Wirtschaft

Honig aus Afghanistan: Mein Bienenprojekt

Anfang April waren meine Abschlussberichte für meine drei Organisationen und meine Zeugnisse für die Lehrlinge endlich geschrieben. Ich hatte nun Urlaub und etwa drei, vier Wochen Zeit, mich um mein privates Projekt zu kümmern: Eine Imkerinnen-Ausbildung, in Zusammenarbeit mit AFA.

Im Januar hatte ich zusammen mit einem anderen deutschen Unterstützer ein weiteres Gespräch mit Nadia gehabt. Peter, der Deutsche, war einer der Spendensammler von AFA und besonders von dem Bienenprojekt angetan. Deshalb haben wir eine Schreinerinnen-Ausbildung nicht mehr weiter verfolgt.

Abgesprochen war nun, dass ich mich die inhaltliche Vorbereitung kümmern sollte und um den Imkereibedarf, wie Bienenkästen und Honigschleuder. AFA sollte sich um den organisatorischen Rahmen kümmern, wie Ort und ausbildungswillige Frauen und außerdem um Bienenvölker. Stattfinden sollte das Ganze in Jallalabad, ab Anfang April und bis dahin wollten wir jeweils unseren Teil vorbereitet haben. Gefreut hat mich, dass ich von Karl Anders die Zusage bekam, während dieser Zeit im Gästehaus des Entwicklungsdienst in Jallalabad wohnen zu dürfen.

Von einer befreundeten Imkerin bekam ich aus Deutschland einiges Material über den Bau (und die Maße) von Bienenkästen (‚Beuten’) zugeschickt. Sie hatte auch herausgefunden, dass in Afghanistan zwar auch gelegentlich mit der europäischen Honigbiene geimkert wird, eigentlich aber eine andere Art heimisch ist. Ich war etwas entmutigt, als ich feststellen musste, dass diese Bieneart deutlich anders beimkert werden muss, als ich das in Deutschland gewohnt bin. Zum einen fliegt diese Biene nicht so weite Strecken, wie die europäische. Das bedeutet, dass sie doch nicht so gut von einem Hof aus betreut werden kann, sondern immer wieder auch zu den Orten gebracht werden muss, wo es gerade Tracht gibt (es blüht). Das wiederum macht es schwer für Frauen, Bienen zu halten. Die Völker dieser Bienenart sind kleiner, so dass auch die Beuten kleiner sein müssen, als in Europa üblich. Von dieser Freundin bekam ich auch kleinere Ausrüstungsgegenstände zugeschickt. Was noch fehlte, waren die Honigschleuder und die Beuten selbst, die zu groß waren, um sie zu schicken.

Für meinen Container hatte ich ein paar Schlosserarbeiten gebraucht und einen Schlosser gefunden, der mir die entsprechenden Teile gebaut hatte. Diesen Schlosser zu finden, war schwierig gewesen. Bei einem anderen Schlosser war ich immer nur wieder vertröstet worden, selbst eine Anzahlung hatte nichts genutzt. Nach einigem Hin und Her rückte er das Geld ein paar Tage später tatsächlich wieder heraus. Mit dem zweiten Schlosser war ich sehr zufrieden und nach ein paar Aufträgen begrüßten wir uns wie alte Bekannte. Besonders die kleinen Jungs, die vor seiner Werkstatt an irgendwelchen Metallstücken herumhämmerten, riefen mir schon von weitem zu, wenn sie mich kommen sahen.

Nur wenn meine Wünsche gar zu kompliziert waren, hatten mein Dari und meine Zeichnungen nicht ausgereicht. Einen durch die Luftzufuhr zum Ofen gekühlten Ofenrohrstutzen musste ich zum Beispiel wieder umbauen, weil er nicht so geworden war, dass ich ihn benutzen konnte.

Nach diesen Erfahrungen versuchte ich für das komplizierte Bienengeschirr jemanden zu finden, der entweder Englisch oder sogar Deutsch versteht. Die Holzarbeiten hätte ich gerne in meiner Werkstatt in Hezarak bauen lassen. Nach einigem Überlegen war mir aber klar, dass sich das aus verschiedenen Gründen verbat: Wie passen diese Bienenkästen in den Ausbildungsplan, den ich mir mit Einnullah zusammen ausgedacht hatte? Wer würde den Preis festlegen und wem müsste ich das Geld geben? Vor allem aber wollte ich den Anschein vermeiden, ich würde diese Ausbildung benutzen, um etwas für mich abzuzweigen.

Über mehrere Ecken hörte ich von einem christlichen Orden, der mit einigen Brüdern schon viele Jahre in Afghanistan arbeitet und sowohl eine Schlosserei als auch eine Schreinerei betreibt. Weinig später saß ich dann in der Nähe von Taimani bei einem Ehepaar. Andreas war ursprünglich ein Mitglied dieses Ordens gewesen, hatte dann aber Beate kennen gelernt. Beate war ebenfalls schon unter den Taliban für eine andere Hilfsorganisation nach Afghanistan gekommen.

Sie wohnten in einem kleinen Haus mit Garten mitten in Kabul, der Obstbaum blühte schon. Zu meiner Verwunderung war die Tür nicht abgeschlossen, das hatte ich bisher noch nicht erlebt. Andreas sagte nur: Früher war hier kaum eine Tür abgeschlossen. Plaudernd habe ich einen schönen Nachmittag bei ihnen verbracht. Als ich allerdings von AFA erzählte, wurde Beate ärgerlich: „Weißt du nicht mehr,“ meinte sie zu Andreas: „Das sind die Frauen, die uns alle mit ihren radikalen Aktionen während der Taliban-Zeit in Gefahr gebracht haben.“

Mit Andreas fuhr ich ganz in den Süden von Kabul, wo er unter anderem eine Schreinerei leitete. Das Gelände war enorm groß, die Schreinerei wegen Umbauarbeiten aber gerade in einem Verschlag untergebracht. Zusammen mit Andreas erklärte ich zwei sehr alten Schreinern, welche Art von Beuten ich haben wollte. Auch hier waren im Moment keine Maschinen in Betrieb, sondern alle Arbeit wurde von Hand gemacht. Als ich diesen alten Handwerkskollegen gegenüberstand, wurde ich sehr ehrfürchtig. Was diese runzeligen Hände wohl schon alles gebaut haben mögen, und was diese faltigen Gesichter schon alles gesehen?

Es stellte sich heraus, das beide auch schon Bienenbeuten gebaut hatten und so vereinbarte ich mit ihnen, dass sie zwei Kästen auf afghanische Art und drei Kästen nach meinen Zeichnungen fertigen sollten. Glücklicherweise war hier der Samstag immer Arbeitstag, so dass ich an mehreren Samstagen die fertigen Arbeiten begutachten konnte. Das war auch gut so, denn an den Beuten nach meinen Zeichnungen und den von Andreas übersetzten Erklärungen waren doch einige Fehler nach zu bessern. Selbst Andreas war manchmal erstaunt, wie wenig die beiden doch erfahrenen Schreiner verstanden hatten.

Einen dieser Samstage verbrachte ich damit, selbst den kompliziertesten Teil, das Bodenteil mit dem Einflugloch, zu bauen, damit sie für die beiden anderen Kästen eine Vorlage hatten. Wieder war ich überrascht, wie schnell das Arbeiten ohne Strom geht. Ganz stolz war ich, mitten unter diesen Kollegen zu arbeiten und mit ihnen zusammen Pause zu machen.

Wenn ich handwerklich arbeite, können sie sehen, dass ich nicht nur Aufträge oder Befehle erteilen kann. Ich bin mit ihnen auf einer Stufe, ein Schreinerkollege halt und das schafft eine andere Verbindung, eine andere Art der Verständigung. Ich genieße das sehr. Ich weiß, dass die Entwicklungshilfe mehr und mehr in die Richtung geht, möglichst weit oben an zu setzen. Nicht ausbilden, schon gar nicht selbst schreinern, sondern möglichst die Lehrer ausbilden, oder noch besser: die Lehrpläne für die Lehrerausbildung erarbeiten.

„Gibst Du einem Armen einen Fisch, so hat er einen Tag etwas zu essen. Lehre ihn fischen, so hat er ein Leben lang zu essen.“ Massiv gefördert wird dadurch aber das Herrenmenschen-Bild: Die Weißnasen wissen alles besser.

Schwieriger war es, die Honigschleuder bauen zu lassen. Thomas, der Ordensbruder, der für die Schlosserei verantwortlich war, war für einige Zeit in Deutschland und sollte erst gegen Ende April wieder zurück kommen. Andreas hat mir deshalb die private Schlosserei eines Mitarbeiters gezeigt.

Der war ein sehr fähiger Schlosser, aber die Arbeiten an der Schleuder zogen sich sehr in die Länge. Zum Glück war seine Schlosserei ganz in der Nähe des Entwicklungsdienst-Gästehauses, so dass ich oft hinfahren konnte. Das musste ich auch.

Termingerecht fertig geworden ist sie nicht. Das war auch nicht mehr nötig, denn Nadia hatte offensichtlich das Interesse an dem Bienenprojekt verloren. Ich habe mehrere Tage lang halbstündlich unter zwei Telefonnummern versucht, sie an zu rufen, aber außer zwei sehr kurzen Rückrufen („ich rufe Dich in einer halben Stunde noch einmal an“), hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihr.

Obwohl sie wusste, wo ich wohne und dass ich auf sie warte, auch das ganze Material schon hatte, schrieb sie später an Peter, es sei nicht möglich gewesen, mich zu finden. Sie sei davon ausgegangen, dass ich mit AFA nichts mehr zu tun haben wollte. Mir blieb nichts anderes übrig, als die ganzen Sachen zu einer anderen Hilfsorganisation zu bringen, von der ich gehört hatte, dass sie auch ein Bienenprojekt plante. Auch einen Imker konnte ich ihnen noch vermitteln.

Zu meiner großen Erleichterung bezahlte mir Ole van den Berg von ZIM das Bienenmaterial. Ich glaube, es war eine Anerkennung für meine Arbeit in Hezarak. Ich habe keine Ahnung, aus welchem Topf er das Geld bezahlen konnte, war ihm aber ausgesprochen dankbar.

Arnold erzählte mir, dass er unter anderem ein Tischlereiprojekt für Frauen betreut. War das also doch möglich! Eigentlich alle, die ich noch Deutschland als Afghanistan-Experten gefragt hatte, rieten mir, mir solche westlichen Spinnereien aus dem Kopf zu schlagen: „Frauen können in Afghanistan nicht als Schreiner arbeiten!“

Ich habe Arnold sofort nach seinen Erfahrungen mit den Frauen gefragt, denn darauf war ich selbst die ganze Zeit sehr neugierig gewesen. Er meinte: „Du musst mit afghanischen Frauen ganz normal umgehen, ob mit Tschadori oder ohne. Dann kannst du schnell einen ganz normalen Kontakt herstellen. Inzwischen kommen die Frauen aus diesem Projekt mit alltäglichen Problemen zu mir, um sie zu besprechen. Mich hat das selbst gewundert, wie schnell sich da eine recht offene Situation entsteht.“

Im Grunde gingen auch meine wenigen Erfahrungen in diese Richtung. Anfangs war ich doch sehr gehemmt, besonders den total verschleierten Frauen gegenüber. Inzwischen grüßen mich die Teenagerinnen hier aus der Straße schon von weitem, wenn auch meist kichernd. So wie gleich am ersten Tag, als ich ohne mir dabei etwas zu denken, die Frauen im Nachbarhof grüßte und diese zurück winkten.

Nach wie vor finde ich den Tschadori, die Burka, aber sehr bedrückend. Und es ist nicht nur die natürlich gravierende Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Frauen. Sondern die damit einhergehende Kultur suggeriert zusätzlich, dass ich als Mann in irgendeiner Form eine sexuelle Bestie bin. Das verleidet mir die ganze Freude am Mannsein. Nach wie vor fällt es mir schwer, mit einer Frau unter einer Burka ‚ganz normal’ zu reden.

Ein Nebeneffekt von meinem missratenen Versuch, für Frauen in Afghanistan etwas zu tun, ist, dass ich nun noch etwas Zeit in Afghanistan habe, bevor ich wieder nach Deutschland fliege.

So kann ich eine Reise nach Jallalabad unternehmen und mich noch etwas in Kabul umsehen. Mit einem Bekannten wollte ich weit ins Landesinnere, in das Hazarajat fahren, aber das vereitelte meine Angst, mir könne in den letzten Tagen in Afghanistan noch etwas zu stoßen: Ich bekam eine fürchterliche Darminfektion, die meinen Aktionsradius für mehrere Tag auf ein paar wenige Meter beschränkte.

19. April

Handwerk in Afghanistan: „Es macht wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht.“

Ich denke, ein ganz wesentlicher Aspekt meiner Arbeit hier ist, dass ich völlig ohne Strom arbeite und alles, was ich lehre, sich nur auf Handarbeit bezieht. Das ist eigentlich nicht so die Stärke eines deutschen Handwerksmeisters, zum Glück aber meine. Meine Leute können sehr schnell arbeiten, im Allgemeinen schneller als ich. Aber auf dem Bazar und natürlich besonders bei meinen Lehrlingen, die zum Teil ja Anfänger sind, sehe ich sehr unsaubere Arbeiten. Maßhaltigkeit, genaue, saubere Verbindungen gibt es selten. Selbst Einnullah, mein Co-Teacher arbeitet nicht besonders sauber. Für die Zwingen werden keine Zulagen genommen, andere Druckstellen gar nicht erst beachtet, wenn Holz ausreißt, ist das auch in Ordnung.

Das Holz ist so teuer, dass eine vernünftige Holzauswahl kaum möglich ist. Ich habe versucht, zu erklären, dass der Kern eines Holzes keinesfalls genommen werden darf, aber Einnullah hat meine Lehrlinge dann hinterher doch angewiesen, auch Holz mit der Mark- (Kern) röhre zu nehmen. Das bedeutet natürlich, dass das Holz sehr reißt. Vor allem auch die Benutzung von Nägeln macht die Arbeit unsauber. Das Holz reißt auch dort oft auf, die Hammerschläge beschädigen das Holz, es bleibt der Nagelkopf sichtbar. Manchmal bricht mit dem Nagel eine ganze Ecke des Holzes weg. Das passiert oft, wenn kleinere Reparaturen am eigenen Werkstück vorgenommen werden. Da kleine Zwingen nicht üblich sind, wird eigentlich immer mit Hilfe von Nägeln geleimt, die alles noch schlimmer machen.

Die Fenster und Türen werden mit Bändern hergestellt, wie wir sie an alten Truhen haben, der Schreiner nennt sie Lappenbänder. Die sind mit Schrauben befestigt, die aber oft der Schnelligkeit halber mit dem Hammer eingetrieben werden.

Es gibt nicht, wie in Deutschland, die Einspannmöglichkeiten für ein Werkstück. So wird das, was ich bearbeite, fast immer mit dem Fuß gehalten. Oft stehen meine Leute auf dem Werktisch und sägen das mit dem Fuß gehaltene Holz von oben mit dem Fuchsschwanz. Jedes Holz wird mit der Rauhbank, mit der ich inzwischen ganz gut umgehen kann, erst glatt gehobelt. Die Rauhbank ist ein sehr langer Hobel, der das Holz eben macht. Vorausgesetzt, er ist gut geschärft und auch anderweitig in Ordnung.

Anfangs haben meine Lehrlinge von mir erwartet, dass ich ihre Werkzeuge in Ordnung halte. Sie brachten mir einen Hobel: ‚Geht nicht' und wenn ich ihn dann in die Hand nahm, wollten sie zufrieden abziehen in der Erwartung, ihn später geschärft und repariert wieder zurückzubekommen. Das hätte mir auch geholfen. Denn, selbst wenn ich es irgendwann schaffe, das Teil zu reparieren, kann ich oft noch nicht erklären, was ich da eigentlich gemacht habe. Aber Ausbildung bedeutet natürlich, ihnen beizubringen, wie sie es selbst machen müssen.

Zum Glück sind ja viele Dinge analog, so dass ich mit meinem Wissen über den normalen Hobel auch schnell erfasse, warum eine Rauhbank nicht so arbeitet, wie sie soll.
Trotzdem ist den meisten schon klar geworden, dass ich vorher noch nie mit einer Rauhbank gearbeitet habe. Aber für die vielen Sachen, die eben in Afghanistan üblich sind und nicht in Deutschland, arbeite ich ja auch mit meinem Co-Teacher Einnullah zusammen, von dem ich selbst lerne. Meine Stärken sind deshalb mein sauberes, genaues Arbeiten, vor dem sie alle ehrfürchtig staunen und mein im Vergleich doch umfangreiches, theoretisches Wissen über Verbindungen, Werkzeug und Holz.

Wenn nur Einnullah auch bereit wäre, von mir zu lernen. Obwohl er selbst wohl ganz gut erklären kann, hat er eine ausgeprägte Abneigung gegen Theorie. Soweit ich beurteilen kann, was er erklärt. Denn wenn er an der Tafel steht, fällt mein Übersetzer Sadat immer in so eine Art Lethargie, aus der ich ihn nur schwer erwecken kann. Mit viel persönlicher Energie bringe ich ihn manchmal dazu, mir einen oder zwei Sätze von Einnullah zu übersetzen. Wonach er wieder beharrlich schweigt. So sitzen wir beide während des Vortrages von Einnullah da und träumen vor uns hin.

Als wir die Werktische gebaut haben, habe ich ihnen gezeigt, wie man eine Gratleiste macht. Eine Gratleiste hält ein Vollholzbrett (wie zum Beispiel die Arbeitsfläche der Werkbänke) gerade und lässt das Holz trotzdem arbeiten, d.h. schwinden. Wenn ich ihnen etwas Neues zeige, behaupten sie oft (besonders Einnullah), das sei zu schwierig. Dabei hat der, der die Leiste dann machte, nur zwanzig Minuten dafür gebraucht.

Lange habe ich dafür gebraucht, zu erklären, dass Holz arbeitet, also sich zusammenzieht, wenn es trocknet und sich ausdehnt, wenn es Feuchtigkeit aufnimmt. In Deutschland ist das eine der wichtigsten Grundregeln fürs Schreinern. In Afghanistan wird das natürlich in vielen Verbindungen praktisch angewendet, aber sie wissen nicht unbedingt, warum. Einnullah jedenfalls ganz sicher nicht.

Die Arbeitsfläche der Werkbänke wollte er in der Fläche verleimen und dann aber auf der Unterkonstruktion festschrauben. Das muss reißen habe ich gesagt und: Gut, wir machen halt beides und schauen es uns einen Monat später noch mal an. Diese Woche haben wir es uns gemeinsam angeschaut: Die verleimten und verschraubten Tische sind entweder in der Leimfuge gerissen oder, wenn es gut und richtig geleimt war, mitten durchs Holz. Der Tisch mit der Gratleiste ist in der Breite zwei Zentimeter schmaler geworden, aber nicht gerissen. Erst schien es, als hätten sie verstanden. Aber dann verleimte Einnullah den Stuhl, den er zum Vorzeigen für die Lehrlinge gebaut hatte, wieder in genau der Art und Weise, dass die Sitzfläche mitten im Holz reißen muss. Ich habe es nur für ihn erneut erklärt und vielleicht hat er es verstanden.

Ich glaube, in unseren fachlichen Auseinandersetzungen geht es ihm oft um seine Selbstbehauptung. Ich habe deshalb anfänglich oft nachgeben, auch weil ich hoffte, von ihm zu lernen. Aber nachdem ich jetzt schon recht häufig anschaulich sehen konnte, warum ich als Schreiner irgendetwas so und nicht anders mache, bestehe ich nun regelmäßiger auf meiner Methode. Ich werde ja auch eigentlich nicht dafür bezahlt, dass ich etwas lerne, sondern dass etwas von meinen Kenntnissen und Fähigkeiten in Afghanistan bleibt.

In der direkten Konfrontation ziehe ich aber häufig den Kürzeren. Viele, einschließlich Einnullah, sind einfach sehr stur. Und wenn ich irgendetwas jetzt und hier geändert haben will, dann passiert einfach gar nichts. Zum Glück gefällt mir das grundsätzlich (nur im jeweiligen Moment halt nicht). Außerdem habe ich auch mit meinem Sohn gelernt, rechtzeitig aus einer Eskalation auszusteigen und nicht Willen brechen zu wollen. Wenn ich es unbedingt will, wird es noch lange nicht gemacht.

Oft ist es für sie sehr einfach zu erklären, warum ich sauberer als sie arbeite: Ich habe einfach das bessere Werkzeug (das sie oft ausleihen wollen). Werkzeug aus Deutschland ist immer viel besser. Vor allem besser als pakistanische Produkte, die immer schlecht sind, sagen sie. Ich habe dann zeitweilig mit ihrem Werkzeug gearbeitet, um ihnen zu zeigen. dass es eben nicht an der Badehose liegt, wenn der Bauer nicht schwimmen kann. Außerdem habe ich einigen, deren Werkzeug auch nicht scharf war, gesagt, dass sie es nicht behalten können, wenn sie gar nicht damit arbeiten.

Ein paar Sachen habe ich als Beispiel gebaut, weil es anschaulich besser zu erklären ist, als an der Tafel. Trotzdem glaube ich, dass ein guter Schreiner auch theoretische Sachen nachvollziehen können muss, sonst gibt es bald Grenzen in dem, was er lernen kann. Deshalb mache ich gleichzeitig weiter mit meinem theoretischen Unterricht. Da unterrichte ich auch Fachrechnen. Ich habe sie in zwei Gruppen eingeteilt. Es gibt eine Gruppe, in der ich die Grundrechenarten lehre, das kleine Einmaleins durchnehme (ich habe es mit arabischen Zahlen geschrieben und als Kopie an alle verteilt) oder auch nur addieren über Zehnergrenzen übe.

In der anderen Gruppe nehmen wir Dreisatz, Bruchrechnen und Kommazahlen durch. Ich wusste gar nicht, wie schwer es ist, zu erklären, warum 0,5 durch 0,0125 geteilt vierzig ergibt. Als letztes will ich mit ihnen Raumberechnung machen, um die Frage zu klären, wie viele Bretter ein Stamm ergibt. Spaß macht es mir, das Gelernte gleich im drauffolgenden Praxisunterricht abzufragen: Wie viele Schrauben brauchst Du, wenn Du hier am Fenster vier Bänder hast mit je sechs Schrauben? Na ja, oft stellt sich dann heraus, dass es nicht ganz die richtige Formulierung ist zu sagen: 'Das Gelernte abzufragen'.

Gut hat sich bewährt, mir die von ihnen gebauten Werkstücke mit jedem Lehrling einzeln genau anzugucken und zu bewerten. Ich versuche dann immer die Ecke zu finden, die gut geworden ist und zu sagen: Das ist toll geworden. Fast alle meine Lehrlinge sind mit Lob leicht zu erreichen. Der Krieg hat sie eben sehr hungrig gemacht, auch auf Lob. Auf die Art habe ich deutliche Verbesserungen ihrer Arbeit erzielen können. Obwohl ich auch viele verzierte Schreinerarbeiten gesehen habe, überwiegt in dieser Wiederaufbauzeit eindeutig die Funktion des Gebauten. Es ist oft nicht ganz so wichtig, wie es aussieht. Und das hängt im Grunde natürlich mit den Kundenwünschen zusammen. Auch in Deutschland macht es wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht. Das wird eben nicht bezahlt.

Über das hier verwendete Holz kann ich übrigens gar nichts lehren. Ich kann die verschiedenen Holzsorten weder voneinander unterscheiden, noch kenne ich ihre Eigenschaften. Ich sehe nur, dass es erstaunlich viele verschiedene Sorten gibt und eine Eichenart habe ich erkannt. Zu meinem Entsetzen als Feuerholz in größerer Menge. Plattenmaterial gibt es auch, Spanplatten, die hier espanpalat heißen, und Sperrholz in allen Stärken und meist schlechter Qualität. Vieles ist so, wie ich mir Schreinerei in Deutschland vor etwa hundert Jahren, vielleicht auch direkt nach dem 2.Weltkrieg, vorstelle.

Öfter kommt irgendjemand und will irgendetwas von mir persönlich gebaut haben. Ich bin dann schnell abgenervt, weil sie dafür auch nichts bezahlen wollen. Wildfremde Menschen behaupten, dass das Gebaute sie dann immer an mich erinnern würde, wenn ich wieder in Deutschland bin.

Obwohl ich inzwischen ein wenig den anderen kulturellen Hintergrund verstehe, aus dem heraus sie mich auf so etwas anquatschen, sind meine Emotionen noch eindeutig europäisch. Ich bin dann immer ärgerlich. Ich bin es gewohnt, dass alles bezahlt wird und dass man höflich fragt, ob jemand etwas für einen machen kann und es nicht fordert.

In unserer individualisierten Welt wird eben viel über Geld geregelt, viele Beziehungen unter den Leuten sind Warenbeziehungen. Für die Afghanen ist das völlig unverständlich, weil vieles über Freundschaft und deshalb als Geschenk läuft. Weil jemand, der über Mittel verfügt, mehr Geschenke machen kann und diese Geschenke dann ‚Seilschaften' herstellen, sprechen wir von Korruption oder Unterschlagung.

So ist die Vehemenz, mit der auch ich auf Bezahlung und Abrechnung bestehe, im Grunde nichts anderes als die Durchsetzung der Warengesellschaft, ‚Entwicklungshilfe' eben.

21. März

Geld und Absprachen, Miss- und Vetternwirtschaft – meine Beobachtungen in Afghanistan

Irgendwann hatte Arnold, mein Kollege vom Entwicklungsdienst, der auch bei der Entwicklungshilfe arbeitet, die Nase voll. Er ist übrigens derjenige, von dem ich am meisten Unterstützung bekomme, konstruktiv, konkret, verlässlich. Das ist sehr angenehm in diesem Land. Wie gesagt, er wollte nicht mehr ständig nur Anrufe wegen diesem oder jenem bekommen, sondern die finanziellen Absprachen besser und möglichst abschließend klären. Dafür hatte er ein Treffen anberaumt. Zum Beispiel sollte auch über den Vertrag von Einnullah geredet werden.

In der Zusammenarbeit verschiedener Hilfsorganisationen passiert es immer wieder, dass jede meint, die anderen sollten froh sein, dass die eigene Organisation überhaupt etwas tut oder bezahlt. Der Entwicklungsdienst meint z.B., dass es doch toll ist, dass sie einen deutschen Facharbeiter plus Übersetzer stellen. Ein Geschenk sozusagen. ZIM gibt Geld für meinen Workshop und erwartet von NGE, dass sie die Infrastruktur stellen. Das Geld (übrigens in der Tat sehr viel) ist ebenfalls ein Geschenk.

Und NGE erwartet von ZIM und Entwicklungsdienst, dass sie den kompletten Workshop finanzieren, samt allen Nebenkosten. Sie haben im Grunde kein eigenes Geld und empfinden sich nur als ausführendes Organ. Alle wollen sie aber den Workshop für sich vermarkten und alle empfinden sich als Geber für andere Leute. Das waren die Vorzeichen für unser Gespräch. Karl Anders kam nicht, hatte auch nicht abgesagt. Also waren wir zu viert.

Said Machmat legte einen Finanzplan für die bereitgestellten 11.500,- Dollar vor, den allerdings ich geschrieben hatte und der nur ein Entwurf sein sollte. Ursprünglich wollte ich mir damit nur selbst einen Überblick verschaffen und anhand dieses Planes Mir Rachim fragen, wieso er meint, für die Bezahlung der Lehrlinge für die Arbeit an dem Container sei kein Geld da.

Ich hatte auch in einer überarbeiteten Fassung nicht die ganzen 11.500 Dollar erreicht, deshalb hatte Said Machmat noch die Kosten für einen Wächter und einen der Köche mit auf die Liste gesetzt. Für Einnullah, meinen Co-Teacher waren ebenfalls 265,- Dollar für 4 Monate angesetzt, ebenso für die Bezahlung der Lehrlingsarbeit an dem Container. Ich hatte sogar Kosten für meinen Transport von Kabul nach Hezarak eingeplant und Geld für das Büro von NGE, alles nicht zu knapp.

Dieser Plan lag also auf dem Tisch. Mir Rachim und Said Machmat hatten noch einige Bitten: Ob ZIM vielleicht zusätzlich den Co-Teacher bezahlen könne. Und vielleicht den Koch. Und dann fragten sie, ob ZIM, wie einmal abgesprochen, die Kosten für zwei Klassenräume für mich bezahlen könnten. Die wären doch frühestens fertig, wenn ich gehe, meinte Arnold.

Ja, es hätte halt Schwierigkeiten mit dem Besitzer des Hofes gegeben. Und in dem neuen Vertrag mit dem Besitzer würde jetzt drin stehen, dass sie zwei Klassenräume bauen. Deshalb bräuchten sie das Geld. Ich dachte, na ja, von den 11 500,- Dollar werden soviel übrig bleiben, die können sie doch dann gut nehmen für die Klassenräume. So teuer sind die schließlich nicht, vielleicht 200,- $ pro Raum, vielleicht auch 400. Deshalb fragte ich, nachdem Arnold schon mehr oder weniger erstaunt abgelehnt hatte, um welche Summe es sich denn handeln würde. 6000,- Dollar meinte Said Machmat, es sollten zwei richtig gute Räume werden, aus Beton. Der ganze Hof ist aus ungebranntem Lehm, mein jetziger Unterrichtsraum ein Loch, die Werkstatt die meiste Zeit ohne Ofen, nur mit Plastik abgetrennt und jetzt, wo es warm wird und ich nicht mehr da, brauchen sie Geld für zwei richtig gute Räume.

Ohne zu sagen wofür, warum, wozu. „Die Ausbildung soll fortgesetzt werden“, sagt Said Machmat. Mit wem? Welchen Lehrlingen, welchem Lehrer, welchen Ausbildungsinhalten? Tatsache ist eigentlich nur, dass ich dann nicht mehr da bin, um die Verwendung der Gelder zu überprüfen.

Ich fragte auch, was mit den Fenstern geschehen soll, die jetzt im Rahmen des Workshops gebaut worden sind. Die wolle er aufheben, als gutes Beispiel für die demnächst wieder anlaufende Produktion von Fenstern und Türen, ein halbes Jahr oder besser ein Jahr. Achtzehn Türen, dreißig Fenster. ‚Warum sagt er nicht gleich, er will ein Haus bauen?’, dachte ich.

Mir Rachim war sehr verärgert, als er ging. Er hatte nichts von dem bekommen, was er wollte. Obwohl ich dabei war und ihm -als gutem Freund- hätte helfen können. Das irre daran ist, dass sie wirklich nicht verstehen, warum ZIM all das nicht zahlen will. Hochintelligent, gut ausgebildet, aber eine ganz andere Kultur.

In der darauf folgenden Woche sitze ich mit Said Machmat bis spät in der Nacht zusammen und wir reden lange über dieses Gespräch. Ich versuche sehr vorsichtig zu sein und erkläre zuerst, dass ich von all diesen Dingen sicherlich weniger Ahnung habe, als er. Schließlich ist es das erste Mal, dass ich im Ausland arbeite. Er ist aber ganz offen und bittet mich um meine Meinung.

So versuche ich ihm zu erklären, dass er die Arbeit von NGE wie ein Produkt anbieten müsse, wenn er Geld wolle. Wenn er in einen Laden kommen würde und der Verkäufer bittet ihn freundlich um 1000 Afghani ohne zu sagen wofür, würde er vielleicht auch nichts bezahlen wollen. Es müsse für ZIM zum Beispiel klar werden, warum diese zwei Klassenräume, die NGE bauen will, genau in ihr Programm passen. Dafür ist es auch wichtig zu wissen, in welchem Rahmen Geldgeber arbeiten, um sich auf sie einstellen zu können.

Warum denn die Klassenräume so teuer gebaut werden sollten, frage ich ihn. „Na ja“, meint er, „das war sozusagen unser erstes Angebot. Wir dachten, dass wir über die Summe dann noch verhandeln können.“ Dass er die Fenster und Türen, die in meinem Workshop gebaut wurden, aufheben wolle als gutes Beispiel, habe er jedem gesagt. Auf diese Fenster und Türen seien ganz viele Leute scharf. Er wolle aber genau gucken, wer wirklich bedürftig sei und bis dahin bekommen alle diese Erklärung zu hören.

Sie hätten auch nicht den Lohn für Einnullah und den Koch zweimal gewollt. Schön war, dass er mir glaubhaft versichern konnte, dass er zwar schon sehr lange mit ausländischen Organisationen zusammenarbeitet, aber sich bisher noch nie mit einem Europäer so verständigen konnte und so ernst genommen gefühlt hat, wie mit mir.

Ich bin auch wegen mir froh, mit ihm geredet zu haben. Es gibt eine Entwicklungsdienst-interne Untersuchung, dass die Mehrzahl der Entwicklungshelfer mit mehr rassistischem Gedankengut als vor ihrer Abfahrt von ihrem Auslandseinsatz wieder zurück kommen. Im Grunde ist das natürlich ein weit verbreitetes Phänomen. Auslandsdeutsche sind oft besonders deutsch und besonders stolz auf ihre Kultur.

Ich glaube, in der Konfrontation mit der fremden Kultur erlebe ich zuerst, dass mein Gegenüber meine Werte nicht akzeptiert oder lebt. Für mich sind meine Werte aber eine Grundlage für mein Denken, für meine Bewertungen, für meine Vorstellungen von gut und böse. „Das sind doch alles Halunken“, dieser Gedanke ist dann die logische Folge.

Zumindest eben, solange ich nicht die Werte und Normen kennen- und verstehen gelernt habe, die an die Stelle dessen treten, was ich im fremden Land verloren glaube. Würde Said Machmat nicht seine Position auch nutzen, für Verwandte und Bekannte zu sorgen, er könnte sich in dem Gebiet von Hezarak nicht mehr sehen lassen. Würde er doch grundlegende Traditionen des gegenseitigen Versorgens brechen und allen zeigen, dass er an einer Freundschaft kein Interesse hat.

Inzwischen habe ich ähnliche Erlebnisse schon oft gemacht. Das fängt an mit dem alten Khalid, der ein steifes Bein hat und dessen hauptsächliche Arbeit für NGE daraus besteht, die vorgeschriebenen Gebetszeiten ausgiebig einzuhalten und ein Verwandter von Mir Rachim zu sein. Stolz hatte er mir einmal erzählt, dass er auf die Frage, was er denn eigentlich genau bei NGE tun möchte, nur geantwortet hat: Geld verdienen. „Ist doch wahr“, hatte er gesagt: “ich habe so viele Kinder, ich bin hier, um Geld zu verdienen.“

Dieser Khalid also hatte mich gebeten, einen kleinen Hocker für ihn zu bauen, weil er hier auf dem Gelände immer so Schwierigkeiten hat beim Beten wegen des Beines. Wie für alle, sagte ich ihm, müsse er aber das Holz bezahlen, 40 Afghani, also etwa 90 Cent. Weil er und die übrigen, die um mich herum standen, wie bei solchen Gelegenheiten so entsetzt und traurig guckten, meinte ich: „Okay, I will pay this money. It’s a gift from me”. Am Wochenende sah ich ihn, wie er diesen Hocker einpackte und mit nach Hause nahm. Die Woche darauf wollte er noch einen gebaut haben. Diesmal guckte ich sehr traurig, und er ließ von diesem Verlangen mir gegenüber ab. Als ich einen Tag mal nicht mit auf dem Gelände war, war dieses Bänkchen auch schon gebaut. Steht jetzt im Baderaum, keinem ist’s aufgefallen, keiner hat’s gebaut (er selbst bestimmt nicht).

Mr. Khalid hatte noch eine andere Idee: Ob ich für seinen Sohn nicht aus Deutschland eine Fußprothese zuschicken lassen könnte, die Deutschen seien so gut. Ich habe eher gar nichts darauf geantwortet. Samea wusste zum Glück, wie viel die ungefähr kostet (Khalid sicher auch) und rechneten das für die anderen aus.

Samea, der das von Khalid sehr unhöflich fand, hatte mich zwei Wochen zuvor auf Hühnerfarmen angesprochen. Sie würden im Gebiet von Hezarak Hühnerfarmen fördern, das sei eine gute Möglichkeit für arme Leute. Ich könnte gerne mal mitkommen, mir so einen Hof ansehen. Ob es für den Entwicklungsdienst oder für ZIM eine Möglichkeit gäbe, das zu fördern? Ich bin also zu ZIM und sie haben tatsächlich ein Kleinkreditprogramme für solche Fälle, aber eigentlich nur für Kabul. „Mal sehen“, meinte der zuständige Afghane, „vielleicht ist dafür eine Ausnahme möglich.“ Und gab mir ein Antragsformular mit. Als ich mit diesem Formular zu NGE kam, wollten gleich drei Leute einen Antrag stellen. Ob ich nicht noch mehr Formulare besorgen könne? Ich bat sie, das eine Formular doch bitte zu kopieren. (Das machten sie dann auch, aber ZIM akzeptierte nur das Original).

Kaum hatte Samea das Formular, erklärte er mir ganz offen, dass er sich freue, für einen seiner Söhne nun eine Möglichkeit zu haben. In diesen schwierigen Zeiten wäre es immer gut, wenn man möglichst viele Einnahmequellen hat. Als er mein entsetztes Gesicht sah, meinte er entschuldigend: „Wer weiß, wie lange ich noch bei NGE arbeiten kann. Bei den NGO’s kann es von heute auf morgen heißen: Wir stoppen leider sofort das Programm, an dem wir gerade arbeiten.“

Das hatte ich in der Tat auch selbst schon erlebt: Haschir, der nette Hazara und Veterinärarzt, war tatsächlich gekündigt worden, zwei Wochen vor Monatsende. Vielleicht können wir noch verlängern, hieß es. Am letzten Tag war dann klar: Nein, es geht nicht. Ich war total froh, ihn eine Woche später doch wieder zusehen: Mir Rachim hatte seien Vertrag tatsächlich verlängert. Aber am selben Tag wurde er endgültig gekündigt: Matthias, der holländische Chef von NGE sagte, es gäbe kein Geld für einen Tierarzt . UNHCR habe diesen Teil des Programms gestrichen.

-- Gerade werde ich umringt von Afghanen, die unbedingt wissen wollen, was ich schreibe, vor allem, ob ich über sie schreibe. Eine Stunde zuvor war es Hermid, der mich das Gleiche fragte. Das ist ein komisches Gefühl, wenn eine Gestalt meines Schreibens so plötzlich vor mir steht und mich fragt, ob ich sie da auf dem Papier noch mal erschaffe. Da wird der Mensch vor mir plötzlich zu Linien auf dem Papier oder diese Linien auf dem Papier werden plötzlich zu einem realen Menschen, der mich anspricht. Ob ich besser nicht über ihn schreibe, fragte ich . „Schreib halt“, meinte er.Das ungute Gefühl bleibt, dass ich die Macht habe, ihn zu verändern, ihn zu beschreiben, wie ich das will.—

Von anderer Seite bekomme ich zusätzlich böse Geschichten über NGE erzählt: Die Ärzte würden hauptsächlich in zwei Dörfern arbeiten, dem Heimatdorf von einem Mitglied des Medizin-Teams (der gar nicht Arzt ist, wie ich dachte, sondern (mal wieder) hauptberuflich Verwandter von Mir Rachim sei) und einem zweiten Dorf, das in der Nähe liegt. Viel würden sie sowieso nicht arbeiten. In dem Tadschiken-Dorf Karam, dem größten Dorf des Gebietes, wären sie fast nie (ich sah sie dort allerdings schon).

Als jemand von der UNHCR zum Controlling kam, hatten sie dicke Rundhölzer besorgt und über all die dünnen Hölzer gelegt, die sie sonst verteilen. Kaum war der Mensch von UNHCR, sehr zufrieden, weg, sei der Bruder von Said Machmat gekommen und holte die wertvolleren Hölzer für den eigenen Hausbau.

Einer sah, wie zwei Wächter Weizen aus dem Hilfsprogramme aufluden und dem Fahrer erklärten, wo ihre Häuser seien. Einmal kam ‚ein Fremder’ und sagte zu einem Afghanen, dass er sich mehr Mühe mit den Fenstern geben solle, immerhin bekäme er 1200 Afghani für ein Fenster. 300 Afghani bekam er tatsächlich von NGE. Said Machmat bat mich, vier kleine Regale für die Räume der Ingenieure bauen zu lassen für Bücher und dergleichen.

Wenn es etwas für den NGE- Hof ist, dann braucht das Holz natürlich nicht bezahlt zu werden. Als die Regale fertig waren und ich sie anbringen lassen wollte, hieß es: „Nein, bitte bring sie erst später an!“ Das ist mittlerweile schon drei Wochen her und mir schwant, dass da jemand nur die 80 Afghani sparen wollte für Regale für sich zu Hause.

Bei einigen Sachen weiß ich natürlich nicht, ob die so stimmen. Und manches entlarvt sich schon beim näheren Nachfragen als Übertreibung. Wer weiß, ob der fremde Herr (wahrscheinlich UNHCR) richtig übersetzt wurde, oder vielleicht hatte er nur den Preis im Kopf, den NGE für die Fenster bekommt. Und ihre Kosten und das Holz sind da mit drin. Außerdem kommt noch viel in Hezarak an. Der, der mir die Geschichte mit den Rundhölzern erzählte, konnte immerhin sein Haus mit diesen Hölzern wieder aufbauen (den dünneren halt), wie viele andere auch. Wer hier die Unterschlagungen radikal bekämpfen wollte, müsste NGE im Grunde die Lizenz entziehen, ein Haufen Leute entlassen und die Menschen von Hezarak alleine lassen.

Eine deutsche Kollegin meinte dazu: Im Grunde musst du die Leute vorher ganz lang und genau prüfen. Und selbst dann kann sich die Geschichte schnell verändern. Wenn eine NGO einmal in die falsche Richtung läuft, ist es sehr schwierig, da entgegen zu wirken. Eigentlich kannst Du nur die Gelder sperren. Und damit triffst Du hauptsächlich die, die am untersten Ende der Kette sind, denen du helfen wolltest.

Die holländischen Verantwortlichen von NGE waren bei solchen Problemen wenig hilfreich. Als ich die Geschichte mit dem Essensgeld für meine Azubis ansprechen wollte, meinte der NGE- Verantwortliche für Kabul zu mir: „Dann müssen wir halt den Koch entlassen!“ Das war mit Sicherheit die falsche Stelle und ich dachte: ‚Also, wir brauchen darüber auch nicht miteinander reden.’ (Das stimmte so auch wieder nicht. Zum Ende meiner Zeit in Afghanistan hatte ich mit ihm ein ganz gutes Gespräch genau über diese Dinge.) Die Sägespäne, die meine Lehrlinge nicht mit nach Hause nehmen dürfen, werden weiterhin lustig von den Ingenieuren abtransportiert. Obwohl der NGE- Boss drüber wütend war und etwas von einem Ofen für Sägespäne erzählte und zu hohen Kosten für Brennholz, dass aus Pakistan gekauft wird. Und es dabei belässt. Dann braucht er es auch gar nicht erst anzusprechen. Und Zeit hätte er, sich einmal stichpunktartig um eine Sache richtig zu kümmern: Wo geht das Geld hin, wer nimmt jenes mit?

8. März

Einnullah, der Co-Teacher auf dem Schreinerhof in Hezarak

Irgendwann bekomme ich Abdul Einnullah vorgestellt: Er sei ein sehr guter Schreiner, mit ihm solle ich zusammenarbeiten. Abdul Einnullah ist etwa dreißig Jahre alt, ein kleiner, drahtiger Mann mit einer spitzen Nase, spitzbübischem Gesicht und braungebrannt. In der Zeit bevor ich kam, als ein Teil meiner Azubis und andere für das UNHCR-Programm Fenster bauten, war er mit als Ausbilder beschäftigt. Er sei ganz arm, wird mir berichtet, gerade arbeitet er in Kabul in einer anderen Werkstatt mit, hat aber eine Frau und ein kleines Kind in der südlichen Nachbarprovinz Logar. Er zeigt mir sein Zimmer in Kabul: Etwa 2,5 x 3,5 m groß und sie übernachten dort, soweit ich zählen konnte, zu sechst.

Ich frage ihn, ob er mit mir Werkzeug für die Auszubildenden einkauft und zusammen (auch Svenja ist mit dabei) ziehen wir zwei Tage später los. Das hat viel Spaß gemacht, mit ihm zusammen Hobelmesser zu begutachten, die Zähne der Sägen genau anzuschauen und mit den Fingern über Bohrerspitzen zu streichen. Schnell wurde mir aber klar, dass er nicht allzu gut verhandeln kann und auch die Preise weniger gut kannte, als ich zuerst dachte: Er ist nie zur Schule gegangen und die Worte, die er schreiben kann, hat er sich selbst beigebracht. Leider haben wir viel zu viel Zeit gebraucht und es war schon abends und ich durchfroren, als wir endlich nach Hause sind. Eingekauft hatten wir in einer so engen Gasse, dass das Auto (für einen Tag vom Entwicklungsdienst) dort nicht hinkonnte. So hatte ich zwei Leute mit einer Schubkarre als Träger (oder Fahrer?) bezahlt, die mir das Zeug zum Auto brachten. Auch ein Gewerbe: Betriebsmittel Schubkarre. Für eine Fahrt verdienen sie normal 5 - 10 Afghani, also etwa 10 - 20 Euro-Cent.

Danach bat ich ihn, mir bei der Planung (inhaltlich und zeitlich) meiner Ausbildung zu helfen, zusammen mit meinem Übersetzer. Das war sehr anstrengend, zwei Tage lang, aber hat auch viel Spaß gemacht. Halima, die Putzfrau, bat ich für ein Extrageld, für uns zu kochen, weil ich wusste, dass einfach so Brot und Butter zum Mittagessen für die Afghanen undenkbar ist.

Leider stellte sich später heraus, dass die Zeitvorgaben von Einnullah recht unrealistisch waren. So hatten wir am Ende der Ausbildung geplant, sie alle einen kleinen Schrank für sich selbst bauen zu lassen. Aber nachdem wir für das erste Fenster anstelle der veranschlagten 3 Tage 3 Wochen gebraucht hatten, war klar, dass wir das gesamte Programm zusammenstreichen mussten. Und ich war in der doofen Lage, auch gegenüber den Verantwortlichen von NGE, irgendetwas vorweisen zu müssen, was wir denn so produzieren und zwar nicht für die Auszubildenden privat. Sie bekommen ja schon Werkzeug, Geld für die Ausbildung, Essen, und wir ließen sie eine Werkzeugkiste für sich bauen.

Als ich ihnen also irgendwann erklären musste, dass das mit dem Schrank wohl nichts werde, wurde es sehr unangenehm für mich. Sie hätten ihren Eltern schon davon erzählt, das müsse jetzt auch gebaut werden. Nur mühsam konnte ich die Wogen glätten. Aber ich glaube, nun bin ich nicht mehr der so ganz tolle Fremde. Einnullah, der Schlingel, der daran ja nicht ganz unbeteiligt war, stellte sich der Einfachheit halber auf die Seite der Schüler und bat mich, den Schrank doch bauen zu lassen. Ich war begeistert. Später stellte sich diese meine Androhung, den Schrank nicht bauen zu können, als sehr gelungene Aktion heraus: die Lehrlinge arbeiteten sehr viel schneller und einen gemeinsam erarbeiteten Zeitplan konnten wir so gut einhalten, dass schließlich doch noch Zeit für den Schrank übrig war.

Am Anfang bedachte ich Einnullah noch mit kleineren Geschenken, z.B. mit einem meiner Pullover, weil er immer im dünnen Hemdchen herumlief und ganz offensichtlich fror. Dass er barfuss in Plastiksandalen im Schnee herumläuft, ist dagegen hier ganz normal. Strümpfe würden ja auch nass. Das Taxi und das Essen bezahlte ich, klar. Er mühte sich auch, mir etwas zurück zu schenken, z.B. einen bemalten Holzvogel oder einmal, als ich ihn besuchte, kaufte er mir beim vorbeifahrenden Händler eine Tüte voll Pistazien. Ich war gerührt.

Nach dem ich aber so kräftig an meinem Image des superreichen Deutschen gebastelt hatte, versiegten diese Gegengeschenke verständlicherweise und wurden eher zu Forderungen an mich. Mir passierte dann das Gleiche, wie jedem anderen Fabrikbesitzer: meine tolle Gönnermiene kann ich nur aufbehalten, wenn ich freiwillig schenke und nicht mit eingeforderten Rechten konfrontiert werde. Ich reagierte also verstockt und ließ ebenfalls deutlich nach in meinem Geschenkeifer. Besonders, nachdem mir Einnullah seine Gehaltsforderung präsentierte: 300 Dollar pro Monat. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob er wirklich weiß, wie viel das ist. Jedenfalls ist es mehr als die vergleichsweise gutverdienenden Ingenieure von NGE verdienen, nur Said Machmat und Mir Rachim verdienen mehr.

Von Anfang an war nicht klar, wer Einnullah denn nun eigentlich bezahlt. Mir Rachim von NGE meinte, das sei Sache vom Entwicklungsdienst. Für Einnullah hätten sie auch kein Geld. Was mich sehr erstaunte bei dem vielen Geld, das sie für meinen Workshop bekommen sollten. Ich rechnete nach und kam auf höchstens 6000,- Dollar, die an Kosten anfallen würden, inklusive Bezahlung von Einnullah.

Meine Berechnungen legte ich meinem Ansprechpartner Said Machmat vor, mehr zur Kenntnisnahme und ohne groß darauf herumreiten zu wollen. Ich wollte nur, dass sie wissen, dass da jemand nachrechnet. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war, dass ich damit immer mehr in ihre finanziellen Geschichten involviert wurde, z.B. in das im Vergleich zum Ergebnis zu hoch abgerechnete Essensgeld für meine Auszubildenden.

Zusätzlich fühlte ich mich aber auch verantwortlich für den Lohn von Einnullah. Irgendwie hatte ich es ja akzeptiert oder bejaht, oder gewollt, mit ihm als Co-Teacher zusammen zu arbeiten. Zeitweilig überlegte ich gar, ihn notfalls für zwei Wochen selbst zu bezahlen. Einnullah hatte auf das Versprechen der Einstellung hin inzwischen seine Untermiete bei dem anderen Schreiner in Kabul aufgegeben.

Ich fragte also beim Entwicklungsdienst nach, wie und ob eine Einstellung möglich sei. Nein, meinte Holger Balke, einstellen könnten sie ihn nicht. Aber es sei möglich, dass der Entwicklungsdienst einen u.U. hundertprozentigen Gehaltszuschuss an NGE zahle. NGE müsse dafür einen Antrag stellen. Ich ging wieder zu NGE und erzählte davon.

Aus Versehen erwischte ich die falsche Hierarchieebene: Ich sprach mit dem (Holländer) Peter Beckum und verärgerte Said Machmat, der den Antrag aber schließlich schrieb. Beim Entwicklungsdienst war Karl Anders inzwischen aus dem Urlaub zurück, der offensichtlich auf jedweden Antrag verärgert reagiert und deshalb einfach nichts tut, bis man ihn fragt. Das bemerkte ich zwei Wochen später und hatte dann ein rundherum unerfreuliches Gespräch mit ihm. Seine Entscheidung ließ er weiterhin offen, so dass ich immer noch nicht wusste, ob und wie hoch Einnullah bezahlt wird.

Während unserer theoretischen Vorbereitung des Workshops holte ich Einnullah und meinen Übersetzer Sadat auch einmal von zu Hause ab, auch um zu sehen, wie Sadat denn so wohnt. Zufällig wohnt er ganz in der Nähe von Einnullah, von meinem Gästehaus aus aber am anderen Ende der Stadt. Im Grund sind die Häuser immer ziemlich gleich. Ein von hohen Mauern umgebener Hof, drinnen Lehmbauten mit großen Fenstern nach innen zum Hof hin. Die Freifläche fast immer vertrocknet und mit mehr oder weniger viel Gerümpel. Und in einem Raum, in dem sich garantiert keine Frauen aufhalten, gibt es Tee. In dem Raum sind meistens auch keine Möbel, manchmal ein Wandschrank, meist rohe Lehmwände, an der Decke sind die schmalen Holzbalken, auf denen Schwarten liegen, durch die wiederum ein Strohlehmgemisch sichtbar ist. Auf dem Boden Teppiche, rings rum an den Wänden Sitzkissen, manchmal in einer der Ecken gestapelte Matratzen.

Auf dem Hinweg hatte ich einen dieser "Milli"- Busse gesehen (Milli ist wohl irgendein Name) und die Idee bekommen, statt mit dem Taxi, mit einem dieser Busse zum Gästehaus in Taimani zurückzufahren. Sadat war hellauf begeistert: Da kommt dieser weiße Snob, der sich alles leisten kann, auf so eine Schnapsidee und anstelle bequem im Taxi zu sitzen, müssen sich nun drei Leute in enge Busse quetschen und da es keinen zentralen Omnibusbahnhof gibt, quer durch das halbe Stadtzentrum laufen, um den Anschlussbus zu bekommen.

Ich war ebenfalls hellauf begeistert: Die Busse fand ich weniger eng besetzt, als zu meiner Schulzeit, gehalten wird überall, wo jemand aussteigen oder einsteigen will. Fahrpläne gibt es nicht, nur Stellen, wo sehr wahrscheinlich demnächst ein Bus kommt und sich deshalb Leute sammeln. Auch unser Gang durchs Zentrum war toll: Vorweg ein unglaublich schneller und wendiger Einnullah, danach ich, zwischen all den Leuten verzweifelt nach Einnullah Ausschau haltend, Wasserpfützen und Schlammloch meidend (bloß keine Frau anrempeln) und vor plötzlich auftauchenden 4-jährigen mit einem Bauchladen voll Kaugummi strauchelnd, und weit hinterdrein ein missmutiger Sadat.

Im Bus ist immer vorne der Einstieg nur für Frauen, der mittlere eigentlich nur für Frauen, im Gang eine Schnur, die die Geschlechter trennt und hinten dann nur für Männer. Weil der Bus noch nicht voll war, wartete er noch, drei Bettler(innen), zwei junge Kaugummiverkäufer und einer mit Streichhölzern klapperten alle Reihen ab mit anfänglich gutem, später abnehmendem Ergebnis - und es wurde voller.

Als ich meinen Sitzplatz einem alten Herrn anbot, war Sadat endgültig entsetzt: Der Sitte entsprechend musste nun auch er aufstehen und es mir gleich tun. Und zu allem Überfluss werde ich zwei Haltestellen später (nach dem mich alle hatten Englisch reden hören) von mehreren Seiten handgreiflich genötigt, einen freigewordenen Platz einzunehmen, während er die ganze Fahrt stehen musste.

Als der (meistens halb zur Tür raushängende Schaffner) das Geld einsammelte (der darf übrigens zu der Frauenhälfte) erfuhr ich so nebenbei den Fahrpreis (1 Afghani = 2 Eurocent) und dass Einnullah und Sadat bisher ein ganz gutes Geschäft gemacht hatten, als ich ihnen das Taxi hin und zurück bezahlte (140 Afghani) und sie mit dem Bus gefahren sind. Sage und schreibe schon anderthalb Stunden später waren wir wieder in Taimani. So richtig eilig darf mensch es auch in Deutschland schließlich nicht haben, wenn frau Bus fährt. Die Afghanen haben aber auch eine etwas schnellere und auch billige Transportmöglichkeit: Sie steigen in schon besetzte Taxis mit dazu und zahlen dann zwischen 5 oder 10 Afghani. Das sind ‚Linientaxis’, die fahren bestimmte Routen.

Auch durch die Mithilfe von Svenja konnten wir den Container fast fristgerecht fertig stellen. Er war jedenfalls so weit, dass ich darin schlafen konnte. Und am 13. Januar fingen wir mit dem eigentlichen Kurs an. Ich hatte dieses Datum Said Machmat schon zwei Wochen vorher gesagt. D.h. wir wollten den Kurs anfangen, aber unsere Lehrlinge standen noch nicht fest. Said Machmat hatte sich, wie schon zuvor mit dem Essen und anderen Dingen auch, darum nicht gekümmert. Ich war zuerst stinksauer. Es stellte sich dann als gar nicht so schlecht heraus: mit Zweien baute ich zuerst die restlichen Sachen am Container fertig. Dreie, die kamen und behaupteten, sie gehörten auf jeden Fall zu dem Kurs, gab ich die Aufgabe, unseren Werkstattraum mit Planen und Stangen gegen den Winter zu schützen (anderthalb Seiten waren ja völlig offen gewesen). Und Einnullah gab ich mit zwei anderen die Aufgabe, für den Vorratsraum zwei Regale zu bauen, um unsere Materialien (und auch das Werkzeug, das ich noch verteilen wollte) zu lagern.

Dieses simple Kellerregal war eine echte Herausforderung für Einnullah, oder besser eine einzige Katastrophe. Danach wusste ich, dass ich diesem wirklich guten (so war er mir schließlich ja vorgestellt worden) Schreiner auch handwerklich überlegen bin. Da, wo er konstruktiv ganz gute Ansätze hatte, machte er sie durch miserable Ausführung wieder wett. Meine Vorschläge ignorierte er anfangs vollständig. Zum Beispiel baute er das Regal zusammen, ohne vorher den Türrahmen auszumessen, durch den er hindurch musste.

Das Regal wieder auseinander zu nehmen war aber schwierig, weil er die Konstruktion so gewählt hatte (auch gegen meinen Vorschlag), dass die Nägel ein Auseinandernehmen verhinderten. Schrauben schlug er mit dem Hammer ein, so dass die meisten krumm wurden und auch der Kopf nicht mehr zu benutzen war. Und zu guter Letzt war ein Regalbrett ganze acht Zentimeter schief im Regal (was ihn aber nicht störte).

Entgegen meinem Vorsatz, von ihm lernen zu wollen, bin ich letztendlich sehr massiv geworden, und habe ihm vorgeschrieben, wie er arbeiten sollte, zum Beispiel die Querteile des Regalrahmens einstemmen und nicht nur nageln.

Glasscheiben und Besuch in meinem Container in Hezarak

Für meinen Container brauchte ich auch Glasscheiben für die Fenster. Arnold wollte die besorgen und mitbringen, kein Problem. Hat er aber nicht. Mir Shah, einer der Ingenieure meinte dann, ich könne die auch bei dem Schreiner Wudood bestellen. Das fand ich eine gute Idee, weil ich gerne die örtliche Wirtschaft unterstützen will. Habe also Wudood die Maße gegeben und er hat mir versprochen, das Glas zuzuschneiden.

Am nächsten Montag bin ich mit einem Auto nach Hezarak gefahren, mit Sadat, meinem Übersetzer, Assad, dem Übersetzer von Arnold, und dem Fahrer von Arnold. Das Dorf des Schreiners lag (fast) auf dem Weg, aber alle außer mir waren der Meinung, es sei besser, erst mal nach Mundul zu fahren. Zum Glück wusste ich ja von der Woche vorher, wo er genau wohnte und setzte mich gegen alle durch. Dickkopf halt, denn er war tatsächlich nicht da, hatte (angeblich) seine Werkstatt abgeschlossen und vor allem (wie sich hinterher herausstellte) hatte er auch weder Glas, noch Glas zugeschnitten. Ich war also immer noch ohne Glas und eher blamiert. Der Fahrer hat mir zum Glück drei Tage später aus der Stadt Glas besorgt, das auch (fast) gepasst hat.

In dieser Woche (ich hatte inzwischen die großen Containertore zugemacht und meine Tür eingebaut) kamen wieder eine ganze Menge Leute, um den Container zu sehen, z.B. ein ganz alter Schreiner. Der Hausmeister von NGE (der nur Dari und Pashtu kann), Nasim, kam zu mir und ließ mir über Sadat sagen, dass ich diese Leute nicht in den Container lassen dürfe, die wären gefährlich. Ich antwortete, dass ich niemanden aus meinem Container rausschmeißen würde, die sollten ruhig alle gucken kommen.

Wenig später kam Mir Wais, einer der Intellektuellen (der aber nur sehr schlecht Englisch kann) und wiederholte, ich dürfe diese Leute nicht in den Container lassen. Ich meinte daraufhin, ich möchte niemanden meinen Container verbieten. Es sei ihre Aufgabe, diese "gefährlichen" Leute gar nicht erst in den großen Hof zu lassen. Abends sprach ich das Thema noch einmal an. Die anderen waren sich in Grunde einig, dass ich nicht jeden in mein Zimmer lassen dürfe und ich war mir auch einig, dass ich diese Arbeit nicht machen will. Zudem ich das Gefühl hatte, dass zum Beispiel der alte Schreiner völlig in Ordnung war, nur irgendwelche finanziellen Probleme mit der NGO hatte (irgend jemand munkelte: Der will noch Geld für Fenster, die er gebaut hat.).

Zum Glück fiel mir der Lösungsvorschlag ein, dass immer, wenn jemand Fremdes in meinen Container kommt, ich Sadat frage (der ja von Hezarak ist) und der dann wiederum im Zweifelsfalle einen der Ingenieure fragt. Und der muss dann eben kommen und meinen Gast vor die Tür setzen, wenn sie das unbedingt wollen. Das sei in Ordnung, meinten sie.

22.Dezember

Werkzeug und Tee für die Schreiner in Hezarak

Die Lehrlinge brachten auch kein Werkzeug mit. Zumindest haben sie erst nur mit meinem gearbeitet. Ich weiß nicht, ob sie eigenes haben. Als meine Säge für Sher Sar zu schlecht war, hatte er aber schnell eine andere aufgetrieben und irgendwann auch noch einen Hammer. Erst mussten wir den Hammer wieder zurückbringen. (Einer hatte ihn abends vor dem Container aufgesammelt und mir gesagt, dass ich darauf achten sollte, dass das Werkzeug wieder zurückkommt.) Irgendwann war es mir zu lästig mit dem knappen Werkzeug und ich habe über das Wochenende auf Entwicklungsdienst-Rechnung etwas Werkzeug eingekauft. Drei Hämmer, zwei Sägen. Heute habe ich in einem Lagerschuppen eine Unterlegscheibe gesucht (erfolglos) und dabei sechs Sägen, etliche Hämmer und anderes Werkzeug in einer Pappschachtel in einem Wust von anderen Dingen gefunden. Na, das hätten sie auch rausrücken können. Aber wer weiß, warum sie es nicht tun. Vielleicht hat jeder Schreiner schon einen Werkzeugsatz bekommen (so jedenfalls das offizielle Statement des Entwicklungsdienstes) und ihn verscherbelt, zu Hause gebunkert, wie auch immer.

Das Essen auf dem Schreinerhof in Hezarak

Es gibt zwei Köche hier und die bereiten das Essen und servieren auch. Morgens esse ich mit den Ingenieuren zusammen, allerdings mein Müsli. Das haben sie bestaunt, gemocht haben sie es überhaupt nicht. Mittags war es erst schwierig. Mit meinem Wunsch, mit den Schreiner-Jungs gemeinsam zu essen (der mir natürlich gewährt wurde), habe ich ihr System ein wenig durcheinander gebracht. Das Essen ist halt auch ein Mittel, die Hierarchie auszudrücken. Zum Beispiel bekomme ich früher zu essen als die Lehrlinge. Und ich bekomme oft Obst und nachmittags Tee serviert.

Anti-Minen-Ausbildungszentrum am Stadtrand von Kabul

Wir fuhren mit dem Auto an den Stadtrand, wo es ein großes Anti-Minen-Ausbildungszentrum gibt. Wir waren sehr beeindruckt, vor allem auch von dem ehemaligen NVA-Soldaten, der dieses Zentrum in der Taliban- Zeit aufgebaut hat. Von den Taliban, mit denen er (bartlos) super zusammenarbeiten konnte, bekam er dies riesige Grundstück am Stadtrand zur Verfügung gestellt. Bis zum 11.September hatten sie etwa ein Viertel von Afghanistan als minenfrei erklären können. Nun kam noch einiges wieder dazu, zum Teil durch die Taliban, weil Minen eine typische Defensiv- und Abwehrwaffe sind, z. T. wegen der üblen amerikanischen Clusterbomben. 3500 Splitterbomben der USA liegen schätzungsweise noch scharf in Afghanistan herum. Das erste Mal hat die USA diesen Bombentyp im Kosovo getestet und nun in Afghanistan eingesetzt. UXO´s heißt das: Un eXploded Objects. Ca. 100 000 t UXO sind noch in Afghanistan. Aus einer Statistik, die das IRK (Intern. Rotes Kreuz) führt, geht hervor, dass 2/3 aller Todesfälle und Verstümmelungen im Nachkriegsafghanistan auf UXO´s zurückgeht, 1/3 nur auf Minen. Eine Deutsche, Vera Bohlen, sei die weltweit beste Expertin in Sachen UXO´s und sei im Moment noch in Afghanistan.

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