schreinerwerkstatt

Letzter Ärger und Abschied aus Hezarak

Komisch, hier nun zu sitzen, zweieinhalb Wochen nach meiner letzten Nacht im Container, mir kommt das alles schon meilenweit weg vor. In der letzten Woche dort hat mich tatsächlich noch ein Magenvirus erwischt. Ich denke mal, der Koch hat mir das Wasser nicht abgekocht. Ist ja auch wenig einsichtig: Alle trinken das Wasser pur, es ist sauber und nur diese Weißnase will’s immer abgekocht haben. Eher ein Wunder, dass er’s die ganze Zeit für mich abgekocht hat.

Oh, das war ein böser Tag, ich wirklich völlig erledigt und bis mein Stuhl wieder normal war, das hat über eine Woche gedauert. Als ich da so über dem berühmten Loch hing, habe ich auch gedacht, jetzt lass ich wirklich alles los. Ich war ja so froh, dass meine Zeit zu Ende geht und dachte gar nicht daran, richtig Abschied zu nehmen. Aber ich habe eben doch Orte und Menschen lieb gewonnen, da hat halt mein Körper für mich losgelassen.

Und es wurde grüner, es wurde wärmer! Nebenbei hat mir das einen Haufen Fliegen im Container beschert und ich wusste dann auch plötzlich, warum mir ganz am Anfang einer der Wächter gesagt hatte: Es fehlt nur noch das Gitter vor dem Fenster. Ich war ganz entsetzt gewesen: Gitter vorm Fenster, ich bin doch kein Gefangener! Jetzt, mit den vielen Fliegen, wusste ich: Er meinte nur ein Fliegengitter.

Ich glaube, wir haben uns alle gefreut, das Grün zu sehen. Nicht nur die vielen Obstbäume, nicht nur die Bewässerungskulturen (von weitem konnte ich ein paar Tage einen richtigen Wasserfall hören, der aber auch künstlich war und Wasser auf bestimmte Felder brachte), auch die ganze höher gelegene Ebene von Hezarak bekam einen grünen Schleier. Sogar an den Bergen krallten sich ein paar Pflanzen fest.

Geärgert habe ich mich auch auf meine letzten Tage. Nasim, der Chef der Wächter und Lagerverwalter, betont penibel nach außen und gerne für sich am Abzweigen, drohte meinen Lehrlingen, dass das Lotterleben bald vorbei sei. Dann sei dieser Fremde endlich weg und dann sei er wieder ihr Chef. Irgendwie hat mich das mehr beschäftigt und gekränkt, als ich zuerst gedacht hatte. Eigentlich wusste ich, dass er mich nicht leiden kann.

Er ist ein ehemaliger Militär und ist aus dem Hassen noch nicht so richtig raus. Er versuchte noch zu verhindern, dass die Lehrlinge ihre selbstgebauten kleinen Schränke mit nach Hause nehmen durften. Dass ich ihnen das ermöglicht hatte, fanden alle NGE- Leute richtig doof. Ich hatte aber vorher Said Machmat danach gefragt, er hat es wohl nur nicht so richtig verstanden und als er es verhindern wollte, war es wirklich schon zu spät dazu, die Schränke waren schon gebaut.

Ich musste auch ein paar Zeilen schreiben und drei Leute informieren, um sicher zu stellen, dass er Ali Mohammad, einen meiner Leute, auch wirklich die versprochene und von mir bezahlte Werkbank mitnehmen ließ. Vor lauter Sorge, alle von uns gebauten Sachen könnten so langsam verschwinden, sobald ich weg bin, habe ich meinem Abschlussbericht eine ausführliche Inventarliste angehängt.

Zum Beispiel durfte ich die in der Abschlussprüfung gebauten kleinen Bänkchen nicht zum Materalpreis an meine Lehrlinge geben (die sie gerne genommen hätten), an die NGE- Leute aber schon. Die wollten auch alle gerne eines, waren aber nicht bereit, für das Holz zu zahlen. Ich denke, sie haben alle auf den Tag meiner Abreise gewartet und dann die Beute unter sich aufgeteilt.

Diese Regel, dass zwar etwas für den privaten Bedarf aller Leute gebaut werden
kann (solange es der Ausbildungsablauf zulässt), aber dass Holz dafür bezahlt werden müsse, scheint sehr unafghanisch gewesen zu sein.

Dabei kam sie nicht einmal von mir, sondern Ing. Mir Shah hatte sie im Gespräch mit den NGE- Kollegen, die gerade auf dem Hof waren, auf meine Nachfrage hin gemacht.
Ich habe mich dann daran gehalten, mir aber nur Feinde damit gemacht. Bestenfalls auf völliges Unverständnis bin ich gestoßen. Als Freund hätte ich ganz selbstverständlich das Holz, was zwar nicht mir gehört, aber über das ich verfügen kann, verschenkt. Eher noch als Sachen aus meinem tatsächlichen Besitz. So habe ich also beständig demonstriert, dass ich an Freundschaft kein Interesse habe.

Ich habe dann NGE am Ende des Workshops zwar Geld für Sachen, die wir für andere gebaut haben, übergeben, aber es war ausschließlich mein Geld, wie zum Beispiel das Geld für die Werkbank von Ali Mohammad. Lediglich der arme Co-Teacher Einnullah hat auf mehrfache Nachfrage für einen kleinen Stuhl für seine Tochter das Geld bezahlt und war deshalb total sauer auf mich.

Er hat übrigens bis zum Schluss sich die Namen der Lehrlinge kaum merken können (erstaunlich für einen Afghanen) und gegen Ende der Ausbildung zu meinem Entsetzen gerne bei ‚Leutnant’ Nasim übernachtet, wenn er in Kabul war. Was wohl auch bedeutet, dass er dessen Aktionen mitdeckt.

Für meine theoretische Abschlussprüfung brauchte ich in der letzten Woche die beiden Räume der Ingenieure für etwa zwei Stunden. Was an sich kein Problem war, weil Ing. Mir Shah als einziger der NGE- Ingenieure auf dem Hof war. Als ich ihn fragte, ob ich denn diese Räume haben könne, fragte er mich anstelle einer Antwort, was denn mit den beiden Klassenräumen wäre, die wir beantragt hatten.

Wir beide wussten, dass es gemein ist, mich für die damalige Ablehnung verantwortlich zu machen. Außerdem war es ja wohl unverhältnismäßig für zwei Stunden den Bau zweier Klassenräume zu verlangen. Mich hat das richtig getroffen, auch nachdem er die Benutzung nach dieser rhetorischen Frage erlaubt hatte. Ing. Mir Shah, der immer sehr höflich redete und immer lachte, wenn er mich sah, konnte mich in Wirklichkeit nicht ausstehen. Aber immer wieder hatte er wohl die Hoffnung, durch mich nach Deutschland zu kommen oder sonst welche Vorteile zu haben. Anfangs hat er mich wohl den anderen gegenüber als Kommunisten bezeichnet, ein Attribut, das mir in Hezarak richtig gefährlich hätte werden können. Ich hatte einmal gegen die ganz Reichen gelästert, dass solcher Reichtum verboten gehört.

In der Folgezeit habe ich dann nach allen Seiten ausgiebig über die Sowjets hergezogen, um das wieder hinzubiegen. Endgültig krumm hat er mir dann aber wohl genommen, als ich über den üblen Fundamentalisten Sayyaf eine Bemerkung verloren habe. Der hatte zum Beispiel die Wahnvorstellung gehabt, Kabul als Sündenpfuhl völlig ausrotten zu müssen und erst auf den ausgebleichten Knochen und planierten Ruinen nach einer Zeit der Grabesruhe ein neues, wahrhaft moslemisches Kabul wiederaufbauen zu können.

Said Machmat sagte zu mir in meiner letzten Woche: Es wäre nicht gut für ein Land, wenn eine ganze Gruppe von Menschen vom Wiederaufbau ausgegrenzt würden. Er meinte damit weniger die Taliban, als vielmehr Hektmatyar und seine Anhänger. Aber wie einen Konsens mit Leuten finden, denen alles andere als ihre spezielle Ideologie einen neuen Krieg wert ist?

Qiam, einer meiner Lehrlinge, wollte denn auch nicht abseits stehen bei dem Spiel ‚Burkhard ärgern’. Er erzählte mir nicht ohne Stolz, dass er drei Fenster an einem Tag bauen könne. Er ist derjenige gewesen, der am Saubersten arbeiten konnte, sauberer noch als Einnullah. Und war immer als einer der letzten fertig. Für sein erstes Fenster mit mir (das auf Zeit und nicht auf Stück bezahlt wurde) hatte er drei Wochen gebraucht. Na toll.

An die Esskultur hatte ich mich in diesen Monaten so gewöhnt, dass ich mich bei einem Besuch vom Bundesarbeitsamt (einer der Geldgeber von ZIM) in Hezarak nur schwer auf alle Einzelheiten deutscher Esskultur besinnen konnte. Ich hatte zwar daran gedacht, dass wir da nicht auf dem Boden sitzen können, jeder einen eigenen Becher braucht und Besteck anstelle der Finger zum Essen nimmt. Ganz vergessen hatte ich aber dafür zu sorgen, dass auch jeder einen eigenen Teller bekommt. Wenn es nicht etwas peinlich gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich laut gelacht.

Heute war mein Übersetzer Sadat zum letzten Mal mich besuchen. Er berichtete, dass ’alle’ nach mir fragen würden: „Did you see Burkhard? A really good guy! He’s no normal German!“ Ich hatte Sadat das letzte Mal noch ein paar Afghani mitgegeben, weil ich mich beim Umrechnen des Lohnes bei vier Leuten verrechnet hatte. Es hat sie wohl tief beeindruckt, dass ich eine Woche später dieses Geld noch schickte. Und dass ich das versprochene zweite Zertifikat noch habe bringen lassen, fanden sie toll. Sogar einer der Milizionäre hätte nach mir gefragt, meinte Sadat.  Das hat mir gut getan zu hören, auch wenn ich mir nach wie vor sicher bin, dass ich in Hezarak mehr Leute geärgert habe, als Freunde gewonnen. Aber das ist vielleicht auch nicht meine primäre Aufgabe gewesen.

Das Kapitel ‚Hezarak’ ist für mich jetzt beendet. Die Leute werden bleiben, aber meine Welt sieht nun wieder ganz anders aus. Worauf ich jetzt noch scharf bin ist, eine Ausgabe der Wuluswali- Zeitung in die Hand zu bekommen, in der ein Interview mit mir abgedruckt ist.

19. April

Meine Lehrlinge in der Schreinerwerkstatt

Ab und zu in der Woche frage ich einen meiner Azubis für ein Einzelgespräch. Das stimmt natürlich nicht ganz, denn wir sind ja immer zu dritt, mit Sadat, dem Übersetzer. Kräutertee gibt’s dann, der Ofen im Container ist angeheizt und die Afghanistan-üblichen Süßigkeiten in einer Schale mit mehreren Abteilungen. Als Besonderheit kann ich meist die Karamellbonbons aus Polen anbieten, die ich in einem Laden in Kabul gefunden habe und regelmäßig nachkaufe. Spannend schon allein zu sehen, wer hemmungslos zugreift und wer nur dann zubeißt, wenn ich ihm das Bonbon praktisch schon in den Mund geschoben habe. Sie fahren alle auf Süßes ab.

Ich frage nach den Zukunftsvorstellungen, knüpfe ein bisschen an an meine Beobachtungen, lobe ausführlich und gebe hinterher die Gelegenheit, noch frei zu erzählen, Kritik, Nöte, Anregungen. Genau genommen ist dieser Abschluss das, was mich am meisten interessiert. Da bekomme ich Geschichten erzählt vom Land und höre gespannt und stolz zu, wenn jemand erzählt. Wobei die Geschichten meist nicht sehr positiv sind.

Einer, Machmad, hat "acht Kinder und einen Jungen", also eigentlich neun Kinder, davon acht Mädchen. Er war im Unterricht und in der Werkstatt die ganze Zeit unzufrieden, nörgelte, alles war ihm nicht recht, alles zu wenig, er wollte möglichst spät kommen und früh wieder gehen. Oje, dachte ich, das kann ja heiter werden. Im Gespräch erzählte er mir, wie schwer es für ihn ist, als fast 40-Jähriger Schreiner zu lernen, die anderen Jungs seien viel schneller als er. Aber er habe überhaupt keine Wahl, weil es zu Hause an allem fehlt. Spontan gab ich ihm 500 Afghani und es scheint tatsächlich materielle Not gewesen zu sein, denn seitdem ist er ein aufmerksamer und kooperativer Schüler.

Im Unterricht beobachtete ich bald, dass Machmad auch eine gute Vorbildung hat. Für Fachrechnen habe ich die Klasse in zwei Gruppen geteilt und in der Fortgeschrittenen-Gruppe steht er an der Tafel und erklärt Bruchrechnen, Kommastellen und Dreisatz Für mich sind das echte Sternstunden. Ich sitze als Schüler mit im Klassenraum, lausche gespannt und bin stolz wie ein Schneekönig, diesen Lehr- und Lernraum schaffen zu können, der gut ist für die übrigen Lehrlinge und Machmad zu seinem Recht und der Position verhilft, die ihm zusteht.

Ein paar Wochen später fragt er mich erneut um Geld. Ich bin mir aber sehr unsicher, wofür er es braucht und verweigere es, zumal er auch nicht mit dem Übersetzer zusammen darüber reden will. Verstehen kann ich das allerdings. Sadat ist alles andere als unparteiisch und übersetzt sehr frei. Ich würde ihm auch nicht alles anvertrauen wollen. Und ich stehe dann immer wieder vor Entscheidungen: Wo sage ich ja und wo nein? Natürlich ist es leichter, Nein zu sagen, zumal es ja mein privates Geld ist.

Ein anderer fragt mich, ob ich nicht mit ihm zusammen zu einem Arzt gehen kann. Er wisse nicht, ob er Kinder bekommen könne oder nicht. Die Taliban haben ihn 14 Tage lang gefoltert: Peitschenschläge mit Stahlkabeln, Elektroschock, er sei voller Blut und Sperma gewesen. Er sei bei etlichen Ärzten gewesen und keiner habe ihm eine definitive Antwort geben können. Gefoltert haben sie ihn, weil er im Gebiet von Hezarak zu einer Minderheit der Tadjiken gehört, inmitten eines Paschtunen -Gebietes. Den Taliban, meist Paschtunen, war das suspekt. Später bekomme ich ergänzend erzählt, dass sein Schwager Waffen versteckt hatte, aber in Pakistan war. Nun versuchten die Taliban von den Verwandten das Versteck zu erfahren.

Ein Dritter, Hermidula, der aus einer etwas reicheren Familie kommt und wohl der Jüngste ist (d.h. sein Vater ist um die 70), hat Schwierigkeiten mit seiner Familie und kann aus Stolz nicht mehr nach Hause. Ob ich ihn nicht nach Hause bringen könne und mit seinem Vater reden und sagen, ich hätte ihn unter massiven Druck gesetzt, nach Hause zu gehen. Er wisse nämlich nicht, wo er schlafen könne, die letzten beiden Wochen war er teilweise in Peshavar (Pakistan), in Kabul oder hat auf dem Gelände übernachtet.

Ein paar Stunden später sitze ich also einem Greis mit langem weißem Bart gegenüber, weiß natürlich überhaupt nicht, wie weit ich mich in diese Familie einmischen darf und erzähle freundlich Geschichten von Vätern und Söhnen im allgemeinen und mir und Jakob im besonderen, während mir Tee und Bonbon gereicht werden. Der leere Raum, in dem wir sitzen, bleibt ungeheizt, wohl aus Sorge, ich könne zu lange bleiben. Ob ich etwas helfen konnte, bin ich mir sehr ungewiss. Mein Schützling hatte sich offenbar mehr Schelte für seinen alten Papa erhofft.

Am Wochenende gabeln wir Hermidula auf dem Weg nach Kabul jedenfalls wieder auf, als er unschlüssig auf einem Stein an der Straßenkreuzung zu seinem Dorf sitzt. Ich nehme ihn mit ins Gästehaus, zeige ihm einen Raum, stelle ihn den Wächtern vor, kaufe mit ihm zusammen ein und wir kochen uns etwas. Was in ihm vorgeht, bleibt mir völlig verborgen, wahrscheinlich so wie ich für ihn ebenfalls kein bisschen nachvollziehbar bin. Sein English (er hat Schulbildung, etwa 10. Klasse) und mein Dari reichen sowieso nur für eine sehr rudimentäre Unterhaltung. Am nächsten Tag will ich mit ihm Unterwäsche kaufen, damit er sich waschen und die Wäsche wechseln kann. Außerdem hatte ich kein zweites paar Hausschuhe und will auch das kaufen.

Nun, dieser Einkauf wurde zu einem Labyrinth von Missverständnissen. Zuerst kaufte Hermidula sich feste Schuhe für sich selbst anstelle der Hausschuhe. Ich wollte ihn ja aussuchen lassen, weil die Schuhe groß genug sein mussten. Außerdem wollte ich noch andere Sachen kaufen und wir sind ziemlich lange mit zwei Rädern durch die Stadt gehechtet, weil wir Ewigkeiten brauchten, um alles zu finden. Der arme Kerl hatte ein Jahr lang kein Rad mehr gefahren und ich möchte nicht wissen, ob er am nächsten Tag noch laufen konnte vor lauter Muskelkater.

In einer Art Kaufhaus wollte Hermidula sich die Unterwäsche kaufen, ich passte draußen auf die Räder auf und gab ihm 100 Afghani. Er kam etwas später wieder zu mir auf die Straße, die Wäsche war wohl viel zu teuer dort. Dass ich diese 100 Afghani nicht wiedersehen würde, dämmerte mir schon vorher. Was ich aus der Hand gebe, geliehen oder nicht, ist nicht mehr mein Eigentum.

So wollte er dann wenig später ganz selbstverständlich noch einmal Geld von mir, als er sich an einem Stand ein T-Shirt kaufte. Und eine Jacke bräuchte er, weil er so fröre. Da er sowieso nicht verstanden hatte, wofür ich mit ihm Einkaufen gefahren bin, war ihm auch nicht klar, warum denn eine Jacke nicht auch gut wäre. Nun gut, teuer war sie auch nicht, zumindest als ich den Preis nannte, den ich höchstens bereit zu zahlen war.

Wir sind darauf mit den Rädern wieder aus der Innenstadt nach Taimani zum Gästehaus gefahren und als Hermidula sich von mir verabschiedete (natürlich ohne sich zu duschen!) wurde mir vollständig bewusst, wie wenig er meine Gedanken nachvollziehen konnte. "Meine Gedanken" - das ist ja auch übertrieben formuliert gewesen. Ich wechsele halt die Unterwäsche, wenn ich mich dusche. Aber ich weiß doch weder, ob Hermidula duschen will, noch ob er die Wäsche wechselt. Ich musste sogar erst Mohammad, den Wächter, fragen, was Afghanen denn so normalerweise unter ihrem "Afghanenkleid" tragen. (Zum Teil übrigens nichts, selbst, wenn es kalt ist, habe ich herausbekommen).

Einmal habe ich einem der Fahrer von NGE auf seine Frage nach meinem besten und meinem schlechtesten Lehrling geantwortet. Das war ein saublöder Fehler. Er hat es natürlich nicht für sich behalten. Am Tag darauf war mein Sorgenkind Alisardar im Grunde nicht mehr so richtig arbeitsfähig. Ich habe mir dann Einnullah und Alisardar geschnappt und mir seine letzte Arbeit angeschaut und zusammen mit Einnullah viele Stellen gefunden, die gut geworden sind. Lange haben wir uns darüber unterhalten, um wie viel besser Alisardar inzwischen geworden ist. (Alisardar wurde in der folgenden Zeit tatsächlich viel besser)

Manchmal holt mich auch die Geschichte dieses Landes mitten im Unterricht ein. Wenn zum Beispiel Said sich entschuldigt, weil er irgendetwas nicht behalten hat. Er hält mir seinen Kopf hin, auf dem ich eine riesige Narbe ertasten soll. In den Kämpfen zwischen Hektmatyar und Massoud war er in Kabul und bekam in einem einstürzenden Haus einen Balken ins Gehirn.

Oh, gerade geht mir der Mullah von vis-a-vis kräftig auf den Zeiger. Diese Lautsprecher sind eine verdammt dämliche Erfindung. Seit nunmehr etwa 4 Stunden kräht der und kräht und hört gar nicht mehr auf. Und mit welcher Lautstärke! Hier ist ja Hazara -Gebiet, also Schiiten, die strikter in religiösen Vorschriften sind, als die sunnitische Bevölkerungsmehrheit und offenbar mit Hilfe der Lautstärke und Ausdauer ihre besondere Frömmigkeit unter Beweis stellen müssen.

Und im Hintergrund hat er noch einen ganzen Chor von Gläubigen. Die halten das nun schon seit Stunden in der Moschee aus, immerhin ist es jetzt 21,30 Uhr und an früh schlafen gehen ist nicht im Traum zu denken. Ich werde mich also in Gleichmut und Toleranz üben, wie es sich für einen Entwicklungshelfer gehört und noch ein bisschen weiter schreiben. Meine Hoffnung, es möge bald ihrem Glaubenseifer Genüge getan sein, kann ich allerdings nicht ganz aufgeben.

Sonst kann ich mich eigentlich ganz gut an ihren Glauben anpassen. Nach dem Essen machen sie immer irgendeine Art Kurzgebet mit Gesten, die ich dann mitmache. Und zu jeder passenden Gelegenheit erzähle ich auch, dass es schließlich ein- und derselbe Gott wäre, an den wir glauben. Das habe ich nun schon so oft gesagt, dass ich manchmal im Stillen darüber nachdenken muss, ob ich nun plötzlich tatsächlich an diesen Moses-Gott glaube. Die anderen Götter mögen mir verzeihen.

Manche Sachen finde ich aber ganz schön. Wenn sie den Koran vorsingen z.B. (allerdings nur, wenn diese Lautsprecher das nicht so scheußlich verzerren) oder die gemeinsam gesprochenen Worte, wenn jemand aus der Gruppe jemanden zu betrauern hat. So hatte einer der Wächter eine Tochter verloren und alle Leute vom NGE- Hof versammelten sich deshalb in einem Raum, einer sang und alle sprachen etwas zusammen. Irgendwie mag ich diese Rituale gern. Aber einen Stromausfall für vis-a-vis wünsche ich mir trotzdem.

27. Februar

Mehr Schwierigkeiten

Zwei Tage später bin ich etwas krank geworden, bisschen Fieber und sehr schlapp. Gestern hatte ich ein Gespräch mit Said Machmat über das Essensgeld. Wieso das bessere Essen der Ingenieure mit neun Mahlzeiten pro Woche nur 50 Afghani kostet und sie das schlechtere Essen der Schreinerlehrlinge mit 5 Mahlzeiten die Woche (und selbst mitgebrachtem Brot) mit ca. 500 Afghani/Woche veranschlagen.

Er meinte, dass das Essen für die Azubis in der nächsten Zeit noch besser werden kann. Schließlich wäre genug Geld da. Und die 50 Afghani, die die Leute hier zahlen, wäre nur deshalb so wenig, weil viele Sachen, wie Tee, Zucker usw. vom Büro aus bezahlt würden.

Ich glaubte die Erklärung nicht so ganz, trotzdem war ich froh über seine plausiblen Antworten, weil ich ziemlich Angst hatte, auf Konfrontation gehen zu müssen. Später redete ich noch kurz mit meinem Übersetzer über die Geschichte mit Samea (der mir, wie alle, einschärfte, doch zuerst mit ihm über jedes Problem zu reden). Er meinte, das sei auch in Afghanistan eine übliche Geschichte, in dieser Art Geld zu unterschlagen. Ich fühlte mich mit ihm sehr einig.

Kurze Zeit darauf sah ich ihn, diskutierend, mit einem Holzbalken unter dem Arm in einer ganzen Gruppe aus Wächtern und Azubis. Es stellte sich heraus, dass er dieses Holz mit nach Hause nehmen wollte. Er wurde total wütend, als ich meinte, er solle es bezahlen. Er bräuchte es dringend, aber dann würde er es eben nicht nehmen. Nach einer Weile brachte er mir noch eine Handvoll Nägel, die er auch hatte mitnehmen wollen.

Abends dann kam Said Machmat zu mir. Was denn mit mir, den Tassen und Samea gewesen sei. Irgendeiner hatte es ihm wohl erzählt. Ich hätte von mir aus mit niemandem davon geredet, aber als wir nach meinem Gespräch mit Samea zum Essen zusammen saßen, da sprach Samea mich an, was ich denn hätte. Vor allen Leuten. Ich sah wohl noch ziemlich bleich aus. Ich sagte ihm, dass mich das noch immer beschäftigen würde mit den Tassen und dem Geld. Was sollte ich auch sagen.

Gut, nun wusste es auch Said Machmat (der tags zuvor nicht da gewesen war). Ich habe es also kurz Said Machmat wiederholt. Er bräuchte aber nicht mit Samea zu reden, weil wir klar verblieben wären, dass er mir das Geld zurückgibt. Said Machmat ging und kam kurz darauf mit 400 Afghani zurück. Hier sei mein Geld, er hätte das sofort klären wollen. Oje, das wollte ich ja nun gar nicht. Ich wollte nicht zu ihm als Boss gehen, damit er Samea einen Rüffel erteilt.

Abends waren nur der alte Khalid, der Fachmann für Gartenbau und Dr. Haschir, der Veterinärarzt, auf dem Hof. Ich fragte sie, ob sie mir eine Lehrstunde in afghanischer Kultur geben könnten. Ich hätte das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, ohne die leiseste Ahnung, was. Sie erklärten mir geduldig:

Samea wusste nicht, dass ich dieses Fest wirklich aus eigener Tasche bezahlt habe. Er dachte, das Geld sei vom Büro. Deshalb hat er auch geglaubt, die 200,- Dollar wären ein fester Betrag und ich bräuchte nichts davon zurück. Unmöglich zu erklären, dass ich noch sorgfältiger mit dem Geld umgehen würde, wenn es nicht meines, sondern vom Büro gewesen wäre. Für sehr gute und nahe Freunde ist es sowieso üblich, dass sie gegenseitig über das je andere Geld verfügen, soweit sie es in den Händen haben. Es sei sogar so, dass sie manchmal für irgendeinen Zweck Geld sammeln, wie z.B. dieser Todesfall. Wenn dann irgend jemand nicht da ist, dann bestimmt derjenige, der das Geld einsammelt, einfach einen Betrag. Und dieser Betrag kann sogar höher sein, als alle anderen bezahlen. Niemals würde jemand da meckern, selbst wenn für ihn das Geld knapp würde. Samea hatte sich also gerade deshalb mir gegenüber so verhalten, weil er sich mir nahe fühlte. "Ich habe das Geld doch nicht für mich genommen" hatte er gesagt.

Am gleichen Abend ist auch Sadat zu mir gekommen, mein Übersetzer, um noch mal über das Holz zu reden. Er hätte nachts große Angst gehabt, dass ich sauer auf ihn sei, meinte er. Es täte ihm leid, sagte er, konnte sich aber nicht verkneifen, hinzuzufügen, auch Nasim hätte gemeint, das sei eine böse Aktion von mir gewesen, ihm das Holz nicht zu gönnen. Wo er es doch so dringend brauchte. Und es sei so wenig gewesen, eine ganz billige Geschichte. Ich versuchte ihm zu erklären, dass er, als Gebildeter, auch ein Vorbild sei. Und wenn er Holz mitnimmt, warum dann die anderen nicht? Und wenn ein bisschen, warum nicht ein bisschen mehr? Und das vor aller Augen. Ich hätte es unmöglich zulassen können. Ich würde ja auch nicht ein badboy sein wollen oder ihm das nicht gönnen. Er solle mich fragen, wir würden dann schon eine Lösung finden. Nun, meinte er, er würde ganz sicher kein Holz mehr mitnehmen.

Morgens hatte ich ein ähnliches Problem: Vor allen anderen Schülern fragte mich der Älteste (und einer der ganz Netten), er hätte zwei Tage zuvor eine dringende Arbeit gehabt und hätte deshalb nicht kommen können. Ob er dann trotzdem Geld bekommen könne für diesen einen Tag? Ich verneinte, während Sadat mir einzuflüstern versuchte, ich hätte am Anfang aber gesagt, es sei möglich, trotzdem zu bezahlen.

Kurz darauf kam ein anderer Schreiner zu mir, der meinte, er wolle gar kein Geld für seine Abwesenheitstage, aber er würde ja in der Zeit Fenster für UNHCR bauen. Ob es möglich sei, dass ich seine Fehltage nicht in das Zertifikat schreiben würde? Meine Güte, wer bin ich eigentlich? Wohin mit der ganzen Luft, die mich da aufbläst zum Halbgott? Erst mal bin ich krank geworden.

Khalid warnte mich auch: Viele im Gebiet Hezarak seien Hektmatyar-Anhänger. Wenn die Amerikaner losschlügen im Irak, könne es auch gefährlich für mich werden, weil Gulbuddin Hektmatyar ja mit Taliban und Al Qaida arbeiten würde.

Abends sehe ich Lichterblitze am Sternenhimmel aus Richtung Khost, einem Kampfgebiet. Ing. Khalid (der sehr alt ist und ein verletztes Bein hat durch einen Autounfall) meinte noch, dass einige aus dem NGE- Office auch Anhänger von Sayyaf und Hektmatyar seien. Ich war erleichtert, mit noch jemandem darüber reden zu können und erzählte ihm, dass ich das wisse. Mir Rachim , Said Machmat und Mir Shah würden eng zusammenarbeiten. Ich hatte gleich darauf schon ein schlechtes Gefühl dabei.

Eine Woche später erzählte mir jemand am Donnerstag, dass auch Khalid ein Verwandter von Mir Rachim ist. In Taimani bekam ich einen richtigen Migräneanfall und schlief zwölf Stunden. Ich bekam Angst, dass ich vielleicht in Gefahr wäre, weil ich über Mir Rahim’s und Said Machmath’s Parteizugehörigkeit geredet hatte. Mein ganzes Vertrauen war weg, meine anfängliche Unbekümmertheit dahin. Ich wusste vor allem nicht mehr, wem ich überhaupt noch trauen konnte.

Auch wenn mich jemand warnte oder zur Vorsicht mahnte, war ich mir nun unsicher, ob er nicht nur eigene Interessen damit verfolgte. Das war das erste Mal, dass ich eine Ahnung bekam, warum Überbringer schlechter Nachrichten oft selbst dafür verantwortlich gemacht werden.

Vielleicht sollte ich doch mal wieder in den verräucherten deutschen Club gehen, um auch deutsche Gesprächspartner zu haben. Ich bin so erleichtert, wenn ich das Gefühl bekomme, mit jemandem offener reden zu können, dass ich gleich mein ganzes Herz ausschütte.

Doch zurück zu dieser Woche in Hezarak: An einem der Morgende sehe ich Sher Sar, einen der Lehrlinge, an einem Holzgestell bauen. Was das denn wäre? frage ich. Das gäbe einen Stuhl, einer der Fahrer hätte ihn bestellt. Ich frage den Fahrer, der gerade auf dem Hof ist. Aber es war der andere, der diesen Auftrag gegeben hat. Ich bitte Sher Sar, immer erst mir Bescheid zu sagen, wenn er für andere Aufträge annimmt.

Am letzten Tag der Woche sehe ich abends meinen Übersetzer Sadat, wie er diesen Holzbalken doch mitnimmt. Ing. Mir Shah hätte es ihm erlaubt. Ich bin fassungslos und kann erst mal nichts erwidern.

Abends gebe ich Ing. Samea die 400 Afghani wieder, entschuldige mich und erkläre, dass ich halt noch viel über die afghanische Kultur lernen müsse. Samea meint, das sei halt wie in einer Familie, da gebe es auch manchmal Streit. Aber wir könnten es jetzt vergessen. Es war aber nicht möglich gewesen, ihm das Geld direkt zu geben. Er nahm es nicht an. So fragte ich Mir Shah in der abendlichen Runde mit den Ingenieuren nach dem Essen, ob er denn ein Freund von mir sei und mir einen Gefallen tun könne. Klar, antwortete er. Ob er dieses Geld einem anderen Freund von mir geben könne mit einer Entschuldigung. Das Geld wurde sofort an den Tierarzt Haschir weitergegeben, der es wohl für Samea an Said Machmat gegeben hatte, ohne selbst zu wissen, ob er es wieder bekommt. Zu meinem Erstaunen erzählte Samea, dass er selbst Said Machmat gebeten habe, mit mir über das Geld zu reden.

Vielleicht hatte ihn das drei Tage zuvor auch beeindruckt, dass ich mir am Ende unseres Gespräches Notizen gemacht hatte (ich konnte ja nicht mehr richtig denken und hatte Angst, alles oder Teile zu vergessen). Said Machmat hatte zu mir gemeint: Er wolle mir die 400 Afghani möglichst schnell geben, damit wir unsere Probleme in Hezarak lösen und nicht nach Kabul tragen.

Abschließend weiß ich nicht genau, ob es wirklich gut war, Samea’s Umgang mit meinem Geld im Nachhinein doch abzusegnen. Ein paar Afghanen sagen, dass es unter guten Freunden schon möglich sei, ein paar andere meinen, das sei eine böse Geschichte. Und wer weiß, was ihnen mit meinem Geld noch alles einfällt.

Am nächsten Morgen sehe ich, wie Nasim, der Storekeeper, zwei Blumenständer aus der Werkstatt trägt. Ich schaue sie mir genauer an, Nasim ist es nicht geheuer, er will sie möglichst schnell wegbringen.

Zum Frühstück spreche ich auch darüber mit den Ingenieuren. Ich bitte Nasim, mir die Blumenständer noch einmal zu geben, um sie den Ingenieuren zu zeigen. Sie sollen mir eine Regel sagen, nach der ich verfahren soll mit all diesen Nebenarbeiten. Darf so etwas gebaut werden und was sind übliche Sanktionen, wenn ich Verstöße entdecke?

Nasim ist gar nicht begeistert, die Blumenständer (ich nenne die mal so, ich weiß nicht, wofür die sind: ca. 20 cm hoch, oben eine Platte, auch etwa 20 cm im Durchmesser, und hinten ein Kreuz zur Standfestigkeit) wieder rauszurücken. Nach einer Weile holt er sie: Ich sehe, dass einer davon anders ist, als die beiden zuvor, es muss also drei geben. Darauf angesprochen, wird er noch mürrischer und meint, er hole den Dritten, bitte allein, ich könne warten. Das wird spannend, denke ich, und gehe mit ihm. Und wirklich, hinten in der Ecke ist eine ganze Kiste. Die öffnet er schnell und holt das dritte Teil hervor.

Die Ingenieure meinen dann, niemand dürfe etwas außerhalb des normalen Auftrages bauen. Ich solle Bescheid wissen, wenn es Nebenarbeiten gäbe. Jeder solle einen Antrag an Mir Shah geben, und der würde mir das dann schriftlich weiterreichen. Wer dagegen verstößt, wird entlassen. Wunderbare Entscheidung, alle finden sie toll. Bis auf mich, denn ich weiß, dass das auf keinen Fall funktioniert. Khalid z.B. bat Alisardar, ein Bänkchen für ihn zu bauen, den Tag zuvor..

Zum Unterrichtsanfang bitte ich Hermid, den Lehrlingen ihre Entscheidung bezüglich dieser Nebenarbeiten mitzuteilen. Ich habe die Blumenständer dabei und halte sie hoch und staune, wie gebannt die Lehrlinge den Worten Assads zuhören. Mal sehen, ob es etwas ändert. Danach will Einnullah etwas über den Gebrauch der Säge erzählen und ich bitte Sadat, mit mir in meinen Container zu kommen. Während ich ihm erzähle, wie sehr mich das aufregt, dass er dieses Holz nun doch mitgenommen habe, spüre ich es auch: Ich bekomme kaum Luft beim Reden.

Er meint, alle Ingenieure hätten es ihm erlaubt, später meint er, Nasim habe alle Ingenieure gefragt. Nasim habe ihm dass Holz aufgedrängt, er hätte noch gesagt: Burkhard wird sauer sein. Ich will mit ihm einen Vertrag machen: In Zukunft solle er mich fragen, ich würde das Holz für ihn bezahlen. Nein, nein, er würde das Holz bezahlen und legt 120 Afghani (ca. 3 Euro) auf den Tisch.. Er sei auch arm, sagt er. Das sei alles, was noch übrig ist von seinem Lohn (150 Euro), den er die Woche zuvor bekommen habe. Die fehlenden 30 Afghani würde er sich borgen.

Ich sage ihm, ich bezahle das für ihn, aber er solle mich bitte in Zukunft fragen. Zum Schluss erzählt er mir noch, dass Alisardar auch etwas für sich gebaut hat. Er habe ihm noch gesagt: Lass das lieber. Mein Problem ist, dass von dem Material, was ich habe einkaufen lassen, für diesen Workshop inzwischen schon ein Teil fehlt. Außerdem hatte ich durchgesetzt, dass meine Schüler nicht für Produktion, für Stückzahlen, sondern Zeit bezahlt werden. Das fanden die Verantwortlichen erst nicht so gut. Jetzt weiß ich warum. Meine Lehrlinge haben nun alle Zeit der Welt, alles Mögliche zu bauen. Wenn sie aber nach der Anzahl der von ihnen gebauten Fenstern bezahlt werden, wie soll ich da vernünftigen Unterricht machen? Und wie kann ich mit ihnen zum Beispiel Kisten für ihr Werkzeug bauen?

Zum Abschluss dieser Woche holt mich Arnold nicht ab, wir warten vergeblich. Später stellt sich heraus, dass sie ein Treffen im Büro angesetzt haben, Donnerstagvormittag. Ich erfahre Tage später nur zufällig davon.

Auf dem Hof in Hezarak ist an diesem Tag also nur ein gemietetes Taxi da, vierzehn Leute wollen nach Kabul. Per Handfunk (die große Antenne ist ausgefallen) rufen sie noch ein Auto, aber es gibt Probleme im Büro in Kabul.

Später kommt dann doch ein schlecht gelaunter Fahrer, der zu mir meint, er sei extra nur wegen mir gekommen. Kurz darauf erzählt er mir noch, dass das Taxi viel bequemer sei, als sein Auto, ob ich nicht wechseln wolle. Später stellt sich heraus, dass er Hermid gegenüber behauptet hat, ich habe sein Auto durchsucht, weil ich ihn verdächtigen würde, was zu klauen. - Ich bin sprachlos. Mir fällt ein, dass er wohl sauer ist, weil ich ihn gefragt habe, ob er den Auftrag an Sher Sar gegeben hat. Über Ing. Mir Shah entschuldige ich mich, dass ich vielleicht unhöflich gewesen sei. Ich würde nicht daran zweifeln, dass er ehrlich ist. Ich hätte ihn nur gefragt, um herauszubekommen, wer den Auftrag an Sher Sar gegeben hätte. Ich weiß nicht, ob er meine Entschuldigung akzeptiert. Klar ist, dass ich mich mit meinem Versuch, Material und Zeit meines Workshops zusammenzuhalten, nur unbeliebt mache.

In Kabul lädt mich Nasim, dem wohl nicht ganz geheuer ist, zum Essen zu sich nach Hause ein. Und Einnullah pumpt mich um 50,- Euro an (die ich aber nicht habe), weil er noch immer weder Lohn noch Vertrag hat. Dass der Entwicklungsdienst mit ihm bisher keinen Vertrag gemacht hat (der liegt noch immer auf dem Schreibtisch von Karl Anders), wird von den  Leuten und von Einnullah natürlich mir angekreidet. Ich versuche es gleich an diesem Donnerstag zu regeln, fahre ins Entwicklungsdienst-Büro quer durch die Stadt. Da ist aber niemand mehr. In meinem Brieffach statt dessen eine 2. Mahnung der Rentenkasse: Trotz mehrfacher Aufforderung ist es der Verwaltung nicht gelungen, mich abzumelden. (Ich selbst hatte es auch getan, aber das reichte nicht, weil ich eine Bestätigung brauchte.)

28. Januar

Unterricht mit Afghanen: In der Schreinerwerkstatt in Hezarak

Ich glaube, Einnullah kann recht gut erklären und die Azubis haben viel (fachlichen) Respekt vor ihm. Aber als praktischen Lehrer muss ich ihn immer wieder auffordern, nicht alles selbst zu machen, sondern zu zeigen und dann machen zu lassen und vor allem, dann auch dabei zu bleiben. Oft steht er nur herum und wartet, dass jemand ihn anspricht. Dabei sehe ich bei meinen Rundgängen durch die Werkstatt so vieles, was ich korrigieren, erläutern oder zeigen kann. Und er sieht ja mit Sicherheit mehr, weil er vertrauter mit dem Handwerkszeug ist.

Was ihm vor allem aber fehlt, ist Struktur und Planung. Wenn ich ihn bitte, im theoretischen Unterricht (meist so 1 - 2 Stunden am Anfang des Tages, da ist die Werkstatt eh noch sehr kalt) zum Beispiel über den Hobel zu erzählen, dann läuft er zu Höchstform auf. Die Leute hören interessiert zu und können hinterher auch gut wiederholen, was er gesagt hat. Unseren Unterricht machen wir in dem etwa 12 qm großen Raum, in dem ich zuvor geschlafen habe. Es gibt Sitzmatten und eine weiße Tafel für abwaschbare Filzstifte. Den theoretischen Unterricht finde ich übrigens das Tollste überhaupt. Weil die Schüler so wach und aktiv sind.

Es ist einfach, sie zu bitten, nach vorne (das hört sich nach Raum an, aber die vorderen müssen sich nur umdrehen, so eng sitzen wir) zu kommen und selbst etwas zu erklären. Und meinen Ausführungen lauschen sie wirklich gebannt. Ich glaube auch, dass sie viel verstehen, weil ich sie öfter wiederholen lasse und weil sie oft auch richtig gute Fragen stellen. Die wollen wirklich wissen, wie ein guter Schreiner arbeitet.

Einmal habe ich sie auch Klassenstunden machen lassen und heraus kam eine ganze Liste mit Sachen, die sie noch brauchen, z.B. eine abwaschbare Decke für das Essen oder Plastikkannen für das Waschwasser vor dem Mittagsgebet. Zwischendurch habe ich selbst etwas ausprobiert, eine eher komplizierte Rahmenverbindung für eine Kistenecke, also aus drei Richtungen. Die war zu meinem eigenen Erstaunen ohne Leim bombenfest und hat meiner (fachlichen) Autorität bestimmt auch gut getan.

Etwas vermurkst habe ich mich dagegen mit meiner Art, meine Säge zu schärfen. Meine Säge ist danach scharf, aber sie ist in 2 oder 3 Punkten entgegen dem deutschen Lehrbuch (und ich glaube, das Lehrbuch ist besser als ich) und zusätzlich glaube ich, dass die afghanische Art, die Säge zu schärfen, besser ist als das deutsche Lehrbuch. Nun habe ich aber schon einigen Lehrlingen meine Art gezeigt und auch Einnullah traut sich nicht mehr so richtig, seine Art und Weise den Lehrlingen zu zeigen. Mal sehen, wie ich da wieder rauskomme.

16. Januar

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