sehr warm, ich schätze zwischen 15 und 20° C. Martina leiht mir eine Schere zum Haare schneiden, ich will hier ja nicht so lange Haare haben (ich glaube, ich habe das alleine ganz gut hinbekommen). Vormittags kommt Karla (die Fotografin) zum Sprachkurs, um anschließend mitzufahren zu einem Projekt von Care: ‚HAWA’, ein Witwen- Projekt. Care heist: Cooperative Assistance for Relief Everywhere. HAWA heist: Humanitarian Assistance for the Woman of Afghanistan.

Wir betreten in der Innenstadt einen dieser Höfe, vorne zur Strasse hin gibt es einen kleinen Laden, in dem Nähsachen und Eingemachtes verkauft werden, hinten sind Büros, dazwischen der übliche Garten. Wir werden in eines der Büros geführt, drei Afghaninnen erzählen ein bisschen über HAWA, Neda übersetzt ins Deutsche. Zusätzlich sitzt noch eine Sudanesin in dem Büro. Eine der Frauen will wieder gehen, nachdem sie etwas erzählt hat. Wortlos bedeutet ihr die Sudanesin, zu bleiben. Das geht ein paar Mal (wortlos) so hin und her, bis die Afghanin einfach geht, die zweite auch.

Interkulturelle Kommunikation im Taxi, Besuch bei Karla und die Situation der Frauen in Afghanistan

Wieder im Gästehaus zurück, machte ich mit “unserem” Taxifahrer (Nahim) aus, dass er nach Einbruch der Dunkelheit (also nachdem er zu Hause etwas essen konnte) zu uns kommt und mich abholt. Ich wollte an dem Abend zu der Karla , die mir den Kontakt zu einer afghanischen Frauenorganisation vermitteln wollte. Ich hatte schon in Deutschland versucht Kontakt zu der Organisation auf zu nehmen, weil ich hoffte, mit ihnen auch etwas für afghanische Frauen tun zu können. Mir war klar, dass ich sonst als Schreiner-Ausbilder nur mit Männern zu tun haben würde.

Der Taxifahrer kam mit seinem Sohn und seinem Bruder, außerdem kam noch unser Englisch-Sprechender Wächter Mohammad mit. Zuerst dachte ich, er wolle irgendwo hin, aber ich glaube, er ist nur mit, um mir zu helfen. Nahim lobte mich über den grünen Klee, ob meiner Sprachbemühungen. Einmal lachte das ganze Taxi, als es mir nach vielen Versuchen immer noch nicht gelang einen bestimmten Konsonanten richtig auszusprechen. Der Fahrer sagte irgendwann: “I love you!”. Auf Englisch erzählte ich dann, dass ich es schön fände, so oft in Kabul Männer Hand in Hand laufen zu sehen. Wir Männer in Deutschland wären nicht so gewöhnt, uns all zu lange zu berühren, schon gar nicht, Hand in Hand zulaufen. Auch “Ich liebe Dich” würden wir nicht so zueinander sagen. Nahim war etwas vor den Kopf gestoßen und Mohammad versuchte das “I love you” zu entschuldigen. Schade, so hatte ich es gar nicht gemeint. Später waren alle auch weniger herzlich zu mir, sondern vorsichtiger - Interkulturelle Kommunikation.

Frauenhilfeprojekt Bäckerei

Wir sind nach unserem Vormittagskurs mit der Lehrerin Neda zu einem Frauenprojekt, dass von der GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) finanziert wurde. Wenn ich es richtig verstanden habe, sind es Frauen, die von Pakistan kamen oder denen die Rückkehr nach Kabul aus Pakistan mit diesem Projekt schmackhaft gemacht worden war. Es ist ein Ausbildungsprojekt für Bäckerei gewesen, eine Art von Keksen haben sie gemacht, allerdings viel zu wenig, als dass sich ein Verkauf gelohnt hätte. Auch gab es für diese Kekse sowieso schon eine Unmenge von Läden in der Stadt. Zusätzlich bekamen sie noch Unterricht in Dari und Rechnen. Die Frauen, zumeist Witwen mit manchmal fünf bis sieben Kindern, bekamen 10 Dollar im Monat. Die Maßnahme läuft 6 Monate (jetzt noch 2 Monate), und am Ende bekommen die Frauen noch mal 30 Dollar. Das ist eigentlich nur zum direkten Sterben zu viel.

Wir waren in dem Klassenraum und zum Teil redeten die Frauen alle durcheinander. Mich hatten sie mehrfach gebeten, auch mit in den Raum zu kommen, aber zuerst wollte ich nicht. Ich wusste nicht, wohin ich dann gucken sollte. Später bin ich dann auch mit hinein und setzte mich (wie die Frauen) auf den Boden. Die anderen von uns standen, bis auf Klaus, der draußen blieb. Es gab zwei Klassenräume, jeweils 40 Frauen in einem, je cirka 2,5 x 4 Meter groß. Lehmräume, Holzbalkendecke. Die Frauen erzählten zum Beispiel: “Ich habe 5 Kinder, die Taliban haben meinen Mann so geschlagen, dass er nicht mehr arbeiten kann.” - “ Wir waren beim Essen und dann kamen die Taliban und haben meinen Mann mitgenommen.”

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