sicherheitslage

Drei junge Kabuler über ihre Kindheit, die Situation an der Schule und die Sicherheitslage in Afghanistan


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Basheer (19), lernt deutsch am Goethe-Institut und studiert in der Literaturfakultät an der Universität Kabul. Basir (17) und Shamsullah (18) gehen beide in die 11. Klasse an der Amani-Oberrealschule, eine Schule mit Deutschschwerpunkt im Zentrum Kabuls. Ich führe ein halbstündiges Interview mit den drei jungen Kabulis über ihre Kindheit in einem Vorort Kabuls und in Pakistan und die Situation an der Schule. An diesem Tag gab es einen Anschlag in der Nähe der Wohnung von Basir bei dem er viele Tote sah und so ist auch die allgemeine Situation in Afghanistan und Sicherheitslage Thema des Gesprächs.

Mit 5 Jahren lebte Basir außerhalb Kabuls. Damals gab es oft Kämpfe und in der Gegend, wo Basir lebte, kämpfte Massud gegen Sayyaf. Ein einschneidendes Erlebnis damals war als nach einer Explosion eine menschliche Hand vom Himmel geflogen kam. Der Vater Basirs grub die Hand daraufhin ein.

Reinhard Schlagintweit über seine Liebe zu Afghanistan, Fehler gegenüber den Taliban und den Einsatz deutscher Soldaten

Saghar Chopan im Gespräch mit Reinhard Schlagintweit. Bereits 1958 war er in Kabul an der Botschaft tätig: Ein Interview über sein Leben als Botschaftsangestellter und seine Reise als Vorsitzender von UNICEF nach Afghanistan kurz nach der Eroberung durch die Taliban. Weitere Themen sind die Sicherheitslage im Land und mögliche Fehler der Vergangenheit gegenüber dem Talibanregime. Zum Einsatz von deutschen Soldaten insbesondere im Süden hat Schlagintweit eine gespaltene Meinung: „... auf der einen Seite ... dürfen wir nicht sagen für diese schwierigen Aufgaben sind wir uns zu gut. Auf der anderen Seite an einer Aktion mitzuwirken, wo wir nicht die politischen Bedingungen selbst ... gestalten können ... ist zuviel verlangt.

Die abenteuerliche Fahrt mit dem Dieselofen von Kabul nach Hezarak

Vor einer Woche war ich im Büro in Kabul und wollte mal wieder mit dem Chef sprechen, ein wenig von Hezarak berichten und nachfragen, was er von der derzeitigen Sicherheitslage dort hält. Habe ich doch über dritte Hand gesagt bekommen, dass die Amerikaner dort irgendeine militärische Aktion planen.

Ich hatte schon am Vormittag in der deutschen Botschaft angerufen und die Nachricht erhalten, dass das wohl Blödsinn sei. Er konnte das bestätigen. Er war gut drauf und in Spendierlaune, fragte mich, ob ich noch irgendetwas bräuchte. Ich erzählte, dass ich einen Antrag auf einen Ofen für den Werkstattraum gestellt hätte, aber dass das immer so seine Zeit braucht. „Du kannst einen Ofen aus unserem Lager haben“, war die spontane Antwort, ein Entwicklungsdienst-Kollege und Heizungsbauer solle ihn vorher überprüfen. Noch abends hat er das wohl gemacht und ihn auch zum Laufen gebracht.

Am nächsten Morgen brachte ich ihn zu NGE (weil die Läden am Vortag schon zu waren, habe ich Ofenrohre und einen Dieselkanister aus dem Gästehaus mitgenommen) und beim Einladen in das Auto floss die Hälfte des Diesel aus. Das war ganz gut, wie sich hinterher herausstellte, sonst wäre der Diesel sicherlich wahrend der Fahrt übergeschwappt, uns allen, die wir dicht an dicht saßen, über die Klamotten. War so schon abenteuerlich genug mit dem Ofen im dicht besetzten Auto.

Als wir den Ofen eingeladen hatten, sah ich das zweite Auto davonfahren. Nach einer Weile fragte ich den Ingenieur Mir Shah, mit wie vielen Autos wir denn nach Hezarak fahren würden. Heute nur mit einem, war die Antwort. Er wisse doch, meinte ich, dass ich nur mit zwei Autos fahren dürfe, wegen der Entwicklungsdienst-Sicherheitsbestimmungen. Ja, aber heute würde das andere Auto in die Provinz Wardak fahren. Jemand versuchte mir noch einzureden, dass läge ja praktisch auf dem Weg nach Hezarak und dass mensch dann ja die Strecke doch zu zweit fahren kann. Allerdings war das Auto schon weg und zweitens liegt Wardak genau in der anderen Himmelsrichtung.

Ich meinte also: Dann muss ich halt hier bleiben. - Ob denn ZIM kein zweites Auto hätte. -Nein, die Absprache ist, dass NGE mich bringt und ZIM dass zweite Auto zum Abholen schickt. –Vielleicht ausnahmsweise? – Gut, meinte ich, ich kann ZIM fragen. Ich bin also zum ZIM-Büro, dass glücklicherweise direkt gegenüber liegt (noch, denn sie ziehen um, beide). Aber es war so spontan natürlich kein Auto frei. – Dann können wir nur mit einem Auto fahren. – Dann muss ich halt hier bleiben. (immer das gleiche Spiel) - Gut, also, dann fahren wir mit dem Auto der Ärzte zusammen hoch. Dafür mussten wir aber noch etwas warten, bis das „Medical-car“ soweit war. An der ersten Straßenkreuzung fuhren wir nach links, die anderen geradeaus. -Wo fahren die jetzt hin? -Nach Hezarak natürlich! – Und wir? –Erst mal etwas einkaufen. – Und das haben die anderen nicht gewusst? Nein. -Also gut. Wenn wir nicht mit zwei Autos fahren, kann ich nicht mitkommen. -Ja, klar. Wir probieren doch gerade, die anderen per Funk zu erreichen, das Funkgerät geht gerade halt nicht.

Nach einer Weile: - Wir treffen die anderen in Pul-e-tschari. - Wo ist das? - Dort hinten! - Ist dort hinten vor oder nach dem ISAF- Camp? - Es ist vor dem ISAF- Camp. Wenig später fahren wir an dem ISAF- Camp vorbei, ohne dass ein zweites Auto zu sehen gewesen wäre. Das Camp ist auch schon ziemlich weit außerhalb der Stadt. - Wo sind die anderen jetzt? - Die warten dort hinten auf uns.

Als wir dann die Straße nach Jallalabad verlassen, um rechts über den Fluss und später in die Berge zu fahren, wird mir beteuert, dass das andere Auto vor dem ehemaligen Zentralgefängnis wartet. Ich erkläre, dass sie mich aber zu der Hauptstraße zurückbringen müssen, wenn das zweite Auto dort nicht ist, damit ich ein Taxi zurücknehmen kann. Mittlerweile sind alle Beteiligten ziemlich abgenervt. Entgegen meinen Erwartungen steht tatsächlich das andere Auto in der Nähe des Gefängnisses und wartet auf uns. Über Funk, der jetzt funktioniert, erzählen sie, dass sie fast eine Stunde auf uns gewartet haben und dass ich mich jetzt wohl behütet fühlen kann, weil sie immer vor uns herfahren werden. Natürlich sind sie sauer und ich auch auf den Chef vom Entwicklungsdienst, der mir das alles eingebrockt hat. Unterwegs fängt es an zu schneien. Das ist gut für Afghanistan, aber unser schnelles Fahren erleichtert es nicht gerade. An der einzigen richtig steilen Stelle kommen wir dann auch nicht weiter, das Ärzteauto muss wieder auf uns warten, bis der Fahrer die Schneeketten angebracht hat.

Später wird mir gesagt, dass die Mediziner jetzt nur eine Stunde Zeit in Hezarak hätten und danach wieder zurückmussten. Sie fahren immer hin und her, weil sie auch Ärztinnen im Team haben, die nicht mit den Männern in Mundul übernachten können.

Dann sind wir endlich in Mundul. Meine Auszubildenden warten schon anderthalb Stunden auf uns. Einer meiner Schüler hat am nächsten Tag Hochzeit und will freibekommen. Alle gucken mich erwartungsvoll an. Klar kann er freibekommen für seine Hochzeit, sage ich, aber er weiß die Regeln. Mein Übersetzer übersetzt das aber nicht so höflich, sondern sagt gleich: Aber es gibt kein Geld. Alle sind empört. Nach einer Weile, in der ich beobachte, wie die Empörung sich so entwickelt, meine ich, okay, ich werde Said Machmat fragen, wie in diesem Fall zu entscheiden ist.

Und dann lädt uns Zainulabuddin alle zu seiner Hochzeit ein. Wieder weiß ich nicht, was ich dazu sagen soll, weil er uns (selbstverständlich!) während der Arbeitszeit einlädt. Erst mal sage ich: Chub as! (Toll!).
17. Januar

Einverständnis der Deutschen Botschaft in Kabul für die Fahrt nach Hezarak

Nachmittags versuche ich zu erreichen, dass ich mit der holländischen Organisation Entwicklungshilfeorganisation nach Hezarak fahren kann. Am nächsten Tag ein zweites Mal. Holger im Büro erklärt mir, dass ich dafür aber das Okay der deutschen Botschaft bräuchte, wegen der angespannten Sicherheitslage. Nach zwei Anläufen gerate ich an einen höheren Beamten.

Am Anfang des Gespräches klärte er mich darüber auf, dass die deutsche Botschaft nichts verbieten oder erlauben würde. Am Ende des Gespräches warnte er mich davor, ohne Erlaubnis der Botschaft nach Hezarak zu fahren. Es sei allerdings gerade niemand da, der mir etwas darüber sagen könne, die zuständige Frau sei gerade in Jallalabad. Dazwischen hörte ich mir eine ganze Weile an, dass das Verfahren bezüglich meiner Anfrage doch ein ganz anderes sei. Ahnung hatte er keine, weder geografisch noch über die Sicherheitslage. Ich habe das Gespräch von mir aus irgendwann für beendet erklärt und musste nach dem Auflegen erst eine Weile laut schimpfen.

Weil ich von NGE keine Telefonnummer hatte, bin ich (mit Astrid) direkt in das NGE-Büro gefahren. Dort war außer den Wachleuten aber niemand mehr anzutreffen, deshalb sind wir zum Privathaus des Chefs der holländischen Organisation. Der wohnt mit seiner Frau in einem Haus mitten in der City. Er führte uns in sein Wohnzimmer und es wurde richtig nett. Leider war ich noch etwas abgenervt von dem Gespräch mit der deutschen Botschaft.

Die Sicherheitslage verschlechtert sich: Eine Reihe von „Vorfällen“ und ein Überfall auf ein GTZ-Fahrzeug

Zu Hause war wieder Lernen angesagt, nachmittags musste ich mich mit Migräne hinlegen. Martina meinte: Du bist aber auch die ganze Zeit wie unter Strom. Selbst wenn Du mal aufs Klo musst, rennst du dahin. Nachmittags sind die anderen alle ins Büro gefahren, eigentlich wollten sie zu ISAF einkaufen. Im Büro angekommen bekamen sie eröffnet, dass es jetzt ein Sicherheitstreffen für alle gäbe (ohne mich). Es scheint wohl eine Reihe von Vorfällen gegeben zu haben: Bei dem Staudamm, an dem wir zwei Wochen zuvor zu einem Ausflug waren, gab es einen zweiten Überfall auf ein GTZ- Fahrzeug. Eine Frau wurde dabei mit einem Messer verletzt, das Auto ausgeraubt. Eventuell war es nur dem Auftauchen von einem weiteren Fahrzeug zu verdanken, dass nicht mehr passiert ist.

Im Osten von Kabul, in der Nähe des Stadtzentrums, gab es Raketeneinschläge, in dem Stadtteil Wazir Akbar Khan ist ein europäisches Haus überfallen und ausgeraubt worden, es gab –laut Berichten- Anschlagsversuch auf den Kriegsminister Fahim und bei Hezarak hätte es “Vorfälle” gegeben (letzteres stimmte nicht). Bei dem angeblichen Anschlagsversuch auf Fahim wurden zwei Iraner festgenommen. Wahrscheinlich wäre niemand besonders verärgert gewesen, wenn der Anschlag geglückt wäre, denn Fahim kann kaum jemand leiden, nicht mal aus den eigenen Reihen.

Die Deutsche Welthungerhilfe in Kabul und ein Spaziergang in die Innenstadt

Nach dem Frühstück besuchte ich Martin. Das Taxi hielt genau da, wo in meinem Plan die deutsche Welthungerhilfe (DWHH) eingezeichnet war, aber es gab an den Häusern keine Zeichen, wie sonst überall (Hausnummern gibt es sowieso nicht und ganz selten Straßennamen). Auf meine Frage erzählte mir jemand, die seien umgezogen, irgendwo dort hinten. Also bin ich dahin gelaufen. Ein Rollstuhlfahrer bettelte mich um Geld an, ließ auch nicht locker, ganz offensichtlich ein Profi. Er habe seit zwei Monaten keine Arbeit mehr. Und seit zwei Tagen hätten er und seine Familie nichts mehr gegessen. Irgendwann hörte ich auch auf, höflich mit ihm zu reden.

In dem Viertel Wazir Akbar Khan, in dem ich nun war, gibt es sehr viele ausländische Organisationen und deshalb in jeder Straße auch etliche Wachposten der Miliz. Einen solchen fragte ich also nach der ‚german agro aktion’, wie sich die DWHH hier nennt. Der wusste aber nichts. “Aber ich!” triumphierte der Rollstuhlfahrer und fuhr auch schon los, direkt zu der deutschen ‚Kreditanstalt für Wiederaufbau’. Nein, sagte ich, das ist es nicht. “Dahinten ist noch ein Haus der DWHH!” meinte er dann. Ich bin also brav hinter ihm her, diesmal zu der deutschen GTZ. Auf meine sehr unwillige Reaktion hin beeilte er sich zu sagen: Oh, er wisse ganz genau, ich wolle nicht nur zu einem deutschen Haus, ich wolle zur DWHH und das sei dort hinten um die Ecke. Völlig entnervt habe ich ihm 20 Afghani für seine ‚Dienste’ in die Hand gedrückt und endlich ließ er mich auch in Ruhe. Ein Anruf machte alles ganz einfach und zwanzig Minuten später stand ich dann wieder vor dem ersten Haus: Die DWHH war gar nicht umgezogen.

Interessantes Tischthema Polizei und Geheimdienst in Afghanistan bei großem Dinner im „deutschen Club“ in Kabul

Abends hatten wir ein großes Dinner mit Frau Saumer und etlichen geladenen Gästen im “deutschen Club”, einem großen angemieteten Haus mitten in der Stadt mit (leerem) Swimmingpool im Garten und sehr hohen Mauern. Die Einrichtung war so ein bisschen wie ein Treffpunkt von Punks, besonders was die Renovierung der Wände und der Zusammenstellung von Sofas und Sesseln anging. Dazwischen aber auch durchaus noble Einrichtungsgegenstände wie die Tische und die dazu passenden Stühle.

Zuerst gab es drei Ansprachen, von Herrn Anders, von Frau Saumer und von einer Frau, die aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem gleichen Flugzeug wie Arun morgens gekommen war. Keine Ahnung, wie die das machen, sofort wieder fitt zu sein. Eingeladen waren noch etliche deutsche ISAF-Soldaten, die tatsächlich mit geschulterten Maschinengewehren herumliefen (‚wir können die doch nirgends unbewacht hinlegen”) und Punkt 22.00 Uhr alle wieder verschwanden, auch ranghohe Dienstgrade. Aber ansonsten waren sie ganz erträglich. Auch GTZ, Deutsche Welthungerhilfe (u.a. die Sabine, die ich schon vorher mal in einer Kneipe in Bonn getroffen hatte), Goethe-Institut (eine nette, ältere Dame, die alleine das Goethe-Institut ist), jemand von der deutschen Botschaft, zwei Malteser-Hilfsdienst-Ärzte (einer war sehr schnell betrunken) waren da.

Unbehelligt am Flughafen in Kabul

Morgens bin ich alleine zum Flughafen, um Arun abzuholen, den Afghanen aus unserer Vorbereitungszeit in Bonn. Arun will in dem Ministerium für Stadtentwicklung arbeiten, ist seit dreißig Jahren nicht mehr in Afghanistan gewesen und hatte etwas Schiss, wieder hierher zu kommen. Erfahrung hatte er aber reichlich mit Stadtentwicklungsprojekten in islamischen Ländern. Als er hörte, für welches Geld wir bereit sind, nach Afghanistan zu gehen, war er sehr still geworden: Er verdient locker das Fünffache. Ich hatte versprochen, ihn abzuholen.

Auch hier wieder: Ein Polizist scheucht alle Afghanen vom Flughafengebäude weg, auch den Neffen des Ministers, bei dem Arun arbeiten wird, mich lässt er unbehelligt. Ich frage einen anderen Afghanen, warum ich denn bleiben darf, nur weil ich Deutscher bin oder Ausländer? Er lacht und sagt: ”Nein, weil Du hier Gast bist!”

Unbehelligt gehe ich auch durch die bewachte Eingangstür, unbehelligt durch die zweite Tür innerhalb des Gebäudes, wo andere abgetastet werden. Später traue ich mich sogar in die Empfangshalle, indem ich meinen Pass zeige, mit dem der Soldat so wenig anfangen kann, dass er mich durchlässt. Gemein ist es trotzdem, ihm gegenüber. Sollte ich innerhalb des Gebäudes irgendetwas anstellen, er würde dafür büßen. Und sollte er mich nicht durchlassen und ich beschwere mich, weil ich ein hohes Tier bin, dann büßt er auch. Martina meinte, unsere Wachleute wären genauso übel dran, wenn es tatsächlich einen Überfall gäbe. Wehren sie sich, verteidigen sie uns, dann kann es gut sein, dass sie erschossen werden. Sie selbst haben keine Waffen. Laufen sie weg (was das einzig sinnvolle ist), dann werden sie mehr oder weniger übel von der Polizei bestraft. Zwei Jahre, bevor sie nach Uganda gingen, hat eine Entwicklungshelferin einen Wachmann wegen irgendetwas angezeigt. Der wurde inhaftiert und zu Tode gefoltert.

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