leben in kabul

Drei junge Kabuler über ihre Kindheit, die Situation an der Schule und die Sicherheitslage in Afghanistan


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Basheer (19), lernt deutsch am Goethe-Institut und studiert in der Literaturfakultät an der Universität Kabul. Basir (17) und Shamsullah (18) gehen beide in die 11. Klasse an der Amani-Oberrealschule, eine Schule mit Deutschschwerpunkt im Zentrum Kabuls. Ich führe ein halbstündiges Interview mit den drei jungen Kabulis über ihre Kindheit in einem Vorort Kabuls und in Pakistan und die Situation an der Schule. An diesem Tag gab es einen Anschlag in der Nähe der Wohnung von Basir bei dem er viele Tote sah und so ist auch die allgemeine Situation in Afghanistan und Sicherheitslage Thema des Gesprächs.

Mit 5 Jahren lebte Basir außerhalb Kabuls. Damals gab es oft Kämpfe und in der Gegend, wo Basir lebte, kämpfte Massud gegen Sayyaf. Ein einschneidendes Erlebnis damals war als nach einer Explosion eine menschliche Hand vom Himmel geflogen kam. Der Vater Basirs grub die Hand daraufhin ein.

Leben in Kabul: Auto fahren, Taxis, Einladungen zum Tee und die Faszination von Bildern

Inzwischen bin ich äußerlich so assimiliert, dass mich letzte Woche ein Junge ganz selbstverständlich auf Dari ansprach, ob er auf meinem Fahrradgepäckträger mit bis zur nächsten Straßenkreuzung fahren könne. War ich stolz. Überall in Kabul gibt es quer über die Straßen Bodenwellen, manchmal aus Panzerketten, meist aus Erde oder auch kleine Gräben, an denen die Autos langsam fahren müssen. Ganz oft sitzen dort BettlerInnen, die auf Almosen warten, manchmal liegen sie auch mitten auf der Straße, die Burka tragenden Frauen manchmal mit Kindern auf dem Arm in Auspuffhöhe oder die Kinder mit dem Kopf zur Fahrbahn vor sich liegend. Manchmal sehe ich auch Kinder am Steuer der Autos, neun, zehn Jahre alt.

Generell wird sehr regellos gefahren, aber bis auf die Geheimdienstautos oder manchmal sehr elegante, neue Wagen mit jungen Männern als Fahrer und Beifahrer, fahren alle nach meiner Beobachtung viel weniger aggressiv als in Deutschland (ich muss aber dazu sagen, dass einige Kollegen diese Einschätzung nicht teilen).

Alle rechnen mit Regelverstößen und bremsen, anstatt Gas zu geben, wenn ihnen jemand gerade die Vorfahrt nehmen will. Für mein Fahrradfahren ist das sehr angenehm zu spüren. Nur an das ewige Gehupe musste ich mich sehr gewöhnen. Es ist halt kein Zeichen der Empörung, wie bei uns, sondern nur: ‘Achtung, ich überhole dich jetzt’ oder auch: ’Pass auf, ich will abbiegen.’ Inzwischen bin ich dankbar für das Hupen, weil es eben auch bedeutet: ‚Vorsicht’ oder: ‘Ich habe dich gesehen.’

Auf den Straßen liegen viele Teppiche, immer wieder. Mir wurde erzählt, die lägen dort, um aus neuen, billigeren Teppichen, Ältere zu machen. Ich kann’s immer noch nicht so richtig glauben.

Von etwa 100 Leuten auf den Straßen in Kabul (in Hezarak sehe ich bis auf ganz seltene Ausnahmen nur Männer) sind etwa 70 Männer, darunter 5 Soldaten/ Polizisten, 25 Kinder, darunter unter 10 Mädchen, und 5 Frauen, etwa drei mit Burka.

Immer wieder habe ich natürlich mit Taxifahrern zu tun. Viele lehnen erst mal ab, dass ich überhaupt bezahle, meist als Höflichkeitsfloskel (die ich als Geste trotzdem nett finde) und manchmal auch hartnäckig, im Ernst. Ich habe mich bisher immer durchgesetzt, weil sie ja wirklich für mich gearbeitet haben, aber schade fand ich’s manchmal schon, so ein Geschenk nicht anzunehmen.

Ein paar der Taxifahrer versuchen einen auszunehmen und immer wieder ärgere ich mich richtig darüber. Komisch, dass mich das so ärgert. Wahrscheinlich wieder die alte Leier, dass ich einfach der tolle Almosenbringer sein will und nicht undankbare Leute um mich haben. Ein anderes Mal habe ich mich mit einem Taxifahrer eine ganze Weile über den Preis gezankt und das ist mir heute noch peinlich. Ich hatte mich gewundert, dass er so viel Geld wollte, weil er eigentlich ein ganz Netter war. Ich hatte mehrere Ziele nach einander mit ihm angefahren. Er gab dann auch nach und später merkte ich, dass ich mich schlicht verrechnet hatte.

Eine Fahrt kostet so zwischen 30-60 Afghani, je nach Fahrer, ein bisschen auch je nach Länge. Ich bezahle eigentlich starrköpfig immer nur 50 Afghani, frage auch inzwischen manchmal vorher gar nicht erst nach dem Preis, sondern bezahle am Ende der Fahrt einfach meinen einen Euro. Das gefällt mir schon alleine deshalb, weil die Netten sich dann freuen und die Gierhälse sich ärgern. Wenn ich mehrere Sachen zu erledigen habe, ist es oft besser, jedes Mal ein neues Taxi anzuhalten, weil die Fahrer sich auch das Warten bezahlen lassen. Schwerer fällt es mir, mit den 1 Afghani teuren Bussen zu fahren, weil ich so schlecht herausbekomme, wohin sie denn eigentlich fahren.

Oft werde ich nach einem Job gefragt, oder ob der Sohn bei mir in die Ausbildung gehen könne. Oder ich soll sie mit nach Deutschland nehmen. Ganz oft werde ich auch zu einem Tee eingeladen, viel als Floskel, manchmal im Ernst. Ich erkenne es daran, was passiert, wenn ich ”Dankeschön” als Antwort sage. Meist ist es dann okay, manchmal beharrt jemand auf seiner Einladung. Ich glaube aber, ich würde immer einen Tee bekommen, wenn ich wollte, auch auf eine eigentlich nicht ernst gemeinte Einladung. Ich habe auch schon den ganzen Monatslohn einer Person hingehalten bekommen: ‘Brauchst du?’ –auch so eine Sitte gegenüber guten Freunden (und ich glaube, hauptsächlich gegenüber jenen guten Freunden, von denen man erwartet, dass sie ‚Nein’ sagen).

Astrid erzählte, dass sie schon häufig von Männern gefragt wurde, ob sie nicht heiraten wolle. Und nicht als Spaß.

Schwierigkeiten habe ich mir selbst eingebrockt, als ich ein paar Bilder von den Kindern aus der Nachbarschaft gemacht habe, Papierbilder diesmal, und sie dann anschließend an die Kinder verteilt. Das sprach sich sehr schnell herum. Und zog immer weitere Kreise. Ich war dann doch bald überfordert. Und sie teilen diese Bilder auch nicht. Wenn drei Leute auf einem Bild sind, dann wollen sie alle drei dieses Bild und ich habe mit Sicherheit danach zwei Leute, die richtig sauer auf mich sind. Wenn ich drei Bilder von den gleichen Leuten gemacht habe, sackt alle drei der erste ein, der sie in die Hände bekommt.

Selbst die Ingenieure, die: ”lass mich doch mal alle Bilder angucken” sagten, waren schwer zu bewegen, Bilder wieder herauszurücken, auf denen auch sie zu sehen waren. Ich habe später dann die Bilder schon vorsortiert und keiner konnte alle Bilder sehen. Wenn aber einmal die Besitzverhältnisse klar waren, dann konnten sie untereinander –manchmal- sich ihre Bilder zeigen. Insgesamt war es aber erstaunlich schwer mit meinen Bildern und hat eher Unfreude gebracht.

19.März

Meine Unterkunft in Kabul

Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt gibt es viele bewaffnete Kräfte. Es sind etwa 15 Grad und es ist trocken. Der berüchtigte Kabuler Staub wirbelt bereits kräftig durch die Straßen. Vor dem Goethe-Institut passieren wir drei Sicherheitsbarrieren. Hier im Institut werde ich auch wohnen.

Es ist ein zweistöckiges Gebäude. Früher war es einmal die Botschaft der DDR. Gegenüber ist das Außenministerium und die chinesische Botschaft (ganz so wie in Berlin, wo ich auch gegenüber der chinesischen Botschaft gewohnt habe). Hinter dem Institut ist der Geheimdienst (die mit den abgedunkelten Vans ohne Nummernschilder) und ein Stück weiter die Kabuler Residenz von dem Warlord Dostum. Dort finden ab und zu Parties statt, die vor allem im Sommer verhindern sollen, dass man zu früh einschläft.
 

Kutschi-Nomaden, ein großer Weinberg und liebe und ablehnende Gesten in Kabul

Bei einem Gang mit Astrid zum Interkonti begegnen uns zwei Frauen, wahrscheinlich Kutschi-Nomaden, weil sie fast gar nicht verschleiert waren und mich direkt ansprachen. Ich gab einer der beiden Frauen 20 Afghani für beide, weil die andere Frau etwas abseits stand. Ein kleiner Junge kam dazu gelaufen und bedeutete mir, den Frauen nichts zu geben, warum auch immer. Gleich darauf wusste ich es: Die zweite Frau kam dazu und wollte auch 20 Afghani. Ich verwies sie an ihre Begleiterin, die daraufhin schnell das Geld einsteckte. Verärgert ging ich weiter, worauf die zweite Frau das Schreien anfing. Zum Glück war ich schnell genug, dass sie sich mir nicht in den Weg stellen konnte. Wir sind dann einfach zügig weiter, ohne uns umzusehen, konnten sie aber noch sehr lange schimpfen hören.

Auf diesem Gang wählten wir einen neuen Weg und kamen an einem großen Weinberg vorbei, der offensichtlich gepflegt wurde. Nur schien auch hier das Wasser zu fehlen. An einem Hang waren fast alle Häuser ganz neu aufgebaut, neu verputzt. Es sah im grellen Sonnenlicht alles sehr gleichmäßig, ordentlich und gestochen scharf aus, richtig auffällig. Weiter oben war ein sehr großer Wasserspeicher, der aber schon Jahre nicht mehr in Benutzung ist, weil es kein Wasser gibt zum Speichern. Auf der anderen Seite des Berges lag eine kleine Festung, die aussieht, wie ein amerikanisches Fort aus Indianerkriegs- Zeiten.

Viel leckeres Gemüse und Obst in Afghanistan, keine Wolken und kein Tropfen Regen

Ich glaube, ich habe selten so viel Gemüse gegessen, wie hier. Wir haben auch immer Äpfel, Apfelsinen, Mandarinen, Bananen. Schade, dass es die superleckeren Trauben jetzt nur noch selten gibt, und wenn, dann vergleichsweise teuer (80 Afghani, also ca. 1,50 € pro Kilo). Anfangs hatten wir dafür 15 Afghani bezahlt.

Mir gefällt es auch gut, dass es hier länger hell ist, als zu Hause. Im Augenblick wird es gegen 6.20 hell und gegen 17.00 Uhr dunkel, Sonnenaufgang ist eine halbe Stunde nach dem Hell-Werden, Sonnenuntergang dementsprechend gegen 16.30 Uhr. Außer an den ersten Tagen, an denen es geregnet hat, ist der Himmel fast immer wolkenlos. Es gab mal zwei, drei Tage mit Wolken und ich hoffte schon, es würde wieder regnen. Wenn ich etwas diesem gebeuteltem Land wünsche, dann Regen (Frieden aber auch). Fünf Jahre fast kein Regen, das hält kein Land aus. Und vorher hatte Afghanistan (fast) immer genug Wasser, heißt es. Oft schon habe ich gehört, die Dürre sei die Strafe Gottes für die Taliban und jetzt, wo sie weg sind, könne es wieder regnen. Ganz im Ernst. Ich glaube das aber nicht: die Taliban waren Strafe genug.

Spaziergang in Kabul: Schweißen auf der Straße und eine bewegungslose Bettlerin im Tschadori

Bei einem Spaziergang entdecken wir auf einer Freifläche ganz tiefe Löcher im Boden, so etwa fünf Meter tief, unten Wasser und Müll. Sind die, um Wasser für die Lehmziegeln zu haben? Oder waren das früher Brunnen von Häusern, die es nicht mehr gibt?

Mehrfach sehe ich Leute beim Schweißen, völlig ohne Schutzschild. Arbeitsschutz gibt es hier nur rudimentär, auch an den Schreinereimaschinen, die ich bisher gesehen habe. Die Armen, die zum Teil stundenlang an der Kreuzung arbeiten müssen.

Einmal sah ich eine Bettlerin, die an einer dicht befahrenen Straße mit ihrer ausgestreckten Hand auf der Erde lag. Ich weiß gar nicht, wie die es schafft, nicht überfahren zu werden. Unter ihrem Tschadori ist das Sehen sowieso schon schwer, aber die hat gar nicht mehr geguckt. Vielleicht war sie auch tot. Bettler, die auf der Straße übernachten, habe ich öfter gesehen; einer lag so reglos da, mit Erfrierungen an Händen und im Gesicht, dass er gut auch tot sein konnte. Es ist nachts jetzt richtig kalt, ich denke, mehr als 5 Grad minus.

Donnerstag 28. November

Ein paar Tage WG mit Arun und ein Gefallen für den Wächter

Mittags kommt Arun. Er will mit uns WG machen. Warum mit uns und was er darunter versteht, ist mir nicht ganz klar. Später denke ich, dass er vielleicht etwas deutsche Kultur als Ruhemöglichkeit sucht. Aber vorerst gibt er sich total Mühe, will richtig einsteigen. Haushaltskasse, einkaufen, und er kocht schon am zweiten Tag für uns. Ich sage ihm: ”Arun, Du sollst hier nicht noch eine anstrengende Arbeit haben, du musst dich auch ein bisschen ausruhen.”

“Wir machen hier so, wie es in der Vorbereitungszeit in Deutschland war”, sagt er. Das hat ihm wohl gut gefallen. Über mich hat er viele lobende Worte, dass ich mich wirklich einsetzen würde usw. Das tut mir auch mal gut zu hören. Während seiner Zeit bei uns kommt er einmal völlig geschafft und erledigt nach Hause. Bekannte von früher hatten ihn eingeladen und pausenlos auf ihn eingeredet. Nur leidvolle Geschichten aus Mujaheddin- und Taliban Zeiten: Tote, Folter, Flucht, Verlust von Menschen, Gesundheit und Besitz. Und er war nur als stummer Zuhörer gefordert. “Wenn ich wenigstens auch mal hätte irgendetwas jammern dürfen, wie: Ja, stimmt, 1998 im Juni, da hat mir mein rechter Arm auch fürchterlich wehgetan...”

Afghanistan und Schwierigkeiten der Kommunikation: ‚Mit ‚Warum?’ fängt der Krieg an’

Nach dem Lernen habe ich mit Mohammad und einem Nachbarsjungen Volleyball gespielt. Ich fand das richtig nett. Eine Menge kleinerer Kinder standen mit herum, holten sofort den Ball, wenn er mal wegflog. Nach einer Weile musste Mohammad kurz in unseren Hof zurück und ein paar der Kinder versuchten neugierig einen Blick in unseren Hof zu werfen. Da nahm er zu meinem Entsetzen einen Stein und warf ihn nach den Kindern.

Kurz darauf kam noch richtig sauer ein Nachbar dazu und beschimpfte die Kinder und gebot ihnen, abzuhauen. Er hatte wohl beobachtet, dass die Kinder die letzten Tage immer angelaufen kamen, wenn ich nach Hause kam. Öfter hatten sie sich richtig in einer Reihe aufgebaut und ich habe ihnen einer nach dem anderen die Hand gegeben und ‚Asalam Aleikum’ gewünscht. Ich fand das richtig toll. Die ersten Wochen waren es nur Jungen, später kamen auch Mädchen dazu. Ein Mädchen brachte sogar Freundinnen mit, um ihnen zu zeigen, wie sie dem Ausländer die Hand gibt. Ich fragte also den Nachbarn, warum er denn die Kinder wegschicken wolle, ich hätte jedenfalls meine Freude an ihnen. Die Kinder würden immer frecher. Morgen würden sie mir ins Haus laufen, meinte er und schrie wieder die Kinder an. ‚Tschera?’ fragte ich: ‚Warum?’ Ob ich vielleicht Französisch könne? Das musste ich leider verneinen. – Jedenfalls sei er in Frankreich gewesen und kenne sich aus mit der Welt. Er wolle mir nur helfen und ich würde schon sehen, was ich davon hätte. Beleidigt zog er von dannen. Unsicher blieb ich zurück und fragte Mohammad, ob er meine, dass der Nachbar mir tatsächlich nur helfen wolle. Der wusste das auch nicht. Einen Tag danach ist er zum Nachbarn gegangen, hat nachgefragt und meinte dann, es sei alles okay. Aber mich hat aus diesem Haus fortan kaum jemand mehr gegrüßt. Mohammad meinte: “Die grüßen auch die anderen Nachbarn nicht”. Viel später erklärte er mir, dass Afghanen nicht so oft ‚Tschera?’ fragen. Es gäbe ein Sprichwort, das besagt: ‚Mit ‚Warum?’ fängt der Krieg an’. Mir wurde klar, warum ich so oft das viel schwierigere ‚As hotereke?’ gehört hatte, in etwa: ‚Aus welchem Grund?’

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