leben in afghanistan

Kabuler Alltag vor meiner Abreise

In den letzten Wochen hat es immer wieder geregnet, zum Teil richtig heftig. Toll für Afghanistan nach diesen Jahren der Dürre. Der Kabulfluss ist wieder ein richtiger Fluss. Da der Strom von Kabul (unter anderem) aus drei Wasserkraftwerken kommt, gibt es inzwischen auch wieder fast 24 Stunden Strom. Die Straßen sind allerdings nach einem Regen eine Katastrophe. Selbst die geteerten Straßen haben als Bürgersteige rechts und links nur Lehm und sind dann völlig aufgeweicht. Erstaunlich aber, wie viele Straßen dann doch geteert sind in Kabul, und immer wieder kommen welche dazu. Im Straßenbau, der oft von Deutschland mitfinanziert wird, gibt es auch regelrechte Frauenbrigaden. Auch die Straßenbeleuchtung wird von Woche zu Woche vollständiger, inzwischen sind so gut wie alle HauptStraßen beleuchtet und in einigen Vierteln auch die kleineren Straßen.

Letzte Woche habe ich einen tollen Fahrrad- und Fußgängerweg entdeckt, als kleine ParallelStraße neben der grossen Straße nach Taimani heraus und mit sehr wenig Schlaglöchern. Die große Straße ist meistens mit Autos, Fahrrädern und Lastkarren zu und natürlich auch völlig verpestet. Überhaupt hat mensch eigentlich immer die Wahl, entweder holprige Nebenstraßen ohne Verkehr zu fahren oder auf den asphaltierten und chaotischen Hauptstraßen.

Nachts hören wir öfter die Raketeneinschläge, die dem ISAF- Camp gelten, aber im Grunde fast nie Schaden anrichten. Vor drei Tagen war die Explosion so laut, dass wir dachten, das muss in unserem Viertel eingeschlagen haben. Hatte es aber nicht, sondern wie üblich in dem gut fünf Kilometer entfernten ISAF- Camp. Der Explosionskrater ist dafür meist erstaunlich klein, einen Meter oder so.

Allgemein wird das damit erklärt, dass Al Qaida- Leute nur zeigen wollen, dass sie noch da sind. Ich halte das für Unfug: Die würden doch versuchen, zu treffen und nicht nur sich der Gefahr aussetzen, entdeckt zu werden.

Für viel wahrscheinlicher halte ich, dass Regierungstruppen zeigen wollen, dass Taliban und Al Qaida noch da sind, um Gelder für die eigene Aufrüstung zu bekommen. Das würde erklären, warum tatsächlich fast nie jemand verletzt wird bei diesen Anschlägen. Einmal ist es auch aufgedeckt worden: Eine bestimmte Regierungseinheit wollte eine Lohnerhöhung und versuchte mit einem fingierten Anschlag zu zeigen, wie wichtig sie für die Sicherheit sind. Klarer kann mensch eigentlich nicht demonstrieren, dass der Frieden grundsätzlich von jeder Art bewaffneter Truppen bedroht ist.

Letzte Woche konnte ich am helllichten Tag eines der knapp über die Hausdächer donnernden Flugzeuge sehen, dass von mehreren Leuchtraketen beschossen wurde. Außer mir hatte das auf der Straße weiter keinen beeindruckt. Später erfuhr ich, dass es eine Art Übung für den bevorstehenden ‚Freedom Day’ war. Am selben Tag gab es auch eine große Übungsparade auf dem Paradeplatz im südlichen Teil der Stadt.

Erstaunlich, wie viele Afghanen Englisch sprechen können. Nur zum Teil sind es die Pakistan-Rückkehrer, die in der ehemaligen britischen Kolonie Englisch gelernt haben. Englisch gilt als Schlüssel für gute Jobs und so werden es täglich mehr, die Englisch lernen. Die Kinder rufen gerne schon von weitem “how are you”, was sich manchmal allerdings mehr nach dem Geschrei der allgegenwärtigen Maultiere (in Jallalabad waren es mehr Esel) anhört.

Letzte Woche bin ich einmal in eines der großen und über die ganze Stadt verteilten Postoffice gegangen. Das ganze Gebäude war bestimmt 8 mal 15 Meter groß und in einem kleinen Raum saß ein Postangestellter hinter einem Resopal-Schreibtisch, sonst gab es nichts. In dem kleinen Raum war wirklich nichts weiter als der Angestellte, zwei Stühle und dieser Schreibtisch. Auch der Rest des Gebäudes war, bis auf Postfächer, leer. Auf meine Nachfrage kramte er in einer der Schubladen, holte einen abgewetzten Briefumschlag hervor und bot mir verschiedene Briefmarken an. Zum Teil waren sie noch mit der alten Währung. Er hatte auch keine Ahnung, wie viel ein Brief denn so kosten könnte, schon gar nicht nach Europa. Ich habe mir dann einfach eine kleine Auswahl zusammengestellt und sie später auf zwei Postkarten einigermaßen gerecht verteilt.

Wie beschrieben, habe ich mich mit meiner Kleidung inzwischen schon recht angepasst, nur die kleineren Feinheiten gehen mir etwas verloren. So ‚darf’ mensch ja auch in Deutschland eigentlich nicht ein Ökooutfit mit einer Amischirmmütze mischen.

Ich musste also erst ein paar Erfahrungen sammeln. Das ‚Palästinenser-Tuch’ ist in der Stadt sehr häufig zu sehen, weil es erstens durch die aus den arabischen Staaten kommenden Gotteskrieger in Kabul üblich wurde und nun auch typisch ist für die Panjirifraktion. Außerhalb von Kabul sind diese aber oft nicht gerne gesehen und die Araber sind sowieso nicht beliebt, weil sie im Krieg häufig besonders grausam waren.

Mein weißes Käppi hingegen bestürzte die Wächter des Gästehauses: Du siehst ja jetzt aus, wie ein Mullah! Als ich in der Stadt einmal einen Container bestiegen habe, um von dort ein Bild zu machen, bin ich ein bisschen ängstlich gefragt worden, ob ich vielleicht ein Al Qaida sei. Weil eben meine Kleidung so kunterbunt zusammengestoppelt war.

Ein anderes Mal wollte ich unbedingt einen sehr malerischen Bettler fotografieren. Leider war er nicht nur malerisch, sondern auch verwirrt und irrte eine Straße mehrfach hoch und wieder runter, verschwand in Läden, kam wieder raus. Und ich, im Begehren ein super Foto zu machen, immer hinter ihm her.

Mit meinem Fotoapparat, ansonsten aber dem Afghanenkleid, Sandalen mit Strümpfen und dem bunten Käppi erregte ich das Aufsehen eines Geheimdienstmannes, dem klar war, dass da irgendetwas nicht stimmen konnte. Er ließ sich auch nicht davon überzeugen, dass ich ein Deutscher bin. Ich meinerseits hatte nicht die geringste Lust, ihm meinen Pass zu zeigen, sondern war richtig sauer.

Wenn er mir nicht glauben würde, solle er mir bitte folgen, meinte ich zu ihm und brav folgte der Security- Mann mir zum in der Nähe liegenden Entwicklungsdienst- Büro. Dort konnte ihn sehr schnell einer der Fahrer von der Wahrheit überzeugen. Er hat sich sogar entschuldigt.

Ein anderes Mal war mir mulmiger. Auf der Straße war eine riesige Pfütze, die ich umfahren wollte. Allerdings kam mir eines dieser Autos mit getönten Scheiben entgegen. Voller Verwunderung bemerkte ich, dass es langsamer fuhr, so dass ich um die Pfütze noch herum kam. Bedankt habe ich mich dafür mit der erhobenen Hand.

Das wurde allerdings missverstanden, zum Glück war ich schon ein bisschen weiter. Das Auto hielt vollends und der Fahrer rief mir hinterher: ‚Ich komme dich gleich holen!’ Erfreulicherweise tat er es nicht, ich weiß nicht, ob ich ihm hätte so schnell verständlich machen können, dass ich kein Araber bin.

Wann Afghanen sich gegenseitig helfen und wann nicht, habe ich nie verstehen können. Manchmal habe ich kleine Jungen mit umgekippter Schubkarre gesehen, die sich verzweifelt abmühten, diese wieder aufzurichten. Einer weinte sogar, aber niemand half. An anderer Stelle konnte ich aber viele helfen sehen, als zum Beispiel ein Motorrad ins Wasser gerutscht war. Oder wenn ein alter Mann über die Straße wollte.

Vielleicht liegt es an der Art der Arbeit, die die Hilfe erfordert. Unsere Wächter sind zum Beispiel noch immer der festen Überzeugung, alles Auf- und Abladen der Autos sei ihre Arbeit. Und auch in Hezarak sah ich, dass die Ingenieure für viele Arbeiten keinen Finger krümmten. Niemals wären sie auf die Idee gekommen, ihr Essen selbst auf- und abzutragen. Und als ich mich anbot, mitzufahren, um Wasser zu holen, waren die Wächter schwer empört.

Ich habe auch von einem Fahrer erzählt bekommen, der sich zwar ohne zu Zögern unter das Auto legte, um es zu reparieren, aber als seine Windschutzscheibe beim besten Willen nicht mehr durchsichtig war, einfach nur anhielt und nicht mehr weiter fahren konnte. Das war nun eindeutig nicht seine Arbeit. Öfter wird es auch einfach davon abhängen, wie hilfsbereit die Leute sind, die gerade so etwas beobachten. Das ist in Deutschland auch nicht anders.

25. April

Letzter Ärger und Abschied aus Hezarak

Komisch, hier nun zu sitzen, zweieinhalb Wochen nach meiner letzten Nacht im Container, mir kommt das alles schon meilenweit weg vor. In der letzten Woche dort hat mich tatsächlich noch ein Magenvirus erwischt. Ich denke mal, der Koch hat mir das Wasser nicht abgekocht. Ist ja auch wenig einsichtig: Alle trinken das Wasser pur, es ist sauber und nur diese Weißnase will’s immer abgekocht haben. Eher ein Wunder, dass er’s die ganze Zeit für mich abgekocht hat.

Oh, das war ein böser Tag, ich wirklich völlig erledigt und bis mein Stuhl wieder normal war, das hat über eine Woche gedauert. Als ich da so über dem berühmten Loch hing, habe ich auch gedacht, jetzt lass ich wirklich alles los. Ich war ja so froh, dass meine Zeit zu Ende geht und dachte gar nicht daran, richtig Abschied zu nehmen. Aber ich habe eben doch Orte und Menschen lieb gewonnen, da hat halt mein Körper für mich losgelassen.

Und es wurde grüner, es wurde wärmer! Nebenbei hat mir das einen Haufen Fliegen im Container beschert und ich wusste dann auch plötzlich, warum mir ganz am Anfang einer der Wächter gesagt hatte: Es fehlt nur noch das Gitter vor dem Fenster. Ich war ganz entsetzt gewesen: Gitter vorm Fenster, ich bin doch kein Gefangener! Jetzt, mit den vielen Fliegen, wusste ich: Er meinte nur ein Fliegengitter.

Ich glaube, wir haben uns alle gefreut, das Grün zu sehen. Nicht nur die vielen Obstbäume, nicht nur die Bewässerungskulturen (von weitem konnte ich ein paar Tage einen richtigen Wasserfall hören, der aber auch künstlich war und Wasser auf bestimmte Felder brachte), auch die ganze höher gelegene Ebene von Hezarak bekam einen grünen Schleier. Sogar an den Bergen krallten sich ein paar Pflanzen fest.

Geärgert habe ich mich auch auf meine letzten Tage. Nasim, der Chef der Wächter und Lagerverwalter, betont penibel nach außen und gerne für sich am Abzweigen, drohte meinen Lehrlingen, dass das Lotterleben bald vorbei sei. Dann sei dieser Fremde endlich weg und dann sei er wieder ihr Chef. Irgendwie hat mich das mehr beschäftigt und gekränkt, als ich zuerst gedacht hatte. Eigentlich wusste ich, dass er mich nicht leiden kann.

Er ist ein ehemaliger Militär und ist aus dem Hassen noch nicht so richtig raus. Er versuchte noch zu verhindern, dass die Lehrlinge ihre selbstgebauten kleinen Schränke mit nach Hause nehmen durften. Dass ich ihnen das ermöglicht hatte, fanden alle NGE- Leute richtig doof. Ich hatte aber vorher Said Machmat danach gefragt, er hat es wohl nur nicht so richtig verstanden und als er es verhindern wollte, war es wirklich schon zu spät dazu, die Schränke waren schon gebaut.

Ich musste auch ein paar Zeilen schreiben und drei Leute informieren, um sicher zu stellen, dass er Ali Mohammad, einen meiner Leute, auch wirklich die versprochene und von mir bezahlte Werkbank mitnehmen ließ. Vor lauter Sorge, alle von uns gebauten Sachen könnten so langsam verschwinden, sobald ich weg bin, habe ich meinem Abschlussbericht eine ausführliche Inventarliste angehängt.

Zum Beispiel durfte ich die in der Abschlussprüfung gebauten kleinen Bänkchen nicht zum Materalpreis an meine Lehrlinge geben (die sie gerne genommen hätten), an die NGE- Leute aber schon. Die wollten auch alle gerne eines, waren aber nicht bereit, für das Holz zu zahlen. Ich denke, sie haben alle auf den Tag meiner Abreise gewartet und dann die Beute unter sich aufgeteilt.

Diese Regel, dass zwar etwas für den privaten Bedarf aller Leute gebaut werden
kann (solange es der Ausbildungsablauf zulässt), aber dass Holz dafür bezahlt werden müsse, scheint sehr unafghanisch gewesen zu sein.

Dabei kam sie nicht einmal von mir, sondern Ing. Mir Shah hatte sie im Gespräch mit den NGE- Kollegen, die gerade auf dem Hof waren, auf meine Nachfrage hin gemacht.
Ich habe mich dann daran gehalten, mir aber nur Feinde damit gemacht. Bestenfalls auf völliges Unverständnis bin ich gestoßen. Als Freund hätte ich ganz selbstverständlich das Holz, was zwar nicht mir gehört, aber über das ich verfügen kann, verschenkt. Eher noch als Sachen aus meinem tatsächlichen Besitz. So habe ich also beständig demonstriert, dass ich an Freundschaft kein Interesse habe.

Ich habe dann NGE am Ende des Workshops zwar Geld für Sachen, die wir für andere gebaut haben, übergeben, aber es war ausschließlich mein Geld, wie zum Beispiel das Geld für die Werkbank von Ali Mohammad. Lediglich der arme Co-Teacher Einnullah hat auf mehrfache Nachfrage für einen kleinen Stuhl für seine Tochter das Geld bezahlt und war deshalb total sauer auf mich.

Er hat übrigens bis zum Schluss sich die Namen der Lehrlinge kaum merken können (erstaunlich für einen Afghanen) und gegen Ende der Ausbildung zu meinem Entsetzen gerne bei ‚Leutnant’ Nasim übernachtet, wenn er in Kabul war. Was wohl auch bedeutet, dass er dessen Aktionen mitdeckt.

Für meine theoretische Abschlussprüfung brauchte ich in der letzten Woche die beiden Räume der Ingenieure für etwa zwei Stunden. Was an sich kein Problem war, weil Ing. Mir Shah als einziger der NGE- Ingenieure auf dem Hof war. Als ich ihn fragte, ob ich denn diese Räume haben könne, fragte er mich anstelle einer Antwort, was denn mit den beiden Klassenräumen wäre, die wir beantragt hatten.

Wir beide wussten, dass es gemein ist, mich für die damalige Ablehnung verantwortlich zu machen. Außerdem war es ja wohl unverhältnismäßig für zwei Stunden den Bau zweier Klassenräume zu verlangen. Mich hat das richtig getroffen, auch nachdem er die Benutzung nach dieser rhetorischen Frage erlaubt hatte. Ing. Mir Shah, der immer sehr höflich redete und immer lachte, wenn er mich sah, konnte mich in Wirklichkeit nicht ausstehen. Aber immer wieder hatte er wohl die Hoffnung, durch mich nach Deutschland zu kommen oder sonst welche Vorteile zu haben. Anfangs hat er mich wohl den anderen gegenüber als Kommunisten bezeichnet, ein Attribut, das mir in Hezarak richtig gefährlich hätte werden können. Ich hatte einmal gegen die ganz Reichen gelästert, dass solcher Reichtum verboten gehört.

In der Folgezeit habe ich dann nach allen Seiten ausgiebig über die Sowjets hergezogen, um das wieder hinzubiegen. Endgültig krumm hat er mir dann aber wohl genommen, als ich über den üblen Fundamentalisten Sayyaf eine Bemerkung verloren habe. Der hatte zum Beispiel die Wahnvorstellung gehabt, Kabul als Sündenpfuhl völlig ausrotten zu müssen und erst auf den ausgebleichten Knochen und planierten Ruinen nach einer Zeit der Grabesruhe ein neues, wahrhaft moslemisches Kabul wiederaufbauen zu können.

Said Machmat sagte zu mir in meiner letzten Woche: Es wäre nicht gut für ein Land, wenn eine ganze Gruppe von Menschen vom Wiederaufbau ausgegrenzt würden. Er meinte damit weniger die Taliban, als vielmehr Hektmatyar und seine Anhänger. Aber wie einen Konsens mit Leuten finden, denen alles andere als ihre spezielle Ideologie einen neuen Krieg wert ist?

Qiam, einer meiner Lehrlinge, wollte denn auch nicht abseits stehen bei dem Spiel ‚Burkhard ärgern’. Er erzählte mir nicht ohne Stolz, dass er drei Fenster an einem Tag bauen könne. Er ist derjenige gewesen, der am Saubersten arbeiten konnte, sauberer noch als Einnullah. Und war immer als einer der letzten fertig. Für sein erstes Fenster mit mir (das auf Zeit und nicht auf Stück bezahlt wurde) hatte er drei Wochen gebraucht. Na toll.

An die Esskultur hatte ich mich in diesen Monaten so gewöhnt, dass ich mich bei einem Besuch vom Bundesarbeitsamt (einer der Geldgeber von ZIM) in Hezarak nur schwer auf alle Einzelheiten deutscher Esskultur besinnen konnte. Ich hatte zwar daran gedacht, dass wir da nicht auf dem Boden sitzen können, jeder einen eigenen Becher braucht und Besteck anstelle der Finger zum Essen nimmt. Ganz vergessen hatte ich aber dafür zu sorgen, dass auch jeder einen eigenen Teller bekommt. Wenn es nicht etwas peinlich gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich laut gelacht.

Heute war mein Übersetzer Sadat zum letzten Mal mich besuchen. Er berichtete, dass ’alle’ nach mir fragen würden: „Did you see Burkhard? A really good guy! He’s no normal German!“ Ich hatte Sadat das letzte Mal noch ein paar Afghani mitgegeben, weil ich mich beim Umrechnen des Lohnes bei vier Leuten verrechnet hatte. Es hat sie wohl tief beeindruckt, dass ich eine Woche später dieses Geld noch schickte. Und dass ich das versprochene zweite Zertifikat noch habe bringen lassen, fanden sie toll. Sogar einer der Milizionäre hätte nach mir gefragt, meinte Sadat.  Das hat mir gut getan zu hören, auch wenn ich mir nach wie vor sicher bin, dass ich in Hezarak mehr Leute geärgert habe, als Freunde gewonnen. Aber das ist vielleicht auch nicht meine primäre Aufgabe gewesen.

Das Kapitel ‚Hezarak’ ist für mich jetzt beendet. Die Leute werden bleiben, aber meine Welt sieht nun wieder ganz anders aus. Worauf ich jetzt noch scharf bin ist, eine Ausgabe der Wuluswali- Zeitung in die Hand zu bekommen, in der ein Interview mit mir abgedruckt ist.

19. April

Logar – in der Heimatprovinz von meinem Co-Teacher Einnullah

An meinem letzten Arbeits-Wochenende bin ich mit Übersetzer Sadat und meinem Co-Teacher Einnullah in die Heimatprovinz des Letzteren gefahren. Die Woche zuvor hatte mir Einnullah spontan abgesagt und ich war sehr enttäuscht gewesen. Als Grund hatte er angegeben, dass es in Logar gefährlich wäre. Ich habe das nicht recht geglaubt, sondern eher vermutet, dass er schlicht keine Lust dazu hatte, mich einzuladen, oder aber es in seinem Haus zu eng wäre. Ursprünglich wollte ich über eine Nacht dort bleiben und da er in dem Haus seines Schwiegervaters für sich und seine Frau nebst zweijähriger Tochter nur ein Zimmer zur Verfügung hat, kann das gut zu eng gewesen sein (in dem einen Zimmer natürlich, aber normal gibt’s in so einem Anwesen ja ein Gästezimmer).

Ich war richtig stinkig, weil ich mich sehr darauf gefreut hatte und habe ihm bei der nächsten Gelegenheit erzählt, dass ich nicht glaube, dass ich sein Freund sei, sonst hätte er mich nicht ausgeladen. Irgendwie haben wir dann ausgehandelt, dass ich ihn nur über Tag besuche. Er ist also nach der Arbeit am Donnerstag nach Logar und kam am Freitag früh wieder nach Kabul. Um acht Uhr hatte er uns zu der Werkstatt eines seiner Onkel bestellt, er kam so gegen neun. Etwa eine halbe Stunde später (nach etlichen kleineren Widrigkeiten, ich glaubte schon nicht mehr so recht daran, dass wir überhaupt fahren würden) ging’s dann auch schon los.

Wir haben uns in einen Kleinbus mit dazu gesetzt, hinter uns eine Familie mit kleinem, schreienden Kind und ein einzelner Mann, vor uns neben dem Fahrer noch ein dritter Mann. Und kaum, dass wir abfahren wollten, kam noch ein weiterer Mann absprachewidrig mit zu uns dreien in die zweite Sitzreihe. Das wurde ziemlich unbequem und mir schien die Fahrt endlos. Besonders die ersten zwanzig Minuten wollten nicht vorüber gehen. Und ich wusste ja: Eine Strecke dauert ungefähr zwei Stunden.

Aber die Landschaft wurde immer schöner. Wir konnten sie meist rechts neben uns liegen sehen, die recht gute, asphaltierte Straße zog sich ein wenig am Hang entlang. Eine echte Flussoasen-Landschaft mit ausgedehnten Bewässerungskulturen, auch hier wieder viele blühende Obstbäume. Eine Art blüht ganz lila, wie bei uns der Flieder von der Farbe her, die Blüten sind aber einzeln.

Und direkt neben den Feldern und vielen Bäumen dann karges Land, jetzt mit einem zarten grünen Überzug, der aber in den nächsten Monaten, zum Sommer hin, wieder verschwindet. Die Berge, die sich den ganzen Weg entlang rechts und links auftürmen, mal weiter weg, mal ganz eng zusammen, zum Teil noch mit ein wenig Schnee, aber alle kahl. Weit im Hintergrund hohe, ganz weiße Bergspitzen. Ein besonders hoher Berg zu unserer Linken ist Koh-e-safet, der weiße Berg, den ich auch von Hezarak aus immer sehen konnte.

Auf den Berghängen die Zelte der Kutschis mit zum Teil riesigen Schaf- und Ziegenherden. Einmal sahen wir sie auch mit Kamelen. Und überall Siedlungen, ich konnte nicht erkennen, wo ein Dorf aufhört und wo das nächste anfängt. Auch die Entscheidung, was ein größerer Ort ist (wie auf der Karte eingezeichnet), fand ich ziemlich willkürlich.

Gegen Ende der Fahrt verließen wir die gut ausgebaute Straße, die auch weiter zu den Unruheprovinzen Paktia und Paktika führt und bogen auf eine der inzwischen gutbekannten Lehmpisten ab. Dort standen ab und zu kleine Jungen, die mit Mühe ihre Schaufel halten konnten, neben einem Schlagloch. Wütend schrieen sie uns manchmal etwas nach, wenn wir sie nicht dafür bezahlen wollten, das sie doch offensichtlich die Straße reparierten.

Leider war unsere Absprache, dass ich meine Klappe halte und auch auf gar keinen Fall fotografiere, damit mich (inzwischen mit Afghanenkleid, Sandalen ohne Strümpfe, weißem Mullahkäppi, der Decke über der Schulter und –was mir schwer gefallen ist- ohne Rucksack) niemand als Ausländer erkennt.

So musste ich dann mit dem Bildermachen warten, bis wir aus dem Auto gelassen wurden (was ein Glück!) und unsere Glieder strecken konnten. Wir standen nun inmitten einer engen Allee, ringsum Felder und Baumreihen, vor uns, an einen Hügel mitten im Tal gebaut, eine Siedlung. Den engen Gassen folgend, kamen wir zu einem sehr verwinkelten Haus und durch eine kleine Holztür verschwand Einnullah. Wir mussten erst einmal draußen warten, bis drinnen alle unsere Wege ausreichend frauenfrei waren, dann durften wir eintreten, freundlich durch zwei 15-jährige erst mit Tee, später mit dem üblichen Reis, Fleisch, Joghurt und weißem Pudding bewirtet. Wir aßen zu fünft.

Einnullah’s kleine Tochter kam irgendwann heulend zu uns und ließ sich weder mit Murmeln, noch mit einer kleinen Taschenlampe von mir beeindrucken. Einnullah erklärte auf meine Nachfrage, dass sie geschlagen oder ausgeschimpft wurde, weil sie geschrieen hatte. Nach meiner Beobachtung ist es mit der viel gerühmten Kinderliebe der Afghanen nicht ganz so weit her. Besonders die Paschtunen sind sehr streng selbst zu den Kleinsten. Ich habe zwar manchmal auch in der Öffentlichkeit Mütter und Väter zärtlich zu ihren kleinen Kindern gesehen, aber eben auch öfter Schläge beobachtet.

Einmal bekam ich auf einer sehr großen Kreuzung von einem etwa zwölfjährigen Radfahrer den Weg abgeschnitten. Rechts neben mir ein Auto, er von schräg links kommend, blieb mir nichts anderes übrig, als anzuhalten. Obwohl die Kreuzung ansonsten fast leer war, standen wir nun dicht an dicht, er konnte wegen des Autos ja auch nicht weiter. Ich hebe in so Momenten gerne grinsend die Hände und frage: „Und, was hast Du jetzt vor?“ Der Junge hat aber mein Handheben sofort eindeutig interpretiert und duckte seinen Kopf. Wie selbstverständlich erwartete er eine Ohrfeige. Aber, wie bereits geschrieben, die Polizisten ohrfeigen auch Erwachsene, nicht nur Kinder.

Das Haus selbst bestand aus mehreren Etagen, an den Hang gebaut, zum Teil durch eine wunderschöne, gewundene Lehmtreppe miteinander verbunden. In ihrem Zimmer hatten sie mächtig herumgeräumt, um mir den üblichen, leeren Raum präsentieren zu können. In einem Drittel stapelten sich irgendwelche Dinge bis unter die Decke, mit Tüchern zugedeckt. Das Badezimmer bestand aus einem sehr dunklen Raum mit verschiedenen Abteilungen, die durch etwa zehn Zentimeter hohe Mäuerchen voneinander abgetrennt waren. Eine dieser Abteilungen war das berühmte Loch im Boden, das ich dann auch benutzte. Daneben lag in einer kleinen Kuhle ein Haufen loser Erde. Ich nehme an, die wird nach getaner Arbeit durch das Loch geworfen, gegen die Fliegen.

Nach dem Essen bedurfte es einiger Überzeugungsarbeit, bis ich das versprochene Sightseeing-Programm auch wirklich geboten bekommen habe. Ich kam mir zwar einerseits ziemlich schofel und unhöflich als Gast vor, auf der anderen Seite wusste ich aber auch, dass ich nach Logar wahrscheinlich nie mehr in meinem Leben kommen würde. Und mir ging es auch ein bisschen auf den Keks, immer wieder alles Erdenkliche versprochen zu bekommen, mit dem offensichtlich gutem Wissen, dass es doch nicht möglich ist. Viele Argumente jedenfalls, die ich zu hören bekam, wusste Einnullah schon vorher.

Als erstes war auf dem Programm, Einnullahs zukünftiges Haus zu bewundern. Gegen meinen Willen sind wir mit einem Taxi dort hingefahren. Das Argument war, wir müssten sowieso das letzte Stück zu Fuß gehen (etwa 300 Meter). Wir gingen an einem tiefen, sehr großen Loch vorbei, wohl ein Bewässerungsbrunnen mit irgendeiner Wasserhebevorrichtung. Leider habe ich nicht ganz verstehen können, wie das funktionierte und Sadat war mal wieder mit seiner Verdauung beschäftigt und unwillig zu übersetzen. Im Augenblick – durch den vielen Regen der letzten Wochen – floss aber sowieso genügend Wasser über die normalen Bewässerungskanäle.

Wir kamen dann in eine Folge enger Gassen, die zwischen hohen Mauern hindurch gingen (aber auch hier etwas freier und luftiger, als die Paschtunen- Siedlungen), bis wir wieder vor einem sehr niedrigen Holztor standen. Durch eine Reihe von tunnelartigen Gängen (wir mussten uns zum Teil bücken) ging es zu einer größeren Freifläche, die von offensichtlich kriegsbeschädigten Bauten umgeben war. “Hier will ich mein Haus bauen”, sagte Einnullah. Zu sehen war noch gar nichts. Ich bin mir immer noch unsicher, ob ich ihm das alles so recht abnehmen soll. Immerhin ist es ihm ein wichtiges Anliegen, mir klar zu machen, wie arm er ist, weil er sich über mich Unterstützung von ZIM erhofft. Hauptsächlich hat mich irritiert, dass sein Haus hinter einer solch langen Flucht von anderen Bauten in einen kleinen Winkel eingebaut werden sollte. Kein richtiger Garten, das Ganze ziemlich bedrückend und eng. Und das, obwohl das Gebiet ringsum eigentlich weiträumig und offen ist, wir waren schließlich nicht in Kabul.

Auf dem Rückweg durch den Tunnel kamen wir an zwei wunderschönen, geschnitzten Türen vorbei. “Die hat mein Schwager selbst gemacht”, erklärte Einnullah: “der ist auch Schreiner, wie die meisten meiner Familie.” Kaum wieder draußen wurden wir von weiteren Verwandten in den nächsten Hof zum Tee gebeten. Auch hier wieder erstaunliche Bauten hinter den nicht ganz so gepflegten und nicht so hohen Mauern, zum Teil mehrstöckig (die Bauten).

Dort kamen Männer jeglichen Alters zusammen, um mit mir Tee zu trinken. Ich glaubte schon die Großvater-Generation zu bewundern, wurde aber eines Besseren belehrt. Die alten Männer mit ihren langen Bärten standen ehrfürchtig auf, als ein Greis den Raum betrat, mit Stock und nur noch nuschelnd. Dessen Alter war nun wirklich nicht mehr einzuschätzen.

Obwohl es durch den Tee schon spät geworden war, bestand ich auf den versprochenen Spaziergang, zumindest einmal wollte ich einen der Hänge hinauf, um einen Blick über das Tal zu bekommen. Sie hatten schon das Taxi bestellt für den Rückweg und nun wollten sie einfach wieder zurück. Mit Geld und Geduld konnte ich dann auch den Taxifahrer davon überzeugen, wie wichtig mir das wäre, etwas zu Fuß zu laufen.

Unterhalb eines Aussicht versprechenden Berges und nach meiner eindringlichen Nachfrage, ob er auch wirklich sicher Minenfrei sei, hielt das Taxi an. Sadat meinte, es sei nicht gut, mit vielen Leuten auf den Berg zu gehen, weil dann die Miliz argwöhnisch werden würde. Einnullah aber kam mit und dann noch ein Junge, wohl der Bruder des Taxifahrers (seine niedliche, zweijährige Schwester war übrigens auch mit im Taxi).

Ich bin sofort voller Begeisterung den Hang hochgestürmt, kam aber bald nicht weiter, weil einer der vielen Bewässerungsgräben (inzwischen bestimmt 20 Meter oberhalb des Flusses) mir den Weg versperrte. Nach dem fast erfolgreichen Versuch, ihn einfach zu überspringen, wollte mich Einnullah schon überreden, wieder umzukehren. Ich sei schließlich ganz nass und oberhalb sei ein weiterer Graben, noch tiefer und breiter.

Das stimmte auch, aber erstens schien die Sonne und zweitens gab es weiter links ein Gehöft, das hinter den Gräben lag. Also musste es eine Brücke geben. Als wir diese überquerten, wurden wir neugierig beobachtet.

Mir wurde wieder bewusst, wie neu auch in Deutschland die Idee ist, Landschaft nicht nur nutzen, sondern betrachten zu wollen. Soweit ich weiß, fingen bei uns die Leute erst im Zuge der Romantik an, wandern zu gehen. Und Berge zu besteigen, ohne Vieh weiden lassen zu wollen, gab es vor 1800 so gut wie nicht.

Ich erinnere mich, noch während meiner Lehrzeit auf dem Land mit meinem Ansinnen, spazieren gehen zu wollen, auf völliges Unverständnis gestoßen zu sein. Und nicht etwa, weil jemand gehfaul war (wie Sadat), sondern weil meine damalige Freundin sich einfach nichts darunter vorstellen konnte. Sie führte mich in den großen Gemüsegarten hinter ihrem Haus und schaute mich dann ratlos an: „Und jetzt?“

Oben auf dem Berg angekommen, war es wunderschön. Selbst Einnullah, der eigentlich nur seinen Gast nicht alleine lassen durfte, war erstaunt und begeistert, seine Heimat von oben zu betrachten. Deutlich konnten wir die Flussoase als dichtes, grünes Band mit vielen Häusern sich durch das Braun der Landschaft ziehen sehen. Mitten drin der sich spiegelnde Fluss und zu den Seiten die zum Teil schneebedeckten Berge. Dann war es Zeit, wieder nach Kabul zu fahren. Ich rannte den Berg hinunter, es machte richtig Spaß. Dann mussten wir aber wieder einen Übergang über die beiden Kanäle finden, wir waren nicht denselben Weg zurückgelaufen. In der Nähe eines Hofes gebot mir Einnullah, nicht mehr zu rennen. Das würde auf uns aufmerksam machen, weil in Afghanistan niemand rennt würde.

Ich habe tatsächlich noch keinen Afghanen rennen sehen. Mit den Badelatschen, die die Afghanen oft tragen, kann man auch nicht rennen. In der Nähe von Einnullahs Haus mussten wir das Taxi wechseln. Einnullah bestand darauf, auf meinen Pullover aufzupassen und verschlampte ihn dann. Er versprach mir, ihn wieder beizubringen, vergaß ihn aber bei der nächsten Begegnung.

Vielleicht spekuliert er darauf, ihn auch geschenkt zu bekommen (ich hatte ihm schon mal einen geschenkt), ich weiß es nicht. Der neue Taxifahrer wollte möglichst schnell nach Kabul, weil er in Logar wohnte und wieder zurück wollte, am gleichen Tag.

Nach wieder mal einiger Überzeugungsarbeit an allen Beteiligten gelang es mir, in der nächsten ‚Stadt’ einen Taxifahrer zu finden, der mir zusicherte, genügend Zeit zu haben, dass ich immer wieder anhalten könne um Bilder zu machen. Das war richtig toll, ich habe einige sehr schöne Bilder machen können.

Sadat und ich hatten auch richtig viel Platz in dem Taxi nur für uns, ein ganz anderes Fahren, als auf dem Hinweg. War natürlich auch teurer: Anstelle vorher umgerechnet 1 Euro pro Kopf für die zweistündige Fahrt zahlte ich jetzt 6 Euro für das ganze Taxi. Einnullah war in der Kreisstadt geblieben und wollte abends wieder zu seinem Haus zurück.

Sadat wollte unbedingt vorne sitzen und redete in einer Tour auf den Fahrer ein. Nach etwa einer Stunde wirklich unentwegten Redens (der Fahrer hörte fast nur zu), machte ich eine Bemerkung dazu, weil es mich langsam aufregte. Sadat erklärte mir daraufhin, sie hätten einiges klären können, der Fahrer habe zu der gleichen ‚Society’ gehört wie er. Mir war sofort klar, zu welcher: Beide gehörten früher dem fundamentalistischen Hektmatyar an, der in der Zeit nach der Vertreibung der Russen unter anderem gegen Massoud kämpfte und dabei das bis dahin kaum zerstörte Kabul in Schutt und Asche legte.

Sobald Hektmatyar wieder zu mehr fähig ist, als zu albernen Kleinattacken gegen die Amerikaner wie jetzt, wird Sadat mit Begeisterung mitkämpfen. Waffen haben wir alle noch, meinte er stolz.

In der einbrechenden Dämmerung erreichten wir den letzten Checkpoint vor Kabul. Zu meinem großen Ärger hielten Milizionäre das Auto an und erklärten, dass sie mitfahren wollten nach Kabul. Einer stieg erst auf der einen Seite ein und zweie schickten sich an, auf der anderen Seite einzusteigen. Ich habe fluchtartig das Auto verlassen, zwischen diesen beleibten Herren wollte ich mich auf keinen Fall einzwängen lassen. Sie fanden dann auch ganz normal, dass ich mich vorne zu Sadat quetschte.

Sadat, offenbar in Angst, es könne auf die letzten Meter jetzt noch Schwierigkeiten geben, gebot mir, bloß die Klappe zu halten. Die werden sonst misstrauisch und wollen wissen, woher Du kommst, was Du in Logar gemacht hast und so weiter, meinte er. Ich war so sauer, dass ich mich nur mit Mühe beherrschen konnte. Und in Kabul angekommen, wo ich mich sicher fühlte, redete ich auch trotz des Verbotes von Sadat. Die dreie hinter uns hat es aber nicht im Mindesten interessiert.

Im Süden von Kabul ließ uns der Taxifahrer raus, ich verabschiedete mich von Sadat, aß noch eine Portion Pommes und suchte mir dann ein Taxi nach Taimani.

4.April

Mit meiner Kollegin ohne Schleier in Karam

Letzte Woche war noch mal richtig was los. Erst kam mich am Mittwoch Abend Bettina , meine Kollegin, abholen. Ich habe die Gelegenheit genutzt, sie zu fragen, ob sie mit mir vielleicht noch mal nach Karam fahren möchte. Weil ich das doch gerne fotografieren wollte. Sie hatte Lust und Zeit dazu und so sind wir bis zu dem Ort gefahren und anschließend noch zu Gulsars Gehöft gelaufen (die Straße geht nur bis zur Ortsmitte, danach gibt es nur den Weg für Fußgänger und Maulesel).

Es war wieder richtig schön, besonders weil die Obstblüte unmittelbar bevorsteht und es an vielen Stellen schon richtig grün geworden ist. Auch einige Blumen habe ich gesehen, den Huflattich habe ich erkannt.  Als wir losfuhren, habe ich Bettina vorsichtig wegen einem Kopftuch gefragt. Sadat meinte, das sei nicht nötig. ‚We have now democracy’ sagte er empört, aber auch ein wenig spöttisch. Mir war es dann sehr peinlich, Bettina darauf angesprochen zu haben.

Und tatsächlich, die Leute haben zwar geguckt, aber ein Problem war es zu keinem Zeitpunkt. Nur eine Reihe von Mädchen, die auf dem Feld arbeiteten, fingen fürchterlich an zu kichern. Bettina meinte: ‚Davon werden sie wohl noch ein Leben lang erzählen.’ Und ich setzte lachend hinzu: ‚Ja, ‚a nacked women’.’ Ich dachte mir dann, da hätte Svenja auch nicht die ganze Zeit auf dem Hof ein Kopftuch tragen müssen.

Entwicklungshilfeprojekte in Hezarak

Hezarak ist durch und durch eine Landwirtschaftsregion (wie fast überall in Afghanistan). So überwiegen bei den Entwicklungshilfeprojekten - neben medizinischer Versorgung und dem Bau von Schulen und dergleichen - die Arbeit in diesem Sektor. Die Erklärungen meiner Lehrlinge, warum sie zu spät gekommen sind, sind entsprechend: Die Kuh war krank, mein Esel ist gestorben und ich musste nach einem Neuen suchen, oder: Auf dem Weg zur Arbeit bat mich ein Nachbar, ihm beim Säen zu helfen. Ob ich wolle, dass sein Nachbar nicht richtig aussät?

Neben der eigentlichen landwirtschaftlichen Beratung gibt es aber auch den Wasserbausektor und das ist schon sehr interessant: Einmal sind das sehr große Brunnen, etwa zweieinhalb Meter im Durchmesser, die von unten her hoch gemauert werden (wenn sie nicht zu früh auf Wasser stoßen und dann nicht mauern können - dann bröckelt nur leider die Erde vom Rand her langsam wieder ins Loch) und der Bewässerung der Felder dienen. Zum anderen sind das aber die so genannten Kareze, in denen unterirdisch Wasser von Quellen an zu bewässernde Stellen gebracht werden. Manchmal sind das übermauerte Kanäle, manchmal aber sind es Stollen, die durch Berge getrieben werden. Das hat in Afghanistan seit vielen Jahrhunderten Tradition, wenn nicht länger (ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, ob es nicht vielleicht schon viel älter ist). Leider hat UNHCR aus mir nicht bekannten Gründen die Unterstützung für diesen Teil des Wasserbaus eingestellt.

Zum Dritten gibt es dann noch die überirdischen, sichtbaren Kanäle, die ich immer wieder beeindruckend finde. Über viele Kilometer wird das Wasser vom eigentlichen Fluss- oder Bachbett abgezweigt, bis es dann irgendwann weit oberhalb des Talgrundes entlang fließt und so über viele Terrassen hinweg bewässern kann.

Es muss halt nur genug Wasser im Bach sein. Denn obwohl es jetzt schon seit fünf Wochen immer wieder regnet und das Grundwasser von Kabul inzwischen nicht mehr ganz so schrecklich schmeckt, wie am Anfang meiner Zeit, sind die Quellwasserreservoire in den Bergen noch lange nicht aufgefüllt. Die Bäche führen meist nur dann Wasser, wenn es gerade regnet. Darauf versiegen sie wieder.

Aber immerhin: Der Kabulfluss, der Panjir -Fluss, der Logar -Fluss, alles Flüsse hier in der Gegend, sie alle führen jetzt wieder durchgängig Wasser. Die Teppichverkäufer in Kabul, die ihre Stände im Flussbett hatten, mussten zum großen Teil dem Wasser weichen.

Lesen lernen, ein Lehrer und Frustration über die eigene Arbeit mit den Lehrlingen

Nun ist das Ende meiner Dienstzeit immer absehbarer und ich will versuchen, noch möglichst viel aufzuschreiben, bevor ich alles vergesse. Diese Woche saß ich abends mit Ing. Mir Shah zusammen und dann kamen im Radio plötzlich die Namen meiner Lehrlinge und am Schluss auch mein Name. Hab ich mich aber gefreut! Da waren wohl an einem Tag, an dem ich noch nicht da oder schon weg war, ISAF- Soldaten im Hof erschienen und haben nach einem Musikwunsch meiner Leute gefragt.

Vor einiger Zeit hatte ich mit einem meiner Anfänger, einem lieben, schlaksigen, jungen Kerl namens Sardar, ein Einzelgespräch. Sardar ist ein ganz eifriger Lerner und auch intelligent, aber Analphabet (wie sich dass anhört, wo das hier doch ganz normal ist). Irgendwie dachte ich, ich muss ihm ein Leselernbuch oder so was beschaffen, weil ich die Schriftsprache ja selber nicht beherrsche und auch nicht unterrichten kann. Er fand die Idee toll.

Später sprach mich der ältere Machmad erneut auf Geld an und ich sann darüber nach, wie ich ihm, dem Vater von ‚acht Kindern und einem Jungen' wohl am Besten würde helfen können. Es widerstrebt mir irgendwie, den Leuten einfach nur Geld in die Hand zu drücken.

Inzwischen habe ich ihn schon oft an der Tafel unterrichten lassen (Mathe für Fortgeschrittene), ein leibhaftiger Lehrer Böckel und dann war irgendwie klar: Der soll meine Analphabeten unterrichten. Ein bisschen habe ich dabei ein schlechtes Gewissen, weil es wieder einmal ausschließlich Männer sind, die ich da unterstütze. Ich habe ihn trotzdem gefragt und er hat sich wohl ziemlich gefreut, war gleich dabei, sich die Rahmenbedingungen zu überlegen und einen Lehrplan festzulegen. Dann erzählte er mir, dass er in Pakistan schon unterrichtet hätte, ihm nur für Afghanistan irgendeine Abschlussprüfung fehlt. War ich stolz auf mich, wohl ein echter Volltreffer.

Als Bettina vom Entwicklungsdienst mich diese Woche abholen kam, hat er sie auch gleich angesprochen, ob der Entwicklungsdienst seinen Unterricht nicht vielleicht länger bezahlen könne. Bettina hat mich später danach gefragt, weil so eine Unterstützung unter bestimmten Regeln schon möglich wäre. Aber ich konnte ihr da keine Empfehlung geben, weil ich keine sinnvolle Kontrolle weiß. Und ein weiteres Problem hatte ich: Wem gebe ich das Geld für den Unterricht? Also wem kann ich so vertrauen. dass dann auch wirklich Unterricht sein wird? Ihm selbst? Den Lehrlingen? Einem von den Chefs dort?

Ich habe mich dann entschlossen, ihm den Hauptteil des Geldes zu geben und Said Machmat den anderen Teil. Said Machmat fand meine Idee toll und bot von sich aus an, das Geld treuhändlerisch zu übernehmen und später auszuzahlen. Für mich war es nicht besonders viel: 150 Euro für 50 Schulstunden. Ein Lehrer verdient normal das Einheitsgehalt aller Staatsbediensteten von 40 Dollar im Monat (soweit ich gehört habe). Das reicht eigentlich nicht für eine Familie.

Ich fragte Machmad, ob Said Machmat okay für ihn sei, ob er da sicher sei, das Geld auch zu bekommen (immerhin sind einige Lehrlinge auf NGE schlecht zu sprechen und erzählen viele böse Unterschlagungsgeschichten). Ja klar, meinte er, das ist immerhin der Sohn meiner Schwester! Oh nein, dachte ich. Erstens weiß ich jetzt auch, warum er einen Platz im Schreinerworkshop bekommen hat, obwohl er schon so alt ist und eigentlich gar nicht dazu passt. Ich dachte, dass sei eine besonders soziale Nummer von Said Machmat gewesen, weil Machmad so arm ist. Und zweitens bin ich gleich im Kopf alles durchgegangen, was ich mit meiner großen Klappe inzwischen über NGE meinen Lehrlingen erzählt habe.

Über meine eigene Arbeit war ich diese Woche etwas frustriert. Ich hatte mir doch Mühe gegeben, den Lehrlingen etwas über die Formveränderungen des Holzes beim Trocknen beizubringen. Bei der praktischen Anwendung musste ich jetzt feststellen, dass es niemand verstanden hat.  Kann natürlich sein, dass mir wieder mein lieber Kollege Einnullah dazwischengefunkt hat, der den Lehrlingen andere Anweisungen gegeben hat, als ich. Ich habe mich dann vor die Klasse gestellt und gesagt, dass ich ein schlechter Lehrer sei, weil ich es nicht geschafft hätte, ihnen dieses Wissen beizubringen. Das hat sie alle sehr beeindruckt. Und ich glaube, dass das einige jetzt wirklich behalten haben, schon alleine um mir zu beweisen, dass ich kein schlechter Lehrer bin. Vielleicht sogar Einnullah.

27.März

Religion in Afghanistan

Mitte März war ein hoher schiitischer Feiertag. Der war ein bisschen heikel, weil die Schiiten eine Minderheit in dem ansonsten mehrheitlich sunnitischen Afghanistan sind und dieser Feiertag irgendwie eine Erinnerung an einen Krieg zwischen den Glaubensrichtungen ist. Prompt gab es bei uns hier auf der Kreuzung auch eine kleinere Schlägerei zwischen Jugendlichen beider Gruppen. Ganz in der Nähe ist übrigens auch noch eine Moschee der Ismaeliten, die wiederum eine schiitische Abspaltung sind.

Mohammad, selbst Sunnit, stand tagsüber draußen vor der Tür, schaute den Massenansammlungen vor der kleinen schiitischen Moschee zu und sagte nachdenklich zu mir: „Das ist nun alles 1300 Jahre her und wir wissen eigentlich alle nicht mehr so richtig, wer von uns Recht hat mit seiner Darstellung der Geschichte.“

Ich glaube, der dritte Imam war es, der auf dem Weg zu einer Stadt, in der seine Anhänger lebten, umgebracht worden ist und die Schiiten geißeln sich nun seit 1300 Jahren an diesem Jahrestag selbst, weil ihre Vorfahren ihm nicht zur Hilfe geeilt sind. Benjamin wollte sich diese Geißelungen unbedingt anschauen, aber ich hatte dazu keine besondere Lust. Mir hat schon gereicht, was ich von hier oben aus meinem Zimmer, vage in der Moschee schräg gegenüber erkennen konnte.

Den Abend zuvor hatten sie sich gemeinsam im Takt nur auf die Brust geschlagen, aber am eigentlichen Feiertag sollte es dann mit Peitschen, die ausgewählte Männer (sie waren ganz in grün gekleidet) sich selbst über die Schulter auf den Rücken schlagen, richtig zur Sache gehen. Benjamin und ich sind ein bisschen durch die Straßen gelaufen, auf denen immer wieder Schiiten in langen Konvois fuhren oder als eine Art Prozession durch die Straßen liefen. Ganz in schwarz war auch an einigen Stellen eine Art Zelt aufgebaut, wo sie sich dann trafen. Aus Solidarität hatte übrigens die ganze Stadt frei.

Meine Lehrlinge fragten mich diese Woche, ob ich auch von der Gottesoffenbarung in Deutschland wüsste. Es sei schon etwa zehn Jahre her, aber es stand wohl in den Zeitungen und für sie war es eine ganz wichtige Sache. In irgendeinem deutschen Park hätten sich die Blätter alleine zu den Worten: Allah ist groß' geformt. Sie hätten Bilder davon gesehen und es würde ganz sicher stimmen. Auch wären einige Deutsche daraufhin zum Islam übergetreten.

Ich sagte ihnen, dass diese Geschichte nur Propaganda ist (was sie vehement bestritten). Fundamentalistische Christen würden bei Bedarf ähnliche Geschichten auch über islamische Länder erzählen. Ich würde keine davon glauben und ich fände viel wichtiger als solche Geschichten, dass es eben ein und derselbe Gott sei, an den Christen und Moslems glauben. Ich kann ihren großen Hunger nach allem und jedem ja meistens gut nachvollziehen und bin immer ganz gerührt, wenn irgendjemand trotz aller Armut die Kraft aufbringt, irgendein Geschenk abzulehnen. Manchmal aber ärgert es mich, dass sie so grenzenlos fordern können und oft gerade dann unzufrieden werden, wenn sie etwas bekommen.

Ich habe ihnen deshalb diese Woche das Märchen von dem Fischer und seiner Frau erzählt. Bei mir hieß es aus Gründen der besseren Identifikation: Die Fischerin und ihr Mann' und es war ihr Mann, der grenzenlos forderte. Ein paar waren durch die ständigen Wiederholungen etwas abgenervt, aber die meisten sind begeistert mitgegangen. Als aber der Fischer der 1. Iman sein wollte, waren alle so gebannt von dieser Ungeheuerlichkeit, das es mucksmäuschenstill wurde. Ich entschloss mich deshalb, es dabei zu belassen, und zu verschweigen, dass dem Fischer dieser Wunsch gewährt wurde und er danach Gott selbst sein wollte.

Hermidula, einer meiner Lehrlinge, der gerne kämpft und fordert, meinte dann auch: Der Fischer sei wie die Amerikaner. Ich lachte, antwortete dann aber, dass ich diese Geschichte für mich selbst als wichtig empfinden würde: Es sei gut, Wünsche zu haben, aber es sei mir auch wichtig zu wissen, was ich wirklich brauche und wünschen kann und was nicht.

22.März

Handwerk in Afghanistan: „Es macht wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht.“

Ich denke, ein ganz wesentlicher Aspekt meiner Arbeit hier ist, dass ich völlig ohne Strom arbeite und alles, was ich lehre, sich nur auf Handarbeit bezieht. Das ist eigentlich nicht so die Stärke eines deutschen Handwerksmeisters, zum Glück aber meine. Meine Leute können sehr schnell arbeiten, im Allgemeinen schneller als ich. Aber auf dem Bazar und natürlich besonders bei meinen Lehrlingen, die zum Teil ja Anfänger sind, sehe ich sehr unsaubere Arbeiten. Maßhaltigkeit, genaue, saubere Verbindungen gibt es selten. Selbst Einnullah, mein Co-Teacher arbeitet nicht besonders sauber. Für die Zwingen werden keine Zulagen genommen, andere Druckstellen gar nicht erst beachtet, wenn Holz ausreißt, ist das auch in Ordnung.

Das Holz ist so teuer, dass eine vernünftige Holzauswahl kaum möglich ist. Ich habe versucht, zu erklären, dass der Kern eines Holzes keinesfalls genommen werden darf, aber Einnullah hat meine Lehrlinge dann hinterher doch angewiesen, auch Holz mit der Mark- (Kern) röhre zu nehmen. Das bedeutet natürlich, dass das Holz sehr reißt. Vor allem auch die Benutzung von Nägeln macht die Arbeit unsauber. Das Holz reißt auch dort oft auf, die Hammerschläge beschädigen das Holz, es bleibt der Nagelkopf sichtbar. Manchmal bricht mit dem Nagel eine ganze Ecke des Holzes weg. Das passiert oft, wenn kleinere Reparaturen am eigenen Werkstück vorgenommen werden. Da kleine Zwingen nicht üblich sind, wird eigentlich immer mit Hilfe von Nägeln geleimt, die alles noch schlimmer machen.

Die Fenster und Türen werden mit Bändern hergestellt, wie wir sie an alten Truhen haben, der Schreiner nennt sie Lappenbänder. Die sind mit Schrauben befestigt, die aber oft der Schnelligkeit halber mit dem Hammer eingetrieben werden.

Es gibt nicht, wie in Deutschland, die Einspannmöglichkeiten für ein Werkstück. So wird das, was ich bearbeite, fast immer mit dem Fuß gehalten. Oft stehen meine Leute auf dem Werktisch und sägen das mit dem Fuß gehaltene Holz von oben mit dem Fuchsschwanz. Jedes Holz wird mit der Rauhbank, mit der ich inzwischen ganz gut umgehen kann, erst glatt gehobelt. Die Rauhbank ist ein sehr langer Hobel, der das Holz eben macht. Vorausgesetzt, er ist gut geschärft und auch anderweitig in Ordnung.

Anfangs haben meine Lehrlinge von mir erwartet, dass ich ihre Werkzeuge in Ordnung halte. Sie brachten mir einen Hobel: ‚Geht nicht' und wenn ich ihn dann in die Hand nahm, wollten sie zufrieden abziehen in der Erwartung, ihn später geschärft und repariert wieder zurückzubekommen. Das hätte mir auch geholfen. Denn, selbst wenn ich es irgendwann schaffe, das Teil zu reparieren, kann ich oft noch nicht erklären, was ich da eigentlich gemacht habe. Aber Ausbildung bedeutet natürlich, ihnen beizubringen, wie sie es selbst machen müssen.

Zum Glück sind ja viele Dinge analog, so dass ich mit meinem Wissen über den normalen Hobel auch schnell erfasse, warum eine Rauhbank nicht so arbeitet, wie sie soll.
Trotzdem ist den meisten schon klar geworden, dass ich vorher noch nie mit einer Rauhbank gearbeitet habe. Aber für die vielen Sachen, die eben in Afghanistan üblich sind und nicht in Deutschland, arbeite ich ja auch mit meinem Co-Teacher Einnullah zusammen, von dem ich selbst lerne. Meine Stärken sind deshalb mein sauberes, genaues Arbeiten, vor dem sie alle ehrfürchtig staunen und mein im Vergleich doch umfangreiches, theoretisches Wissen über Verbindungen, Werkzeug und Holz.

Wenn nur Einnullah auch bereit wäre, von mir zu lernen. Obwohl er selbst wohl ganz gut erklären kann, hat er eine ausgeprägte Abneigung gegen Theorie. Soweit ich beurteilen kann, was er erklärt. Denn wenn er an der Tafel steht, fällt mein Übersetzer Sadat immer in so eine Art Lethargie, aus der ich ihn nur schwer erwecken kann. Mit viel persönlicher Energie bringe ich ihn manchmal dazu, mir einen oder zwei Sätze von Einnullah zu übersetzen. Wonach er wieder beharrlich schweigt. So sitzen wir beide während des Vortrages von Einnullah da und träumen vor uns hin.

Als wir die Werktische gebaut haben, habe ich ihnen gezeigt, wie man eine Gratleiste macht. Eine Gratleiste hält ein Vollholzbrett (wie zum Beispiel die Arbeitsfläche der Werkbänke) gerade und lässt das Holz trotzdem arbeiten, d.h. schwinden. Wenn ich ihnen etwas Neues zeige, behaupten sie oft (besonders Einnullah), das sei zu schwierig. Dabei hat der, der die Leiste dann machte, nur zwanzig Minuten dafür gebraucht.

Lange habe ich dafür gebraucht, zu erklären, dass Holz arbeitet, also sich zusammenzieht, wenn es trocknet und sich ausdehnt, wenn es Feuchtigkeit aufnimmt. In Deutschland ist das eine der wichtigsten Grundregeln fürs Schreinern. In Afghanistan wird das natürlich in vielen Verbindungen praktisch angewendet, aber sie wissen nicht unbedingt, warum. Einnullah jedenfalls ganz sicher nicht.

Die Arbeitsfläche der Werkbänke wollte er in der Fläche verleimen und dann aber auf der Unterkonstruktion festschrauben. Das muss reißen habe ich gesagt und: Gut, wir machen halt beides und schauen es uns einen Monat später noch mal an. Diese Woche haben wir es uns gemeinsam angeschaut: Die verleimten und verschraubten Tische sind entweder in der Leimfuge gerissen oder, wenn es gut und richtig geleimt war, mitten durchs Holz. Der Tisch mit der Gratleiste ist in der Breite zwei Zentimeter schmaler geworden, aber nicht gerissen. Erst schien es, als hätten sie verstanden. Aber dann verleimte Einnullah den Stuhl, den er zum Vorzeigen für die Lehrlinge gebaut hatte, wieder in genau der Art und Weise, dass die Sitzfläche mitten im Holz reißen muss. Ich habe es nur für ihn erneut erklärt und vielleicht hat er es verstanden.

Ich glaube, in unseren fachlichen Auseinandersetzungen geht es ihm oft um seine Selbstbehauptung. Ich habe deshalb anfänglich oft nachgeben, auch weil ich hoffte, von ihm zu lernen. Aber nachdem ich jetzt schon recht häufig anschaulich sehen konnte, warum ich als Schreiner irgendetwas so und nicht anders mache, bestehe ich nun regelmäßiger auf meiner Methode. Ich werde ja auch eigentlich nicht dafür bezahlt, dass ich etwas lerne, sondern dass etwas von meinen Kenntnissen und Fähigkeiten in Afghanistan bleibt.

In der direkten Konfrontation ziehe ich aber häufig den Kürzeren. Viele, einschließlich Einnullah, sind einfach sehr stur. Und wenn ich irgendetwas jetzt und hier geändert haben will, dann passiert einfach gar nichts. Zum Glück gefällt mir das grundsätzlich (nur im jeweiligen Moment halt nicht). Außerdem habe ich auch mit meinem Sohn gelernt, rechtzeitig aus einer Eskalation auszusteigen und nicht Willen brechen zu wollen. Wenn ich es unbedingt will, wird es noch lange nicht gemacht.

Oft ist es für sie sehr einfach zu erklären, warum ich sauberer als sie arbeite: Ich habe einfach das bessere Werkzeug (das sie oft ausleihen wollen). Werkzeug aus Deutschland ist immer viel besser. Vor allem besser als pakistanische Produkte, die immer schlecht sind, sagen sie. Ich habe dann zeitweilig mit ihrem Werkzeug gearbeitet, um ihnen zu zeigen. dass es eben nicht an der Badehose liegt, wenn der Bauer nicht schwimmen kann. Außerdem habe ich einigen, deren Werkzeug auch nicht scharf war, gesagt, dass sie es nicht behalten können, wenn sie gar nicht damit arbeiten.

Ein paar Sachen habe ich als Beispiel gebaut, weil es anschaulich besser zu erklären ist, als an der Tafel. Trotzdem glaube ich, dass ein guter Schreiner auch theoretische Sachen nachvollziehen können muss, sonst gibt es bald Grenzen in dem, was er lernen kann. Deshalb mache ich gleichzeitig weiter mit meinem theoretischen Unterricht. Da unterrichte ich auch Fachrechnen. Ich habe sie in zwei Gruppen eingeteilt. Es gibt eine Gruppe, in der ich die Grundrechenarten lehre, das kleine Einmaleins durchnehme (ich habe es mit arabischen Zahlen geschrieben und als Kopie an alle verteilt) oder auch nur addieren über Zehnergrenzen übe.

In der anderen Gruppe nehmen wir Dreisatz, Bruchrechnen und Kommazahlen durch. Ich wusste gar nicht, wie schwer es ist, zu erklären, warum 0,5 durch 0,0125 geteilt vierzig ergibt. Als letztes will ich mit ihnen Raumberechnung machen, um die Frage zu klären, wie viele Bretter ein Stamm ergibt. Spaß macht es mir, das Gelernte gleich im drauffolgenden Praxisunterricht abzufragen: Wie viele Schrauben brauchst Du, wenn Du hier am Fenster vier Bänder hast mit je sechs Schrauben? Na ja, oft stellt sich dann heraus, dass es nicht ganz die richtige Formulierung ist zu sagen: 'Das Gelernte abzufragen'.

Gut hat sich bewährt, mir die von ihnen gebauten Werkstücke mit jedem Lehrling einzeln genau anzugucken und zu bewerten. Ich versuche dann immer die Ecke zu finden, die gut geworden ist und zu sagen: Das ist toll geworden. Fast alle meine Lehrlinge sind mit Lob leicht zu erreichen. Der Krieg hat sie eben sehr hungrig gemacht, auch auf Lob. Auf die Art habe ich deutliche Verbesserungen ihrer Arbeit erzielen können. Obwohl ich auch viele verzierte Schreinerarbeiten gesehen habe, überwiegt in dieser Wiederaufbauzeit eindeutig die Funktion des Gebauten. Es ist oft nicht ganz so wichtig, wie es aussieht. Und das hängt im Grunde natürlich mit den Kundenwünschen zusammen. Auch in Deutschland macht es wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht. Das wird eben nicht bezahlt.

Über das hier verwendete Holz kann ich übrigens gar nichts lehren. Ich kann die verschiedenen Holzsorten weder voneinander unterscheiden, noch kenne ich ihre Eigenschaften. Ich sehe nur, dass es erstaunlich viele verschiedene Sorten gibt und eine Eichenart habe ich erkannt. Zu meinem Entsetzen als Feuerholz in größerer Menge. Plattenmaterial gibt es auch, Spanplatten, die hier espanpalat heißen, und Sperrholz in allen Stärken und meist schlechter Qualität. Vieles ist so, wie ich mir Schreinerei in Deutschland vor etwa hundert Jahren, vielleicht auch direkt nach dem 2.Weltkrieg, vorstelle.

Öfter kommt irgendjemand und will irgendetwas von mir persönlich gebaut haben. Ich bin dann schnell abgenervt, weil sie dafür auch nichts bezahlen wollen. Wildfremde Menschen behaupten, dass das Gebaute sie dann immer an mich erinnern würde, wenn ich wieder in Deutschland bin.

Obwohl ich inzwischen ein wenig den anderen kulturellen Hintergrund verstehe, aus dem heraus sie mich auf so etwas anquatschen, sind meine Emotionen noch eindeutig europäisch. Ich bin dann immer ärgerlich. Ich bin es gewohnt, dass alles bezahlt wird und dass man höflich fragt, ob jemand etwas für einen machen kann und es nicht fordert.

In unserer individualisierten Welt wird eben viel über Geld geregelt, viele Beziehungen unter den Leuten sind Warenbeziehungen. Für die Afghanen ist das völlig unverständlich, weil vieles über Freundschaft und deshalb als Geschenk läuft. Weil jemand, der über Mittel verfügt, mehr Geschenke machen kann und diese Geschenke dann ‚Seilschaften' herstellen, sprechen wir von Korruption oder Unterschlagung.

So ist die Vehemenz, mit der auch ich auf Bezahlung und Abrechnung bestehe, im Grunde nichts anderes als die Durchsetzung der Warengesellschaft, ‚Entwicklungshilfe' eben.

21. März

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