schreinerhof

Letzter Ärger und Abschied aus Hezarak

Komisch, hier nun zu sitzen, zweieinhalb Wochen nach meiner letzten Nacht im Container, mir kommt das alles schon meilenweit weg vor. In der letzten Woche dort hat mich tatsächlich noch ein Magenvirus erwischt. Ich denke mal, der Koch hat mir das Wasser nicht abgekocht. Ist ja auch wenig einsichtig: Alle trinken das Wasser pur, es ist sauber und nur diese Weißnase will’s immer abgekocht haben. Eher ein Wunder, dass er’s die ganze Zeit für mich abgekocht hat.

Oh, das war ein böser Tag, ich wirklich völlig erledigt und bis mein Stuhl wieder normal war, das hat über eine Woche gedauert. Als ich da so über dem berühmten Loch hing, habe ich auch gedacht, jetzt lass ich wirklich alles los. Ich war ja so froh, dass meine Zeit zu Ende geht und dachte gar nicht daran, richtig Abschied zu nehmen. Aber ich habe eben doch Orte und Menschen lieb gewonnen, da hat halt mein Körper für mich losgelassen.

Und es wurde grüner, es wurde wärmer! Nebenbei hat mir das einen Haufen Fliegen im Container beschert und ich wusste dann auch plötzlich, warum mir ganz am Anfang einer der Wächter gesagt hatte: Es fehlt nur noch das Gitter vor dem Fenster. Ich war ganz entsetzt gewesen: Gitter vorm Fenster, ich bin doch kein Gefangener! Jetzt, mit den vielen Fliegen, wusste ich: Er meinte nur ein Fliegengitter.

Ich glaube, wir haben uns alle gefreut, das Grün zu sehen. Nicht nur die vielen Obstbäume, nicht nur die Bewässerungskulturen (von weitem konnte ich ein paar Tage einen richtigen Wasserfall hören, der aber auch künstlich war und Wasser auf bestimmte Felder brachte), auch die ganze höher gelegene Ebene von Hezarak bekam einen grünen Schleier. Sogar an den Bergen krallten sich ein paar Pflanzen fest.

Geärgert habe ich mich auch auf meine letzten Tage. Nasim, der Chef der Wächter und Lagerverwalter, betont penibel nach außen und gerne für sich am Abzweigen, drohte meinen Lehrlingen, dass das Lotterleben bald vorbei sei. Dann sei dieser Fremde endlich weg und dann sei er wieder ihr Chef. Irgendwie hat mich das mehr beschäftigt und gekränkt, als ich zuerst gedacht hatte. Eigentlich wusste ich, dass er mich nicht leiden kann.

Er ist ein ehemaliger Militär und ist aus dem Hassen noch nicht so richtig raus. Er versuchte noch zu verhindern, dass die Lehrlinge ihre selbstgebauten kleinen Schränke mit nach Hause nehmen durften. Dass ich ihnen das ermöglicht hatte, fanden alle NGE- Leute richtig doof. Ich hatte aber vorher Said Machmat danach gefragt, er hat es wohl nur nicht so richtig verstanden und als er es verhindern wollte, war es wirklich schon zu spät dazu, die Schränke waren schon gebaut.

Ich musste auch ein paar Zeilen schreiben und drei Leute informieren, um sicher zu stellen, dass er Ali Mohammad, einen meiner Leute, auch wirklich die versprochene und von mir bezahlte Werkbank mitnehmen ließ. Vor lauter Sorge, alle von uns gebauten Sachen könnten so langsam verschwinden, sobald ich weg bin, habe ich meinem Abschlussbericht eine ausführliche Inventarliste angehängt.

Zum Beispiel durfte ich die in der Abschlussprüfung gebauten kleinen Bänkchen nicht zum Materalpreis an meine Lehrlinge geben (die sie gerne genommen hätten), an die NGE- Leute aber schon. Die wollten auch alle gerne eines, waren aber nicht bereit, für das Holz zu zahlen. Ich denke, sie haben alle auf den Tag meiner Abreise gewartet und dann die Beute unter sich aufgeteilt.

Diese Regel, dass zwar etwas für den privaten Bedarf aller Leute gebaut werden
kann (solange es der Ausbildungsablauf zulässt), aber dass Holz dafür bezahlt werden müsse, scheint sehr unafghanisch gewesen zu sein.

Dabei kam sie nicht einmal von mir, sondern Ing. Mir Shah hatte sie im Gespräch mit den NGE- Kollegen, die gerade auf dem Hof waren, auf meine Nachfrage hin gemacht.
Ich habe mich dann daran gehalten, mir aber nur Feinde damit gemacht. Bestenfalls auf völliges Unverständnis bin ich gestoßen. Als Freund hätte ich ganz selbstverständlich das Holz, was zwar nicht mir gehört, aber über das ich verfügen kann, verschenkt. Eher noch als Sachen aus meinem tatsächlichen Besitz. So habe ich also beständig demonstriert, dass ich an Freundschaft kein Interesse habe.

Ich habe dann NGE am Ende des Workshops zwar Geld für Sachen, die wir für andere gebaut haben, übergeben, aber es war ausschließlich mein Geld, wie zum Beispiel das Geld für die Werkbank von Ali Mohammad. Lediglich der arme Co-Teacher Einnullah hat auf mehrfache Nachfrage für einen kleinen Stuhl für seine Tochter das Geld bezahlt und war deshalb total sauer auf mich.

Er hat übrigens bis zum Schluss sich die Namen der Lehrlinge kaum merken können (erstaunlich für einen Afghanen) und gegen Ende der Ausbildung zu meinem Entsetzen gerne bei ‚Leutnant’ Nasim übernachtet, wenn er in Kabul war. Was wohl auch bedeutet, dass er dessen Aktionen mitdeckt.

Für meine theoretische Abschlussprüfung brauchte ich in der letzten Woche die beiden Räume der Ingenieure für etwa zwei Stunden. Was an sich kein Problem war, weil Ing. Mir Shah als einziger der NGE- Ingenieure auf dem Hof war. Als ich ihn fragte, ob ich denn diese Räume haben könne, fragte er mich anstelle einer Antwort, was denn mit den beiden Klassenräumen wäre, die wir beantragt hatten.

Wir beide wussten, dass es gemein ist, mich für die damalige Ablehnung verantwortlich zu machen. Außerdem war es ja wohl unverhältnismäßig für zwei Stunden den Bau zweier Klassenräume zu verlangen. Mich hat das richtig getroffen, auch nachdem er die Benutzung nach dieser rhetorischen Frage erlaubt hatte. Ing. Mir Shah, der immer sehr höflich redete und immer lachte, wenn er mich sah, konnte mich in Wirklichkeit nicht ausstehen. Aber immer wieder hatte er wohl die Hoffnung, durch mich nach Deutschland zu kommen oder sonst welche Vorteile zu haben. Anfangs hat er mich wohl den anderen gegenüber als Kommunisten bezeichnet, ein Attribut, das mir in Hezarak richtig gefährlich hätte werden können. Ich hatte einmal gegen die ganz Reichen gelästert, dass solcher Reichtum verboten gehört.

In der Folgezeit habe ich dann nach allen Seiten ausgiebig über die Sowjets hergezogen, um das wieder hinzubiegen. Endgültig krumm hat er mir dann aber wohl genommen, als ich über den üblen Fundamentalisten Sayyaf eine Bemerkung verloren habe. Der hatte zum Beispiel die Wahnvorstellung gehabt, Kabul als Sündenpfuhl völlig ausrotten zu müssen und erst auf den ausgebleichten Knochen und planierten Ruinen nach einer Zeit der Grabesruhe ein neues, wahrhaft moslemisches Kabul wiederaufbauen zu können.

Said Machmat sagte zu mir in meiner letzten Woche: Es wäre nicht gut für ein Land, wenn eine ganze Gruppe von Menschen vom Wiederaufbau ausgegrenzt würden. Er meinte damit weniger die Taliban, als vielmehr Hektmatyar und seine Anhänger. Aber wie einen Konsens mit Leuten finden, denen alles andere als ihre spezielle Ideologie einen neuen Krieg wert ist?

Qiam, einer meiner Lehrlinge, wollte denn auch nicht abseits stehen bei dem Spiel ‚Burkhard ärgern’. Er erzählte mir nicht ohne Stolz, dass er drei Fenster an einem Tag bauen könne. Er ist derjenige gewesen, der am Saubersten arbeiten konnte, sauberer noch als Einnullah. Und war immer als einer der letzten fertig. Für sein erstes Fenster mit mir (das auf Zeit und nicht auf Stück bezahlt wurde) hatte er drei Wochen gebraucht. Na toll.

An die Esskultur hatte ich mich in diesen Monaten so gewöhnt, dass ich mich bei einem Besuch vom Bundesarbeitsamt (einer der Geldgeber von ZIM) in Hezarak nur schwer auf alle Einzelheiten deutscher Esskultur besinnen konnte. Ich hatte zwar daran gedacht, dass wir da nicht auf dem Boden sitzen können, jeder einen eigenen Becher braucht und Besteck anstelle der Finger zum Essen nimmt. Ganz vergessen hatte ich aber dafür zu sorgen, dass auch jeder einen eigenen Teller bekommt. Wenn es nicht etwas peinlich gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich laut gelacht.

Heute war mein Übersetzer Sadat zum letzten Mal mich besuchen. Er berichtete, dass ’alle’ nach mir fragen würden: „Did you see Burkhard? A really good guy! He’s no normal German!“ Ich hatte Sadat das letzte Mal noch ein paar Afghani mitgegeben, weil ich mich beim Umrechnen des Lohnes bei vier Leuten verrechnet hatte. Es hat sie wohl tief beeindruckt, dass ich eine Woche später dieses Geld noch schickte. Und dass ich das versprochene zweite Zertifikat noch habe bringen lassen, fanden sie toll. Sogar einer der Milizionäre hätte nach mir gefragt, meinte Sadat.  Das hat mir gut getan zu hören, auch wenn ich mir nach wie vor sicher bin, dass ich in Hezarak mehr Leute geärgert habe, als Freunde gewonnen. Aber das ist vielleicht auch nicht meine primäre Aufgabe gewesen.

Das Kapitel ‚Hezarak’ ist für mich jetzt beendet. Die Leute werden bleiben, aber meine Welt sieht nun wieder ganz anders aus. Worauf ich jetzt noch scharf bin ist, eine Ausgabe der Wuluswali- Zeitung in die Hand zu bekommen, in der ein Interview mit mir abgedruckt ist.

19. April

Handwerk in Afghanistan: „Es macht wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht.“

Ich denke, ein ganz wesentlicher Aspekt meiner Arbeit hier ist, dass ich völlig ohne Strom arbeite und alles, was ich lehre, sich nur auf Handarbeit bezieht. Das ist eigentlich nicht so die Stärke eines deutschen Handwerksmeisters, zum Glück aber meine. Meine Leute können sehr schnell arbeiten, im Allgemeinen schneller als ich. Aber auf dem Bazar und natürlich besonders bei meinen Lehrlingen, die zum Teil ja Anfänger sind, sehe ich sehr unsaubere Arbeiten. Maßhaltigkeit, genaue, saubere Verbindungen gibt es selten. Selbst Einnullah, mein Co-Teacher arbeitet nicht besonders sauber. Für die Zwingen werden keine Zulagen genommen, andere Druckstellen gar nicht erst beachtet, wenn Holz ausreißt, ist das auch in Ordnung.

Das Holz ist so teuer, dass eine vernünftige Holzauswahl kaum möglich ist. Ich habe versucht, zu erklären, dass der Kern eines Holzes keinesfalls genommen werden darf, aber Einnullah hat meine Lehrlinge dann hinterher doch angewiesen, auch Holz mit der Mark- (Kern) röhre zu nehmen. Das bedeutet natürlich, dass das Holz sehr reißt. Vor allem auch die Benutzung von Nägeln macht die Arbeit unsauber. Das Holz reißt auch dort oft auf, die Hammerschläge beschädigen das Holz, es bleibt der Nagelkopf sichtbar. Manchmal bricht mit dem Nagel eine ganze Ecke des Holzes weg. Das passiert oft, wenn kleinere Reparaturen am eigenen Werkstück vorgenommen werden. Da kleine Zwingen nicht üblich sind, wird eigentlich immer mit Hilfe von Nägeln geleimt, die alles noch schlimmer machen.

Die Fenster und Türen werden mit Bändern hergestellt, wie wir sie an alten Truhen haben, der Schreiner nennt sie Lappenbänder. Die sind mit Schrauben befestigt, die aber oft der Schnelligkeit halber mit dem Hammer eingetrieben werden.

Es gibt nicht, wie in Deutschland, die Einspannmöglichkeiten für ein Werkstück. So wird das, was ich bearbeite, fast immer mit dem Fuß gehalten. Oft stehen meine Leute auf dem Werktisch und sägen das mit dem Fuß gehaltene Holz von oben mit dem Fuchsschwanz. Jedes Holz wird mit der Rauhbank, mit der ich inzwischen ganz gut umgehen kann, erst glatt gehobelt. Die Rauhbank ist ein sehr langer Hobel, der das Holz eben macht. Vorausgesetzt, er ist gut geschärft und auch anderweitig in Ordnung.

Anfangs haben meine Lehrlinge von mir erwartet, dass ich ihre Werkzeuge in Ordnung halte. Sie brachten mir einen Hobel: ‚Geht nicht' und wenn ich ihn dann in die Hand nahm, wollten sie zufrieden abziehen in der Erwartung, ihn später geschärft und repariert wieder zurückzubekommen. Das hätte mir auch geholfen. Denn, selbst wenn ich es irgendwann schaffe, das Teil zu reparieren, kann ich oft noch nicht erklären, was ich da eigentlich gemacht habe. Aber Ausbildung bedeutet natürlich, ihnen beizubringen, wie sie es selbst machen müssen.

Zum Glück sind ja viele Dinge analog, so dass ich mit meinem Wissen über den normalen Hobel auch schnell erfasse, warum eine Rauhbank nicht so arbeitet, wie sie soll.
Trotzdem ist den meisten schon klar geworden, dass ich vorher noch nie mit einer Rauhbank gearbeitet habe. Aber für die vielen Sachen, die eben in Afghanistan üblich sind und nicht in Deutschland, arbeite ich ja auch mit meinem Co-Teacher Einnullah zusammen, von dem ich selbst lerne. Meine Stärken sind deshalb mein sauberes, genaues Arbeiten, vor dem sie alle ehrfürchtig staunen und mein im Vergleich doch umfangreiches, theoretisches Wissen über Verbindungen, Werkzeug und Holz.

Wenn nur Einnullah auch bereit wäre, von mir zu lernen. Obwohl er selbst wohl ganz gut erklären kann, hat er eine ausgeprägte Abneigung gegen Theorie. Soweit ich beurteilen kann, was er erklärt. Denn wenn er an der Tafel steht, fällt mein Übersetzer Sadat immer in so eine Art Lethargie, aus der ich ihn nur schwer erwecken kann. Mit viel persönlicher Energie bringe ich ihn manchmal dazu, mir einen oder zwei Sätze von Einnullah zu übersetzen. Wonach er wieder beharrlich schweigt. So sitzen wir beide während des Vortrages von Einnullah da und träumen vor uns hin.

Als wir die Werktische gebaut haben, habe ich ihnen gezeigt, wie man eine Gratleiste macht. Eine Gratleiste hält ein Vollholzbrett (wie zum Beispiel die Arbeitsfläche der Werkbänke) gerade und lässt das Holz trotzdem arbeiten, d.h. schwinden. Wenn ich ihnen etwas Neues zeige, behaupten sie oft (besonders Einnullah), das sei zu schwierig. Dabei hat der, der die Leiste dann machte, nur zwanzig Minuten dafür gebraucht.

Lange habe ich dafür gebraucht, zu erklären, dass Holz arbeitet, also sich zusammenzieht, wenn es trocknet und sich ausdehnt, wenn es Feuchtigkeit aufnimmt. In Deutschland ist das eine der wichtigsten Grundregeln fürs Schreinern. In Afghanistan wird das natürlich in vielen Verbindungen praktisch angewendet, aber sie wissen nicht unbedingt, warum. Einnullah jedenfalls ganz sicher nicht.

Die Arbeitsfläche der Werkbänke wollte er in der Fläche verleimen und dann aber auf der Unterkonstruktion festschrauben. Das muss reißen habe ich gesagt und: Gut, wir machen halt beides und schauen es uns einen Monat später noch mal an. Diese Woche haben wir es uns gemeinsam angeschaut: Die verleimten und verschraubten Tische sind entweder in der Leimfuge gerissen oder, wenn es gut und richtig geleimt war, mitten durchs Holz. Der Tisch mit der Gratleiste ist in der Breite zwei Zentimeter schmaler geworden, aber nicht gerissen. Erst schien es, als hätten sie verstanden. Aber dann verleimte Einnullah den Stuhl, den er zum Vorzeigen für die Lehrlinge gebaut hatte, wieder in genau der Art und Weise, dass die Sitzfläche mitten im Holz reißen muss. Ich habe es nur für ihn erneut erklärt und vielleicht hat er es verstanden.

Ich glaube, in unseren fachlichen Auseinandersetzungen geht es ihm oft um seine Selbstbehauptung. Ich habe deshalb anfänglich oft nachgeben, auch weil ich hoffte, von ihm zu lernen. Aber nachdem ich jetzt schon recht häufig anschaulich sehen konnte, warum ich als Schreiner irgendetwas so und nicht anders mache, bestehe ich nun regelmäßiger auf meiner Methode. Ich werde ja auch eigentlich nicht dafür bezahlt, dass ich etwas lerne, sondern dass etwas von meinen Kenntnissen und Fähigkeiten in Afghanistan bleibt.

In der direkten Konfrontation ziehe ich aber häufig den Kürzeren. Viele, einschließlich Einnullah, sind einfach sehr stur. Und wenn ich irgendetwas jetzt und hier geändert haben will, dann passiert einfach gar nichts. Zum Glück gefällt mir das grundsätzlich (nur im jeweiligen Moment halt nicht). Außerdem habe ich auch mit meinem Sohn gelernt, rechtzeitig aus einer Eskalation auszusteigen und nicht Willen brechen zu wollen. Wenn ich es unbedingt will, wird es noch lange nicht gemacht.

Oft ist es für sie sehr einfach zu erklären, warum ich sauberer als sie arbeite: Ich habe einfach das bessere Werkzeug (das sie oft ausleihen wollen). Werkzeug aus Deutschland ist immer viel besser. Vor allem besser als pakistanische Produkte, die immer schlecht sind, sagen sie. Ich habe dann zeitweilig mit ihrem Werkzeug gearbeitet, um ihnen zu zeigen. dass es eben nicht an der Badehose liegt, wenn der Bauer nicht schwimmen kann. Außerdem habe ich einigen, deren Werkzeug auch nicht scharf war, gesagt, dass sie es nicht behalten können, wenn sie gar nicht damit arbeiten.

Ein paar Sachen habe ich als Beispiel gebaut, weil es anschaulich besser zu erklären ist, als an der Tafel. Trotzdem glaube ich, dass ein guter Schreiner auch theoretische Sachen nachvollziehen können muss, sonst gibt es bald Grenzen in dem, was er lernen kann. Deshalb mache ich gleichzeitig weiter mit meinem theoretischen Unterricht. Da unterrichte ich auch Fachrechnen. Ich habe sie in zwei Gruppen eingeteilt. Es gibt eine Gruppe, in der ich die Grundrechenarten lehre, das kleine Einmaleins durchnehme (ich habe es mit arabischen Zahlen geschrieben und als Kopie an alle verteilt) oder auch nur addieren über Zehnergrenzen übe.

In der anderen Gruppe nehmen wir Dreisatz, Bruchrechnen und Kommazahlen durch. Ich wusste gar nicht, wie schwer es ist, zu erklären, warum 0,5 durch 0,0125 geteilt vierzig ergibt. Als letztes will ich mit ihnen Raumberechnung machen, um die Frage zu klären, wie viele Bretter ein Stamm ergibt. Spaß macht es mir, das Gelernte gleich im drauffolgenden Praxisunterricht abzufragen: Wie viele Schrauben brauchst Du, wenn Du hier am Fenster vier Bänder hast mit je sechs Schrauben? Na ja, oft stellt sich dann heraus, dass es nicht ganz die richtige Formulierung ist zu sagen: 'Das Gelernte abzufragen'.

Gut hat sich bewährt, mir die von ihnen gebauten Werkstücke mit jedem Lehrling einzeln genau anzugucken und zu bewerten. Ich versuche dann immer die Ecke zu finden, die gut geworden ist und zu sagen: Das ist toll geworden. Fast alle meine Lehrlinge sind mit Lob leicht zu erreichen. Der Krieg hat sie eben sehr hungrig gemacht, auch auf Lob. Auf die Art habe ich deutliche Verbesserungen ihrer Arbeit erzielen können. Obwohl ich auch viele verzierte Schreinerarbeiten gesehen habe, überwiegt in dieser Wiederaufbauzeit eindeutig die Funktion des Gebauten. Es ist oft nicht ganz so wichtig, wie es aussieht. Und das hängt im Grunde natürlich mit den Kundenwünschen zusammen. Auch in Deutschland macht es wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht. Das wird eben nicht bezahlt.

Über das hier verwendete Holz kann ich übrigens gar nichts lehren. Ich kann die verschiedenen Holzsorten weder voneinander unterscheiden, noch kenne ich ihre Eigenschaften. Ich sehe nur, dass es erstaunlich viele verschiedene Sorten gibt und eine Eichenart habe ich erkannt. Zu meinem Entsetzen als Feuerholz in größerer Menge. Plattenmaterial gibt es auch, Spanplatten, die hier espanpalat heißen, und Sperrholz in allen Stärken und meist schlechter Qualität. Vieles ist so, wie ich mir Schreinerei in Deutschland vor etwa hundert Jahren, vielleicht auch direkt nach dem 2.Weltkrieg, vorstelle.

Öfter kommt irgendjemand und will irgendetwas von mir persönlich gebaut haben. Ich bin dann schnell abgenervt, weil sie dafür auch nichts bezahlen wollen. Wildfremde Menschen behaupten, dass das Gebaute sie dann immer an mich erinnern würde, wenn ich wieder in Deutschland bin.

Obwohl ich inzwischen ein wenig den anderen kulturellen Hintergrund verstehe, aus dem heraus sie mich auf so etwas anquatschen, sind meine Emotionen noch eindeutig europäisch. Ich bin dann immer ärgerlich. Ich bin es gewohnt, dass alles bezahlt wird und dass man höflich fragt, ob jemand etwas für einen machen kann und es nicht fordert.

In unserer individualisierten Welt wird eben viel über Geld geregelt, viele Beziehungen unter den Leuten sind Warenbeziehungen. Für die Afghanen ist das völlig unverständlich, weil vieles über Freundschaft und deshalb als Geschenk läuft. Weil jemand, der über Mittel verfügt, mehr Geschenke machen kann und diese Geschenke dann ‚Seilschaften' herstellen, sprechen wir von Korruption oder Unterschlagung.

So ist die Vehemenz, mit der auch ich auf Bezahlung und Abrechnung bestehe, im Grunde nichts anderes als die Durchsetzung der Warengesellschaft, ‚Entwicklungshilfe' eben.

21. März

Einnullah, der Co-Teacher auf dem Schreinerhof in Hezarak

Irgendwann bekomme ich Abdul Einnullah vorgestellt: Er sei ein sehr guter Schreiner, mit ihm solle ich zusammenarbeiten. Abdul Einnullah ist etwa dreißig Jahre alt, ein kleiner, drahtiger Mann mit einer spitzen Nase, spitzbübischem Gesicht und braungebrannt. In der Zeit bevor ich kam, als ein Teil meiner Azubis und andere für das UNHCR-Programm Fenster bauten, war er mit als Ausbilder beschäftigt. Er sei ganz arm, wird mir berichtet, gerade arbeitet er in Kabul in einer anderen Werkstatt mit, hat aber eine Frau und ein kleines Kind in der südlichen Nachbarprovinz Logar. Er zeigt mir sein Zimmer in Kabul: Etwa 2,5 x 3,5 m groß und sie übernachten dort, soweit ich zählen konnte, zu sechst.

Ich frage ihn, ob er mit mir Werkzeug für die Auszubildenden einkauft und zusammen (auch Svenja ist mit dabei) ziehen wir zwei Tage später los. Das hat viel Spaß gemacht, mit ihm zusammen Hobelmesser zu begutachten, die Zähne der Sägen genau anzuschauen und mit den Fingern über Bohrerspitzen zu streichen. Schnell wurde mir aber klar, dass er nicht allzu gut verhandeln kann und auch die Preise weniger gut kannte, als ich zuerst dachte: Er ist nie zur Schule gegangen und die Worte, die er schreiben kann, hat er sich selbst beigebracht. Leider haben wir viel zu viel Zeit gebraucht und es war schon abends und ich durchfroren, als wir endlich nach Hause sind. Eingekauft hatten wir in einer so engen Gasse, dass das Auto (für einen Tag vom Entwicklungsdienst) dort nicht hinkonnte. So hatte ich zwei Leute mit einer Schubkarre als Träger (oder Fahrer?) bezahlt, die mir das Zeug zum Auto brachten. Auch ein Gewerbe: Betriebsmittel Schubkarre. Für eine Fahrt verdienen sie normal 5 - 10 Afghani, also etwa 10 - 20 Euro-Cent.

Danach bat ich ihn, mir bei der Planung (inhaltlich und zeitlich) meiner Ausbildung zu helfen, zusammen mit meinem Übersetzer. Das war sehr anstrengend, zwei Tage lang, aber hat auch viel Spaß gemacht. Halima, die Putzfrau, bat ich für ein Extrageld, für uns zu kochen, weil ich wusste, dass einfach so Brot und Butter zum Mittagessen für die Afghanen undenkbar ist.

Leider stellte sich später heraus, dass die Zeitvorgaben von Einnullah recht unrealistisch waren. So hatten wir am Ende der Ausbildung geplant, sie alle einen kleinen Schrank für sich selbst bauen zu lassen. Aber nachdem wir für das erste Fenster anstelle der veranschlagten 3 Tage 3 Wochen gebraucht hatten, war klar, dass wir das gesamte Programm zusammenstreichen mussten. Und ich war in der doofen Lage, auch gegenüber den Verantwortlichen von NGE, irgendetwas vorweisen zu müssen, was wir denn so produzieren und zwar nicht für die Auszubildenden privat. Sie bekommen ja schon Werkzeug, Geld für die Ausbildung, Essen, und wir ließen sie eine Werkzeugkiste für sich bauen.

Als ich ihnen also irgendwann erklären musste, dass das mit dem Schrank wohl nichts werde, wurde es sehr unangenehm für mich. Sie hätten ihren Eltern schon davon erzählt, das müsse jetzt auch gebaut werden. Nur mühsam konnte ich die Wogen glätten. Aber ich glaube, nun bin ich nicht mehr der so ganz tolle Fremde. Einnullah, der Schlingel, der daran ja nicht ganz unbeteiligt war, stellte sich der Einfachheit halber auf die Seite der Schüler und bat mich, den Schrank doch bauen zu lassen. Ich war begeistert. Später stellte sich diese meine Androhung, den Schrank nicht bauen zu können, als sehr gelungene Aktion heraus: die Lehrlinge arbeiteten sehr viel schneller und einen gemeinsam erarbeiteten Zeitplan konnten wir so gut einhalten, dass schließlich doch noch Zeit für den Schrank übrig war.

Am Anfang bedachte ich Einnullah noch mit kleineren Geschenken, z.B. mit einem meiner Pullover, weil er immer im dünnen Hemdchen herumlief und ganz offensichtlich fror. Dass er barfuss in Plastiksandalen im Schnee herumläuft, ist dagegen hier ganz normal. Strümpfe würden ja auch nass. Das Taxi und das Essen bezahlte ich, klar. Er mühte sich auch, mir etwas zurück zu schenken, z.B. einen bemalten Holzvogel oder einmal, als ich ihn besuchte, kaufte er mir beim vorbeifahrenden Händler eine Tüte voll Pistazien. Ich war gerührt.

Nach dem ich aber so kräftig an meinem Image des superreichen Deutschen gebastelt hatte, versiegten diese Gegengeschenke verständlicherweise und wurden eher zu Forderungen an mich. Mir passierte dann das Gleiche, wie jedem anderen Fabrikbesitzer: meine tolle Gönnermiene kann ich nur aufbehalten, wenn ich freiwillig schenke und nicht mit eingeforderten Rechten konfrontiert werde. Ich reagierte also verstockt und ließ ebenfalls deutlich nach in meinem Geschenkeifer. Besonders, nachdem mir Einnullah seine Gehaltsforderung präsentierte: 300 Dollar pro Monat. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob er wirklich weiß, wie viel das ist. Jedenfalls ist es mehr als die vergleichsweise gutverdienenden Ingenieure von NGE verdienen, nur Said Machmat und Mir Rachim verdienen mehr.

Von Anfang an war nicht klar, wer Einnullah denn nun eigentlich bezahlt. Mir Rachim von NGE meinte, das sei Sache vom Entwicklungsdienst. Für Einnullah hätten sie auch kein Geld. Was mich sehr erstaunte bei dem vielen Geld, das sie für meinen Workshop bekommen sollten. Ich rechnete nach und kam auf höchstens 6000,- Dollar, die an Kosten anfallen würden, inklusive Bezahlung von Einnullah.

Meine Berechnungen legte ich meinem Ansprechpartner Said Machmat vor, mehr zur Kenntnisnahme und ohne groß darauf herumreiten zu wollen. Ich wollte nur, dass sie wissen, dass da jemand nachrechnet. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war, dass ich damit immer mehr in ihre finanziellen Geschichten involviert wurde, z.B. in das im Vergleich zum Ergebnis zu hoch abgerechnete Essensgeld für meine Auszubildenden.

Zusätzlich fühlte ich mich aber auch verantwortlich für den Lohn von Einnullah. Irgendwie hatte ich es ja akzeptiert oder bejaht, oder gewollt, mit ihm als Co-Teacher zusammen zu arbeiten. Zeitweilig überlegte ich gar, ihn notfalls für zwei Wochen selbst zu bezahlen. Einnullah hatte auf das Versprechen der Einstellung hin inzwischen seine Untermiete bei dem anderen Schreiner in Kabul aufgegeben.

Ich fragte also beim Entwicklungsdienst nach, wie und ob eine Einstellung möglich sei. Nein, meinte Holger Balke, einstellen könnten sie ihn nicht. Aber es sei möglich, dass der Entwicklungsdienst einen u.U. hundertprozentigen Gehaltszuschuss an NGE zahle. NGE müsse dafür einen Antrag stellen. Ich ging wieder zu NGE und erzählte davon.

Aus Versehen erwischte ich die falsche Hierarchieebene: Ich sprach mit dem (Holländer) Peter Beckum und verärgerte Said Machmat, der den Antrag aber schließlich schrieb. Beim Entwicklungsdienst war Karl Anders inzwischen aus dem Urlaub zurück, der offensichtlich auf jedweden Antrag verärgert reagiert und deshalb einfach nichts tut, bis man ihn fragt. Das bemerkte ich zwei Wochen später und hatte dann ein rundherum unerfreuliches Gespräch mit ihm. Seine Entscheidung ließ er weiterhin offen, so dass ich immer noch nicht wusste, ob und wie hoch Einnullah bezahlt wird.

Während unserer theoretischen Vorbereitung des Workshops holte ich Einnullah und meinen Übersetzer Sadat auch einmal von zu Hause ab, auch um zu sehen, wie Sadat denn so wohnt. Zufällig wohnt er ganz in der Nähe von Einnullah, von meinem Gästehaus aus aber am anderen Ende der Stadt. Im Grund sind die Häuser immer ziemlich gleich. Ein von hohen Mauern umgebener Hof, drinnen Lehmbauten mit großen Fenstern nach innen zum Hof hin. Die Freifläche fast immer vertrocknet und mit mehr oder weniger viel Gerümpel. Und in einem Raum, in dem sich garantiert keine Frauen aufhalten, gibt es Tee. In dem Raum sind meistens auch keine Möbel, manchmal ein Wandschrank, meist rohe Lehmwände, an der Decke sind die schmalen Holzbalken, auf denen Schwarten liegen, durch die wiederum ein Strohlehmgemisch sichtbar ist. Auf dem Boden Teppiche, rings rum an den Wänden Sitzkissen, manchmal in einer der Ecken gestapelte Matratzen.

Auf dem Hinweg hatte ich einen dieser "Milli"- Busse gesehen (Milli ist wohl irgendein Name) und die Idee bekommen, statt mit dem Taxi, mit einem dieser Busse zum Gästehaus in Taimani zurückzufahren. Sadat war hellauf begeistert: Da kommt dieser weiße Snob, der sich alles leisten kann, auf so eine Schnapsidee und anstelle bequem im Taxi zu sitzen, müssen sich nun drei Leute in enge Busse quetschen und da es keinen zentralen Omnibusbahnhof gibt, quer durch das halbe Stadtzentrum laufen, um den Anschlussbus zu bekommen.

Ich war ebenfalls hellauf begeistert: Die Busse fand ich weniger eng besetzt, als zu meiner Schulzeit, gehalten wird überall, wo jemand aussteigen oder einsteigen will. Fahrpläne gibt es nicht, nur Stellen, wo sehr wahrscheinlich demnächst ein Bus kommt und sich deshalb Leute sammeln. Auch unser Gang durchs Zentrum war toll: Vorweg ein unglaublich schneller und wendiger Einnullah, danach ich, zwischen all den Leuten verzweifelt nach Einnullah Ausschau haltend, Wasserpfützen und Schlammloch meidend (bloß keine Frau anrempeln) und vor plötzlich auftauchenden 4-jährigen mit einem Bauchladen voll Kaugummi strauchelnd, und weit hinterdrein ein missmutiger Sadat.

Im Bus ist immer vorne der Einstieg nur für Frauen, der mittlere eigentlich nur für Frauen, im Gang eine Schnur, die die Geschlechter trennt und hinten dann nur für Männer. Weil der Bus noch nicht voll war, wartete er noch, drei Bettler(innen), zwei junge Kaugummiverkäufer und einer mit Streichhölzern klapperten alle Reihen ab mit anfänglich gutem, später abnehmendem Ergebnis - und es wurde voller.

Als ich meinen Sitzplatz einem alten Herrn anbot, war Sadat endgültig entsetzt: Der Sitte entsprechend musste nun auch er aufstehen und es mir gleich tun. Und zu allem Überfluss werde ich zwei Haltestellen später (nach dem mich alle hatten Englisch reden hören) von mehreren Seiten handgreiflich genötigt, einen freigewordenen Platz einzunehmen, während er die ganze Fahrt stehen musste.

Als der (meistens halb zur Tür raushängende Schaffner) das Geld einsammelte (der darf übrigens zu der Frauenhälfte) erfuhr ich so nebenbei den Fahrpreis (1 Afghani = 2 Eurocent) und dass Einnullah und Sadat bisher ein ganz gutes Geschäft gemacht hatten, als ich ihnen das Taxi hin und zurück bezahlte (140 Afghani) und sie mit dem Bus gefahren sind. Sage und schreibe schon anderthalb Stunden später waren wir wieder in Taimani. So richtig eilig darf mensch es auch in Deutschland schließlich nicht haben, wenn frau Bus fährt. Die Afghanen haben aber auch eine etwas schnellere und auch billige Transportmöglichkeit: Sie steigen in schon besetzte Taxis mit dazu und zahlen dann zwischen 5 oder 10 Afghani. Das sind ‚Linientaxis’, die fahren bestimmte Routen.

Auch durch die Mithilfe von Svenja konnten wir den Container fast fristgerecht fertig stellen. Er war jedenfalls so weit, dass ich darin schlafen konnte. Und am 13. Januar fingen wir mit dem eigentlichen Kurs an. Ich hatte dieses Datum Said Machmat schon zwei Wochen vorher gesagt. D.h. wir wollten den Kurs anfangen, aber unsere Lehrlinge standen noch nicht fest. Said Machmat hatte sich, wie schon zuvor mit dem Essen und anderen Dingen auch, darum nicht gekümmert. Ich war zuerst stinksauer. Es stellte sich dann als gar nicht so schlecht heraus: mit Zweien baute ich zuerst die restlichen Sachen am Container fertig. Dreie, die kamen und behaupteten, sie gehörten auf jeden Fall zu dem Kurs, gab ich die Aufgabe, unseren Werkstattraum mit Planen und Stangen gegen den Winter zu schützen (anderthalb Seiten waren ja völlig offen gewesen). Und Einnullah gab ich mit zwei anderen die Aufgabe, für den Vorratsraum zwei Regale zu bauen, um unsere Materialien (und auch das Werkzeug, das ich noch verteilen wollte) zu lagern.

Dieses simple Kellerregal war eine echte Herausforderung für Einnullah, oder besser eine einzige Katastrophe. Danach wusste ich, dass ich diesem wirklich guten (so war er mir schließlich ja vorgestellt worden) Schreiner auch handwerklich überlegen bin. Da, wo er konstruktiv ganz gute Ansätze hatte, machte er sie durch miserable Ausführung wieder wett. Meine Vorschläge ignorierte er anfangs vollständig. Zum Beispiel baute er das Regal zusammen, ohne vorher den Türrahmen auszumessen, durch den er hindurch musste.

Das Regal wieder auseinander zu nehmen war aber schwierig, weil er die Konstruktion so gewählt hatte (auch gegen meinen Vorschlag), dass die Nägel ein Auseinandernehmen verhinderten. Schrauben schlug er mit dem Hammer ein, so dass die meisten krumm wurden und auch der Kopf nicht mehr zu benutzen war. Und zu guter Letzt war ein Regalbrett ganze acht Zentimeter schief im Regal (was ihn aber nicht störte).

Entgegen meinem Vorsatz, von ihm lernen zu wollen, bin ich letztendlich sehr massiv geworden, und habe ihm vorgeschrieben, wie er arbeiten sollte, zum Beispiel die Querteile des Regalrahmens einstemmen und nicht nur nageln.

Glasscheiben und Besuch in meinem Container in Hezarak

Für meinen Container brauchte ich auch Glasscheiben für die Fenster. Arnold wollte die besorgen und mitbringen, kein Problem. Hat er aber nicht. Mir Shah, einer der Ingenieure meinte dann, ich könne die auch bei dem Schreiner Wudood bestellen. Das fand ich eine gute Idee, weil ich gerne die örtliche Wirtschaft unterstützen will. Habe also Wudood die Maße gegeben und er hat mir versprochen, das Glas zuzuschneiden.

Am nächsten Montag bin ich mit einem Auto nach Hezarak gefahren, mit Sadat, meinem Übersetzer, Assad, dem Übersetzer von Arnold, und dem Fahrer von Arnold. Das Dorf des Schreiners lag (fast) auf dem Weg, aber alle außer mir waren der Meinung, es sei besser, erst mal nach Mundul zu fahren. Zum Glück wusste ich ja von der Woche vorher, wo er genau wohnte und setzte mich gegen alle durch. Dickkopf halt, denn er war tatsächlich nicht da, hatte (angeblich) seine Werkstatt abgeschlossen und vor allem (wie sich hinterher herausstellte) hatte er auch weder Glas, noch Glas zugeschnitten. Ich war also immer noch ohne Glas und eher blamiert. Der Fahrer hat mir zum Glück drei Tage später aus der Stadt Glas besorgt, das auch (fast) gepasst hat.

In dieser Woche (ich hatte inzwischen die großen Containertore zugemacht und meine Tür eingebaut) kamen wieder eine ganze Menge Leute, um den Container zu sehen, z.B. ein ganz alter Schreiner. Der Hausmeister von NGE (der nur Dari und Pashtu kann), Nasim, kam zu mir und ließ mir über Sadat sagen, dass ich diese Leute nicht in den Container lassen dürfe, die wären gefährlich. Ich antwortete, dass ich niemanden aus meinem Container rausschmeißen würde, die sollten ruhig alle gucken kommen.

Wenig später kam Mir Wais, einer der Intellektuellen (der aber nur sehr schlecht Englisch kann) und wiederholte, ich dürfe diese Leute nicht in den Container lassen. Ich meinte daraufhin, ich möchte niemanden meinen Container verbieten. Es sei ihre Aufgabe, diese "gefährlichen" Leute gar nicht erst in den großen Hof zu lassen. Abends sprach ich das Thema noch einmal an. Die anderen waren sich in Grunde einig, dass ich nicht jeden in mein Zimmer lassen dürfe und ich war mir auch einig, dass ich diese Arbeit nicht machen will. Zudem ich das Gefühl hatte, dass zum Beispiel der alte Schreiner völlig in Ordnung war, nur irgendwelche finanziellen Probleme mit der NGO hatte (irgend jemand munkelte: Der will noch Geld für Fenster, die er gebaut hat.).

Zum Glück fiel mir der Lösungsvorschlag ein, dass immer, wenn jemand Fremdes in meinen Container kommt, ich Sadat frage (der ja von Hezarak ist) und der dann wiederum im Zweifelsfalle einen der Ingenieure fragt. Und der muss dann eben kommen und meinen Gast vor die Tür setzen, wenn sie das unbedingt wollen. Das sei in Ordnung, meinten sie.

22.Dezember

Mein Tagesablauf auf dem Schreinerhof in Afghanistan

Morgens gegen 6.00 Uhr wache ich spätestens auf. Um 6.00 Uhr dämmert es schon ein bisschen. Man sieht aber noch die unglaublich hellen und vielen Sterne. Quer über den Hof gehe ich zu jener Toilette, die aus lediglich einem Loch im Boden besteht. Irgendjemand trifft zu meinem Leidwesen noch nicht mal dieses Loch genau. Diese Toilette ist auch eher etwas für die Ingenieure, draußen, außerhalb des Hofes gehen einige der Anderen sich auf freiem Feld entleeren.

Nach meinem Toilettengang wasche ich mich. Erstaunlicherweise ist es leicht möglich, sich mit dem Generator das Bad zu teilen und zum Glück hat mir Entwicklungsdienst-Kollege Egon für meinen Container Styroporplatten überlassen (die dünnen mit Alu für hinter die Heizung). Eine davon nehme ich um nicht festzufrieren beim Waschen. Ich könnte auch warmes Wasser haben, aber ich glaube, ich würde dann nachher noch mehr frieren als mit kaltem Wasser. Das Wasser habe ich mir holen lassen in einem eigenen Kanister. Allerdings nehmen das jetzt meine Jungs, um ihre rituellen Waschungen vorzunehmen vor dem Beten.

Werkzeug und Tee für die Schreiner in Hezarak

Die Lehrlinge brachten auch kein Werkzeug mit. Zumindest haben sie erst nur mit meinem gearbeitet. Ich weiß nicht, ob sie eigenes haben. Als meine Säge für Sher Sar zu schlecht war, hatte er aber schnell eine andere aufgetrieben und irgendwann auch noch einen Hammer. Erst mussten wir den Hammer wieder zurückbringen. (Einer hatte ihn abends vor dem Container aufgesammelt und mir gesagt, dass ich darauf achten sollte, dass das Werkzeug wieder zurückkommt.) Irgendwann war es mir zu lästig mit dem knappen Werkzeug und ich habe über das Wochenende auf Entwicklungsdienst-Rechnung etwas Werkzeug eingekauft. Drei Hämmer, zwei Sägen. Heute habe ich in einem Lagerschuppen eine Unterlegscheibe gesucht (erfolglos) und dabei sechs Sägen, etliche Hämmer und anderes Werkzeug in einer Pappschachtel in einem Wust von anderen Dingen gefunden. Na, das hätten sie auch rausrücken können. Aber wer weiß, warum sie es nicht tun. Vielleicht hat jeder Schreiner schon einen Werkzeugsatz bekommen (so jedenfalls das offizielle Statement des Entwicklungsdienstes) und ihn verscherbelt, zu Hause gebunkert, wie auch immer.

Der Kampf um die Sägespäne auf dem Schreinerhof in Hezarak

Meinen Container dämme ich im unteren Bereich einfach mit Sägespänen. Das ist nicht ganz so toll, aber besser als Luft, die frei zirkulieren kann. Ich habe mehrere Leute gefragt, welche ich dafür nehmen kann. Sie haben mir etwas gezeigt, aber zwei Tage später kam einer von NGE und meinte, das hätte er sich extra für sich bereitgestellt. Ich habe mich entschuldigt, gesagt, wie viele Säcke ich genommen hatte und angeboten, zu bezahlen (ich dachte erst, er gehöre zu der zweiten Schreinergruppe). Er wollte natürlich kein Geld, erklärte mir aber, dass ich grundsätzlich Said Machmat oder seinen Stellvertreter Mir Shah (auch ein ganz netter Ingenieur, ungefähr in meinem Alter) fragen soll. Gut, das habe ich getan und er zeigte mir die Späne, die sowohl bei den Maschinen, als auch bei den Werkbänken lagen. Die Gruppe bei den Maschinen wollte unbedingt, dass ich ihre Späne nehme, aber die waren feucht unter freiem Himmel. Ich habe mich also für die Späne von den Werkbänken entschieden, zumal die auch größer und besser waren. Wenig später waren dann auch schon die Leute dabei, diese Späne in Säcke zu füllen. Ich wollte helfen, durfte aber nicht.

Meine drei Schreinerlehrlinge in Hezarak

Die ersten zwei Tage sind sie mir ausgebüchst, wo sie nur konnten. Ich habe dann vor ihren Augen die Stunden aufgeschrieben, die sie tatsächlich gearbeitet haben. Das waren zum Teil nur zwei Stunden. Ich habe sie gefragt: "Und, wie lange hast Du heute gearbeitet?" Die Antwort war im Brustton der Überzeugung: "Acht Stunden." Vielleicht hat das gewirkt. Inzwischen arbeiten sie bis zu sieben Stunden am Tag mit mir und das recht gut. Obwohl sie zwischen18 und 20 sind (und das ist für afghanische Verhältnisse recht alt als Lehrling) ist es wirklich ziemliches Basiswissen, was ich ihnen beibringe. Vor allem geht es viel um konzentriertes Arbeiten. Wenn ich nicht alle 5 Minuten (und das meine ich auch so: alle 5 Minuten) gucke, gehen sie entweder ganz weg oder lassen in ihrer Tatkraft erheblich nach. Auch gelingt es ihnen fast nie, auch nur zwei Sachen hintereinander auszuführen, die ich ihnen sage. Nach der ersten Sache fragen sie mich wieder, was sie tun sollen.

Einer ist ein Stolzer, Aufmüpfiger, der gerne Streit anfängt (Sher Sar). Am zweiten Tag habe ich ihn gebeten, eine Latte wieder abzumachen und eine mit der richtigen Größe zu nehmen. Daraufhin musste er irgendetwas zu Hause noch machen und ist den ganzen Tag nicht wiedergekommen. Was mich nicht so dolle irritiert: Sie sind meist derart langsam, reden gerne und wollen meine intensive Aufmerksamkeit, dass ich alleine, ohne alle drei, abends schneller bin, als mit ihnen zusammen. Trotzdem macht es Spaß und ich glaube, inzwischen sind sie sowohl von meinen fachlichen wie auch von meinen menschlichen Fähigkeiten so angetan, dass ich mit ihnen Pferde stehlen könnte. Vielleicht.

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